Kartografie

Als angewandte Wissenschaft befasst sich die K. mit allen Aspekten des graf. Kartenbildes, der Kartengrafik und der Kartentechnik. Karten sind verkleinerte, vereinfachte, inhaltlich ergänzte und erläuterte Grundrissbilder der Erdoberfläche oder eines Teils derselben. Sie abstrahieren räuml. Realitäten in visueller oder digitaler Form. Kartografen werden in einer vierjährigen Berufslehre ausgebildet. An der ETH Zürich ist K. Teil des Geomatikstudiums. Seit 1969 besteht die Schweiz. Gesellschaft für Kartografie.

Die älteste kartograf. Darstellung des Gebiets der heutigen Schweiz ist in einem röm. Routen-Distanzschema enthalten, der sog. Tabula Peutingeriana. In den kleinmassstabigen ma. Mönchskarten, die eher als Weltbilder denn als Abbilder der Erde zu verstehen sind, erscheinen lediglich einzelne Ortsnamen. Im 15. und 16. Jh. entstanden mehrere bedeutende Gesamtkarten der Eidgenossenschaft. 1496/97 zeichnete der Zürcher Arzt und Astrologe Conrad Türst zwei Karten auf Pergament in Kavalierperspektive, indem er in einen in Vertikalperspektive entworfenen Grundriss Berge, Ortschaften und Wälder als Aufrissbilder einfügte. Im "Ptolemäus-Atlas" von 1513 erschien die vermutlich erste gedruckte Karte der Schweiz (Klaudios Ptolemaios). Die von Aegidius Tschudi neu entworfene und 1538 von Sebastian Münster als Holzschnitt herausgegebene Karte ist als unabhängige, neu aufgenommene Primärkarte eine herausragende Leistung. Im 16. Jh. erschienen erste Karten einzelner Kantone: 1566 Zürich vom bedeutendsten Holzschnittkartografen Jos Murer, 1578 Bern von Thomas Schöpf, um 1600 Luzern als Federzeichnung von Renward Cysat und Hans Heinrich Wägmann, im 16. Jh. das Genferseegebiet von Jean Duvillard und Jacques Goulart, 1618 die Drei Bünde von Fortunat Sprecher von Bernegg und Philipp Klüwer, 1645 das Vierwaldstätterseegebiet von Johann Leopold Cysat und 1684 sowie 1685 Schaffhausen von Heinrich Peyer.

In der Tradition der süddt. Landtafelmaler stehen die exakten Kartengemälde Hans Conrad Gygers, die als hervorragende Geländedarstellungen in Vertikalsperspektive zu den grössten Kartenkunstwerken der Welt gehören. Gyger wird gelegentlich der Gruppe der sog. Kriegsingenieure zugeordnet. Mehrere seiner Karten waren nämlich -- wie überhaupt viele Karten dieser Zeit -- für strateg. Zwecke gezeichnet worden. Den Kriegsingenieuren des 17. Jh. folgten im 18. Jh. zivile Geometer und Lehenskommissäre (Vermessung). Sie schufen, oft in privatem Auftrag, prachtvolle Zehnt-, Herrschafts- oder Gemarkungspläne, die sie nur als Original oder in wenigen Kopien ablieferten. Diese Pläne, die militär. Ansprüchen nicht genügen mussten, führten zu einer Stagnation der "wissenschaftlichen" K. in der Schweiz; dies kommt auch in der berühmten Schweizerkarte Johann Jakob Scheuchzers von 1712 zum Ausdruck. In privatem Auftrag entstand 1796-1802 der "Meyer-Weiss-Atlas", ein Kupferstichwerk in 16 Blättern im Massstab (M.) ca. 1:120'000, die erste völlig neu aufgenommene und einheitl. Karte seit derjenigen von Tschudi.

Auf der Grundlage neuer kant. Vermessungen publizierte das 1838 in Genf gegr. Topograph. Bureau, das spätere Bundesamt für Landestopographie, 1845-64 unter der Leitung seines Gründers Guillaume-Henri Dufour die erste amtl. Gesamtkarte der Schweiz. Diese Kupferstichkarte im M. 1:100'000 stellte das Gelände mittels Schraffen und Schattenplastik dar. Ab 1870 entstand der "Topograph. Atlas der Schweiz" unter der Leitung von Hermann Siegfried, der als Nachfolger Dufours 1866 die Direktion des Topograph. Bureaus (ab 1868 Sitz in Bern) übernommen hatte. Die meisten der bis 1926 herausgegebenen 604 Kartenblätter des "Topograph. Atlas" im M. 1:25'000 bzw. 1:50'000 mit Höhenkurven und hervorragender Felszeichnung basierten auf revidierten Landschaftsaufnahmen oder neuen Vermessungen. Ab 1938 erschienen die ersten Blätter der neuen Landeskarte 1:50'000, massgeblich beeinflusst von Eduard Imhof, ab 1925 Leiter des neu gegr. Institus für K. an der ETH Zürich. 1964 waren das Kartenwerk 1:50'000 und 1965 die Karten im M. 1:100'000 abgeschlossen. 1979 erschien das letzte Blatt im M. 1:25'000. Seither werden diese Karten im Turnus von sechs Jahren überarbeitet. Das amtl. Kartenwerk wird ergänzt durch Karten im M. von 1:200'000, 1:500'000 und 1:1 Mio. Als nationale Atlanten werden der "Geolog. Atlas der Schweiz" (ab 1930), der "Atlas der Schweiz" (ab 1965), der "Klimaatlas der Schweiz" (ab 1982) und der "Hydrolog. Atlas der Schweiz" (ab 1992) erarbeitet und fortlaufend nachgeführt, wobei für die Herstellung einzelner Karten weitgehend digitale Technik eingesetzt wird. Der "Atlas der Schweiz -- interaktiv", der neben der topograf. und geolog. Thematik auch Aspekte aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aufgreift, erschien 2000 als CD-Rom. Seit dem 19. Jh. fördert v.a. der Schweizer Alpen-Club die Relief-K., eine gut gelungene Verbindung von Kunst und Technik. Parallel zur amtl. K. haben private Verlage (Hallwag, Kümmerly & Frey, Orell Füssli) bedeutende Leistungen in den Bereichen der Schul-, Tourismus- und Strassenkarten erbracht, die wesentlich zum international bedeutenden Ruf der Schweizer K. beitragen.


Literatur
– G. Grosjean, Gesch. der K., 1980 (31996)
Lex. zur Gesch. der K., 1986
Cartographica Helvetica, 1990-
– H. Meyer-Schudel, Karten in Schweizer Bibliotheken und Archiven, 1992
– D. Gugerli, D. Speich, Topographien der Nation, 2002

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli