• <b>Botanik</b><br>Porträt des Basler Anatomen und Botanikers Caspar Bauhin. Stich von  Théodore de Bry   auf dem Titelblatt des "Theatrum anatomicum", das Bauhin 1605 veröffentlichte (Universitätsbibliothek Basel).
  • <b>Botanik</b><br>Jean-Jacques Rousseau beim Pflanzensammeln. Stich nach einer Federzeichnung von  Frédéric Mayer   (Bibliothèque de Genève, Archives Nicolas Bouvier).
  • <b>Botanik</b><br>Eine Bildtafel aus den "Recherches chimiques sur la végétation" von  Nicolas Théodore de Saussure,  erschienen 1804 in Paris (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). Die Abbildung veranschaulicht einige Experimente, mit deren Hilfe der Wissenschaftler den Gashaushalt von Pflanzen genauer zu bestimmen versuchte.

Botanik

Als Teilgebiet der Biologie umfasst die B. (auch Pflanzenkunde/Phytologie, Pflanzenbiologie) das Wissen über Kultur- und Heilpflanzen (Pflanzenzüchtung), systematisch erstmals von den Griechen geordnet. Erhalten sind u.a. zwei botan. Schriften von Theophrastos (4./3. Jh. v.Chr.) und das Werk "De materia medica" des röm. Militärarztes Dioskorides (um 60 n.Chr.), das mit ca. 600 Pflanzenbeschreibungen bis ins 17. Jh. als Grundlage der Arzneimittellehre (Pharmazie) und B. galt. Benutzt wurden bis in die Neuzeit auch Plinius' "Naturalis historiae libri XXXVII".

Im MA pflegten die Klöster, z.B. St. Gallen, Reichenau, Allerheiligen (SH), Heilkräuter-Gärten (Heilkräuter), die während rund tausend Jahren dem Bauerngarten (Gärten) als Vorbild dienten. Aus dem 9. Jh. stammen die Gartenbeschreibung im St. Galler Klosterplan und der "Liber de cultura hortorum" des Reichenauer Mönchs Walahfrid Strabo (809-849). Im 16. Jh. erfuhr die B. eine grundlegende Erneuerung durch den späteren Berner Stadtarzt Otto Brunfels, durch Hieronymus Bock (1498-1554) und Leonhart Fuchs (1501-66), die aufgrund eigener Beobachtungen illustrierte Kräuterbücher verfassten und als "Väter der dt. Pflanzenkunde" gelten. Das Hauptwerk von Leonhart Fuchs erschien 1542 bei Michael Isengrin in Basel, wo auch andere frühe Kräuterbücher erschienen. Konrad Gessner, der sich in zwei privaten Botanischen Gärten um die Aufzucht von Wildpflanzen bemühte, veröffentlichte mit der Unterstützung seiner Korrespondenten Benedikt Aretius in Bern, Johann Fabricius Montanus in Chur, Fridolin Brunner in Glarus und Kaspar Ambühl in Sitten erste botan. Exkursionsberichte von Bergbesteigungen (Pilatus 1555, Stockhorn und Niesen 1558, Calanda 1559). Sein Pflanzenbuch mit äusserst exakten Bildanalysen blieb unvollendet. Der Anatom und Botaniker Caspar Bauhin baute die botan. Systematik aus, begründete 1589 den ersten botan. Garten der Univ. Basel und legte ein Herbarium von über 4'000 Pflanzen an. Um die Wende vom 17. zum 18. Jh. unternahm Johann Jakob Scheuchzer neun botan. Schweizerreisen. Scheuchzers Schüler Johannes Gessner führte während der gemeinsamen Basler Studienzeit Albrecht von Haller in die B. ein. Haller baute im Lauf der Jahre ein Netz örtl. Helfer auf und veröffentlichte nach eigenen Reisen 1742 in Göttingen das erste umfassende, wissenschaftlich fundierte Werk über die Pflanzen der Schweiz, das 1768 in einer zweiten, vollständig überarbeiteten Fassung erschien. Daraus ergab sich ein nachhaltiger Impuls zur Erforschung der Alpenflora, die neben einheim. Gelehrten auch ausländ. Forscher (Thomas Blaikie, Johann Christoph Schleicher, Robert James Shuttleworth) anzog. Die B. löste sich in dieser Zeit allmählich von der Medizin, mit der sie durch die Heilmittelkunde noch bis ins 19. Jh. vielerorts institutionell und personell verbunden war.

<b>Botanik</b><br>Porträt des Basler Anatomen und Botanikers Caspar Bauhin. Stich von  Théodore de Bry   auf dem Titelblatt des "Theatrum anatomicum", das Bauhin 1605 veröffentlichte (Universitätsbibliothek Basel).<BR/>
Porträt des Basler Anatomen und Botanikers Caspar Bauhin. Stich von Théodore de Bry auf dem Titelblatt des "Theatrum anatomicum", das Bauhin 1605 veröffentlichte (Universitätsbibliothek Basel).
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In Genf bildete sich gegen Ende des 18. Jh. ein weltweit anerkanntes botan. Zentrum, an dem bis 1850 beinahe 100 Gelehrte wirkten. Vier Ereignisse markieren diesen Aufschwung: die Gründung der Société de Physique et d'Histoire naturelle de Genève 1791, die Sch

affung eines botan. Unterrichts an der Genfer Akademie 1802, die Gründung der Schweiz. Naturforschenden Gesellschaft 1815 (Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften) sowie die Errichtung des Conservatoire botanique 1824. Zu den bekannteren frühen Genfer Botanikern gehören neben Jean-Jacques Rousseau v.a. Charles Bonnet, Jean Senebier und Nicolas Théodore de Saussure. Diese befassten sich mit dem Gasaustausch und der Ernährung der Pflanzen und führten experimentelle und erstmals auch quantitativ-messende Methoden in die Pflanzenphysiologie ein. Mit dem nachfolgenden Augustin-Pyramus de Candolle und seinem Sohn Alphonse begann das goldene Zeitalter der Genfer B. Beide hatten sich in Paris ausgebildet und interessierten sich v.a. für Pflanzengeografie und die botan. Nomenklatur.

<b>Botanik</b><br>Jean-Jacques Rousseau beim Pflanzensammeln. Stich nach einer Federzeichnung von  Frédéric Mayer   (Bibliothèque de Genève, Archives Nicolas Bouvier).<BR/>
Jean-Jacques Rousseau beim Pflanzensammeln. Stich nach einer Federzeichnung von Frédéric Mayer (Bibliothèque de Genève, Archives Nicolas Bouvier).
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<b>Botanik</b><br>Eine Bildtafel aus den "Recherches chimiques sur la végétation" von  Nicolas Théodore de Saussure,  erschienen 1804 in Paris (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).<BR/>Die Abbildung veranschaulicht einige Experimente, mit deren Hilfe der Wissenschaftler den Gashaushalt von Pflanzen genauer zu bestimmen versuchte.<BR/>
Eine Bildtafel aus den "Recherches chimiques sur la végétation" von Nicolas Théodore de Saussure, erschienen 1804 in Paris (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
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Auch in Zürich und Bern war die weitere Entwicklung der B. eng mit den 1746 bzw. 1786 gegr. Naturforschenden Gesellschaften (Gelehrte Gesellschaften) verknüpft, die durch die Führung von Botanischen Gärten, naturwissenschaftlichen Sammlungen und Bibliotheken günstige Voraussetzungen für die Errichtung von Lehrstühlen an den Hochschulen schufen. In Zürich, im 19. und 20. Jh. ein weiteres Zentrum der B. von internat. Bedeutung, wirkte während beinahe fünfzig Jahren der Paläobotaniker Oswald Heer, Gründer des Botan. Museums (1855) und der botan. Sammlungen (1859) des Eidg. Polytechnikums (heute ETH). Das Institut für Systematische B. an der Univ. Zürich gründete 1895 Hans Schinz. Eduard August Rübel errichtete 1918 ein privates Geobotanisches Forschungsinstitut, das er 1958 der ETH schenkte. Unter Oswald Heers Nachfolgern wurden die botanischen Sammlungen systematisch ausgebaut, so dass Zürich - nach der Vereinigung der Herbarien an der ETH und der Universität 1990 - wie Genf eine der etwa zwanzig grössten Herbariensammlungen der Welt besitzt. Den Lehrstuhl für B. in Bern hatten 1860-1933 Ludwig Fischer und sein Sohn Eduard inne, die sich v.a. mit Floristik und Mykologie befassten.

In Basel wurde 1836 - nach beinahe 250 Jahren - die personelle und institutionelle Verbindung von Anatomie und B. gelöst. Der erste Ordinarius für B., Karl Friedrich Meissner, verlegte den Botan. Garten 1838-40 von der Predigerkirche zum Aeschentor. Der Jurist Hermann Christ widmete sich der Erforschung der alpinen Vegetation, des Bauerngartens und der Farnsystematik; August Binz gab eine beliebte Schul- und Exkursionsflora heraus.

Das Bestehen Naturforschender Gesellschaften begünstigte auch an der Akad. Lausanne die Entwicklung der B.; Edouard-Louis Chavannes wurde dort 1835 erster Extraordinarius für dieses Fach. An der Neuenburger Akademie wurde erst 1868 ein halber Lehrstuhl für B. geschaffen. Erster bedeutender Amtsinhaber war Henri Spinner; ihm folgte 1946 Claude Favarger, der das Neuenburger Institut für B. aufbaute. In Freiburg vertrat Max Westermaier die B. ab 1896 an der neu gegr. Universität.

Nach dem 2. Weltkrieg führte eine rasche Zunahme der Studentenzahlen und der Aufgaben in den botan. Fächern zu einer weiteren Aufteilung der Forschungsrichtungen an den Hochschulen und zu einer Aufstockung des Lehrkörpers. Gleichzeitig verstärkten sich die Beziehungen der B. zu anderen Wissenschaften, wodurch sie zunehmend nach übergeordneten, allg.-biolog. Gesichtspunkten betrieben wurde (molekulare, techn. und ökolog. Biologie). An der ETH Zürich bewirkte diese Entwicklung z.B. zahlreiche Neugründungen von Instituten (1963 Mikrobiologie, 1974 Zellbiologie, 1979 Wald- und Holzforschung, 1986 Pflanzenwissenschaften, 1990 Terrestrische Ökologie etc.), an denen 1990 insgesamt 42 Dozenten unterrichteten. Zugleich wurden die alten Institute für allg. und spezielle B. 1986 bzw. 1980 aufgelöst und deren Reste im neu gegr. Institut für Pflanzenwissenschaft untergebracht. An den meisten anderen schweiz. Hochschulen ergab sich eine ähnl. Entwicklung. Hinzu kam die Einrichtung ausseruniversitärer Institutionen, wie z.B. der eidg. Landwirtschaftlichen Forschungsanstalten, der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sowie der Eidg. Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz, wie auch die Bildung von Forschungsgruppen in der Chemischen Industrie. Schliesslich ist bis in die Gegenwart auch die private Beschäftigung mit der B. von Bedeutung, die sich in einer grossen Anzahl florist. Studien (Flora) manifestiert. Die verschiedenen Beiträge gewinnen an Wichtigkeit, angesichts der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft, aber auch im Hinblick auf die Erhaltung und Erforschung der Artenvielfalt (Naturschutz).


Literatur
– E. Fischer, Flora helvetica 1530-1900, 1901, (Nachträge 1922)
– C. Schröter, «Vierhundert Jahre B. in Zürich», in Verh. SNG, 2. Tl., 1917, 3-28
– J. Briquet Biographies des botanistes à Genève de 1500 à 1931, 1940
– G. Senn, «Der Anteil der Schweiz an der Entwicklung der B.», in Die Schweiz und die Forschung 1, hg. von W. Staub, A. Hinderberger, 1941, 7-17
– K. Mägdefrau, Gesch. der B., 1973, (21992)
– K. Mägdefrau, «Die ersten Alpen-Botaniker», in Jb. des Vereins zum Schutze der Alpenpflanzen und -Tiere 40, 1975, 33-46
– A. Hauser, Bauerngärten der Schweiz, 1976
– M. Rieder et al., Basilea botanica, 1979
Les savants genevois dans l'Europe intellectuelle du XVIIe au milieu du XIXe siècle, hg. von J. Trembley, 1987
– H.P. Fuchs, «Histoire de la botanique en Valais», in Bull. de la Murithienne 106, 1988, 119-168; 109, 1991, 113-221
– H.P. Ruffner et al., Die Zürcher B. auf dem Weg zur Moderne, 1990
– H. Zoller et al., «Hundert Jahre Schweiz. Botan. Ges.», in Botanica helvetica 100, H. 3, 1990
– P.-E. Pilet, Naturalistes et biologistes à Lausanne, 1991
– K. Lauber, G. Wagner Flora helvetica, 2 Bde., 1996 (32001)

Autorin/Autor: Erwin Neuenschwander