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Archäologie

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Die A. ist keineswegs nur eine hist. Hilfswiss., sondern eine der wichtigsten Disziplinen der Geschichtsforschung. Indem sie die materiellen Überreste, die sie durch Ausgrabungen zutage fördert, unter Beizug von anderen (z.B. Schrift- und Bild-)Quellen und Disziplinen (Naturwiss., Anthropologie) untersucht, hat sie die Gesch. im weitesten Sinne zum Gegenstand. Durch die Bodenforschung und die Untersuchung der Landschaft bringt sie zum Vorschein, was aus dem kollektiven Gedächtnis hätte verschwinden können. Wie alle Humanwiss. kann sie nicht vollkommen objektiv und vorurteilsfrei sein: Da sie von Vorwissen, Beurteilungsmassstäben, Denkweisen und Lehrmeinungen abhängt, kann sie nur durch das verzerrende Prisma der Gegenwart ihren Untersuchungsgegenstand zum Sprechen bringen und so versuchen, die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Seit jeher interessiert sich der Mensch für die Generationen, die vor ihm gelebt haben, und für die materiellen Spuren, die sie hinterlassen haben. Die Suche nach Altertümern hat eine lange Tradition voller farbiger wie auch dramat. Ereignisse, und die Zielsetzung der A. (der Begriff wird bereits von Platon verwendet) wechselte mit den Zeiten, Lehren und Personen. Heute geht es v.a. darum, die Gesch. der Menschheit (Chronologie, Gesellschaft, Religionen, Denkweisen, Wirtschaft, Techniken, Künste) und ihrer Umwelt (Klima, Landschaft, Flora, Fauna) besser kennenzulernen, der Vergangenheit einen Sinn zu geben und die Orte der Erinnerung soweit wie mögl. zu erhalten, damit wir unsere Wurzeln finden und der Gegenwart die ihr angemessene Tiefe vermitteln können. Doch Schatzgräberei, Plünderungen und verbotener Antiquitätenhandel, der Vorrang prestigeträchtiger Kunstwerke oder Denkmäler, polit. und ideolog. Beweggründe sowie nationalist. Irrungen sind noch längst nicht Vergangenheit.

Die A. der gesch. Zeiten (die ihre Ursprünge in der Renaissance hat und anfangs eng mit der Philologie und der Kunstgesch. verbunden war) und die A. der vorgesch. Epochen (die seit ihren Anfängen naturwiss. Methoden viel zu verdanken hat) haben sich allmähl. angenähert, ohne dabei ihre Eigenheiten aufzugeben. Sie bilden zusammen am Ende des 20. Jh. eine voll anerkannte hist. Wiss., die neue und gewinnträchtige Wege eröffnen und unsere Sicht der Vergangenheit zuweilen entscheidend verändern kann. Die Mittelalter-A. wiederum kann - auch wenn sie denselben Methoden wie die beiden vorgenannten Fachrichtungen verpflichtet ist - vermehrt auf schriftl. oder bildl. Quellen zurückgreifen. Da sie sich häufig auf Kunstdenkmäler erstreckt, ist die fachl. Abgrenzung zur Kunstgesch. unscharf.

1 - Von den Ursprüngen zur Verwissenschaftlichung

Die erste Erwähnung von in der Schweiz entdeckten Altertümern findet sich in der um 1440 verfassten Chronik von Königsfelden, die vom 810 gemachten Fund eines Mosaiks, "heidn. Münzen" und einer Wasserleitung berichtet, die wahrsch. das Legionslager Vindonissa versorgt hatte. Die Ruinen von Augusta Raurica wurden ab 1488 in den Werken zahlreicher Humanisten erwähnt, beschrieben und sogar bildl. dargestellt. Die ersten wiss. Untersuchungen nördl. der Alpen wurden dort 1582-84 auf Initiative von Basilius Amerbach d.J., Prof. für röm. Recht in Basel, durchgeführt. Obwohl die Hist. Ges. zu Basel ab 1839 Untersuchungen durchführte, setzten systemat. Ausgrabungen erst 1878 ein.

Auch das Interesse an Aventicum ging von den Humanisten des 16. Jh. aus, wie Johannes Stumpf, Aegidius Tschudi oder Sebastian Münster. Auf Anregung der Berner Obrigkeit erstellten David Fornerod 1747 und Erasmus Ritter ab 1783 ein Verzeichnis der Ruinen und einen Plan der antiken Stadt. Das Römermuseum in Avenches (bis 1837 Musée Vespasien gen.) wurde 1824 ins Leben gerufen. Der erste Konservator, François-Rodolphe de Dompierre, ein echter Verfechter des Kulturgüterschutzes, noch bevor es diesen Begriff überhaupt gab, schlug vor, regelmässig Ausgrabungen durchzuführen. Doch erst 1885, im Gründungsjahr der Stiftung Pro Aventico, begann die systemat. Erforschung der Stätte.

Vom 17. Jh. an wurden immer mehr Altertümer in der Schweiz entdeckt und zahlreiche Studien darüber verfasst. Neben der Römerzeit, die immer noch an erster Stelle stand, rückte das MA bei einigen Gelehrten in den Vordergrund: z.B. bei Johann Jakob Breitinger in Zürich, Emanuel Büchel in Basel, Léonard Baulacre und Jean Senebier in Genf. Bereits Ende des 15. Jh. waren allerdings auf der Suche nach Gebeinen von Märtyrern Ausgrabungen in der Umgebung von Kirchen unternommen worden. Anfangs des 19. Jh. erschienen das bedeutende Werk von Franz Ludwig Haller, "Helvetien unter den Römern" (1811-12) sowie die ersten geogr., statist. und hist. Lexika der Kt. Waadt von Louis Levade (1824) und Freiburg von Franz Kuenlin (1832).

Das Jahr 1832 wurde zum Markstein der A.: Nach der zufälligen Entdeckung von zwei Hügelgräbern in der Gegend von Zürich gründete Ferdinand Keller die Antiquar. Ges. in Zürich, die es sich zur Aufgabe machte, Überreste aller Epochen zu untersuchen, und die Reihe "Mitteilungen der Antiquar. Ges. in Zürich" herausgab, um die Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Das Beispiel machte Schule: Verschiedenenorts wurden hist. und archäolog. Vereinigungen gegr.: 1837 die Société d'histoire de la Suisse romande, 1838 die Société d'histoire et d'archéologie de Genève, 1840 der Hist. Verein des Kt. Freiburg, 1841 die Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz (AGGS), 1842 die Antiquar. Ges. Basel, die aus der Hist. Ges. zu Basel hervorging, 1846 der Hist. Verein des Kt. Bern, 1864 die Société d'histoire et d'archéologie du canton de Neuchâtel (Historische Vereine). Von da an erschienen zahlreiche Werke, von denen hier die Sammlung "Recueil d'antiquités suisses" (1855) Gustav von Bonstettens und die archäolog. Karten der Kt. Waadt (1874) und Freiburg (1878) erwähnt seien. 1841 veröffentlichte Frédéric-Louis Troyon, der Begr. der vergleichenden A., in für seine Zeit beispielhafter Weise den Ausgrabungsbefund des Gräberfelds Bel-Air, das als Erstes in der Schweiz systemat. erforscht wurde. 1845 erkannte er, dass die Gräber burgund. Ursprungs waren: Damit wurde erstmals eine frühma. Nekropole chronolog. korrekt bestimmt. Ebenfalls auf dem Gebiet der Mittelalter-A. veröffentlichten Jacob Burckhardt 1838 seine "Bemerkungen über schweiz. Kathedralen" und der Genfer Architekt Jean-Daniel Blavignac 1853 seine "Histoire de l'architecture sacrée du IVe au Xe siècle dans les anciens évêchés de Genève, Lausanne et Sion", einen der ersten Beiträge zur ma. Bauarchäologie, der ein weitläufiges Gebiet abdeckte.

1854 wurden bei Bauarbeiten in Obermeilen am Ufer des Zürichsees bei ungewohnt niederem Wasserstand Überreste einer Pfahlbaustation mit zahlreichen, aus der Kreideschicht des Sees herausragenden Pfählen gefunden. Ferdinand Keller, der sofort informiert wurde, erfasste die ausserordentl. Bedeutung dieser Entdeckung, die dazu beitragen sollte, die Abfolge der prähist. Epochen zu klären - bis dahin wurde alles, was vor der Römerzeit lag, vom Neolithikum bis zur Latènezeit, als helvet. oder keltohelvet. eingestuft. Keller verfasste noch im selben Jahr einen ersten Pfahlbaubericht, in dem er die gefundenen Überreste prähist. Pfahlbauten zuordnete, die lange vor den Keltohelvetiern entstanden waren. Diese Entdeckung und die Arbeiten Kellers, die den Grundstoff für das idyll. Bild der Pfahlbauer lieferten, erregten in ganz Europa Aufsehen. Die Schweizer Seen wurden Gegenstand eingehender Studien, und bald weitete sich die Forschung auf Europa aus. Das von Almanachen und Schulbüchern verbreitete Bild der Pfahlbauten war bis zum Anfang des 20. Jh. sehr populär und bot Gelegenheit, gleichzeitig mit der Vulgarisierung der A. das Nationalgefühl zu stärken: Als Reaktion auf die myth. Verklärung der Alpen im Ancien Régime wurden die mittelländ. Pfahlbauten zum Symbol für Öffnung, Fortschritt und sozialen Wohlstand. 1857 legte Friedrich Schwab die Station La Tène am Neuenburgersee frei, die den Reichtum der kelt. Zivilisation in der jüngeren Eisenzeit deutl. machte und dieser den Namen gab (Latènezeit). Edouard Desor, der 1858 eine Mitteilung zu dieser Entdeckung vorlegte, war der Erste, der 1865 die Unterteilung der Eisenzeit in Hallstatt- und Latènezeit vorschlug, die von Jakob Heierli in seiner "Urgesch. der Schweiz" (1901) aufgenommen und bald allg. verwendet wurde. 1898-1916 machte die A. der Latènezeit mit der Untersuchung der Gräberfelder im Schweizer Mittelland erhebl. Fortschritte. Der Waadtländer Albert Naef (später der erste Kantonsarchäologe in der Schweiz) erforschte 1901-03 beispielhaft das Gräberfeld Vevey-En Crédeilles. Im Grabungsbericht schlug er als einer der Ersten eine systemat. Chronologie der Gräber vor. Sein damaliger Assistent, David Viollier, erwarb später internat. Ruf. Er veröffentlichte 1916 sein Hauptwerk "Les Sépultures du second âge du Fer sur le Plateau suisse". Die Ausgrabungen auf dem bisher grössten Gräberfeld in der Schweiz, Münsingen-Rain, unter der Leitung von Jakob Wiedmer und die rasche Veröffentlichung der Ergebnisse 1907 verfeinerten die Chronologie. Für die früheren Epochen sind zu erwähnen: die Entdeckung und Erforschung der Stätten des Jungpaläolithikums im Kt. Schaffhausen (Kesslerloch und Freudental), die Erkundungen Emil Bächlers in den Alpen ab 1903, welche die Präsenz des Menschen im Moustérien bewiesen, die Entdeckung erster Spuren aus dem Mesolithikum in der Schweiz bei Le Locle 1926 durch Paul Vouga, der gerade die Ausgrabung in Auvernier durchgeführt hatte und die erste Chronologie des Neolithikums in Westeuropa vorschlug. Die Mittelalter-A. entwickelte sich mit der Untersuchung von frühma. Friedhöfen und mit Massnahmen zum Schutz von Kunstdenkmälern weiter (Johann Rudolf Rahn, Albert Naef).

Der Aufschwung der A. und das Bedürfnis, die hist. Denkmäler zu erhalten, fanden ihren Ausdruck in der Schaffung oder Vergrösserung von Museen: Die waadtländ. Antikensammlung kam in das Musée cantonal d'archéologie et d'histoire (1818-20), das 1904-05 ins Palais de Rumine umgesiedelt wurde. Das Römermuseum in Avenches wurde 1838 Eigentum des Kt. Waadt. Das Hist. Museum Basel wurde 1856 eröffnet, das Bern. Hist. Museum 1881. Das Musée d'art et d'histoire in Genf entstand 1910 durch Zusammenlegung mehrerer Museen. Das 1898 eröffnete Schweizerische Landesmuseum, das den Schutz des nationalen Erbes ungeachtet kant. Sonderinteressen zu gewährleisten hat, sammelt und zeigt Schweizer Antiquitäten aus allen prähist. und hist. Zeiten. Bevor die "nationale" A. in den Univ. Einzug hielt, spielte es eine wichtige Rolle in der archäolog. Forschung, sowohl im Gelände wie auch im Labor. Seit seiner Einweihung 2001 ist das Laténium in Hauterive (NE), das einen Überblick über 50'000 Jahre Menschheitsgesch. bietet, das grösste A.-Museum der Schweiz.

Die 1907 gegr. Schweiz. Ges. für Ur- und Frühgesch. (SGUF), die dem Bedürfnis entsprang, die Arbeiten der Fachleute zusammenzufassen und zu koordinieren und ihnen mehr Gehör bei den Behörden zu verschaffen, trug zur Verbreitung der Kenntnisse unter den Gelehrten wie auch in der Öffentlichkeit bei. Nach der klass. A., die erstmals 1815 in Genf gelehrt wurde, etablierte sich die "nationale" A. nach und nach in den Univ. Neuenburg 1910, Genf 1914, Lausanne 1915, Bern 1917, Zürich 1934 und Basel 1961. Im Lauf der Zeit schufen die Kt. gesetzl. Grundlagen, welche die archäolog. Forschung und den Kulturgüterschutz, insbes. die Erhaltung von hist. Denkmälern, regelten. So unterstellte der Neuenburger Staatsrat 1878, um den durch die künstl. Absenkung von Neuenburger-, Bieler- und Murtensee ausgelösten Ansturm auf die Altertümer zu bremsen, Ausgrabungen und das Sammeln von Antiken an den Seeufern einer Bewilligungspflicht, und der Kt. Waadt erliess als Erster in der Schweiz 1898 ein Gesetz zur Erhaltung von Kunstdenkmälern und -gegenständen von besonderem hist. oder künstler. Interesse.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / KMG

2 - Entwicklung und Organisation der Archäologie in der Schweiz

Die Zunahme von Hoch- und Tiefbauarbeiten in der Nachkriegskonjunktur führte bald dazu, dass sich die A. im Versuch, oft grundlegende Aspekte unserer Gesch. zu dokumentieren, fast ausschliessl. auf Notgrabungen beschränken musste. Gleichzeitig erfuhr das Fach tief greifende Veränderungen: Die Boden- und die Unterwasser-A. machten method. Fortschritte in der Erfassung (Fotogrammetrie, Informatik) und Deutung (Modellbildung, Ethnoarchäologie). Grossflächige Grabungen im Boden und unter Wasser erlaubten die Erkundung nicht mehr nur isolierter Einheiten, sondern ganzer Fundkomplexe, Gehöftgruppen oder Gräberfelder. Restaurierungen gingen bauarchäolog. Untersuchungen von den Fundamenten bis zum Dach (Mauerwerk, Mörtel, Putz, Balkenwerk) voraus. Das Konzept der einzelnen Fundstätte wurde abgelöst von dem des Umfelds und der Landschaft. Die Datierungsmöglichkeiten verbesserten sich insbes. dank der Dendrochronologie (die das Fälldatum auf das Jahr, bestenfalls sogar auf die Jahreszeit genau bestimmen kann) und der C-14-Methode (zur Altersbestimmung von bis zu 40'000 Jahre alten organ. Substanzen, selbst in Mengen von nur einem Milligramm). Physikal.-chem. Analysen und Hilfswiss. (Sedimentologie, Palynologie, Archäozoologie, Paläoanthropologie) erleichterten die Identifizierung von Materialien und Techniken. All diese Faktoren haben so manche Chronologie und Konzeption in Frage gestellt und unsere Sicht der Vergangenheit umgestaltet. Begriffe wie Kultur, Volk, Bruch und Kontinuität wurden überdacht. Die präventive A. wurde durch die Erstellung von Fundinventaren und archäolog. Karten mit Hilfe von Archivunterlagen und Prospektionsverfahren (Luftaufnahmen, Bodenwiderstandsmessung, Protonenmagnetometer, Georadar, Aufsammlungen, Bohrungen, Kernbohrungen, maschinelle Sondierung) ausgebaut. Zusammen mit einer angemessenen Gesetzgebung, die eine bessere Koordination zwischen den archäolog. Diensten und den Raumplanungsämtern erlaubt, hat dies dazu geführt, dass sensible Gebiete bestimmt wurden, in denen Bauarbeiten untersagt oder mit der Auflage verknüpft sind, archäolog. Untersuchungen zuzulassen und Überreste zu erhalten.

Seit 1907 spricht Art. 724 ZGB den Kt. das Eigentum an bewegl. Kulturgütern zu, die von anerkanntem wiss. Wert sind. Für unbewegl. Überreste hingegen gelten die Bestimmungen über das Grundeigentum: Um sie zu schützen, muss der Kt. sie unter Denkmalschutz stellen oder durch Kauf bzw. Enteignung erwerben. Die Verantwortung für archäolog. Grabungen und die Erhaltung von Kulturgütern auf ihrem Gebiet liegt somit bei den Kantonen. Deshalb haben seit 1958 die meisten Kt. neue Rechtsvorschriften erlassen und archäolog. Dienste eingerichtet, um die Inventarisierung, präventive Schutzmassnahmen und bei Bedarf die Erforschung der Stätten zu gewährleisten. 1970 wurde der Verband Schweiz. Kantonsarchäologen gegr., der sich namentl. für die Anerkennung des Fachs, verbesserte Gesetze, die Berufsbildung der Grabungstechniker (die akadem. Ausbildung erfolgt an den Univ.) und die interkant. sowie internat. Zusammenarbeit einsetzt. Der Bund subventioniert auf Antrag der Kt. Grabungs- oder Restaurationsarbeiten über die Eidg. Komm. für Denkmalpflege (EKD), die dem Bundesamt für Kultur untersteht und in ihrer Tätigkeit durch eine Gruppe von Experten und Beratern unterstützt wird. Der Bau der Nationalstrassen seit den 1960er Jahren bot Anlass, die Modalitäten der Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Strassenbau und den Archäologen festzulegen, um die Erhaltung bzw. die wiss. Erforschung der durch Bauarbeiten bedrohten Stätten zu gewährleisten. Ein Bundesbeschluss von 1961 legt die Aufgabenteilung fest: Für Prospektionen, Ausgrabungen und wiss. Geländeaufnahmen ist der Bund zuständig, während die Kt. für die Veröffentlichung der Ergebnisse und die Konservierung der Objekte sorgen. Eine 1960 gegr. Archäolog. Zentralstelle für den Nationalstrassenbau, die sich aus Vertretern der SGUF und des Bundesamtes für Strassenbau zusammensetzt, fördert die Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Raumplanern. So wurden 1960-91 395 Mio. Fr. in die archäolog. Forschung auf Nationalstrassenbaustellen investiert, ein bescheidener Anteil von 2,75o/oo an den gesamten Baukosten. Dem steht ein beträchtl. Zuwachs an wiss. Erkenntnissen über sämtl. prähist. und hist. Zeiträume gegenüber. Die zweite Juragewässerkorrektion führte 1961-65 ebenfalls zu einer Reihe von Ausgrabungen, die von der SGUF überwacht wurden und die Erforschung zahlreicher Stätten ermöglicht haben, namentl. der kelt. Brücke von Cornaux und der röm. Brücke von Le Rondet.

Auch die Mittelalter-A. hat seit den 1960er Jahren einen Aufschwung erlebt, der zahlreichen Kirchenrestaurationen zugute kam. Das Interesse galt auch frühma. Gräberfeldern, Burgen und städt. Siedlungen, in jüngerer Zeit überdies Dörfern und Wüstungen. Alltagsgegenstände, auch solche aus dem 16. bis 18. Jh., fanden ebenfalls vermehrt Beachtung.

Zu Beginn des 21. Jh. gibt es in den meisten Kt. einen archäolog. Dienst, eine angemessene Gesetzgebung und eine Zeitschrift oder Reihe zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse. Die ausschliessl. Fachleuten übertragenen Grabungen werden entweder von den Archäolog. Diensten selbst oder von Beauftragten, Univ., freischaffenden Archäologen oder Privatfirmen durchgeführt. Finanziert werden die Arbeiten im Rahmen des Nationalstrassenbaus vom Bund, ansonsten von den Kt., unter Umständen unterstützt mit von der Eidg. Komm. für Denkmalpflege ausgerichteten Bundessubventionen oder Beiträgen des Schweiz. Nationalfonds. Für die bereits auf der Grabungsstätte beginnende Konservierung und Restaurierung von Fundgegenständen sind in den meisten Museen Labors errichtet oder ausgebaut worden. Überdies besitzen die ETH Zürich und die ETH Lausanne spezialisierte techn. Labors für die Analyse der Materialien. Neben der SGUF, die zwei Zeitschriften ("Jahrbuch der SGUF", "Archäologie der Schweiz"), Monografien, die "Résumés zur A. der Schweiz" und archäolog. Führer herausgibt, gewähren zahlreiche Ges. und Stiftungen (Pro Augusta Raurica, Pro Aventico, Pro Lousonna, Pro Octoduro, Pro Vindonissa, Pro Vistiliaco) finanzielle Unterstützung für die Arbeiten und ihre Veröffentlichung. In vielen Kt. tragen regionale Zirkel mit Vorträgen, Kursen, Grabungsbesichtigungen und Exkursionen dazu bei, das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken. Die Fachleute kommen in nach Forschungsperioden eingeteilten Arbeitsgemeinschaften zusammen: Arbeitsgemeinschaft für die Urgeschichtsforschung der Schweiz, Arbeitsgemeinschaft für die provinzialröm. Forschung in der Schweiz, Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für A. des MA, Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für klass. A. Das Hochschulfach A. wird an sieben Univ. gelehrt, wobei an allen zwar klass. A. unterrichtet wird, nicht aber A. der Ur- und Frühgesch. (nur in Basel, Bern, Genf, Neuenburg und Zürich), provinzialröm. A. (nur in Basel, Bern und Lausanne) und Mittelalter-A. (nur in Zürich). Ein eidg. anerkannter Fachausweis für Grabungstechniker wird seit 1989 vom Verband Schweiz. Kantonsarchäologen zusammen mit der Vereinigung des archäolog.-techn. Grabungspersonals ausgestellt. Die Aufwertung der archäolog. Stätten durch Rundgänge (Augst, Avenches, Kaiseraugst, Lausanne-Vidy, Martigny, Neuchâtel-Hauterive, Windisch, Krypten von Saint-Pierre und Saint-Gervais in Genf) oder durch Museen, die in die Überreste integriert sind (Lausanne-Vidy, Martigny, Nyon), durch Ausstellungen, Werkstätten, Exkursionen und Grabungsführungen sowie die Pflege der Beziehungen zu den Schulen tragen dazu bei, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für den Wert des archäolog. Kulturguts und die Gefahren, die ihm drohen, zu wecken und zu entwickeln. Ausgrabungen und Forschungen im Ausland, die von den Univ., dem Schweiz. Nationalfonds oder von Stiftungen wie der Schweiz. Archäolog. Schule in Griechenland (einzige ständige Vertretung im Ausland, Grabungsstätte Eretria auf der Insel Euböa) oder der Stiftung Schweiz-Liechtenstein für archäolog. Forschung im Ausland finanziert werden, finden regelmässig in Ägypten, Ecuador, Frankreich, Griechenland, Italien, im Sudan, in Jordanien und in Syrien statt.

In Zukunft dürften die method. Fortschritte, z.B. die Verfeinerung der Erfassungs- und Untersuchungsverfahren (Archäografie, Archäometrie), Datenbanken, mehrdimensionale statist. Methoden und Anwendungen der künstl. Intelligenz den Archäologen immer genauere und leistungsfähigere Werkzeuge in die Hand geben und ihnen ermöglichen, mehr Zeit für die hist. Interpretation, ihre eigentl. Aufgabe, aufzuwenden (vorausgesetzt, dass trotz Mechanisierung und Informationsvielfalt die Fähigkeit, eine Auswahl zu treffen, zu beobachten und zu hinterfragen, erhalten bleibt und der Blick aufs Ganze nicht verstellt wird). Die bisher eher vernachlässigte Industriearchäologie dürfte sich in Richtung einer durch die Ethnoarchäologie unterstützten Reflexion über soziokulturelle Systeme entwickeln. Die A. wird mit der Zeit sicher eine wichtigere Rolle beim Schutz und bei der Würdigung von Kulturgut spielen. Sie wird zeigen müssen, dass das alltägl. Leben früher nicht nur aufsehenerregend war und dass geschichtsträchtige Bauwerke oder von den Menschen über lange Zeit geprägte Landschaften als Quellen für das kollektive Gedächtnis und als Wissensobjekte der polit. und finanzielle Unterstützung der ganzen Gemeinschaft bedürfen. Ohne ein verbreitetes Wissen um den Wert des archäolog. Kulturerbes und um die ihm drohenden Gefahren wird die Erhaltung von Spuren der Vergangenheit nie mehr sein als ein verzweifelter Versuch.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / KMG

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Schwab, Die Vergangenheit des Seelandes in neuem Licht, 1973
Encycl.VD 6, 154-161
– M.R. Sauter, Suisse préhistorique, des origines aux Helvètes, 1977
– «125 Jahre Pfahlbauforschung», in ArS 2, 1979, 1-64, (Sondernr.)
20 Jahre A. und Nationalstrassenbau, 1981
– «A. der Schweiz gestern, heute, morgen», in ArS 5, 1982, 31-168, (Sondernr.)
– D. Tuor-Clerc, «Sauve qui peut Aventicum», in BPA 28, 1984, 7-34
– H.R. Sennhauser, «EKD und A. des MA», in UKdm 38, 1987, 33-36
– W. Drack, R. Fellmann, Die Römer in der Schweiz, 1988
– G. Kaenel, Recherches sur la période de La Tène en Suisse occidentale 50, 1990
– «Die Helvetier und ihre Nachbarn», in ArS 14, 1991, 1-168, (Sondernr.)
Eingriffe in den hist. Baubestand, 1992
Die Geschichtlichkeit des Denkmals im Restaurierungsprozess, 1993
Denkmalpflege und Planung, 1994
– D. Paunier, «L'archéologie, pour quoi faire?», in Genava NF 42, 1994, 13-15
– D. Ripoll, «Nos ancêtres les lacustres», in Genava NF 42, 1994, 203-218
– N. Tissot, «A qui appartiennent les trouvailles archéologiques», in HA 26, 1995, 63-72
– P. Ducrey, La politique archéologique suisse hors des frontières nationales ou les limites de l'initiative individuelle, 1998
– M.-A. Kaeser, A la recherche du passé vaudois, 2000