• <b>Alchemie</b><br>Anonymes, koloriertes Manuskript, um 1550 (Universitätsbibliothek Basel, Handschriftenabteilung, L IV 1). Als "geheime Kunst" bediente sich die Alchemie in Bild und Text einer komplexen, oft nur schwer zu entschlüsselnden Symbolik.

Alchemie

Der Begriff A. umfasste im MA und in der frühen Neuzeit einen vielgestaltigen Denk- und Erfahrungsbereich, der spekulative Naturerkenntnis und experimentelles Ergründen der natürl. Stoffe verband. Ziel der A. war die Veränderung und Veredelung der Materie mittels eines universellen Wirkstoffs (Elixier, Stein der Weisen), der kranke Körper gesund und unvollkommene Metalle vollkommen machen könnte.

Im Gegensatz zu den benachbarten Ländern scheint die A. auf dem Gebiet der heutigen Schweiz bis zum Ende des 15. Jh. kaum Anhänger gehabt zu haben. Selbst die wichtigen A.-Handschriften des MA in schweiz. Bibliotheken sind meist ausländ. Provenienz und kamen erst später in die heutigen Sammlungen. Die erste systemat. Sammlung von A.-Manuskripten, zu deren ersten Benützern auch Paracelsus gehörte, legte Bartholomäus Schobinger (1500-85) in St. Gallen an. Das wohl erste auf helvet. Boden (Freiburg) redigierte alchem. Buch, das einflussreiche "Coelum Philosophorum" des Philip Ulstadt (1525-35 fünf Ausgaben) fand in der Schweiz keinen Verleger. Bald darauf aber wurden die wichtigsten alchem. Texte oft erstmals in der Schweiz und in immer umfassenderen Sammelausgaben bis ins 18. Jh. gedruckt. Den Anfang machte 1545 Samuel Apiarius in Bern mit der "Alchemia" des Pseudo-Geber und sechs weiteren Klassikern der A. Ihm folgte Guglielmo Grataroli mit seiner 53 Titel umfassenden Sammlung "Verae Alchemiae Artisque Metallicae vera doctrina", die 1561 bei Pietro Perna in Basel erschien. 1572 druckte Perna vier weitere Sammlungen mit insgesamt 88 Klassikern der arab. und lat. A., darunter die "Auriferae Artis, quam Chemiam vocant, antiquissimi Authores", die 1613 auch auf Dt. veröffentlicht wurde. Auf den Druck von pseudoepigraph. Schriften eines erfundenen Lehrers des Paracelsus, Salomon Trismosinus, hatte sich inzwischen ein ungenannter Verleger in Rorschach ("Aureum Vellus oder Guldin Schatz", 1598-1604) spezialisiert. Ab 1628 wurde Genf dank der Verlegerfam. de Tournes zum wichtigen Nachdruckzentrum alchem. Publikationen, die erst 1702 mit der bis heute unerreichten "Bibliotheca chemica curiosa" des Genfers Jean-Jacques Manget (141 Titel in zwei Foliobänden) ihren Abschluss fanden.

<b>Alchemie</b><br>Anonymes, koloriertes Manuskript, um 1550 (Universitätsbibliothek Basel, Handschriftenabteilung, L IV 1).<BR/>Als "geheime Kunst" bediente sich die Alchemie in Bild und Text einer komplexen, oft nur schwer zu entschlüsselnden Symbolik.<BR/>
Anonymes, koloriertes Manuskript, um 1550 (Universitätsbibliothek Basel, Handschriftenabteilung, L IV 1).
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Durch die schroffe Absage des Paracelsus (1493-1541) an die A. als "Goldmacherkunst" geriet die Alchemia transmutatoria allmähl. in den Hintergrund zugunsten der Alchemia medica (Chemiatrie oder Iatrochemie) und anderer prakt.-technolog. Anwendungen. Während sich aber Konrad Gessner (1516-65) und Kaspar Wolf (1532-1601) in Zürich, Renward Cysat (1545-1614) in Luzern und Angelus Sala (1576-1637) in Winterthur auf die Letzteren beschränkten und die Tradition der "Destillierbücher" fortsetzten, entwickelte sich aus der kosmosoph. Gedankenwelt des Paracelsus eine Philosophia chymica, die Naturwissen und Religion zu einem Ganzen verschmolz und sogar den bibl. Schöpfungsbericht als alchemist. Prozess auffasste. Darum forderte der Thurgauer Thomas Erastus in seinen "Disputationes de medicina nova Th. Paracelsi" (Basel 1571-73) die Todesstrafe für die Paracelsisten. Als Stadt des Paracelsan revival galt Basel zwischen 1560 und 1600 als obligater Treffpunkt der gelehrten Alchemiekenner aus ganz Europa. Natürl. befanden sich unter diesen auch schillernde Gestalten wie etwa der in Berlin wohnhafte Basler Leonhard Thurneysen oder auch jener rätselhafte Alchemist aus Schottland, Alexander Seton alias William Alexander, dem es 1603 in Basel offenbar gleich zweimal gelungen war, Blei in Gold zu verwandeln. Durch diese brillant durchgeführte Transmutation wurde Raphael Eglin angespornt, mit einigen Gleichgesinnten das in Zürich seit einem Jahrzehnt bestehende Verbot der A. öffentl. zu unterlaufen. Auf sie berief sich auch Bartholomäus Schobinger d.J., als er 1607 ein bevorstehendes A.-Verbot in St. Gallen zu verhindern suchte. In Genf wurde die A. 1590 auf Betreiben von Theodor Beza verboten, und von 1597 datiert der erste von mehreren Abschieden der Eidg. Tagsatzung, wonach "die Alchymisten und Goldmacher überall fortgewissen und auf Betreten bestraft werden" sollten. In St. Gallen wurde 1603 David Zollikofer hingerichtet, da er 200 falsche Dukaten als "alchem. Gold" in Umlauf gebracht hatte. Mit einer Strafe von 100 Gulden kam 1600 ein Barbier von Schaffhausen glimpfl. davon, "der durch Alchymei sich unterstanden Gold zu machen", während die Obrigkeiten in Zug und Beromünster "alle Distillieröffen und Instrumenta zerschmettern" liessen. Sogar in Basel hatte der Rat 1592 der Schlossherrin von Pratteln bei hoher Geldstrafe geboten, die im Weiherschloss errichteten Öfen abzubrechen und keinem Alchemisten mehr Unterschlupf zu gewähren.

Mit dem Einzug der prot. Hochorthodoxie nahm die Begeisterung für die A. in der Schweiz drast. ab, ganz im Gegensatz etwa zu Deutschland. 1625 bezeichnete Heinrich Schobinger den aus Rheinfelden stammenden Johann Friedrich Eggs als den einzigen noch praktizierenden Alchemiker in Basel. Dafür spielte ein Jahrhundert später die Alchimia mystica eines Jacob Böhme in der Theosophie und in der religiösen Freimaurerei in der Schweiz eine immer grössere Rolle. Zur gleichen Zeit hatte sich aber die Chemie endgültig von der A. abgekoppelt, und so konnte die A. mit all ihren Visionen, Allegorien, Decknamen und mag. Vorstellungen angesichts des Rationalismus der Aufklärung nicht länger bestehen: Sie wurde bald zu einem Kapitel aus der "Gesch. der menschl. Narrheit" abgewertet. Es bedurfte einer gewaltigen Forschungsarbeit, um die unbestreitbaren Verdienste der A. auf technolog., philosoph., soziokulturellem, religiösem, kunsthist. und sprachgesch. Gebiet wieder sichtbar zu machen.


Literatur
– R. Halleux, Les textes alchimiques, 1979
TRE 2, 199-227
– U.L. Gantenbein, «Der frühe Paracelsismus in der Schweiz», in Nova acta Paracelsica, NF 10, 1996, 15-46
– M. Bachmann, T. Hofmeier, Geheimnisse der A., 1999

Autorin/Autor: Carlos Gilly