Jenische

Beim Begriff J. handelt es sich um eine Selbstbezeichnung der Fahrenden und deren heute grösstenteils sesshaften Nachkommen in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Der Begriff taucht 1714 erstmals auf. Die Herkunft der J.n ist unklar. Einerseits betrachtet man sie als Nachfahren verarmter einheim. Volksschichten (Heimatlose, Bettelwesen) und Randgruppen. Andererseits erklärt ein gewisser Anteil an Sinti- und Roma-Vorfahren in vielen jen. Familien, weshalb manche J. für sich dieselbe aussereurop. Herkunft wie diejenige der Roma vermuten und sich als eigenen Stamm innerhalb der Roma verstehen. Volkstümlich werden die J.n Zigeuner, aber auch Kessler und Spengler (nach ihren Berufen), Vazer (nach Vaz/Obervaz, dem Ort ihrer gehäuften Einbürgerung im 19. Jh.) oder eher abschätzig Fecker (Fecker-Chilbi von Gersau: 1722-1817 und in den 1980er Jahren alljährl. Treffpunkt der J.n) genannt.

Vor der verkehrstechn. Erschliessung im 19. und 20. Jh. waren viele abgelegene Regionen auf Besuche jen. Wanderhändler und -handwerker angewiesen (Wanderarbeit, Hausierer). Für die staatl. Obrigkeiten hingegen galten Nichtsesshaftigkeit und fahrende Lebensweise als unzivilisiert und die J.n zunehmend als nationales Problem. Nach anfänglich gewaltsamen Wegweisungen und Verfolgungen wurden die J.n 1850 mit den sog. Heimatlosen im jeweiligen Aufenthaltskanton, oft gegen den Widerstand der Bevölkerung, eingebürgert. 1926 begannen das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse der Stiftung Pro Juventute mit Unterstützung des Bundes sowie andere Fürsorgeinstitutionen, den J.n systematisch die Kinder (ca. 800) wegzunehmen und sie in Pflegefamilien, psychiatr. Anstalten und sogar Gefängnissen unterzubringen, um sie zur Sesshaftigkeit umzuerziehen. Erst 1973 erwirkten die Betroffenen mit Unterstützung der Medien das Ende dieser Massnahmen. 1975 wurden die J.n im Kt. Bern als eigenständige Volksgruppe anerkannt. Seit den 1980er Jahren bemühen sich Selbsthilfeorganisationen der J.n, v.a. die 1975 gegr. Radgenossenschaft der Landstrasse, um Wiedergutmachung und Rehabilitation der in pseudowissenschaftl. Gutachten verleumdeten Opfer. Auch die Bundesstiftung Zukunft für Schweizer Fahrende setzt sich seit 1997 für eine Verbesserung der Lebensumstände der J.n ein.

Heute leben, einer Schätzung zufolge, rund 35'000 Personen jen. Herkunft in der Schweiz (in Westeuropa ca. 100'000 Personen), von denen noch etwa 10% eine fahrende Lebensweise v.a. als Messerschleifer, Altwaren-, Korb- und Kurzwarenhändler führen. Während viele der inzwischen sesshaften J.n immer noch Ressentiments befürchten und daher ihre Herkunft oft nicht thematisieren, haben andere ein engagiertes Selbstbewusstsein entwickelt. Sie bemühen sich u.a. um die Abschaffung kant. Regelungen, welche die fahrende Lebensweise immer noch erschweren, und um die Erstellung sanitarisch ausgestatteter Stand- und Durchgangsplätze für den gewerbsmässigen Aufenthalt.

Zur jen. Kultur gehört auch die mündlich tradierte gruppenspezif. Sondersprache: das J. Sein Wortschatz (rund 600 Grundwörter) ist sprachhistorisch eng mit dem spätma. Rotwelsch verwandt und wird in der Regel nach dem regional vorherrschenden Dialekt als Zweitsprache erlernt. Nach den Umerziehungsmassnahmen, welche die Sprechtradition unterbrochen haben, muss das J. oft auch von der nun älteren Generation wieder neu erlernt werden. Vergleichbare Soziolekte entstanden auch in anderen europ. Wandergruppen.


Literatur
– F. Kluge, Rotwelsch, 1901
– T. Huonker, Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt, 1987
– C. Meyer, "Unkraut der Landstrasse", 1988
– M.-L. Zürcher-Berther, Fahrende unter Sesshaften, 1988
– W. Leimgruber et al., Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse, 1998
– T.D. Meier, R. Wolfensberger, "Eine Heimat und doch keine", 1998
Veröff. UEK 23
– H. Roth, Jen. Wb., 2001
J., Sinti und Roma in der Schweiz, hg. von H. Kanyar Becker, 2003
– S. Galle, T. Meier, «Stigmatisieren, Diskriminieren, Kriminalisieren. Zur Assimilation der jen. Minderheit in der modernen Schweiz», in Kriminalisieren - Normalisieren, hg. von C. Opitz et al., 2006

Autorin/Autor: Hansjörg Roth