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Zigeuner

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Z. ist eine stigmatisierende oder romantisierende Fremdbezeichnung für unterschiedliche sozio-kulturelle, häufig nichtsesshafte europ. Minderheiten (Jenische, Fahrende, Heimatlose). In Quellen des 15. Jh. taucht der Begriff erstmals zur Bezeichnung von Pilgerreisenden auf, die angeblich aus Ägypten stammten. Ab dem 16. Jh. benutzten die Obrigkeiten den Begriff zur Bezeichnung von Landstreichern oder Vagabunden (Randgruppen). In frühneuzeitl. Quellen der Schweiz wurden die sog. Z. anders als die einheim. Bettler auch als heyden-volck oder heyden-gesind bezeichnet.

1 - Zigeunerdiskurs

Im Übergang zu den bürgerl. Nationalstaaten des 19. Jh. entwickelte sich mit der Tsiganologie ein Forschungszweig, der sich wissenschaftlich mit Z.n befasst. Die traditionelle, eher soziograf. Zigeunerdefinition wurde um eine ethnograf. bzw. rassentheoret. Bedeutung erweitert. Philologen und Volkskundler betonten die im altind. Sanskrit wurzelnde Sprache und die dazugehörige Kultur als wesentl. Identitätsmerkmale von Z.n. Sie definierten die in ganz Europa zerstreut lebenden Gruppen von Z.n als Teil eines aus Indien eingewanderten Volks. Zugleich betonten sie, dass es nur noch ganz wenige echte Z. gebe, da die meisten Menschen dieser Gruppen sich seit dem MA entweder mit nichtsesshaften Teilen der einheim. Bevölkerung vermischt hätten oder sesshaft geworden seien. Die Unterscheidung zwischen sog. echten und unechten Z.n wurde im ausgehenden 19. Jh. von Anthropologen aufgegriffen, die echte Z. erbbiologisch aufgrund von sog. physiologischen Rassenmerkmalen zu definieren versuchten.

Von den Behörden und der lokalen Bevölkerung wurden fahrende Gruppen unterschiedslos als Z. bezeichnet. Aus philolog.-volkskundl. wie auch aus rassentheoret. Optik galten sie jedoch meist nicht als echte Z. Für die Bezeichnung der in der Schweiz lebenden nichtsesshaften Gruppen, den Jenischen, begannen Wissenschaftler und Behörden ab 1900 den Begriff Vaganten zu verwenden, während sie den Begriff Z. für unerwünschte nichtschweiz. Fahrende aus dem Ausland benutzten. Den Mitgliedern beider Gruppen wurde ab dem ausgehenden 19. Jh. nachgesagt, sie seien minderwertig und primitiv.

Autorin/Autor: Bernhard C. Schär

2 - Zigeunerpolitik

Im 19. und 20. Jh. wurden gegen Z. Massnahmen ergriffen, die meist mit dem Argument der Verbrechens- oder Armutsbekämpfung auf deren Assimilierung, Kontrolle, Sterilisierung, Fernhaltung und Wegweisung abzielten. In der Schweiz forderten versch. Kantone im ausgehenden 19. Jh. Einreisesperren für ausländ. Z. 1906 führte der Bundesstaat eine solche Grenzsperre ein und verbot die Beförderung von Z.n per Bahn oder Dampfschiff. Zur Koordination der Zigeunerpolitik der Kantone errichtete das EJPD 1911 eine zentrale Zigeunerregistratur mit erkennungsdienstl. Daten aller in der Schweiz aufgegriffenen ausländ. Z. Der Kt. Bern beschloss 1912 im revidierten Armenpolizeigesetz, Z. in Anstalten zu internieren. Die anderen Kantone schlossen sich dieser Praxis 1913 unter Federführung des EJPD an. Die Internierung diente der kriminalpolizeil. Registrierung und Vorbereitung der Ausschaffung. Zur internat. Koordination in der "Bekämpfung des Zigeunerunwesens" trat die Schweiz der 1923 in Wien gegründeten Internat. Kriminalpolizeilichen Kommission (IKPK) bei. Diese sammelte die kriminalpolizeil. Daten in einer internat. Zigeunerkartei, die ab 1938 für die Planung und Durchführung des Völkermords an Z.n zur Verfügung stand. Die Schweiz setzte ihre Zusammenarbeit mit der IKPK trotz des Völkermords an den Z. in der NS-Zeit fort und hielt an ihrer Grenzsperre fest. Z. mit Schweizer Bürgerrechten gerieten ab 1926 ins Visier des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse der Pro Juventute, das mit Kindswegnahmen die fahrende Lebensweise zu zerstören versuchte.

Autorin/Autor: Bernhard C. Schär

3 - Emanzipation und Ethnisierung von Roma, Sinti und Jenischen

Ab den 1960er Jahren begannen sich Z. überall in Europa zu organisieren und international zu vernetzen. Der 1968 in die Schweiz eingewanderte slowak.-bern. Arzt Jan Cibula gehörte zum Kern dieser transnationalen Emanzipationsbewegung. Diese kämpfte sowohl gegen die polit. und rechtl. Diskriminierung wie auch gegen die wissenschaftl.-kulturelle Diffamierung von Z.n. So wies sie am ersten Welt-Roma-Kongress 1971 den Begriff Z. als Fremdbezeichnung zurück und führte stattdessen den Begriff Roma ein (Bezeichnung für "Menschen" in der Sprache Romanes). Diese traditionelle Selbstbezeichnung von osteurop. Minderheiten wird von der neuen Roma-Bewegung als Sammelbezeichnung für verschiedenste Gruppen benutzt, die in Europa als Z. diffamiert werden. Die Bewegung forderte bei der UNO die Anerkennung von Roma als ethn. Minderheit mit ind. Herkunft, das Ende der Diskriminierung sowie Entschädigungszahlungen von Deutschland für die Verbrechen der NS-Zeit. 1978 gründete sie am zweiten Welt-Roma-Kongress in Genf die Internat. Romani Union. Die Bürgerrechtsbewegung der schweiz. Jenischen, die gegen ihre Verfolgung durch die Pro Juventute kämpften, schloss sich der internat. Romabewegung an, ebenso die Bürgerrechtsbewegung der dt. Sinti. Sinti - auch jene mit Schweizer Pass - gelten im Allgemeinen als kulturell und sprachlich näher verwandt mit den osteurop. Roma als etwa die Jenischen.

Auf Druck der Emanzipationsbewegung änderten zahlreiche europ. Staaten ihre Politik. Die Schweiz hob ihre Grenzsperre 1972 auf. 1978 wurde im Bundesamt für Justiz eine Delegation von "Zigeunervertretern" empfangen, darunter Sergius Golowin, Mariella Mehr und Cibula. Daraus resultierte eine Untersuchung der Lebensbedingungen der Fahrenden in der Schweiz. Der entsprechende Bericht führte 1997 zur Gründung der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, die sich für die Verbesserung der Lebenssituation der in- und ausländ. Fahrenden einsetzt. Auf Druck der Emanzipationsbewegung wandelte sich auch der Sprachgebrauch. In den Medien werden nunmehr die ethn. Selbstbezeichnungen zur Benennung der Minderheiten verwendet. In der Schweiz hat sich die Begriffstrias "Roma, Sinti, Jenische" eingebürgert, die auch von der Forschung verwendet wird. 2006 wurde das Schweiz. Institut für Antiziganismusforschung gegründet.

Autorin/Autor: Bernhard C. Schär

Quellen und Literatur

Literatur
Veröff. UEK 23
Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz, hg. von H. Kanyar Becker, 2003
– T. Meier, «Zigeunerpolitik und Zigeunerdiskurs in der Schweiz 1850-1970», in Zwischen Erziehung und Vernichtung, hg. von M. Zimmermann, 2007, 226-239
– B. Schär, «"Nicht mehr Z., sondern Roma!"», in Hist. Anthropologie 2, 2008, 205-226
– G. Dazzi et al., Puur und Kessler, 2008
– S. Galle, T. Meier, Von Menschen und Akten, 2009

Autorin/Autor: Bernhard C. Schär