08/10/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Münsterlingen

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. TG, Bez. Kreuzlingen und ehem. Kloster. Die polit. Gem. M. liegt südöstlich von Kreuzlingen, sie wurde 1994 aus den ehem. Ortsgem. Scherzingen und Landschlacht der früheren Munizipalgem. Scherzingen (1803-1993) gebildet. 1125 Munsterlin. 2000 2'599 Einw.

Die Tradition berichtet von einer sagenhaften Klostergründung durch eine Schwester des Abts Gregor von Einsiedeln (964-996), die das Haus der hl. Walburga weihte. 1125 gestattete Ks. Heinrich V. dem Konstanzer Bf. Ulrich von Dillingen die Restauration des Klosters und verlieh dazu versch. Gefälle. Papst Innozenz IV. bestätigte 1254 die Augustinerregel, Papst Alexander VI. 1497 in einer Bulle deren Beachtung bis zum Ende des 15. Jh. Die Chorfrauen wurden im SpätMA auch als Dominikanerinnen betrachtet, doch gehörten sie diesem Orden nicht an, nur ihre Seelsorger aus dem Predigerkloster St. Niklaus in Konstanz, die ab dem 1. Viertel des 14. Jh. für sie zuständig waren. Schirmvögte waren die Herren von Klingen, von deren Vogtei sich die Frauen 1288 loskauften. Das Kloster baute die Immunität für den Klosterbezirk aus und begann, eine Gerichtsherrschaft über ihre Höfe zu errichten. Im 14. Jh. nahm die Stadt Konstanz das Kloster in sein Burgerrecht auf. 1460 geriet M. unter die Kastvogtei der sieben eidg. Orte und unterstand fortan deren hoher Gerichtsbarkeit. 1486 erwarb M. vom Kloster Petershausen die Hälfte der Gerichtsherrschaft von Landschlacht. Die andere Hälfte kaufte das Kloster 1621 von elf Inhaberfamilien in Landschlacht. Durch die Gerichtsherrschaft erhielt M. im 1509 vertraglich statuierten thurg. Gerichtsherrenstand Einsitz. Das Kloster behielt die niedere Gerichtsbarkeit u.a. in M., Landschlacht, Uttwil, einem Teil von Schönenbaumgarten und Belzstadel bis 1798. Ab 1524 fand die Reformation im Kloster starken Anklang. Die Frauen besuchten Predigten in Konstanz und verheirateten sich; bald stand das Kloster leer, doch fanden in der Kirche noch ref. Gottesdienste statt. Die im Thurgau regierenden fünf kath. Orte stellten 1549 das Klosterleben mit Benediktinerinnen von Engelberg wieder her; Visitator war ab 1553 der Abt von Einsiedeln. Die Wahl der Äbtissin und des Beichtigers nahm der päpstl. Nuntius vor. In der Folge des Streits über die gemeinsame Benutzung der Klosterkirche zwischen der Äbtissin Magdalena Peter (gestorben 1613) und den ref. Bewohnern Scherzingens wurde in Scherzingen 1617-18 die erste ref. Kirche im Kt. Thurgau erbaut. 1709-13 liess das Kloster nach Plänen von Franz Beer etwas westlich vom alten Standort und weiter landeinwärts ein neues Konventsgebäude errichten, die alten Gebäude wurden teilweise abgebrochen. Die Klosterkirche, 1711-16 erbaut, folgte dem Vorarlberger Bauschema. Mit den Einquartierungen 1798-1803, der Säkularisation des Besitzes jenseits des Bodensees sowie etlichen Missernten von 1805-17 geriet die klösterl. Ökonomie in Schwierigkeiten; die Schulden betrugen zeitweise 60'000 Gulden.

Diese finanzielle Last konnte das Kloster bis zur Unterstellung unter staatl. Verwaltung 1836 nur zum Teil abtragen. 1839 übernahm der Kt. Thurgau einen Gebäudeflügel und eröffnete darin 1840 das Kantonsspital; 1848 hob er das Kloster auf. 1849 betraute er den Arzt Ludwig Binswanger mit der Behandlung der psychisch Kranken. 1893-94 erhielt diese Abteilung eigene Gebäude am See. 1972 war der rund 70 Mio. Fr. teure Neubau des Kantonsspitals M. nach langen Auseinandersetzungen bezugsbereit. 1999 wurden das Kantonsspital und die Psychiatr. Klinik M. in die Spital Thurgau AG integriert. 2005 stellte der 3. Sektor 97% der Arbeitsplätze, die Klinik und das Spital beschäftigten allein 877 Personen.


Archive
– StATG, Klosterarchiv
Literatur
HS III/1, 1873-1881; IV/2, 353-373
– W.-D. Burkhard, «Aus der Gesch. des Klosters M.», in 150 Jahre M., 1990, 11-25
– H. Maurer, «Eine angelsächs. "Königin" als Klostergründerin am Bodensee?», in Scripturus vitam, hg. von D. Walz, 2002, 443-452

Autorin/Autor: Erich Trösch