21/04/2016 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Churrätien

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

C. oder Churwalchen (z.B. 885 in pago Retia, quod alio nomine Chureuuala appellatur, 905 Retia Curiensis) entstand aus der röm. Provinz Raetia Prima und war gebietsmässig zunächst mit dem Bistum Chur identisch. Die raumpolit. Entwicklung ist nur z.T. fassbar: Die Grenze bei Meran wurde um 590 im fränk.-rät. Kampf gegen die Langobarden festgelegt, die nördl. Teile fielen im 7. Jh. ans Bistum Konstanz. Zum ma. Bistum Chur gehörten: das Gebiet des heutigen Kt. Graubünden (ohne Puschlav), das Rheintal bis zum Hirschensprung, das Sarganserland, die Linthebene, die nördl. Teile des Kt. Glarus, das Urserental, das Gebiet des Fürstentums Liechtenstein, das Vorarlberg bis und mit Götzis, das Paznaun und der Vinschgau bis zur Passer.

Das Bistum Chur wurde vielleicht schon im 4. Jh. gegründet; als erster Bischof ist 451 Asinio bezeugt. Merkmale der rätorom. Kirchensprache deuten eine weitgehende Romanisierung und Christianisierung C.s vom 5. zum 6. Jh. an. Der ostgot. Kg. Theoderich gliederte Rätien als Bollwerk gegen die Germanen ins Ostgotenreich ein (Bestallungsformel von ca. 506 für den militär. Dux beider Provinzen, Mahnschreiben aus dem Zeitraum 507-511 an den Dux Servatus). Wohl kurz nach 536 fiel Rätien an das fränk. Austrien (östl. Reichsteil der Merowinger). Im 7. und frühen 8. Jh. geriet C. unter schwacher fränk. Hoheit in eine selbstständige Randlage, welche die Herrschaft der einheim. Familie der Zacconen/Viktoriden ermöglichte, die ihren Aufstieg vielleicht der Einheirat eines fränk. Urahnen Zacco (militär. Dux im 6. Jh.?) verdankte.

Mit dem sog. Testament des Bf. Tello von 765, einer Schenkung an das Kloster Disentis, beginnen die einzigartigen, auch europäisch bedeutsamen Quellen zur churrät. Geschichte der merowing.-karoling. Epoche. Das Tellotestament erhellt v.a. die Besiedlung, die sozialen und besitzrechtl. Zustände im Rheintal von Disentis bis Sargans. Linguist. und diplomat. Studien, aber auch neue archäolog. Untersuchungen (drei spätmerowing. Klosterkirchen von Disentis und ein Hauptsitz, offenbar der Zacconen, auf Schiedberg in Sagogn) bestätigen die inhaltl. Echtheit der vielleicht aus zwei Vorlagen konstruierten und später erweiterten Urkunde. Die Zacconen vereinigten die beiden höchsten geistl. und weltl. Ämter des Präses und des Bischofs in ihrer Familie. Als Karl der Grosse die Alemannen stärker ans Frankenreich band und 773-774 das Langobardenreich eroberte, begann er die polit. Selbstständigkeit des Durchgangslandes C. schrittweise zu beseitigen: Um 773 bestätigte er Constantius als Rektor und Bischof sowie die churrät. Rechtsordnung unter Treuevorbehalt. Sein Nachfolger Remedius war vermutlich ein Franke (Briefverkehr mit Alkuin, dem Leiter der Hofschule Karls des Grossen). Nach dessen Tod nach 805 führte Karl der Grosse die Grafschaftsverfassung ein, trennte die beiden Gewalten und schied das Bistums- und Grafschaftsgut aus. Zur Grafschaft gehörte das Amtsgut des Grafen und das königl. Benefizialgut der Reichsvasallen, v.a. wohl zum Schutz der Verkehrswege. Gegen den eigenmächtigen Entzug weiterer Güter des Bistums (v.a. Kirchen und Reliquien), wohl 824-825 durch den nachfolgenden Gf. Roderich, reichte Bf. Viktor III. vor 831 vier Klageschriften bei Ludwig dem Frommen ein; um die Wirkung der Klage zu steigern, führte er auch die nach 805 erlittenen Verluste (v.a. etwa 200 Kirchen und 3 Klöster) an. Nur die Güterteilung kann als divisio inter episcopatum et comitatum (2. Klageschrift von ca. 825) gelten, nicht die damit ermöglichte Trennung der geistl. und weltl. Gewalt (einheim. Bf. Viktor, fränk. Gf. Hunfrid). Die drei erhaltenen eindringl. Bittschriften können als diplomat. Meisterleistung gelten; grundlos waren die Klagen über die Beeinträchtigung des religiösen Lebens und sozialer Aufgaben der Kirche kaum. Ludwig hat ca. 831 wenige Güter restituiert. In die grossen karoling. Auseinandersetzungen um Vormacht und Reichsteile wurde C. als Grenzgebiet in den 830er Jahren und 840-843 einbezogen.

Im Zusammenhang mit dem Vertrag von Verdun 843 steht das Churrätische Reichsgutsurbar von ca. 840, das auf eine von der allg. Grafschaftsverwaltung getrennte Verwaltung des Königsguts schliessen lässt. Erkennbar ist auch eine königl. Verkehrsorganisation (teils röm. Ursprungs) mit der Hauptroute Maienfeld-Chur-Lenzerheide-Julier/Septimer-Bergell und der Engadinstrasse Zuoz-Ardez-S-charl-Münstertal-Vinschgau. 843 fiel C. durch den Vertrag von Verdun ans Ostfränk. Reich; das Bistum Chur wurde vom Erzbistum Mailand gelöst und Mainz unterstellt, was die nach 805 begonnene Germanisierung der kirchl. und weltl. Führungsschicht und des Rechts förderte. In karoling. Zeit erlebte C. seine kulturelle Hochblüte (Hauptträger Bistum Chur, Klöster Disentis, Müstair und Pfäfers). Als Bildungsstätte strahlte Chur nach St. Gallen aus. Die elegante rät. Schrift (z.B. des "Liber viventium" von Pfäfers) wurde ca. 820 von der karoling. Minuskel, die rät. Urkunde erst im 11.-12. Jh. von der dt. Siegel- und der ital. Notariatsurkunde verdrängt. Vom künstler. Glanz C.s im FrühMA künden v.a. die Klosterkirchen Müstair und Mistail sowie die Kapelle St. Benedikt in Mals (Vinschgau). Die im 8. Jh. in C. geschriebene "Lex Romana Curiensis" ist eine Bearbeitung der "Lex Romana Visigothorum"; sie widerspiegelt das rät. Gewohnheitsrecht nur in Fehl- und Umdeutungen. Bf. Remedius erliess um 800 kirchl. Gesetze ("Capitula Remedii"). Literarisch bemerkenswert ist z.B. die Luzius-Vita vom Ende des 8. Jh. Von ca. 850 bis 950 fliessen die Quellen spärlicher; C. verlor wohl an polit. und verkehrswirtschaftl. Bedeutung und wurde in das 917 errichtete neue Stammesherzogtum Schwaben einbezogen.

In der 2. Hälfte des 10. Jh. tritt C. wieder als Passland hervor, die Churer Bischöfe wurden Stützen der otton. Herrscher. Im 10. Jh. zerfiel C., wie spätere Quellen andeuten, in drei Grafschaften: Unterrätien bis zur Landquart, Oberrätien und Vinschgau (als Grafen v.a. Hunfride, Welfen, Bregenzer, Udalriche). Sie zerfielen im 12. Jh. Im Vinschgau setzten sich ab 1141 die Gf. von Tirol durch. In Ober- und Unterrätien ist vom 12. Jh. an eine Fülle von geistl. und weltl. Herrschaften, später von kommunalen Gebilden fassbar. Die Entwicklung von der karolingischen zur hoch- und spätma. Zeit und die Herrschaftsbildung sind komplex und aus Quellenmangel schwer zu erschliessen; am ehesten sind sie für die Klosterherrschaften fassbar. Die Entfaltung der bischöfl. Herrschaft ist trotz der otton. Schenkungen (Bergell, halbe Civitas Chur, Zoll-, Münz- und Steuerrechte usw.) nur z.T. bekannt. Einige Talschaften, z.B. das Oberengadin, lassen sich auf Ministerien des Reichsgutsurbars zurückführen. Im Raum Vaz/Obervaz ist die funktionale (nicht genealog.) Kontinuität von einem karoling. Benefizium zur Adelsherrschaft der Frh. von Vaz wahrscheinlich. Die spätma. Grafschaft Laax als heterogen zusammengesetzter Personenverband wurzelt institutionell im FrühMA. Evident sind die Kontinuität des Bistums Chur vom 4./5. Jh. bis heute, seine Zugehörigkeit zur Kirchenprovinz Mainz 843-1803/1818 sowie die sprachl. Kontinuität vom Vulgärlatein zum Rätoromanischen. Im Raum der ehemaligen oberrät. Grafschaft entwickelten sich im 14.-15. Jh. die Drei Bünde, aus denen im 19. Jh. der Kt. Graubünden herauswuchs.


Quellen
BUB 1-3
Literatur
HS I/1, 449-619
Churrät. und st. gall. MA, hg. von H. Maurer, 1984
Gesch. und Kultur C.s, hg. von U. Brunold, L. Deplazes, 1986
– O.P. Clavadetscher, «Zur Führungsschicht im frühma. Rätien», in Montfort 42, 1990, 63-70
– S. Grüninger Grundherrschaft im frühma. C., 2006
– R. Kaiser C. im frühen MA, 22008

Autorin/Autor: Lothar Deplazes