Rheinwald

Talschaft und Gerichtskreis GR, Bez. Hinterrhein. Oberste Talstufe im Einzugsgebiet des Hinterrheins mit der Rheinwaldhornkette (3402 m) als Talabschluss, die sich 25 km ostwärts durch die westl. Bündner Alpen zieht. Im Norden wird das Tal begrenzt durch die Splügner Kalkberge, Bären- und Chilchalphorn, im Süden durch die Tambo-Curciusa-Gruppe sowie die Surettahornkette. Nach Norden führen der Safier- und der Valserberg, nach Süden der Splügenpass (früher Urschler) und der San Bernardino (früher Vogelberg). Die fünf Dörfer Sufers, Splügen, Medels im R., Nufenen und Hinterrhein bilden geschlossene Siedlungen und liegen im Talgrund auf der linken Seite des Flusses. Als orograf. Schranke ermöglichte die Rofflaschlucht die Entwicklung einer Landschaft von besonderer Geschlossenheit und Eigenart. 1273 valle Reni, 1338 Rinwald. 1781 1'143 Einw.; 1850 1'274; 1900 899; 1950 822; 2000 758.

Bronze- und eisenzeitl. Funde wurden entlang der alten Saumpfade über Splügenpass und den San Bernardino entdeckt. Romanen besiedelten Sufers und Splügen bereits im HochMA vom Schamsertal aus, während die innere Talhälfte nur als Alp- und Weidegebiet genutzt wurde. Um 1265 wanderten Walser Kolonisten aus dem Formazzatal, aus Simpeln, Brig und dem Valle Maggia über den San Bernardino ein. Die Ansiedlung von deutschsprachigen Leuten erfolgte auf Betreiben der Frh. von Sax-Misox, welche die Grundrechte im inneren R. besassen. Das äussere Tal war im Besitz der Frh. von Vaz, die gegen Ende des 13. Jh. die ganze Talschaft in ihren Schirm und Schutz nahmen. 1337, nach dem Tod des letzten Vazers, ging das R. als Heiratsgut an die Gf. von Werdenberg-Sargans. Diese verkauften es 1493 an die Mailänder Grafenfamilie Trivulzio. Bereits 1400 gehörte das R., das schon 1362 als Comunis vallis Reni siegelt, dem Oberen oder Grauen Bund an. Erst 1616 wurde das Schirmverhältnis mit den Trivulzio gelöst, und nach Auskauf der Grundzinse und der Zölle bildete das Tal von 1636 an eine autonome Gerichtsgemeinde als Teil des Hochgerichts Schams/R. im Grauen Bund. Kirchlich gehörte das innere Tal mit der Pfarrei St. Peter (Hinterrhein, Nufenen, Medels) ursprünglich zum Stift S. Vittore im Misox, das äussere Tal (Splügen, Sufers) jedoch zur Grosspfarrei St. Martin im Schams. Die endgültige Ablösung und Verselbstständigung der fünf Gemeinden datiert kurz nach den Ilanzer Religionsgesprächen von 1526. Die Reformation dürfte Leonhard Seiler etwa um 1530 eingeführt haben. Mit Ausnahme der Kirche von Hinterrhein wurden alle heutigen Kirchen in der 2. Hälfte des 17. Jh. erbaut. Vom 15. Jh. an stellte der von der Port (Rod) R. gewährleistete Warentransit über den Splügen und San Bernardino neben einer bescheidenen Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle für die Bevölkerung dar. Die Port, die 1605 in eine innere und eine äussere Port aufgeteilt wurde, bestand bis 1861. Die Blütezeit des Transits begann im Anschluss an die Bündner Wirren gegen 1650 und dauerte bis zum Bau der Alpenbahnen im 3. Viertel des 19. Jh.; 1856 wurden 27'100 t Waren über den Splügen geführt, 1883 nur mehr ca. 1'000 t. 1799-1800 besetzten und plünderten österr. und v.a. franz. Truppen das Tal. 1818-23 wurden die Saumpfade über Splügen und San Bernardino zu befahrbaren Kommerzialstrassen ausgebaut, wodurch der Reiseverkehr einen Aufschwung erlebte. Zwischen 1940 und 1944 kämpften die Rheinwalder erfolgreich gegen einen von den Kraftwerken Hinterrhein geplanten Grossstausee, der das Tal weitgehend überflutet hätte. Die 1967 erfolgte Eröffung einer Teilstrecke der A13 und des Strassentunnels durch den San Bernardino, den in den ersten 25 Jahren beinahe 40 Mio. Fahrzeugen durchquerten, hatte v.a. im Hauptort Splügen einen Aufschwung des (Winter-)Tourismus zur Folge. 2000 waren über 93% der Bevölkerung des R.s deutsch- und weniger als 2% romanischsprachig.


Literatur
– W. Oswald, Wirtschaft und Siedlung im R., 1931
– P. Issler, Gesch. der Walserkolonie R., 1935
– P. Liver, Rechtsgesch. der Landschaft R., 1936
KDM GR 5, 1943, 251-275
– K. Wanner, Region R., Avers, 1990

Autorin/Autor: Kurt Wanner