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Reichenau (GR)

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Herrschaft, Schloss und Weiler am Zusammenfluss des Vorder- und Hinterrheins in der Gem. Tamins GR. Rätorom. La Punt. Der Name geht auf das Kloster R. am Bodensee zurück, das im FrühMA hier Herrschaftsrechte erwarb. Zusammen mit Tamins und Trin bildete R. im MA die Herrschaft Hohentrins mit der Burg Crap Sogn Barcazi als Zentrum. Bis 1428 gehörte die Herrschaft den Gf. von Werdenberg-Heiligenberg, dann den Herren von Hewen. 1568 erwarb sie Johann von Planta von Rhäzüns, 1583 Rudolf von Schauenstein. Nachdem Trin die Feudalrechte ausgekauft hatte, wurde R. 1616 Sitz der verkleinerten Herrschaft, nun Herrschaft R. genannt. Vermutlich entstanden erst mit der Verlegung des Herrschaftssitzes zu Beginn des 17. Jh. in R. Herrschaftsgebäude. Nach dem Aussterben der Schauenstein kam R. an die Buol von Schauenstein. Um 1755 wurden die Wirtschafts- und Wohngebäude unter Johann Anton Buol ausgebaut. 1792 verkaufte Johann Rudolf Buol die Herrschaft an ein Konsortium der Fam. Bavier, Vieli und Tscharner.

1793 verlegte Johann Baptista von Tscharner seine der Aufklärung verpflichtete Erziehungsanstalt von Jenins nach Schloss R. (Philanthropinum). Die Lehrer Johann Peter Nesemann und Johann Heinrich Zschokke verhalfen der Schule, die bis 1798 Bestand hatte, zu grossem Ansehen. Vorübergehend war auch Louis-Philippe I., der spätere Kg. von Frankreich, unter dem Pseudonym Monsieur Chabos als Lehrer auf Schloss R. tätig. 1803 hob die Mediation die Feudalrechte auf. 1820 gelangte das Schloss wieder an die Fam. von Planta, die ihm die heutige Gestalt mit Türmchen über einem Dreieckgiebel gab. Heute gehört Schloss R. einer Erbengemeinschaft der Fam. Tscharner. Es gilt als einzige im klassizist. Stil erbaute Herrenanlage der Region, die auch den Aussenraum mit Garten und Wirtschaftsgebäulichkeiten umfasst. Bemerkenswert sind der um 1820 eingerichtete Speisesaal im Hauptgebäude und ein kleiner Saal im Gartenflügel mit graziösem Rokokostuck an den Wänden.

Der Weiler R. verdankte seine Bedeutung seiner guten Verkehrslage am Zusammenfluss von Hinter- und Vorderrhein. Bis zum Bau zweier Brücken Ende des 14. Jh. dürfte ein Fährbetrieb existiert haben. 1399 ist erstmals eine Zollbrugg über den Vorderrhein erwähnt. Im 14. Jh. wurde eine Brücke über den vereinigten Rhein vom sog. Käppelistutz her bis unmittelbar unterhalb des späteren Schlosses R. errichtet. Um 1570 bestand in R. vermutlich nur ein Zollhaus, das auch als Gaststätte diente und sich wohl an der Stelle des heutigen Gasthofs Adler befand. Die Bedeutung des Brückenkopfs R. stieg durch die Aufgabe der Brücke bei Domat/Ems (sog. Punt'Arsa), die bis dahin den Verkehr der Lukmanier-Route aufgenommen hatte. 1755 gelang dem Appenzeller Baumeister Johannes Grubenmann in einer kühnen Konstruktion der Bau einer neuen gedeckten Brücke, die sich an der gleichen Stelle befand wie die heutige. 1799 schlugen die franz. Revolutionstruppen den Landsturm aus der Surselva bei R. vernichtend und setzten die Brücke in Brand. 1819 durch den Allgäuer Johann Stiefenhofer wieder erbaut, brannte die Brücke 1881 erneut ab und wurde durch eine Eisenkonstruktion ersetzt; in derselben Konstruktion wurde 1889 auch die Brücke über den Vorderrhein errichtet. 1896 erfolgte der Bau des Bahnhofs R.-Tamins der Rhät. Bahn auf dem Territorium von Domat/Ems.


Literatur
– K.A. Bieler, Die Herrschaft Rhäzüns und das Schloss R., 1916
Kdm GR 4, 1942, 23-26
– P.E. Müller, R., 1969

Autorin/Autor: Linus Bühler