• <b>Oberhalbstein</b><br>Ansicht der Landschaft Sotgôt (untere Talstufe, unterhalb des Waldes) des St. Galler Malers  Ivan Edwin Hugentobler.  Öl auf Leinwand, um 1917 (Fundaziun Capauliana, Chur). Der Standpunkt des Betrachters liegt in der Gegend von Cunter. Der Blick fällt auf den westlichen Hang des Juliertals mit den Dörfern Riom (unten rechts) und Parsonz (in der Mitte), hinter dem sich das Massiv des Piz Curvér erhebt. Die Burg des Landvogts, des Churer Bischofs, beherrschte mit dem charakteristischen Turm (unten rechts) die Julierpassstrasse, die ursprünglich am Westhang des Tals zwischen Tiefencastel und Savognin entlangführte.

Oberhalbstein

Talschaft und bis 1990 Kreis GR, Bez. Albula, die das 1000-3400 m hoch gelegene Einzugsgebiet der Julia oberhalb des Conterser Steins (rätorom. Crap Ses) umfasst. In der unteren Talstufe, Sotgôt (unterhalb des Waldes), liegen Cunter, Savognin und Tinizong östlich der Julia im Talgrund an der Durchgangsstrasse sowie Salouf und Riom-Parsonz am westl. Talhang. In der Talstufe oberhalb des Tinzener Waldes, Surgôt, befinden sich die Strassendörfer Rona, Mulegns und Bivio; Sur ist ein Haufendorf am östl. Talhang, Marmorera eine neue Siedlung oberhalb des gleichnamigen Stausees. 1258 Suprasaxo, 1359 Oberhalb dem Stain, rätorom. Surses (seit 1990 auch Name des Kreises). 1643 2'001 Einw.; 1850 2'675; 1900 2'321; 1950 2'787; 2000 2'360.

Im O. sind für die Bronzezeit vier Siedlungsplätze ebenso nachgewiesen wie die Gewinnung und Verhüttung von Kupfer. Das "Itinerarium Antonini" zeigt die röm. Strasse durchs O. mit der Station Tinnetione (Tinizong). Der Zugang von Norden her erfolgte auf der linken Talseite, vorbei an der mutatio (Herberge mit Stallungen) von Riom. Der Julierpass wurde mit zweirädrigen Karren befahren; auf der Passhöhe stand ein röm. Heiligtum. Frühröm. Siedlungsspuren auf der Passhöhe belegen, dass auch der Septimerpass begangen wurde. Das Churrät. Reichsgutsurbar (um 840) nennt eine taberna in Marmorera, ein stabulum in Bivio, Kirche und Dorf Riom sowie Tinizong. Riom mit seiner Burg (Mitte 13. Jh.) war Zentrum der Königsgüter, die über die Herren von Wangen-Burgeis 1258 an den Churer Bischof kamen. Bis ins 14. Jh. hatte der Bischof die Territorialhoheit im ganzen O. erlangt; er ernannte Vögte und Ammänner für das hohe und das niedere Gericht. Wichtigste einheim. Ministerialen waren die Herren von Marmels mit der gleichnamigen Burg bei Marmorera. Die im 13. und 14. Jh. vom Churer Kloster St. Luzi und bischöfl. Lehensherren v.a. in Höhenlagen angesiedelten Walser gingen in der rom. Bevölkerung auf. Die vier alten Pfarrkirchen standen in Salouf, Riom, Tinizong und Bivio. Die Reformation erfasste nur Teile von Bivio, das rege Kontakte zum Bergell, zu Avers und zum Engadin pflegte. Das restl. O. wurde von der Gegenreformation an von Kapuzinern pastoriert, die den Bau einer ganzen Reihe von Barockkirchen vorantrieben. 1367 schlossen sich die Talleute dem Gotteshausbund an. Bivio und Marmorera besassen ab Ende des 15. Jh. ein eigenes niederes Gericht und waren nur in Kriminalsachen dem Landvogt in Riom verpflichtet. Mit Avers bildeten sie die Gerichtsgemeinde Stalla-Avers, gehörten also nicht zur Gerichtsgemeinde O., das mit Tiefencastel zu einem Hochgericht zusammengeschlossen war. 1552 kaufte das Tal die bischöfl. Hoheitsrechte aus.

<b>Oberhalbstein</b><br>Ansicht der Landschaft Sotgôt (untere Talstufe, unterhalb des Waldes) des St. Galler Malers  Ivan Edwin Hugentobler.  Öl auf Leinwand, um 1917 (Fundaziun Capauliana, Chur).<BR/>Der Standpunkt des Betrachters liegt in der Gegend von Cunter. Der Blick fällt auf den westlichen Hang des Juliertals mit den Dörfern Riom (unten rechts) und Parsonz (in der Mitte), hinter dem sich das Massiv des Piz Curvér erhebt. Die Burg des Landvogts, des Churer Bischofs, beherrschte mit dem charakteristischen Turm (unten rechts) die Julierpassstrasse, die ursprünglich am Westhang des Tals zwischen Tiefencastel und Savognin entlangführte.<BR/>
Ansicht der Landschaft Sotgôt (untere Talstufe, unterhalb des Waldes) des St. Galler Malers Ivan Edwin Hugentobler. Öl auf Leinwand, um 1917 (Fundaziun Capauliana, Chur).
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Haupterwerbsquelle war die Viehzucht, im unteren O. ergänzt durch Getreidebau zur Selbstversorgung. Die Streitigkeiten um Nutzungs- und Hoheitsrechte im Seitental Val Nandro zogen sich bis ins 20. Jh. hin. Der Neubau des Hospizes um ca. 1100 und das im späten 14. Jh. erstellte, einige Jahrzehnte bestehende Fahrsträsschen förderten den Transitverkehr über den Septimer, den die Porten (Transportgenossenschaften) Tinizong (ab 1706 O.) und Bivio kontrollierten. Die Obere Strasse verlor nach 1473 an Bedeutung wegen des Ausbaus der Strasse durch die Viamala Richtung Splügen und San Bernardino. Bis ins 19. Jh. wurde im O. etwas Bergbau betrieben (v.a. Eisen). Die Fahrstrasse über den Julier wurde 1820-26 angelegt, das nördlich anschliessende Stück durch das O. 1834-40. Die beiden Gerichtsgemeinden O. und Stalla wurden 1851 zum Kreis O. vereinigt, womit sich polit. und geogr. Grenzen deckten. Die Albulabahn brachte 1903 einen Rückgang des Transitverkehrs, den das Aufkommen der Autos und der Ausbau der Julierstrasse in den 1930er Jahren wieder wettmachten. Die Anlage der Julia-Kraftwerke mit dem Stausee Marmorera wurde 1945 in Angriff genommen. Um 1960 setzte der Aufschwung des Wintertourismus in Bivio und Savognin, dem heutigen Zentrum des Tales, ein. 2000 waren ca. 55% der Bevökerung des O.s romanisch-, 38% deutsch- und 6% italienischsprachig.


Literatur
Kdm GR 3, 1940, 225-314
– L. Schmid, Graubünden: Gesch. seiner Kreise, 1971, 152 f.
– A. Planta, Verkehrswege im alten Rätien 2, 1986, 97-153

Autorin/Autor: Jürg Simonett