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Misox

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Auf der Alpensüdseite gelegenes Tal im Kt. Graubünden (ital. Mesolcina), durch das die Moesa fliesst. Nach Süden öffnet sich das M. gegen den Tessin, östlich grenzt es an Italien, westlich an die Riviera und das Calancatal, im Norden an das Rheintal. Das M. umfasst 374,3 km2 und reicht von 260 m in der Ebene von San Vittore bis auf 3279 m des Pizzo Tambò. 1802 3'104 Einw.; 1850 4'570; 1900 4'579; 1950 5'333; 2000 6'662. Dazu gehören die Gem. Mesocco, Soazza und Lostallo im Kreis Mesocco, Cama, Verdabbio, Leggia, Grono, Roveredo und San Vittore im Kreis Roveredo. Es wird italienisch gesprochen und die Bevölkerung ist mehrheitlich katholisch; eine Annäherung an die Reformation unterband die Pastoralvisite von Bf. Karl Borromäus 1583 nachhaltig.

Ab dem 12. Jh. stand das M. unter der Herrschaft der auf der Burg Mesocco residierenden Edeln von Sax. 1480 verkaufte Gf. Johann Peter von Sax die Herrschaft mit allen Rechten und Besitzungen an Gian Giacomo Trivulzio. Dessen Regentschaft und die seines Nachfolgers Gian Francesco Trivulzio dauerte bis 1549, als sich die Misoxer von den letzten Herrschaftsrechten loskauften und ihre Freiheiten erlangten. Während der Herrschaft der Trivulzio prägte während 50 Jahren eine Münzwerkstätte in Roveredo Gold- und Silbermünzen. 1480 schlossen sich Soazza und Mesocco aus eigenem Antrieb dem Grauen Bund an, während die übrigen Talgemeinden zusammen mit dem Calancatal erst am 4.8.1496 beitraten. Von nun an hing das Schicksal des M. eng mit demjenigen der Drei Bünde bzw. später des Kt. Graubünden zusammen. Schon zur Zeit der Herren von Sax war das Hochgericht M. in die zwei Gerichtsgemeinden Mesocco und Roveredo geteilt worden; für die Verwaltung wurden die drei Squadren Mesocco, di Mezzo (Soazza, Lostallo, Cama, Verdabbio und Leggia) und Roveredo (Grono, Roveredo und San Vittore) eingerichtet. Höchste gesetzgebende Gewalt war die Centena, die öffentl. Versammlung aller Gemeindebürger von M. und Calanca, die alljährlich am 25. April in Lostallo stattfand. Die exekutive Gewalt übte der Generalrat des Tals aus. Das Talgericht bestand aus 30 Geschworenen.

Bereits im MA wurde das M. von einer Transitstrasse durchquert, die den Süden mit dem Norden Europas verband. Um die Mitte des 18. Jh. wurde sie verbreitert. 1818-22 baute man unter der Leitung des Tessiner Ingenieurs Giulio Pocobelli die neue Strasse über den San Bernardinopass zwischen Bellinzona und Chur. Heute führt die Halbautobahn A13 durch das Tal und verbindet mit einem Tunnel zwischen San Bernardino und Hinterrhein den Kt. Tessin mit dem übrigen Graubünden. Über den Passo San Jorio gelangt man an den Comersee, der ehem. Saumpfad des Val de la Forcola führt ins Valchiavenna. 1907-72 wurde der öffentl. Verkehr im Tal durch die elektrifizierte Schmalspurbahn Bellinzona-Mesocco bedient; heute bestehen Postautoverbindungen.

Das M. ist reich an Laub- und Nadelbaumwäldern, die früher für Holzlieferungen in die Lombardei stark genutzt wurden. Land-, Vieh- und Weidewirtschaft, früher intensiv betrieben, nahmen ab und konzentrieren sich heute auf bestimmte Gebiete: Rebbau im unteren M., Rinder- und Ziegenhaltung mit Alpbestossung im oberen M., sowie Schafzucht. Bereits Ende des 15. Jh. gab es eine starke Emigration aus dem M. nach ganz Europa (Kaminfeger, Baumeister, Stuckateure, Glaser, Flachmaler). Um 1950 begannen die Arbeiten zur Nutzung der Wasserkraft; in Betrieb sind die Elektrizitätswerke von Ara bei Soazza und von Lostallo. Auch einige Unternehmen der Metall- und Plastikverarbeitung, der Bekleidungsindustrie sowie mehrere Baufirmen liessen sich im Tal nieder. Vom lokalen Kunsthandwerk überlebte nur wenig. Dagegen nimmt der Pendlerstrom in die Agglomeration Bellinzona zu. Das M. verfügt über zwei Sekundarschulen in Mesocco und Roveredo, einige Realschulen und das Kollegium S. Anna in Roveredo. Dort befindet sich auch das Alters- und Pflegeheim Ricovero Immacolata, weitere Altersheime stehen in Mesocco und Grono. Tourismus entwickelte sich v.a. in San Bernardino, aber auch auf der Alp Laura bei Roveredo.


Literatur
– F.R. Tagliabue, Studio sulla organizzazione amministrativa della valle Mesolcina, 1960
– P. Mantovani, La strada commerciale del San Bernardino, 1988

Autorin/Autor: Cesare Santi / SK