• <b>Burgunder</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 9; A. Furger et al., Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter, 1996, 51  © 2002 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Burgunder

Die B. (Burgundiones) werden erstmals von Plinius dem Älteren (gestorben 79 n.Chr.) als Teil der vandalischen Völkergruppe erwähnt. Ptolemaios nennt sie in der 2. Hälfte des 2. Jh. als östl. Nachbarn der Semnonen.

1 - Frühgeschichte (bis 436)

Die durch die Goten ausgelösten Wanderbewegungen (Völkerwanderung) führten Teile der B. bis an das Schwarze Meer, der Hauptteil siedelte links der mittleren Oder. In den 270er Jahren traten burgund. Abwanderer erstmals mit den Römern in Berührung. Vom Ende des 3. Jh. an nahm eine grössere Gruppe die von den Alemannen nach deren Limesdurchbruch (259/260) aufgegebenen Gebiete der Rhein-Main-Gegend ein. Die Feindschaft zu den Alemannen liess die B. das Bündnis mit den Römern suchen. Ein gemeinsamer römisch-burgundischer Feldzug gegen die Alemannen scheiterte 369/370, weil die Römer in der unerwartet hohen Zahl von burgund. Kriegern eine Bedrohung erblickten. Ende des 4. Jh. verdrängten die B. die Alemannen aus dem Gebiet zwischen Taunus und Neckar und erreichten den Rhein, den sie in ihrer Hauptmasse 406/407 im Gefolge des Vandalen-, Sueben- und Alaneneinfalls überschritten. Als Föderaten mit der Sicherung der Rheingrenze betraut, unterstützten die B. unter dem Befehlshaber Gundahar die Erhebung des Jovinus (411) in der Provinz Germania Secunda, begleiteten ihn nach Südgallien und erhielten nach seinem Tod (413) als Föderaten "einen Teil Galliens nahe dem Rhein", das erste burgund. Reich, das wahrscheinlich am Mittelrhein (Worms) und nicht am Niederrhein zu lokalisieren ist. Um 430 besiegten rechtsrhein. B. eine hunnische Abteilung, gerieten aber bald darauf unter die hunnische Vormacht und übernahmen während dieser Zeit die für die Hunnen charakterist. Mode der Schädeldeformation. 436 bereiteten die wohl mit Flavius Aëtius verbündeten Hunnen dem Burgunderreich am Mittelrhein und seinem Kg. Gundahar den Untergang (Stoff des Nibelungenliedes).

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

2 - Von der Ansiedlung in der Sapaudia (443) bis zum Untergang des altburgundischen Reiches (532/534)

Die Reste der B. wurden 443 von Aëtius in der Sapaudia angesiedelt. Die Namenskontinuität zu Savoyen bedeutet nicht die geogr. Identität. Nach neueren Forschungen ist an den Raum zwischen Ain, Rhone, Genfersee, Jura und Aare, d.h. den Südteil der Maxima Sequanorum, bzw. an die drei Civitates Genava, Colonia Iulia Equestris und Aventicum, d.h. an eine Ausdehnung bis zum Hochrhein im Raum der Aaremündung, zu denken. Mit der burgund. Ansiedlung bezweckte Aëtius wohl weniger, eine alemann. Siedlungsbewegung im Schweizer Mittelland zu bremsen, als vielmehr die Alpenpässe und die Rhein-Rhone-Verbindung zu sichern und über eine zusätzl. Eingreifreserve für die Kämpfe in Gallien zu verfügen.

<b>Burgunder</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 9; A. Furger et al., Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter, 1996, 51  © 2002 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Die Burgunder

Schon 451 kämpften die B. in der Schlacht auf den Katalaun. Feldern gegen die Hunnen. 456 unterstützten sie unter ihren erstmals erwähnten Kg. Gundowech und Chilperich den Ks. Avitus im Kampf gegen die Sueben in Spanien. Sie erweiterten 457 ihr Herrschaftsgebiet nach Südwesten in den Rhone-Saône-Raum und besetzten 461 definitiv Lyon. Nach dem Tod Gundowechs (470) setzte Chilperich die Südexpansion fort. 478 wurde die Südgrenze des Reichs am südfranz. Fluss Durance durch Vertrag mit den Westgoten festgelegt. Im Norden verdrängte Chilperich die Alemannen aus Langres und Besançon. Bei seinem Tod (480) hatte das Burgunderreich seine grösste Ausdehnung erreicht. Seine vier Söhne teilten es in der Weise, dass Gundobad die Herrschaft als Oberkönig mit Sitz in Lyon erhielt, Godegisel, Chilperich II. und Godomar Unterkönige mit den Sitzen in Genf und vielleicht in Valence und Vienne wurden. Ende des 5. Jh. gerieten die B. zunehmend unter den Druck der Franken im Norden sowie der West- und Ostgoten im Süden. Durch ein doppeltes Ehebündnis - Gundobads Sohn Sigismund heiratete 492/494 Ariagne, die Tochter des ostgotischen Kg. Theoderich des Grossen, während Chrodechild, die Tochter Chilperichs II., 492/493 vom fränkischen Kg. Chlodwig I. geehelicht wurde - versuchte Gundobad, sich nach beiden Seiten abzusichern. Doch im Streit der Könige von Lyon und Genf im Jahr 500 griffen die Franken zugunsten des Genfer Kg. Godegisel und die Westgoten zugunsten Gundobads ein. Trotz seines Sieges bei Dijon (500) unterlag schliesslich Godegisel gegen Gundobad, der mit westgot. Hilfe sein Reich zurückeroberte, sich dann aber 506/507 mit dem ehemaligen Gegner Chlodwig I. gegen die von Theoderich dem Grossen geschützten Alemannen und Westgoten verbündete.

Als Gundobad 516 starb, folgte ihm sein ältester Sohn Sigismund. Dieser war zwischen 501/502 und 507 vom Arianismus zum Katholizismus übergetreten, was die burgundisch-ostgotischen Spannungen verstärkte. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, dass Sigismund 522 seinen Sohn Sigerich, den Enkel Theoderichs des Grossen, ermordete, weil er ihn des Komplotts mit Theoderich verdächtigte. Die merowing. Könige benutzten dies als Anlass, fielen in Burgund ein und eroberten den Norden des Reichs, während Theoderich das Gebiet zwischen den Flüssen Durance und Isère besetzte (523). Sigismund, der in dem von ihm gegründeten Kloster Saint-Maurice Zuflucht suchen wollte, wurde den Franken ausgeliefert und von Kg. Chlodomer getötet. Den zweiten Eroberungsversuch der Merowinger konnte der inzwischen zum Kg. der B. erhobene Godomar 524 abwehren (Schlacht bei Vézeronce, östl. von Vienne), doch unterlag er 532 den erneut angreifenden Franken bei Autun. Dies bedeutete das Ende des altburgund. Reichs. 534 teilten die Merowinger das Burgunderreich in der Weise, dass Theudebert, der Reimser König, ganz Nordburgund mit Langres, Besançon, Autun und Chalon sowie in der Schweiz Aventicum-Vindonissa und Octodurus erhielt, Childebert, der Kg. von Paris, den Kernraum mit Lyon, Mâcon, Vienne, Grenoble sowie vielleicht Genf und Tarentaise, und Chlothar, der Kg. von Soissons, wahrscheinlich den Süden bis zur Durance. In der Folge teilte Burgund das Geschick des Frankenreichs.

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

3 - Bevölkerung und Siedlung, Archäologie und Sprache

Über die Anzahl der im Jahr 443 in der Sapaudia angesiedelten B. gehen die Meinungen weit auseinander. Aus den Angaben über die angeblich 80'000 burgund. Krieger, die 370 den Römern am Rhein zur Hilfe kamen, über die 20'000 Menschen, die 436 gefallen sein sollen, bzw. die 3'000 rechtsrhein. B., welche die Hunnen besiegten, wurde einst eine masslos hohe "Volkszahl" der B. errechnet, woran sich die Vorstellung einer massiven Volkssiedlung und Landnahme knüpfte. Aus dem Vergleich mit anderen barbar. Gruppen, die als Föderaten angesiedelt wurden, und den Schätzungen der übrigen germ. Völker ergeben sich weit geringere Zahlen in einem Grössenbereich zwischen 25'000 (davon 5'000 Krieger) und 5'000-10'000 (davon 1'000-2'000 Krieger). Auf der Grundlage der Gräberfelder wurde von archäolog. Seite die Gesamtbevölkerung des Königreichs Burgund auf 300'000-500'000 Personen geschätzt (davon ca. 80'000-100'000 für die Westschweiz), bei einer Gesamtausdehnung des Reichs von ca. 50'000-60'000 km². Für den Raum der Sapaudia würde die Zahl der im Jahr 443 einquartierten B. immerhin ein Viertel bis ein Drittel bzw. bei Minimalschätzung 10% der Gesamtbevölkerung ausmachen, im ganzen Königreich Burgund indessen höchstens 5-10% bzw. minimal unter 1%.

Die burgund. Truppen wurden 443 in der Sapaudia und 457 in der Provinz Lugdunensis wohl nach den gesetzl. Vorgaben für die Einquartierung des röm. Heeres als hospites (d.h. im Gastverhältnis) aufgenommen. Möglicherweise wandelte sich dieses Einquartierungssystem über eine Phase der Übertragung von Steueranteilen, wobei die Besitzverhältnisse nicht angetastet wurden, zur Realteilung, die sich im Teilungsmodus der "Lex Burgundionum" (Burgunderrechte) widerspiegelt. Demnach standen den B.n zwei Drittel des Ackerlandes, ein Drittel der Sklaven sowie die Hälfte von Haus, Hof, Garten, Wald und Weide zu.

Da die B. äusserst rasch mit der rom. Grundbevölkerung verschmolzen und sich in ihrem Reich kein eigenständiges burgund. Handwerk entwickelte, bleibt der archäolog. Nachweis burgund. Bevölkerungsgruppen schwierig. Streng zu trennen sind der polit. Herrschaftsraum, der sich infolge der Expansion des 5. Jh. schliesslich auf ca. 32 Civitates ausdehnte, der Kulturradius, der sich - greifbar v.a. für die Merowingerzeit - in der rom. Trachtprovinz Burgund widerspiegelt, und die engeren Siedlungsräume mit burgund. Bevölkerungssplittern. Diese sind archäologisch insbesondere im Raum um Genf bzw. im Bereich der Sapaudia nachgewiesen. Kennzeichnend sind besondere Trachtbestandteile wie frühe germ. Vogelkopf- und Bügelfibeln, Eisenhalsringe, Körbchenohrringe, ferner Metallspiegel östl. Herkunft und künstl. deformierte Schädel, die beide auf den Kontakt der rechtsrhein. B. mit den Hunnen zurückgeführt werden. Nach Ausweis der Gräberfelder von Sézegnin und Monnet-la-Ville haben die B. mit den Romanen die Bestattungsplätze geteilt. Das frühma. Fundgut lässt sich nicht als spezifisch burgundisch nachweisen, sondern gehört wie etwa die Reliquiarschnalle von Monnet-la-Ville zu den zahlreichen Trachtbestandteilen, darunter den bronzenen Gürtelschnallen mit figürl. Darstellungen (Danielschnallen), die sich in fränk. Zeit in Nordburgund, d.h. im westschweiz. Mittelland, im Jura, Saônetal und in der Freigrafschaft Burgund finden. Sie stammen wohl aus den einheimischen rom. Werkstätten, weshalb von einer rom. Trachtprovinz Nordburgund zu sprechen ist. Einen Hinweis auf burgund. Bevölkerungssplitter bieten auch die im Raum der südl. Sapaudia und in der Nähe der Städte des Rhonetals gefundenen, aus der Zeit der burgund. Herrschaft datierenden Inschriften mit germ., häufig burgund. Namen.

Schwierig abzuschätzen sind die sprachl. Auswirkungen der burgund. Ansiedlung bzw. Herrschaft auf das Romanische. Die wenigen burgund. Sprachquellen lassen nicht eindeutig erkennen, ob das Burgundische zum Ost- oder Westgermanischen zu rechnen ist. Gewisse Parallelen zum Gotischen werden mit der gemeinsamen nordgerm. Herkunft erklärt. Von sprachwiss. Seite abgelehnt worden sind Versuche, aus den überlieferten Personennamen burgund. Wörter und aus dem Südostfranzösischen eine burgund. Grammatik zu rekonstruieren. Auf Ablehnung gestossen ist auch die These, dass die auf -ens, -ans (-ingos) endenden Ortsnamen den B.n, die auf -enge(s), -ange(s) (-ingas) endenden aber den Franken bzw. Alemannen zuzuschreiben seien. Gleiches gilt für die Herleitung der meisten, angeblich spezifisch burgund. Rechtswörter und für die Annahme von ca. 50-70 Lehnwörtern im Frankoprovenzalischen. Lassen sich die charakterist. -ingen-Ortsnamen in ihren versch. Ausprägungen nicht eindeutig bestimmten ethn. Gruppen zuordnen, sondern nur in den grösseren Zusammenhang mit dem merowingerzeitl. Landesausbau des 6./7. Jh. stellen, dann ist auch daraus kein unmittelbarer Einfluss der B. auf die Ausbildung der dt.-franz. Sprachgrenze in der Westschweiz abzuleiten. Allenfalls ist die Verbreitung der -ingos-Namen bis zur Saane und in den Berner Südwestjura Zeichen für "ein sprachl. Nachleben burgund. Elemente in rom. Mund" (Stefan Sonderegger).

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

4 - Verfassung und Recht, Sozialstruktur und Wirtschaft

Das Rhonereich der B. war kein strikter Zweivölkerstaat. Die 517 von Kg. Sigismund (neu) herausgegebene, auf dem Gesetzbuch seines Vaters Gundobad beruhende Gesetzessammlung ("Liber Constitutionum" - "Lex Burgundionum") hält die ethn. Scheidung zwischen Burgundiones und Romani im Wesentlichen nur aufrecht im Zusammenhang mit den Bestimmungen über die Ansiedlung und Integration der neuen Bevölkerungsgruppen in den von den Königen beherrschten röm. Provinzen und deren Gesetzesfolgen. Die wohl auch erst unter Sigismund abgefasste "Lex Romana Burgundionum" war eher als handl. Zusammenfassung des provinziellen röm. Rechts und Ergänzung des "Liber Constitutionum" gedacht, denn als Rechtsbuch der "Römer". B. und Romanen waren im burgund. Reich rechtlich gleichgestellt, konnten als comites und iudices richterliche und Verwaltungsfunktionen ausüben sowie den Heeresdienst leisten; Eheverbindungen zwischen B.n und Romanen waren ebenfalls gestattet. Die soziale und ständ. Gliederung war für beide ähnlich. Die burgund. Ansiedlung änderte an der Sozial- und Wirtschaftsstruktur, an der landwirtschaftl. Technik und Betriebsweise wohl kaum etwas. Die Kolonen und Unfreien blieben den Grundherren untertan. Ob der zunehmende Holzbau, der selbst bei Kirchenbauten in Genf im 6. Jh. nachzuweisen ist, auf ein traditionell, insbesondere von den rechtsrhein. B. im 5. Jh. geübtes Gewerbe zurückgeht und überhaupt ursächlich direkt mit den B. in Zusammenhang zu bringen ist und nicht vielmehr mit einem generellen Wandel der Wirtschaftsweise, ist noch nicht geklärt. Auch das Handwerk verblieb offenbar im Unfreienstand, wenngleich die unterschiedl. Wergelder eine soziale Aufwertung der Metall verarbeitenden Handwerke erkennen lassen. Ihre hochwertigen Erzeugnisse, insbesondere die Gürtel- und Reliquiarschnallen aus Nordburgund, zeigen deutlich die Spuren einheimischer rom. Werkstatttraditionen und Verbindungen zum mediterranen Raum. Im Geldverkehr verwendeten die B. Münzen, die als bewusste Imitationen der solidi und tremisses der oström. Kaiser gestaltet sind und lediglich die Monogramme der burgund. Könige aufweisen. Geprägt wurde in der Hauptresidenz Lyon, aber offenbar auch in Valence und in Genf, den Sitzen der Unterkönige.

Zweifellos begünstigte die rechtl. und soziale Gleichstellung die rasche Assimilation genauso wie die rechtl. Doppelstellung des Königs. Die Könige der zweiten Dynastie, die vielleicht westgot. Abstammung war, waren einerseits röm. Amtsträger (magister militum, patricius), die im kaiserl. Auftrag den Schutz über die Römer innerhalb ihres Herrschaftsbereichs übernommen hatten, andererseits waren sie reges Burgundionum. Die Verlegung der Residenz von Genf nach Lyon unter Gundowech um 461 führte nicht, wie bei den Merowingern, zu einer Realteilung mit seinem Bruder Chilperich, sondern zu einem System mit einem in Lyon residierenden Hauptkönig und andern Herrschern im Range von Unterkönigen, die in der innern Verwaltung durchaus selbstständig waren, mit Sitz in Genf namentlich Chilperich I., Godegisel und Sigismund. Im Bruderzwist zwischen Godegisel und Gundobad wurde Genf um 500 anscheinend niedergebrannt. Wenig später bekundet eine Inschrift die Restaurierung der Stadtmauer durch Gundobad, doch hat insbesondere Sigismund wichtige Anstösse zum Wiederaufbau gegeben. Seinerzeit wurden wahrscheinlich die nördl. Kathedralkirche (Saint-Pierre) erweitert und mehrere suburbane Kirchen gebaut. Neben den Königssitzen sind nur wenige Aufenthaltsorte der burgund. Könige bezeugt, so Carouge, wo Sigismund zum König erhoben worden ist, oder Ambérieu-en-Bugey, wo Gundobad 501 und Godomar 524 anlässlich von Reichsversammlungen Gesetze erliessen. An der Reichsverwaltung waren von Anfang an Romanen, insbesondere Angehörige des Senatorenadels, führend beteiligt, so unter Chilperich I. der von Sidonius Apollinaris als novus Burgundionum Solon gepriesene Syagrius. Während die röm. Provinzordnung zusammengebrochen war, lebten die Civitates als Kernelemente der lokalen Verwaltung fort; ihre Leitung übernahmen burgundische bzw. rom. comites. Zur Zeit seiner grössten Ausdehnung gehörten 32 Civitates zum burgund. Reich, verteilt über die Provinzen Lugdunensis Prima, Maxima Sequanorum, Viennensis, Narbonensis Secunda, Alpes Graiae und Alpes maritimae nördlich der Durance.

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

5 - Christianisierung, Arianismus und Katholizismus

Nach den übereinstimmenden, aber umstrittenen Aussagen der spätantiken Kirchenhistoriker Orosius und Sokrates waren zumindest Teile der mittel- und rechtsrheinischen B. kath. Christen. Die Könige der zweiten Dynastie - bezeugtermassen Gundobad, Sigismund und Godomar vor ihrer Konversion sowie Godegisel - waren Arianer, möglicherweise aufgrund der von Gregor von Tours behaupteten westgot. Abstammung bzw. der politisch-religiösen Anlehnung an die Westgoten. Da gleichzeitig viele Frauen des Königshauses (Caretene, Saedeleuba/Chrona, Chrodechilde) katholisch waren, zudem der Burgunder Hymnemodus als Abt in Grigny (bei Vienne) und in Saint-Maurice bezeugt ist, wird anzunehmen sein, dass viele B. im 5. Jh. wohl katholisch waren, die Könige und die Oberschicht in der Generation Gundowechs und Gundobads aus polit. Erwägung hingegen Arianer. Die arian. Kirche unterstand ganz der Obhut der Könige. Auch gewaltsame Umwandlungen kath. Kirchen in arianische sind vorgekommen. Neben den Arianern gab es insbesondere in Genf die einer adoptianist. Christologie anhängenden Bonosianer. Die kath. Kirche fand selbst unter den arian. Königen nicht nur Duldung, sondern auch Unterstützung. Schon 463 wurde Kg. Gundowech durch Papst Hilarius in Die in kirchl. Angelegenheiten hineingezogen. Chilperich I. stattete das Jurakloster Saint-Claude mit Gütern aus. Saedeleuba, die Tochter Chilperichs II., überführte um 500 die Gebeine des Thebäers Victor von Solothurn nach Genf. Gundobad und Sigismund standen unter dem starken Einfluss des Avitus von Vienne. Avitus' Einfluss führte zu Sigismunds Übertritt zum Katholizismus (zwischen 502 und 507) und wenig später zu jenem seines Bruders Godomar. Sigismund trat eifrig für die kath. Kirche ein, reiste zu Papst Symmachus (gestorben 514) nach Rom, von wo er viele Reliquien mitbrachte und in Burgund verteilte. Er stellte in Genf die im Bruderkrieg von 500/501 zerstörte Kirche wieder her und gründete 515 am Grab des hl. Mauritius in Acaunum die Abtei Saint-Maurice und stattete sie mit reichem Besitz im Wallis, Waadtland und in Burgund aus. Nach byzantin. Vorbild richtete Sigismund in Saint-Maurice die laus perennis ein, den ewigen Psalmengesang, der für viele Klöster Galliens vorbildhaft werden sollte. 517 versammelten sich in Epao (vielleicht Saint-Romain d'Albon, südl. von Vienne) die Bischöfe von Sigismunds Herrschaftsgebiet zu einem Konzil, das wie das westgot. Konzil in Agde (506) und das fränk. in Orléans (511) als Reichskonzil gelten kann. Unter den 24 Bischöfen, welche die Akten des Konzils unterzeichneten, waren auch jene von Besançon, Vindonissa, Genf, Octodurus und Tarentaise. Das ganze Gebiet zwischen Genfersee und Hochrhein gehörte damals offenbar zum burgund. Herrschaftsbereich.

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

6 - Nachwirkung

Der auf die B. zurückgehende Landesname Burgund ist über versch. Etappen von dem merowingisch-fränkischen Teilreich über die Königreiche Nieder- und Hochburgund des 9. Jh., das Königreich Burgund (Zweites Königreich) des 10.-11. Jh., das Herzogtum, die Freigrafschaft, die Landgrafschaften Burgund und auch über die sog. burgund. Eidgenossenschaft des Hoch- und SpätMA bis hin zur modernen Region Bourgogne bewahrt geblieben. Er dürfte als Symbol eines regionalen Eigenbewusstseins Bedeutung gehabt haben, ohne dass die Abstammung eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Schon Mitte des 8. Jh. wird unter der gens Burgundionum die gesamte Bevölkerung des fränk. Teilreichs verstanden. Nur in wenigen Gruppen des hohen Adels scheint bis ins 7. Jh. das Bewusstsein vorhanden gewesen zu sein, im engeren Sinne von den B.n abzustammen. Zeugen dafür sind die als "altburgundisch" erkennbaren Faktionen in den Adelskämpfen der spätmerowing. Zeit. Das burgund. Königtum lebte in der Gestalt des schon im 6. Jh. als Märtyrer verehrten Sigismund fort. 535/536 holten die Mönche von Saint-Maurice die Reste ihres Klostergründers in die Johanneskapelle (heute Saint-Sigismond) von Saint-Maurice. Von hier aus verbreitete sich der Kult des ersten hl. Königs des MA, besonders vom 11. Jh. an, in der Schweiz und den benachbarten Gebieten.

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

Quellen und Literatur

Literatur
HbSG, v.a. 95-101
Reallex. der germ. Altertumskunde 4, 1981, 224-271, (mit Lit.)
LexMA 2, 1092-1097, (mit Lit.)
– I. Wood, «Ethnicity and the Ethnogenesis of the Burgundians», in Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Bayern 1, hg. von H. Wolfram, W. Pohl, 1990, 53-69
– R. Krieger, Unters. und Hypothesen zur Ansiedlung der Westgoten, B. und Ostgoten, 1992
LThK 2, 808-810
– P. Amory, «Names, ethnic identity and community in fifth- and sixth-century Burgundy», in Viator 25, 1994, 1-30
Les Burgondes, hg. von H. Gaillard de Semainville, 1995
– A. Furger et al., Die Schweiz zwischen Antike und MA, 1996
Les pays romands au Moyen Age, hg. von A. Paravicini Bagliani et al., 1997, v.a. 31-36, 103-107
– S. Esders, Röm. Rechtstradition und merowing. Königtum, 1997
– J. Favrod, Histoire politique du royaume burgonde (443-534), 1997
– B. Schilling, «Ansemundus dux, das Ende des Burgunderreichs und der Senat von Vienne», in Archiv für Diplomatik 46, 2000, 1-47
– J. Favrod, Les Burgondes, 2002
– W. Pohl, Die Völkerwanderung: Eroberung und Integration, 2002, 152-165
– R. Kaiser, «L'entourage des rois du regnum Burgundiae aux époques burgonde et mérovingienne», in Actes du colloque "L'entourage des princes", hg. von J.L. Kupper, A. Marchandisse, (in Vorb.)