07/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken

Germanen

Ursprünglich vielleicht durch kelt. Nachbarn geprägter Sammelname für eine sprachl. und kulturelle Bevölkerungsgruppe um Nord- und Ostsee. Caesar bezeichnet um 50 v.Chr. - sicher vereinfachend - den Rhein als Grenze zur Germania. Nach Strabo (1. Jh. v.Chr.) waren die G. mit den Kelten verwandt; sie seien jedoch noch wilder, grösser und blonder gewesen als diese. Tacitus (1. Jh. n.Chr.) schreibt den G. einen gemeinsamen myth. Ursprung zu. Die G. selber verstanden sich dagegen nie als Einheit. Da sie vor ihrem Eintritt in die röm. Welt keine eigenen Textquellen hinterliessen, beruhen unsere Vorstellungen nur auf externen, v.a. röm. Quellen und auf Erkenntnissen der Archäologie.

Das Gebiet der Schweiz lag jahrhundertelang im Grenzraum zwischen der kelt.-röm. und der germ. Welt. Bevölkerungszunahme, Klimaverschlechterung, aber auch die Attraktivität der röm. Kultur - ab dem 1. Jh. n.Chr. in Form importierter Luxuswaren fassbar - gelten als Hauptursachen für wiederholte Südwanderungen von G., die sich z.T. erst in diesem Zuge zu Stämmen formierten (Völkerwanderung). Auf die wiederholten Vorstösse der Alemannen im 3. und 4. Jh. reagierten die röm. Kaiser mit dem Ausbau der Verteidigungslinien (Limes). Ausserdem setzten sie germ. Söldner zunächst bei den röm. Hilfstruppen, dann im mobilen Feldheer ein, und siedelten schliesslich auch grössere germ. Bevölkerungsteile geschlossen auf Reichsgebiet an, wobei sie ihnen Verteidigungsaufgaben übertrugen. Hohe germ. Offiziere heirateten ab dem 4. Jh. in die spätantike Reichsaristokratie ein; die germ. Oberschichten und die Reichsaristokratie verschmolzen so zu einem neuen Militäradel.

Nach verlorenem, sagenumwobenem Krieg gegen Hunnen und Römer wurden die Burgunder um 438/443 unter Vertrag genommen und um den Genfersee (Sapaudia) angesiedelt, wo sie sich innerhalb von zwei bis drei Generationen an die galloröm. Kultur anpassten und auch die lat. Sprache übernahmen. 534/537 brachten die Franken, die im nördl. Gallien schon Ende des 4. Jh. teilweise in die röm. Verteidigungsorganisation miteinbezogen worden waren, die nordalpinen Gebiete der Schweiz unter ihre Herrschaft (Frankenreich). Langobarden, die vom Donauraum aus 568 nach Italien eingedrungen waren, nahmen auch Teile des Tessin in Besitz. Den Alemannen gelang es dagegen vorderhand nicht, im röm. Reichsgebiet dauerhaft Fuss zu fassen. Erst ab dem 7. Jh., schon unter fränk. Vorherrschaft, siedelten auch sie im Gebiet der Schweiz. Sie dürften die Germanisierung der späteren Deutschschweiz am stärksten geprägt haben.


Literatur
– R. Windler, Das Gräberfeld von Elgg und die Besiedlung der Nordostschweiz im 5.-7. Jh., 1994
– M. Martin, «Von der röm. Randprovinz zu einer zentralen Region des Abendlandes», in Die Schweiz zwischen Antike und MA, hg. von A. Furger, 1996, 41-59
– J. Favrod, Histoire politique du royaume burgonde (443-534), 1997
– R. Marti, Zwischen Römerzeit und MA: Forschungen zur frühma. Siedlungsgesch. der Nordwestschweiz (4.-10. Jh.), 2000
– W. Pohl, Die G., 2000
– H. Wolfram, Die G., 62001
– R. Kaiser, Die Burgunder, 2004

Autorin/Autor: Reto Marti