Lepontier

Die L. waren ein Volk, das gemäss antiken Autoren in den Zentralalpen an den Quellen des Rheins (Caesar, "De bello gallico" IV, 10) und der Rhone (Plinius der Ältere, "Naturalis historia" III, 24, 134 f.) sowie südlich der Wasserscheide der Alpen bis im Norden von Como (Strabo, Buch IV) siedelte. Inschriftlich wird es auf der Liste der von Rom unterworfenen Alpenvölker auf dem "Tropaeum Alpium" (7./6. v.Chr.), einem röm. Siegesdenkmal in La Turbie (oberhalb des Fürstentums Monaco), erwähnt. Archäologisch lassen sich die L. im Eschental (Val d'Ossola), im Oberwallis (Binntal), im Sopraceneri - wo im modernen Toponym der Leventina der alte Name der L. fortlebt - und im Misox nachweisen, also in einem Gebiet, das wegen zahlreicher Alpenübergänge vom oberen Rhein- bzw. Rhonetal in die Poebene von grosser strateg. Bedeutung war.

Die L. gehörten zum weiteren Kulturkreis der Golaseccakultur, die versch. Völkerschaften in der Gegend um Mailand (Insubrer) und zwischen Como und Bergamo (Orober) umfasste. Diese Völker spielten vom 7. bis zu Beginn des 4. Jh. v.Chr. eine zentrale Rolle als Mittler im Handelsverkehr zwischen den Etruskern und den nordalpinen Kelten (Hallstattzeit).

Die archäolog. Zeugnisse zu den L.n gehen auf die Mitte des 6. Jh. v.Chr. zurück und bestehen im Wesentlichen aus Grabbeigaben von Nekropolen, die hauptsächlich in der Gegend von Bellinzona (Arbedo, Giubiasco) entdeckt wurden. Die für die Beigaben verwendeten prestigeträchtigen Materialien (Bronzegeschirr, Bernstein, Korallen) sind Ausdruck einer bemerkenswerten wirtschaftl. und kulturellen Entwicklung, die durch die Kontrolle der Alpenübergänge und Handelsströme ermöglicht wurde. Die überlieferten Inschriften (Grab-, Weihinschriften, Besitzervermerke, Inschriften auf Silbermünzen) sind in einem von den etrusk. Schriftzeichen abgeleiteten Alphabet verfasst, dem sog. Alphabet von Lugano, und im ganzen Gebiet der Golaseccakultur vom 6. bis ins 1. Jh. v.Chr. nachweisbar. Die lepont. Sprache gehört zur kelt. Sprachfamilie. Der kelt. Charakter dieses Volks bildete sich vor den Einfällen der Gallier in Norditalien 388 v.Chr., mit denen sich die Kultur der Latènezeit verbreitete, heraus und geht wahrscheinlich auf die späte Bronzezeit zurück (1300 v.Chr.).

Die Verbreitung neuer latènezeitl. Formen zeigte sich auch in den Grabausstattungen der L. und erfasste sowohl die Bekleidung (Fibeln, durchbrochene Gürtelhaken) als auch die Bewaffnung (Helme und Langschwerter aus Eisen). Neben diesen Einflüssen hatten die örtl. Traditionen Bestand. Die Keramik bewahrte in der Formenentwicklung Kontinuität und die neuen Fibeln wurden umgestaltet und Typen geschaffen, die spezifisch für das Zentralalpengebiet sind. Als Folge der röm. Expansion in der Poebene kamen die L. ab dem 2. Jh. v.Chr. schrittweise mit römisch geprägten Sitten und Gebräuchen in Kontakt und sie übernahmen erneut - in einem radikal veränderten hist. Umfeld - die Rolle von Mittlern zwischen der Nord- und der Südseite der Alpen. Mit den Feldzügen des Augustus (35-15 v.Chr.), deren Ziel die Unterwerfung der Alpenvölker zur Sicherung der Handelswege und des militär. Durchgangs durch die Alpen war, wurden die L. ins röm. Verwaltungs- und Wirtschaftssystem integriert. Trotz tiefgreifender Akkulturationsprozesse überlebten einige traditionelle Elemente der L., besonders bei der weibl. Bekleidung und den Bestattungsriten, bis ins 2.-3. Jh. n.Chr.


Literatur
SPM 4
I Leponti: tra mito e realtà, hg. von R.C. de Marinis, S. Biaggio Simona, 2 Bde., 2000
– S. Biaggio Simona, «I Leponti: testimonianza della popolazione preistorica del Cantone Ticino», in Bollettino Associazione Archeologica Ticinese, 2000, 34-37
Die L., Ausstellungskat. Zürich, 2001

Autorin/Autor: Gianluca Vietti / RG