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Latènezeit

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Der Begriff L. (seltener auch Latèneperiode) bezeichnet die jüngere Eisenzeit in Europa, also die Epoche, die auf die Hallstattzeit (= die ältere Eisenzeit) folgt. Die L. erstreckt sich vom 2. Viertel des 5. Jh. bis zum Ende des 1. Jh. v.Chr.; in der Schweiz gilt der Zeitrahmen 480-30 v.Chr. als üblich. Der Begriff Latènekultur bezieht sich ausdrücklich auf die von den Archäologen untersuchte materielle Hinterlassenschaft, die in diesem Fall aufgrund künstler. und techn. Kriterien sowie gemeinsamer typolog. Merkmale definiert wurde und den Kelten zugeschrieben wird. Es ist aber ratsam, sich bei der Untersuchung der materiellen Latènekultur nicht einseitig am Konzept eines ethnisch geschlossenen, einheitlichen kelt. Volks zu orientieren, dessen Angehörige sich auch Sprache, Geschichte und Identität teilten. Dies gilt insbesondere auch für die Gebiete an den Rändern Europas, die in der späten Eisenzeit als keltisch gelten.

1 - Ursprung und Quellen

Der Vorschlag, innerhalb der Eisenzeit zwei Kulturen zu unterscheiden und diese Hallstatt- und Latènekultur zu nennen, stammt vom Schweden Hans Hildebrand (1874). Diese Termini wurden dann rasch synonym zu den Epochenbegriffen der älteren und der jüngeren Eisenzeit verwendet. Die Wahl des Toponyms Tène (Gem. Marin-Epagnier) drängte sich auf, nachdem an diesem Ort ab 1857 zahlreiche metall. Gegenstände, insbesondere Eisenwaffen, gefunden worden waren. Das Adjektiv laténien wird v.a. in Frankreich seit dem Ende des 20. Jh. zur Bezeichnung all dessen verwendet, was mit mehr oder weniger Gewissheit den Kelten der jüngeren Eisenzeit zugeordnet werden kann.

Die archäolog. Zeugnisse variieren von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Region zu Region. Im Allgemeinen bilden Grabinhalte (Bestandteile von Kleidern, Schmuck, Waffen, Opfergeschenke, Grabbeigaben) sowie die Anordnung der Gegenstände im Innern der Grabstätte das Quellenmaterial, aus dem die Archäologen die Informationen für ihre Interpretationen schöpfen.

In der Schweiz erscheinen die ersten Zeugnisse der L. - neuartige Gegenstände, gestaltet in einer neuen Kunstform - als Bruch in einem noch in der Halltstattkultur verhafteten Umfeld. Es handelt sich um Schmuckgegenstände aus sog. Nachbestattungen im Innern von Grabhügeln aus der älteren Eisenzeit, die man im Jura und im Mittelland entdeckte. Von der 2. Hälfte des 5. Jh. v.Chr. an verbreitete sich rasch eine neue Form der Bestattung: Die nach wie vor übl. Körperbestattungen erfolgten jetzt in Flachgräbern, die neue Gräberfelder bildeten. Einige dieser Nekropolen wurden ohne Unterbruch bis in die 1. Hälfte des 2. Jh. v.Chr. benutzt.

Gegen Ende der L. kam im schweiz. Mittelland die Brandbestattung wieder auf und wurde neben der Körperbestattung praktiziert; die seltenen, nicht leicht auszumachenden Friedhöfe aus dem 2. und 1. Jh. v.Chr. liegen an neuen Orten. Das Weiterbestehen beider Riten ist manchmal innerhalb des gleichen Gräberfelds bis zur Römerzeit bezeugt. Im Alpenraum und südlich der Alpen blieb die Körperbestattung die Regel.

Die Siedlungen des Mittellands und des Juras vom fünften bis zum zweiten vorchristl. Jahrhundert sind abgesehen von wenigen Ausnahmen noch unbekannt. Besser ist der Forschungsstand diesbezüglich im Alpenraum (Ausgrabungen von Brig, Chur, Bellinzona). Eine grosse Menge an Fundmaterial liefern dagegen die untersuchten oppida des Mittellands aus dem 2. und 1. Jh. v.Chr. Die vielen zu Tage getretenen Gebrauchsgegenstände geben Aufschluss über den Alltag und die Gesellschaft in der Spätlatènezeit. Die Streufunde und insbesondere auch die Depotfunde, unter denen die Massenfunde in Gewässern wie am namengebenden Fundort von La Tène herausragen, zeugen von grossem techn.-typolog. und künstler. Reichtum und gewähren Zugang zu einer kultischen und religiösen Dimension.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

2 - Typologie und Chronologie

Die Chronologie der L. wird mit den Fortschritten der Forschung in den versch. Regionen Europas feiner und präziser. Für das schweiz. Mittelland, den Jura und das Rhonetal werden die Terminologie und das Gliederungsschema benützt, die der dt. Wissenschaftler Paul Reinecke zu Beginn des 20. Jh. eingeführt hat. Reinecke unterschied aufgrund von typolog., technolog. und stilist. Merkmalen der Fundobjekte zwischen Frühlatène (LT A: ca. 480/450-400; LT B1: ca. 400-320; LT B2: ca. 320-260), Mittellatène (LT C1: ca. 260-200; LT C2: ca. 200-150) und Spätlatène (LT D1: ca. 150-80; LT D2: ca. 80-30). Die einzelnen Phasen erfuhren noch weitere Unterteilungen (so D1a: ca. 150-120; D1b: ca. 120-80), die zukünftige Verfeinerungen ermöglichen. Die absoluten Datierungen dieser Stufen entsprechend unserer Zeitrechnung werden von den wenigen zur Verfügung stehenden Eckdaten aus extrapoliert, die dendrochronologisch oder historisch eindeutig festgelegt werden können.

Dieses Stufenschema kommt, beginnend mit der Phase LT B1, auch im Tessin und in einigen Alpentälern zur Anwendung, wohin sich die Latènekultur infolge von Wanderungsbewegungen gegen Süden ausgebreitet hat. In diesen Gebieten legte sie sich über die regionalen Substrate, im Fall der Golaseccakultur sicher ein keltisches.

Die Erforschung der L. beruht hauptsächlich auf der Untersuchung von Grabausstattungen, deren typolog. Entwicklung dank der Methode der Horizontalstratigrafie, gekoppelt mit der Erstellung von Matrizes der Fundvergesellschaftungen, von einer Generation zur nächsten verfolgt werden kann. Die berühmteste Nekropole ist mit mehr als 220 Gräbern und ungefähr 1'200 Objekten diejenige von Münsingen-Rain, deren räuml. Ausdehnung über eine Zeitspanne von nahezu 300 Jahren rekonstruiert werden kann. Andere Gräberfelder wie jene von Saint-Sulpice (VD), Vevey, Andelfingen, Gudo, Giubiasco, Solduno und Castaneda, die unterschiedlich lang benützt wurden, tragen zur Kenntnis der Latènekultur und ihrer vielfältigen regionalen Ausprägungen bei.

Die Fibel ist unzweifelhaft das Schmuckelement, das die technolog., typolog. und chronolog. Entwicklung am besten veranschaulicht (an den Bügel zurückgezogener Fuss in der frühen L., Fixierung des Fibelfusses am Scheitel des Bügels in der mittleren L., Verschmelzung von Fuss und Bügel in der späten L.). Fibeln verkörpern in hervorragender Weise den künstler. und symbol. Ausdruck, der sich vom sog. Frühen Stil (LT A) über den Waldalgesheimstil (LT B1) mit seinen typ. Rankenwerken zum Plastischen Stil (LT B2) wandelt, womit nur die wichtigsten vorkommenden Stilrichtungen erwähnt seien. Gewisse Fibeltypen waren in Europa weit verbreitet, wie die Duxer Fibel (nach dem Fundort Dux/Duchcov, Tschech. Republik), die sechs Spiralwindungen, eine innere Sehne und einen flachen, gerippten Bügel aufweist und deren Fuss normalerweise in einem kugeligen Schlussstück mit Fortsatz endet. Dieser Typ ist charakteristisch für einen Horizont aus der Mitte des 4. Jh. Die ebenfalls bronzene Nauheimer Fibel, mit lang-dreieckigem Bügel, Rahmenfuss, Spirale mit vier Windungen und innerer Sehne repräsentiert dagegen einen spätlatènezeitl. Horizont (LT D1b) der Oppidazivilisation (Ende 2./Beginn 1. Jh. v.Chr.).

Der im Wesentlichen von Frauen getragene Ringschmuck (Arm-, Fuss-, Hals- oder Fingerringe), für den strikte Trageregeln galten, machte ebenfalls eine techn.-typolog. Entwicklung durch. Während am Anfang der L. Halsketten aus Glas- und Bernsteinperlen häufig waren, traten zu Beginn der Phase LT C1 Armreifen aus buntem Glas auf, wie übrigens auch grossgliedrige, bronzene Gürtelketten, die ebenso von Frauen der sozialen Oberschicht getragen wurden. Die den Kriegern vorbehaltene Bewaffnung war einer eigenen Entwicklung unterworfen: Das im Lauf der Jahrhunderte immer länger werdende Schwert mit seiner häufig verzierten, eisernen Scheide kam in der Regel im 3. und zu Beginn des 2. Jh. v.Chr zusammen mit einer Lanze (Lanzenspitze bzw. -schuh) und einem Schild (bandförmiger Schildbuckel) vor. Mit der Phase LT C2 nahm der Reichtum an Grabbeigaben merklich ab. In der Periode LT D1 traten Keramikwaren wieder als Beigaben oder als Graburne bei einigen Brandbestattungen auf.

In den Alpen und im Tessin lässt sich die kulturelle Entwicklung an anderen Fundtypen festmachen. Dort sind südalpine Objekte und Materialien der Golaseccakultur charakteristisch für die Periode Tessin D, deren letzter Abschnitt der Anfangs- und Mittelphase der nordalpinen Periode LT A entspricht. Im Verlaufe der Phase LT B und C wiesen Ohrringe und Keramik, welche während der ganzen Eisenzeit zusammen mit dem im Mittelland nicht vorkommenden Metallgeschirr gut bezeugt ist, oder auch gewisse Fibeltypen immer noch regionale Merkmale auf und entwickelten sich eigenständig weiter. Münzen sind als Grabbeigaben im Mittelland sehr selten. Die ersten bekannten Beispiele sind silberne Obolen des ausgehenden 3. Jh. v.Chr. aus Massalia (Marseille), sog. padan. Obolen aus Norditalien und Viertelstatere aus Gold. Gegossene Münzen (Potinmünzen) als Kleingeld traten in der 2. Hälfte des 2. Jh. v.Chr. auf.

Über die häusl. Gerätschaften der frühen und mittleren L. ist viel weniger bekannt, da die Siedlungen im Mittelland noch weitgehend unerforscht sind. Neben den traditionellen Töpfen und Schalen findet sich - als Weiterentwicklung der Gefässproduktion in der späten Hallstattzeit - auf der Töpferscheibe hergestellte Feinkeramik. Scherben attisch-rotfiguriger Keramik aus dem 3. Viertel des 5. Jh., die in der Schmiede in Sévaz entdeckt wurden, erlauben die Datierung der Werkstätten und -zeuge in die Anfänge der Latènezeit. Gewisse Formen scheibengedrehter grauer Feinkeramik, die auf dem Üetliberg zum Vorschein kamen, werden ebenfalls der Periode LT A zugeordnet. Erst von der Mittellatènezeit (LT C2) oder gar von der Zeit der Oppidazivilisation an (LT D1) sind die Gegenstände des tägl. Lebens besser zu erfassen; die bemalte oder mit Glättmustern und Kammstrichen versehene Feinkeramik sowie die grobe Tonware spielen eine wichtige Rolle für die Chronologie der späten L. Neben diesem einheim. Fundgut liefern eingeführte Weinamphoren aus Italien und die ebenfalls importierten schwarz gefirnissten Gefässe (Campana) zusätzl. Anhaltspunkte für die absolute Datierung mit Hilfe des Crossdating mit der mediterranen Welt. Potinmünzen kommen in den oppida und den Wohnstätten der späten L. reichlich vor, daneben auch Nachahmungen von Münzen der röm. Republik wie dem silbernen Denar oder Quinar. Der röm. Einfluss war natürlich auf der Alpensüdseite, insbesondere im Tessin, noch stärker. Überlieferte Gerätschaften und Praktiken scheinen für die Annahme zu sprechen, dass dort die allmähl. Ablösung der Latènekultur durch die römische schon zu Beginn des 1. Jh. v.Chr. einsetzte.

Die absolute Chronologie der späten L. basiert auf dendrochronolog. Daten, von denen hier nur die wichtigsten angeführt werden. An der Eiche, aus welcher der in La Tène gefundene Schild mit dem typologisch der Phase LT C1 zuzurechnenden, eisernen Buckel gefertigt wurde, setzte der Holzfäller um 225 v.Chr. die Axt an. Keramikensembles aus Yverdon-les-Bains müssen aufgrund der Fundumstände älter sein als 161/158 v.Chr. Der Wall des dortigen Oppidums mit senkrechten Frontpfosten stammt aus der Zeit um 80 v.Chr. Die grosse Anlegebrücke im Hafen von Genf wurde 123 v.Chr. errichtet und später repariert. Der dichte Fundbestand der augusteischen Epoche, über die uns auch zahlreiche hist. Quellen schon beinahe detailliert Aufschluss geben, ermöglicht eine fast auf das Jahrzehnt genaue Datierung des Übergangs vom latènezeitl. zum galloröm. Formengut kurz vor der Zeitenwende.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

3 - Siedlungsform, Wirtschaft und Gesellschaft

Die Gesellschaft der L. blieb wie die ihr vorangehenden im Wesentlichen eine Gesellschaft von Bauern und Viehzüchtern. Trotz der ausgedehnten Grabungen im Zusammenhang mit dem Autobahnbau am Ende des 20. Jh. sind die Siedlungen auf dem Land kaum erforscht. Aus der frühen L. sind einige Pfostenhäuser mit Wänden aus Flechtwerk und um sie herum gruppierten abgehobenen Vorratsspeichern (z.B. in Alle) und Vorratsgruben (z.B. in Gelterkinden oder in Orbe) nachgewiesen; im alpinen Raum wurden die in der Regel einräumigen Konstruktionen auf Trockenmäuerchen oder Sockelsteinen errichtet. In der Endphase der L. werden im Mittelland Ständerbauten auf Schwellbalken häufiger (z.B. in Pomy-Cuarny).

Die ersten städt. Zentren, die Oppida, sind in Quartiere unterteilt. Sie weisen spezielle Handwerkerviertel (Schmiede, Töpfer usw.), Münzstätten (ein Münzstempel zur Prägung von sog. Kaletedou-Quinaren kam auf dem Mont Vully zum Vorschein), Bezirke für kult. Zwecke und Heiligtümer auf. Diese oppida waren mit mächtigen Erdwällen befestigt, die durch Holzarmierungen und Trockensteinverkleidungen verstärkt wurden. Die zwei gebräuchlichsten Varianten waren die Pfostenschlitzmauer, eine Mauer mit vertikalen Frontpfosten (Mont Vully, Basel-Münsterhügel), und der murus Gallicus, ein Wall mit horizontalem Balkengitter (Gressy-Sermuz).

Das bedeutendste den Helvetiern zugeschriebene oppidum im schweiz. Mittelland - in den Alpen kam dieser Siedlungstyp nicht vor - war jenes auf der Engehalbinsel bei Bern (Brenodurum). Die anderen Siedlungen, die als oppida bezeichnet werden, hatten sicherlich nicht alle die gleiche polit., wirtschaftl. oder religiöse Rolle gespielt; einige dienten vielleicht eher Verteidigungs- oder Versammlungszwecken. Aber auch unbefestigte Siedlungen wie z.B. die berühmte am Fundort Basel-Gasfabrik geben Aufschluss über eine breite Palette von Aktivitäten.

Die Erzeugnisse der latènezeitl. Handwerker sind gut erforscht. Eisen-, Bronze- oder Glasprodukte, Wertgegenstände aus edlen Metallen oder Steinen (Gold, Koralle, Bernstein, Lignit), die versch. Keramikwaren, Holzgefässe oder auch Flechtwerk und Textilarbeiten waren überwiegend von hoher Qualität. Der Tauschhandel mit den Nachbarn im Norden, im Osten und v.a. im Süden ist, wie schon in den Ausführungen über die Chronologie festgestellt, gut belegt; die oben angeführten Funde von Bernstein aus dem Baltikum oder Koralle aus dem Mittelmeerraum legen ein beredtes Zeugnis ab. Dieser Handelsverkehr hat seine Spuren hinterlassen, z.B. einzelne identifizierbare Strassenabschnitte (Kallnach, Bevaix), Brücken (Cornaux-Les Sauges) und auch Bestandteile von Karren. V.a. sind diese Kontakte, auch solche innerhalb der Latènekultur, und deren Bedeutung im archäolog. Fundmaterial zu fassen. In einigen Gräbern der frühen L. im Mittelland finden sich Fibeln oder Schmuckanhänger aus der Region des heutigen Tessins (Golaseccakultur), und etliche "Tessiner" Fibeln vom Typ Certosa sind sogar mit Motiven des sog. Waldalgesheimstils - der namengebende Ort liegt in der Pfalz - verziert; es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Artefakte nicht nur auf Beziehungen zwischen den Gruppen, sondern auch auf die Anwesenheit von Personen aus dem jeweiligen Raum selbst verweisen. Dieselbe Frage stellt sich bezüglich des um die Mitte des 4. Jh. in Saint-Sulpice (VD) begrabenen Mädchens, das zwei phöniz. Masken aus buntem Glas aus dem heutigen Tunesien als Kopfbedeckung oder Ohrschmuck trug. War der Krieger von Ollon, zu dem vermutlich die zweihenklige Trinkschale (kylix) aus etrusk. Keramik mit schwarzglänzender Oberfläche, bis jetzt der einzige Fund ihrer Art nördlich der Alpen, als Beigabe gehörte, ein heimgekehrter Söldner? Zeugen die in Niederwichtrach entdeckten Helmkopffibeln vielleicht von der Anwesenheit einer Frau aus dem Tessin? Die Praxis der Exogamie ist auch eine mögl. Interpretation für die Gräber mit Münzbeigaben, denn im Mittelmeerraum war die Entrichtung des Charonspfennigs übl. Praxis. Erst für die späte L. ist allerdings der Import fremdländ. Produkte in grossem Stil nachgewiesen (z.B. ital. Wein in Amphoren).

Die in den Gräbern entdeckten Schmuckstücke lassen wegen der oben erwähnten, offenbar recht verbindl. Trageregeln sogar die Unterschiede zwischen den Trachten der einzelnen Regionen innerhalb der Latènekultur erkennen: Fussringe wurden z.B. in Münsingen von Frauen und Mädchen bis zum Ende der Phase LT B2 getragen, während sie in Saint-Sulpice (VD) ganz zu Beginn der Phase LT B1 verschwanden; die mit floralen oder s-förmigen Motiven reich verzierten Scheibenhalsringe waren wiederum für die zentrale und östl. Region des Mittellands und die Gebiete am Oberrheins während der Periode LT B charakteristisch.

Auch wenn die Auswertung der Grabfunde Unterschiede in der Ausstattung der beigesetzten Individuen für die frühe und mittlere L. feststellt, gehörten zweifellos alle Personen, die eine solche Grabstätte erhielten, der sozialen Elite an. Die archäolog. Zeugnisse über die Gesellschaft der ausgehenden Eisenzeit werden ergänzt durch die Beschreibung der kelt. Gesellschaftsorganisation, die uns Caesar, Poseidonios und andere überliefern. Sie ergeben das Bild einer stark hierarchisierten Gesellschaft nach oligarch. Modell, an deren Spitze die Vertreter der mächtigen aristokrat. Klans wie Divico oder Orgetorix standen. Die in Basel-Gasfabrik und auf dem Mormont (Gem. Eclépens und La Sarraz) gefundenen eisernen Handfesseln bestätigen die schriftl. Quellen, nach denen Sklaverei üblich war.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

4 - Kunst, Religion und Geschichte

Die während der L. aufeinanderfolgenden Ausdrucksformen der Kunst - die schon erwähnten Stile - mit den maskenartigen Gesichtsdarstellungen, den myth. Tierfiguren, den geometr. Ornamenten oder den pflanzl. Motiven mit ihrer Fülle von Mustern wie Leiern, s-förmigen Linien, Ranken oder Schlingen sind nur unter Berücksichtigung ihres religiösen und kulturellen Gehalts zu verstehen. Bestimmte Symbole dürften Bedeutungsinhalte transportiert haben, die im grössten Teil der kelt. Welt der L. erkannt wurden, wie beispielsweise die in einzelnen Grabstätten angetroffenen Anhänger und Amulette. Auch in den Siedlungen war der profane Alltag nicht vom sakralen Lebensbereich zu trennen.

Grosse Anhäufungen von Gegenständen sind typisch für Orte, die kult. Zwecken bzw. als Opferstätten dienten. Der sog. Massenfund von Tiefenau im oppidum Bern-Enge enthält eine erhebl. Anzahl von Waffen, Wagenteilen, Schmuckstücken und anderen Gegenständen, die durch Verformung, Verbiegen, Beschädigung, Bruch usw. für jegl. profanen Zweck unbrauchbar gemacht, also geopfert wurden. Vielleicht waren sie geweiht und einer Gottheit dargebracht worden. Die im letzten Jahrhundert in Flüssen und Seen getätigten Funde wie in La Tène selbst und in Port werden heute als Depots von Opfergaben gedeutet, vergleichbar jenen auf den bekannten Kultplätzen Nordfrankreichs. Auch die Funde an der Brücke von Cornaux-Les Sauges repräsentieren gemäss der Mehrheit der Forscher solche Praktiken. Diese Weihestätten wurden während des 3. und 2. Jh. v.Chr. in unterschiedl. Abständen genutzt; jede unterlag dabei eigenen kult. Regeln, die sich unserer Kenntnis entziehen. Entdeckt wurden auch bescheidenere Depotfunde wie in Wauwil und Münzhorte aus dem 2. oder 1. Jh. v.Chr., darunter der verklumpte Haufen von 17'000-18'000 Potinmünzen vom sog. Zürcher Typ (Ankermotiv) auf der Fundstelle Zürich-Alte Börse. Der berühmte Schatz von Erstfeld, der um 400 v.Chr. im Reusstal vergraben wurde, wird heute ebenfalls als Votivgabe gedeutet. Eine bedeutende Rolle als Kultort dürfte das 2006 auf dem Mormont in La Sarraz entdeckte Heiligtum gespielt haben.

Drei bis heute zu Tage getretene Holzskulpturen aus dem späten 2. oder der 1. Hälfte des 1. Jh. v.Chr. stellen vermutlich Gottheiten dar. Die Aufstellungsorte der ersten zwei - die dendochronologisch auf ca. 80 v.Chr. datierte Statue an der Einfahrt des Hafens von Genf und die 60-50 v.Chr. gefertigte Figur, die im Graben vor der Umfassungsmauer des oppidum von Yverdon-les-Bains entdeckt wurde - machen eine Interpretation als Schutzgöttinnen plausibel; der Standort der dritten, nicht datierten Skulptur aus Villeneuve (VD) ist allerdings nicht mehr zu eruieren. Auf rituelle Praktiken verweisen die Fundumstände: In Villeneuve sind drei kleine Silbermünzen in einen Schlitz der Statue gesteckt worden; in Yverdon-les-Bain war der Gottheit ein Haufen Rinderunterkiefer beigeordnet, während im Hafen von Genf der Vollzug von Menschenopfern rekonstruiert wurde. Die Manipulationen an menschl. Überresten, die Anhäufungen von Menschenknochen, die Aufbewahrung und Ausstellung von Trophäen in den Heiligtümern standen ebenfalls in einem rituellen und sakralen Zusammenhang. Ähnliche Praktiken sind auch in den Siedlungen bezeugt. Namentlich in Basel-Gasfabrik geben die Befunde der Forschung noch einige Rätsel auf: In den dortigen Erdgruben und Gräben wurden Amphorendepots sowie rituell bei Festen oder Zeremonien zerbrochene Weinamphoren zusammen mit bzw. in unmittelbarer Nähe von z.T. manipulierten menschl. Überresten entdeckt.

Die Fakten zur Geschichte der L. im engeren Sinn überlagern sich, wie auch jene aus dem religiösen Bereich, zu einem grossen Teil mit jenen zur Geschichte der Kelten. Erinnert sei hier zum Schluss an die berühmten Migrationen oder an die bescheideneren Bewegungen kleinerer Gruppen, welche die Latènekultur während ihres fast fünf Jahrhunderte dauernden Bestehens geprägt haben. Die berühmteste Wanderung, die das Gebiet der heutigen Schweiz betraf, war natürlich der Auszug der Helvetier 58 v.Chr.; die Niederlage, die sie durch Caesar erlitten, und ihre unfreiwillige Rückkehr leiteten die einige Jahrzehnte später erfolgende Eingliederung der Alpen, Rhätiens und des schweiz. Mittellands in die röm. Welt ein.

Quellen und Literatur

Literatur
SPM 4
I Leponti tra mito e realtà, hg. von R.C. De Marinis, S. Biaggio Simona, 2 Bde., 2000
– V. Kruta, Les Celtes: histoire et dictionnaire, 2000
– V. Kruta, Aux racines de l'Europe, 2001
– P. Jud, G. Kaenel, «Helvètes et Rauraques : quelle emprise territoriale?», in Territoires celtiques, 2002, 297-305
– F. Müller, «Münsingen», in Reallex. der germ. Altertumskunde 20, 22002, 314-317
– R. Wyss et al. Gewässerfunde aus Port und Umgebung, 2002
– F. Müller, G. Lüscher, Die Kelten in der Schweiz, 2004
– G. Reginelli Servais, La Tène, un site, un mythe, 1, 2007
– G. Kaenel L'an -58. Les Helvètes, 2012

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB