Binnenwanderung

Der Begriff B. ist an das Konzept des nach aussen abgegrenzten, einheitl. Nationalstaats gebunden. Bei einer engen Auslegung könnte man deshalb nur die Bevölkerungsbewegungen, die sich nach der Bundesstaatsgründung 1848 ereigneten, als B.en bezeichnen. Hier wird der Begriff aber weiter umrissen; es werden mit ihm auch die bedeutenden inner- wie überregionalen Verschiebungen erfasst, die vor der Moderne im Gebiet der heutigen Schweiz stattfanden.

Seit dem HochMA lassen sich drei grosse Migrationsperioden unterscheiden. Eine erste erstreckte sich ca. von der Jahrtausendwende bis ins 15./16. Jh. Geringe Mobilitätseinschränkungen und starke Migrationsbewegungen kennzeichneten diese Zeitspanne. Die Gründe hierfür waren besondere strukturelle und konjunkturelle demografische Bedingungen (wie z.B. die hohen Sterberaten während Epidemien und Kriegen, von denen indirekt etliche Einbürgerungen in den Städten des Mittellands im 14. und 15. Jh. zeugen), die geringe Siedlungsdichte in zahlreichen Regionen und die unterschiedl. Anreize für Zuzüger in der Stadt wie auf dem Land (niedriges Anzugsgeld). Fremde waren etwa in jungen, noch im Aufbau begriffenen ländl. Gemeinden für den Einsatz im Gemeinwerk sehr gefragt. In Zeiten wirtschaftl. Aufschwungs strömten die Einwanderer in die Städte, die spezialisierten Handwerker zogen von Stadt zu Stadt. Auch einige der Migrationsbewegungen in den ländl. Gebieten, wie z.B. die der Walser, waren umfang- und folgenreich. Noch in der ersten Hälfte des 16. Jh. konnten wiederholte Beschlüsse der Tagsatzung nicht verhindern, dass sich viele Unfreie in anderen Teilen der Eidgenossenschaft niederliessen und das Bürgerrecht erwarben. Der starke Bevölkerungsanstieg lässt sich auch an den zahlreichen neuen Familiennamen ablesen, die in der ersten Hälfte des 16. Jh. auftraten.

Die zweite Periode setzte um 1550 ein und zog sich bis in den Anfang des 19. Jh., wobei die Zeit der Helvetik auszuklammern ist. Diese Zeitspanne ist von einer intensiven Mobilität in den ländl. Gebieten geprägt. Das Ziel dieser Wanderungen waren nicht in demselben Ausmass wie früher die Städte, die unter dem Einfluss der um ihre polit. und wirtschaftl. Privilegien besorgten Zünfte Hürden gegen jegliche Zuwanderung aufgebaut hatten und sich bei der Aufnahme von Neubürgern (Bürgerrecht) und bei der Erteilung von Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligungen an Hintersassen sehr restriktiv verhielten. In diesem Zusammenhang ist auch zu berücksichtigen, dass sich die Produktion mit dem Aufkommen des Verlagssystems teilweise aus der Stadt auf das Land verlagerte und sich damit die Beschäftigungsmöglichkeiten im Gewerbe- wie im Dienstleistungssektor, der sich v.a. den Frauen anbot, in der Stadt verringerten. Nur ausnahmsweise beherbergten Städte wie z.B. Genf eine rege Industrie innerhalb der Stadtmauern. Die Wanderbewegungen können aber auch etwaige konjunkturelle Schwankungen oder einen grossen temporären Bedarf an Arbeitskräften wie beispielsweise auf einer Grossbaustelle widerspiegeln.

In den ländl. Regionen verliefen die B.en in diesem Zeitraum sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite schwächten die Obrigkeiten der auch weiterhin agrarisch geprägten Gebiete den Druck auf das Land durch viele Massnahmen ab, die auf eine Kontrolle der sozialen Reproduktion abzielten. In diesem Kontext sind Heiratsbeschränkungen im kommunalen und kant. Eherecht sowie einzelne Vorschriften im Erbrecht zu interpretieren. Ausserdem begrenzte man die Einwanderung durch zahlreiche restriktive Massnahmen im Bereich des Wohnungsbaus, bei der Vergabe der Niederlassungsbewilligungen an Einzelpersonen und Unternehmen oder durch einen hohen Ansatz des Anzugsgeldes. Gerade diese Gebiete wiesen oft einen grossen Anteil an Auswanderern auf. Auf der anderen Seite gab es auch Gegenden, die Zuwanderer anzogen. Dabei handelte es sich z.T. um nur spärlich bevölkerte Regionen, in denen die Binnenkolonisation noch im 18. und 19. Jh. bedeutend blieb wie z.B. in den Ländereien des Bf. von Basels, z.T. aber um Gebiete, die einen wirtschaftl. Aufschwung durchmachten. Die Wanderungsströme in die protoindustriellen Dörfer nahmen in der Ost- wie in der Westschweiz in der zweiten Hälfte des 17. Jh. zu; meist verliefen sie von tiefer in höher gelegene Regionen. Die Gemeinden, die das Anzugsgeld niedrig angesetzt hatten, erlebten eine besonders grosse Zuwanderung; in einzelnen des Zürcher Oberlands wuchs die Bevölkerung bis auf das Sechsfache an. Die Einkünfte, welche aus der Protoindustrie gezogen wurden, führten bis Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jh. auch zu einer Ausbreitung der Bevölkerung in den Gebieten, die über wenig produktive Böden verfügten.

In der dritten Periode, die sich von 1800 bis in die Gegenwart erstreckt, wurden die Mobilitätsschranken im Inland weitgehend abgebaut. Die Schaffung des Bundesstaates allgemein und die in der Verfassung von 1848 verankerte Niederlassungsfreiheit für Schweizer Bürger (mit Ausnahme der Juden) im Besonderen begünstigten die Wanderbewegungen im Inland. Vom Grundsatz der freien Niederlassung für Schweizer Staatsangehörige wurde später nur in Krisenzeiten vereinzelt abgewichen; so erliessen z.B. bestimmte Städte, die nach dem 1. Weltkrieg von grosser Wohnungsnot betroffen waren, ein Niederlassungsverbot für Schweizer Zuwanderer. Für den Anstieg der Migrationsbewegungen waren versch. Faktoren ausschlaggebend. Der wirtschaftl. Aufschwung, die Industrialisierung und ihre spezifisch neuen Produktions- und Organisationsstrukturen, die Vielfalt des Stellenangebots, die besseren Infrastrukturen sowie die grösseren Angebote an Bildung und Kultur zogen v.a. junge und ledige Menschen beiderlei Geschlechts in die Städte (Urbanisierung). Mindestens bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs lassen sich aber auch saisonbedingte B.en nachweisen, die auf einen zeitweiligen Anstieg der Nachfrage nach Arbeit an einem Ort, etwa infolge der Durchführung eines grossen Bauvorhabens, oder auf die spezif. Beschäftigungs- und Anstellungsverhältnisse in einigen Branchen (z.B. im Tourismus) zurückzuführen sind. Die Restrukturierung der Landwirtschaft führte gesamthaft, abgesehen von den Tourismusregionen, zu einer Abwanderung der Bevölkerung vom Land in die Stadt; besonders betroffen von dieser "Landflucht", die eine massive Verlagerung der Bevölkerung in tiefere Zonen zur Folge hatte, waren die Berggebiete. Weitere Formen der B. setzten nach 1950 ein, wie etwa die massenweise Abwanderung der Rentner und Pensionsbezüger in die "Sonnenstube" Tessin.

Einige statist. Angaben verdeutlichen das Ausmass und die Vielschichtigkeit des Phänomens B. Die Zahl der Menschen, die nicht an ihrem Geburtsort leben, nahm tendenziell zu: 1860 waren es ein Drittel der Bevölkerung, 1910 zwei Fünftel und zwischen 1950 und 1990 etwa die Hälfte. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen waren allerdings beträchtlich. Im Kt. Genf lag der Anteil der Personen, die an ihrem Geburtsort wohnen blieben, im Jahr 1860 knapp über 30%, 1990 bei 20%, im Wallis 1860 hingegen über 80% und in Appenzell Innerrhoden 1990 über 50%. In den Grossstädten lag der Prozentsatz der Einwohner, die auch dort geboren wurden, bis Anfang des 20. Jh. allgemein unter dem Durchschnitt der Schweizer Gemeinden. Danach änderte sich die Lage. Nach 1960 konzentrierten sich Zu- und Wegzüge auf die stadtnahen Agglomerationen. Ein weiteres Kennzeichen der Wanderungen im Inland ist die zunehmende konfessionelle Durchmischung. Die Statistiken über die Migration zwischen den Schweizer Gemeinden registrierten 1996 431'381 Bewegungen. Seitdem die Bestimmungen, welche die Mobilität der Ausländer beschränkten, gelockert wurden, nahm auch der Anteil der ausländischen an den gesamten Migrationsbewegungen zu; er bewegte sich im Laufe des 20. Jh. zwischen 20 und 30%.


Literatur
– F. Höpflinger, Bevölkerungswandel in der Schweiz, 1986
– H. Ritzmann-Blickenstorfer «150 Jahre schweiz. Bundesstaat im Lichte der Statistik», in StJ, 1998, 15-56

Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / AL