29/01/2015 | Rückmeldung | PDF | drucken

Auslandschweizer

Die Schweiz war jahrhundertelang ein Auswanderungsland (Auswanderung), das sich allerdings bis Ende des 19. Jh. wenig um die Beziehungen der Ausgewanderten zu ihrer alten Heimat kümmerte. Vom 1. Weltkrieg an und im Zusammenhang mit dem allg. Bedürfnis nach einer Stärkung des Nationalgefühls fanden diejenigen A., die ihre heimatl. Kultur zu erhalten wünschten, in der Schweiz vermehrt Unterstützung. Die Neue Helvetische Gesellschaft (NHG) definierte die A. als "Vierte Schweiz" (die allerdings 1938 mit der Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Landessprache zur "Fünften Schweiz" wurde). Die gestiegene Bedeutung der weltweit verstreuten A. wurde mit wirtschaftl., kulturellen, moral. und patriot. Argumenten untermauert. Im Bestreben, die Beziehungen zwischen den A.n und ihrer alten Heimat zu fördern, rief die NHG 1916 die Auslandschweizer-Organisation (ASO) und 1919 das Auslandschweizer-Sekretariat (ASS) ins Leben. Diese gaben den Aktivitäten im Wohltätigkeitsbereich, Medien- und Vereinswesen starke Impulse. Schätzungen zufolge stieg die Zahl der A.-Vereine von 39 1860 über 84 1880 und 142 1885 auf 800 1928, fiel bis 1965 auf 700 und lag 2009 bei 750. Zu ihren Hauptbeschäftigungen zählten Wohltätigkeit, Schiessen, Turnen und Kulturelles (insbes. der Gesang), wobei das gesellige Beisammensein unter Landsleuten mit im Vordergrund stand.

1850 lebten rund 50'000 Schweizerinnen und Schweizer im Ausland, 1880 waren es 250'000, 1895 330'000 und vor 1914 knapp 380'000. Statist. Erhebungen, mit denen die Schweizer Konsulate zwischen den Weltkriegen beauftragt waren, lassen für diese Zeit auf etwa 0,5 Mio. A. schliessen. Angesichts von Doppelbürgerschaften ist diesen Zahlen gegenüber allerdings grosse Vorsicht angebracht. So erfasste 1950 eine amerikan. Studie 275'000 schweiz.-amerikan. Doppelbürger in den USA, die Schweizer Konsulate zählten dagegen nur 121'000. Die Statistiken des EDA zeigen eine stetige Zunahme von Doppelbürgern: 1950 besass ein Drittel der 237'443 A. eine zweite Staatsangehörigkeit, 1996 waren von den 541'302 gemeldeten A.n 69% Doppelbürger und 2010 von 695'191 72%. Zudem geben die Statistiken Aufschluss über die geogr. Verteilung der A. ohne weitere Staatsbürgerschaft. Diese haben sich zu Beginn des 21. Jh. vorzugsweise in Frankreich, Deutschland und den USA niedergelassen.

Der 2. Weltkrieg markiert einen Wendepunkt in der Auswanderung, die durch die robuste Nachkriegskonjunktur gebremst wurde. 1966 nahm das Volk Art. 45bis BV an, der dem Bund die Befugnis verleiht, die Beziehungen unter den A.n und zur Heimat zu fördern und diesem Ziel dienende Institutionen, wie die Schweizerschulen, finanziell zu unterstützen. Die ersten Auslandschulen waren im 19. Jh. in Italien entstanden. Meist ging die Initiative zu ihrer Gründung von wohlhabenden Schweizer Kolonien aus, die sich im Umfeld von grossen Unternehmen oder Handelskammern gebildet hatten. 2011 betrug ihre Schülerzahl insgesamt 7'300, wovon 1'800 Schweizer Kinder waren.

Der Verfassungsartikel wurde 1976 durch ein Bundesgesetz ergänzt, das die Stärkung der Schweizer Präsenz im Ausland und eine effizientere Zusammenarbeit aller auf diesem Gebiet tätigen Organisationen zum Ziel hat, namentl. der Schweiz. Zentrale für Handelsförderung OSEC, der Pro Helvetia, der ASO und der 1972 gegr. Koordinationskomm. für die Präsenz der Schweiz im Ausland (seit 2000 Präsenz Schweiz), die wie der Auslandschweizerdienst dem EDA untersteht. Seit 1992 können A. ihre polit. Rechte auf eidg. Ebene briefl. wahrnehmen. Sowohl die ASO als auch das ASS sind sehr aktiv. Sie informieren z.B. Auswanderungswillige und sind bemüht, A.n der zweiten Generation die alte Heimat näher zu bringen (seit 1934 durch Jugendlager). Zuweilen begeht ein Mitglied des Bundesrats die Bundesfeier in einer Schweizerkolonie, um die Verbundenheit zwischen den A.n und der Schweiz zu unterstreichen.


Archive
– EDA, Dok.
Literatur
– G. Arlettaz «"Les Suisses de l'étranger" et l'identité nationale», in SQ 12, 1986, 5-35
– «Die A. im 20. Jh.», in SQ 28, 2002

Autorin/Autor: Marc Perrenoud / AL