Schweizer Kolonien

Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war die Auswanderung ein wesentl. Faktor der Bevölkerungsentwicklung der Schweiz. Zu den versch. Motiven für eine Emigration gehörte auch die Absicht mancher Auswanderergruppen, eine Schweizer Kolonie zu gründen. Solche Gründungen in meist von grossen Kolonialmächten (Kolonialismus) beherrschten Gebieten erfolgten aus patriot., ja utop. Überlegungen. Manche S. sollten als Vorposten der Mission, der Zivilisation oder als Brückenköpfe für eine Schweiz. Expansion dienen, andere S. sollten bessere Lebensbedingungen als die von Pauperismus, Bevölkerungsdruck oder Agrar- und Industriekrisen geprägte Schweiz bieten. Im 17. und 18. Jh. entstanden durch die jeweiligen Herrscher unterstützte Siedlungen in Ostpreussen und in der span. Sierra Morena. Anfang des 19. Jh. förderte der Zar die Niederlassung von Einwanderern an der Schwarzmeerküste: 1803 wurde dort Zürichtal, 1822 von Waadtländern das Winzerdorf Chabag gegründet. Die europ. Expansion begünstigte Emigrationsprojekte. So erstellte Jean Pierre Pury im Dienst der Niederländ.-Ostind. Kompanie Siedlungspläne für Südafrika und Neuholland (Australien). Schliesslich gründete er 1731 in South Carolina Purrysburg. Berner und Zürcher Emigranten liessen sich im Südosten der späteren USA nieder. In den 1840er Jahren gründete John Sutter in Kalifornien Neu-Helvetien. Der Goldrausch wurde dieser bedeutenden Schweizer Kolonie bald zum Verhängnis. Später liessen sich zahlreiche Tessiner in Kalifornien nieder.

Im 19. Jh. waren die Vereinigten Staaten das Hauptziel der Schweizer Auswanderer: 1803 entstand Nouvelle Vevay in Indiana (heute New Vevay), 1831 New Switzerland in Illinois, 1845 New Glarus in Wisconsin. Trotz Hürden und Misserfolgen folgten viele weitere Siedlungen. Zahlreiche Kultur-, Wohltätigkeits- und Heimatvereine sowie ein gut ausgebautes Konsularwesen unterstützten die Schweizer beim Aufbau ihres neuen Lebens in den USA. Auch in Lateinamerika entstanden S., so etwa 1819 Nova Friburgo in Brasilien. In Argentinien prägten Schweizer die Provinz Santa Fè 1857-90 entschieden. Dieser wirtschaftl. Erfolg regte die Gründung der Kolonien Nueva Helvecia 1861 und Nouvelle Berne 1869 in Uruguay an. Wie in den USA hielten weder die Akkulturation noch polit. oder wirtschaftl. Schwierigkeiten die Emigranten davon ab, sich in Schützengesellschaften, Gesangs- und Wohltätigkeitsvereinen zu treffen und den Zusammenhalt untereinander zu festigen. Die Kolonisierung Afrikas schuf neue Emigrationsräume: So versuchten sich etwa im Zuge der franz. Eroberungen in Nordafrika auch Schweizer mit Kolonisations- und Missionsprojekten. Zu den erfolgreichen zählte die von einer Genfer Gesellschaft betriebene Kolonie Sétif in Algerien; die Gesellschaft erhielt 1853 eine kaiserl. Konzession.

Im 20. Jh. kämpften S. v.a. in Lateinamerika oder in der UdSSR mit schwierigen Bedingungen. Institutionen wie die Neue Helvetische Gesellschaft versuchten daraufhin, die Auslandschweizer von der Schweiz aus zu unterstützen. Insgesamt liess die Emigration nach und es wurden keine neuen S. mehr gegründet.


Literatur
– L. Schelbert, Einführung in die schweiz. Auswanderungsgesch. der Neuzeit, 1976
– G. Arlettaz, «Emigration et colonisation suisses en Amérique, 1815-1918», in SQ 5, 1979, 3-236
– O. Grivat, Les vignerons suisses du tsar, 1993
– L.-E. Roulet, «Jean-Pierre Pury et ses projets de colonies en Afrique du Sud et en Australie», in MN, 1994, 49-63
– L.M. Schneider, Die Politik des Bundes gegenüber projektierten Kolonisationsunternehmen in Argentinien und Brasilien, 1998
– C. Lützelschwab, La Compagnie genevoise des Colonies suisses de Sétif (1853-1956), 2006

Autorin/Autor: Marc Perrenoud / MD