Volkszählungen

Die Geschichte der V. ist eng mit jener des Staats und der Staatsverwaltung verbunden. Bis ins 17. Jh. hinein wurden in Europa keine V. durchgeführt. Für die Untersuchung der Bevölkerungsentwicklung ist die demograf. Forschung (Demografie) daher auf Steuerbücher, Listen von Wehrpflichtigen oder Stimmberechtigten, behördl. und kirchl. Feuerstättenzählungen oder Familienrekonstruktionen angewiesen. Der Gedanke, der Staat brauche quantitative Informationen, um gut regiert zu werden, wurde im 16. und 17. Jh. von Humanisten und Staatstheoretikern entwickelt. In der polit. Arithmetik und Ökonomie verbanden sich polit. Macht, Statistik und Volkswirtschaftslehre zu einer neuen Gesamtschau von Wirtschaft und Gesellschaft, in welcher V. als Datenquelle einen festen Platz einnahmen.

In der alten Eidgenossenschaft wurden im 17. und 18. Jh. nur in einzelnen Kantonen und mit unterschiedl. Methoden Bevölkerungszählungen organisiert, wobei deren Resultate nicht selten bemerkenswert waren (vgl. die Zürcher V. des 17. und 18. Jh.). In der 2. Hälfte des 18. Jh. engagierten sich die Berner Ökonom. Gesellschaft und die Zürcher Ökonom. Kommission aktiv bei der Durchführung der V. und förderten die Veröffentlichung demograf. Studien gegen den Widerstand der Regierungen, welche die Zählungsergebnisse als staatl. Geheimsache betrachteten. Dieser Vorgang zeigt, dass auch in der alten Eidgenossenschaft eine krit. Öffentlichkeit im Entstehen begriffen war. Die erste, die ganze Schweiz betreffende Volkszählung war diejenige der Helvetik von 1798. Sie sollte die Grundlagen für die Reform der territorialen Strukturen des Landes liefern. Für weite Gebiete (einen Teil der Ostschweiz, Graubünden, Tessin, Freiburg und Wallis) standen bis dahin überhaupt keine brauchbaren Daten zur Verfügung. Die Erhebung, deren Ergebnisse insgesamt als zuverlässig gelten, erstreckte sich auf zwei Jahre. In der Mediationszeit wurden keine V. mehr durchgeführt. Erst 1836 unternahm die Tagsatzung den Versuch, die Gesamtzahl der Bevölkerung der Eidgenossenschaft zu bestimmen. Um die kant. Militärkontingente und die Geldbeiträge für die Landesverteidigung anzupassen, forderte sie die Kantone auf, Tabellen mit demograf. Grunddaten einzusenden. Die Datenerhebung wurde aber erst nach fast zwei Jahren abgeschlossen, wodurch Doppelzählungen und Erhebungslücken unvermeidbar waren.

Nach 1848 institutionalisierten sich regelmässige V. im schweiz. Bundesstaat. Die erste eidg. Volkszählung erfolgte im März 1850 unter der Leitung von Bundesrat Stefano Franscini. Neben der Erhebung der Bevölkerungszahl wurde erstmals nach Geschlecht, Alter, Zivilstand, Beruf, Gewerbe und Konfession der Einwohner gefragt. Im Jahre 1860 erliessen die Räte das Bundesgesetz über die Errichtung des Eidg. Statistischen Bureaus, des Vorläufers des Bundesamts für Statistik (seit 1979), und verabschiedeten ein weiteres über die period. Wiederholung der eidg. Volkszählung im Abstand von zehn Jahren. Zwischen 1860 und 2000 fanden jeweils im Dez. 15 V. statt. Ausnahmen bildeten diejenigen von 1888 (als Grundlage für die Revision der Wahlkreiseinteilung) und 1941 (Mobilmachung vom Mai 1940). Die Ergebnisse dokumentieren als "kollektives Gedächtnis" des schweiz. Bundesstaats die Entwicklung der Sprachen, Konfessionen, Haushalte, Wirtschaftsstrukturen und Siedlungsverhältnisse auf verschiedenen räuml. Ebenen. Zwischen 1860 und 1910 wurde der Fragebogen insbesondere auf Aspekte der Arbeitswelt ausgedehnt (1888 Ersetzung der Haushaltsfragebogen durch individuelle Zählkarten), 1941 kamen Fragen zur Kinderzahl (familienfördernde Tendenz der Zeit) hinzu. 1930-50 stagnierte die statist. Analyse. Immerhin wurde in dieser Zeit in den städt. Agglomerationen eine Wohnungszählung eingeführt. Der Ausbau der V. setzte sich 1960-90 fort, wobei Aspekte der Verkehrs- und Raumplanung sowie der Infrastrukturpolitik in den Vordergrund traten. Neben der Untersuchung der Pendlerströme wurde 1960 die Erhebung der Daten zu den Wohnverhältnissen, 1970 auch diejenige zu den Wohngebäuden für obligatorisch erklärt. 1990 wurden die Daten erstmals flächendeckend geokodiert, d.h. dem Koordinationsnetz der Schweiz auf Hektarstufe zugeordnet. Anlässlich dieser Volkszählung regte sich aus Gründen des Datenschutzes in allen Teilen der Bevölkerung Widerstand gegen die eidg. Statistik. Im Lauf des 20. Jh. hat sich die V. damit von einer reinen Kopfzählung zu einer eigentl. Strukturerhebung der Schweiz gewandelt.

1998 wurde das Bundesgesetz über die eidg. Volkszählung vollständig revidiert, um die Erhebungsmethoden an die neuen Technologien anzupassen. Die Durchführung der Volkszählung 2000 erfolgte grösstenteils per Post und via Internet. Die in den Einwohnerregistern enthaltenen Daten wurden vorbedruckt. Auf der Grundlage der Volkszählung wurde ein eidg. Gebäude- und Wohnungsregister aufgebaut, die Einwohnerregister wurden harmonisiert. Seit 2010 beruht die Volkszählung auf einer jährlich vorgenommenen Registererhebung; ausgewertet werden bestehende Daten der kant. und kommunalen Einwohnerregister, der Bundespersonenregister sowie des eidg. Gebäude- und Wohnungsregisters. Zur Ergänzung dieser Informationen werden daneben versch. Stichprobenerhebungen durchgeführt. Diese neue Verfahrensweise ist kostengünstiger und soll eine schnellere und häufigere Auswertung und Publikation der Zählungsergebnisse ermöglichen.


Literatur
– T. Busset, Zur Gesch. der eidg. Volkszählung, 1993 (mit Bibl.)
– «Statistikgesch.», in SZG 45, 1995
Der Informationsauftrag der Strukturerhebung Schweiz -- Volkszählung 2000, 1997
Eidg. Volkszählung 2000, 15 Bde., 2002-05

Autorin/Autor: Werner Haug