• <b>Zug (Gemeinde)</b><br>Ansicht von Westen. Holzschnitt aus der Schweizerchronik von  Johannes Stumpf,   1548 (Zentralbibliothek Zürich). 1435 versank eine ganze Häuserreihe im See. Die übrig gebliebene Stadtanlage besteht aus drei parallel zum Ufer gelegenen Häuserzeilen mit dem Rathaus in der mittleren Zeile (linkes Ende, mit Treppengiebel). Nach der 1478–1528 erfolgten grosszügigen Erweiterung der Stadtbefestigung mit sechs Rund- und drei Tortürmen kamen auch die alte Burg und die neue Kirche St. Oswald innerhalb des ummauerten Bereichs zu liegen (oberhalb und rechts der Bildmitte).
  • <b>Zug (Gemeinde)</b><br>Quelle: P. Hoppe, "Der Rat der Stadt Zug im 18. Jahrhundert in seiner personellen Zusammensetzung und sozialen Struktur", in Tugium 11, 1995, 97–129  © 2013 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Der 13-köpfige städtische Rat war breit abgestützt. Die Ratsherren des 18. Jahrhunderts stammten aus 33 verschiedenen Geschlechtern. Auch war eine gewisse Durchlässigkeit vorhanden: Insgesamt 13 Familien waren erstmals vertreten, die Hess und die Bossard stiegen gar in den Kreis der vorherrschenden Familien auf. Da immer nur ein Vertreter pro Geschlecht im Rat Einsitz nehmen durfte, kann die Kontinuität der Einsitznahme als Indiz für die Bedeutung einer Familie herangezogen werden. So entfiel die Hälfte aller Amtsjahre auf nur acht Geschlechter.
  • <b>Zug (Gemeinde)</b><br>Entwurf und Kartografie: Andreas Brodbeck, Alexander Hermann  © 2012 Geographisches Institut der Universität Bern und Historisches Lexikon der Schweiz.
  • <b>Zug (Gemeinde)</b><br>Vogelschaubild von Norden. Graulavierte Feder- und Pinselzeichnung, als Vorlage für einen Lichtdruck geschaffen von  H. Müller,   1884 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Die Uferbebauung zeigt sich noch im Zustand vor der Katastrophe von 1887, als ein Teil der Vorstadt im See versank. Das Zentrum der Stadt bilden der Postplatz mit dem Regierungsgebäude am See (mit Fahne) und dem gegenüberliegenden Landtwing'schen Fideikommissgebäude, das 1899–1902 durch das Post- und Telegrafenamt ersetzt wurde. Etwas erhöht am Hang treten die von einem Ringgraben umgebene Burg und die Kirche St. Oswald hervor. Ausserhalb der Stadtmauer liegt die Kirche St. Michael (am oberen linken Bildrand). Der Ausbau der Ausfallstrasse entlang des Sees in Richtung Walchwil erfolgte 1828.

Zug (Gemeinde)

Polit. Gem. ZG, am nordöstl. Ufer des Zugersees am Fuss des Zugerbergs gelegen. 1092 Ziuge, franz. Zoug, ital. Zugo. Siedlungskontinuität besteht wahrscheinlich seit dem Neolithikum. Warenumschlag, Transport und Markt dürften für die Entwicklung von Z., insbesondere auch für die Stadtgründung nach 1200, konstituierend gewesen sein. Erst in der Mitte des 19. Jh. begann die Stadt v.a. nach Norden zu wachsen, wohin sich auch schrittweise das Zentrum verschob. Z. wurde zum Kern einer fast den ganzen Kanton umfassenden Agglomeration.

Schon im MA war Z. Sitz des für das gleichnamige Amt zuständigen Ammanns und des Gerichts. Im Ancien Régime diente die Stadt als Landsgemeindeort und Sitz von Standesbehörden und -kanzlei. Als Marktzentrum hatte sie regionale Bedeutung auch für das Freiamt und die zürcher. und schwyzer. Nachbarschaft. 1799-1801 war Z. Hauptort des helvet. Kantons Waldstätten, seither ist es Hauptort des gleichnamigen Kantons und Sitz der kant. Behörden und der Verwaltung. Von den 1960er Jahren an blühte Z. als Handels-, Finanz- und Dienstleistungszentrum mit internat. Ausstrahlung auf. Seine Zentrumsfunktionen erstrecken sich auch auf die Bereiche höhere Bildung (Pädagog. Hochschule, Institut für Finanzdienstleistungen) und Kultur (Museum für Urgeschichte, Burg Zug, Kunsthaus).

Bevölkerung Zug
JahrEinwohner
um 1450300-400
Ende 18. Jh.über 2 000

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner3 3024 2435 1206 5088 09611 11314 48822 97221 70522  973
Anteil an Kantonsbevölkerung18,9%20,3%22,2%25,9%28,8%32,3%34,3%33,8%25,4%23,0%
Sprache          
Deutsch  4 9666 0437 36510 40413 36819 22717 80918 792
Italienisch  703365464287162 1441 178875
Französisch  6796137169237287284304
Andere  1733481121671 3142 4343 002
Religion, Konfession          
Katholischb3 2804 0304 6395 7676 8278 48110 97917 49614 92013 411
Protestantisch222304677251 2282 5073 3764 8844 2354 105
Andere0171416411251335922 5505 457
davon jüdischen Glaubens  10117016595259
davon islamischen Glaubens       1217021 067
davon ohne Zugehörigkeitc       2521 0802 307
Nationalität          
Schweizer3 2654 0544 6755 6496 7969 83713 35818 78117 39717 530
Ausländer372234458591 3001 2761 1304 1914 3085 443

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Peter Hoppe

1 - Ur- und Frühgeschichte

Archäolog. Funde aus verschiedensten Zeitepochen stammen von einer Geländeterrasse bzw. einer eiszeitl. Moräne im Gebiet Loreto-Löbern und aus dem Gebiet der heutigen Altstadt. Sie belegen deren siedlungsgeografisch günstige Lage und machen eine ununterbrochene Besiedlung spätestens seit dem Neolithikum wahrscheinlich. Erwähnenswert sind spätpaläolith. Feuersteingeräte (12400-9250 v.Chr.), die neolith. Pfahlbauten Vorstadt (Dendrodaten 3541 und 3080 v.Chr.), Schützenmatt (3161-3154 v.Chr.) und Schutzengel (Dendrodaten 3159 und 3158 v.Chr.) sowie Funde versch. bronze- und eisenzeitl. Siedlungen (1550-50 v.Chr.). Funde aus Loreto-Löbern geben Hinweise auf je ein hallstatt- und latènezeitl. Grab. Zudem sind von dort ein römerzeitl. Brandgräberfeld (2. Jh.) und ein frühma. Friedhof (ca. 7. Jh.) bekannt; ein isoliertes Grab (7. Jh.) trat am Fischmarkt zutage. Eine römerzeitl. Siedlung dürfte sich am Standort der frühma. St. Michaelskirche befunden haben. Gruben des 9./10. Jh. auf dem Areal der im 11./12. Jh. zunächst als Holz- und Erdburg, dann als Mantelmaueranlage errichteten Burg weisen auf hochma. Bauten hin.

Im Westen des Gemeindebanns liegen die Seeufersiedlungen Brüggli, Riedmatt (beide 3500-2800 v.Chr., Horgener Kultur) und Galgenbächli (Frühbronzezeit, 2200-1550 v.Chr.) sowie die spätbronzezeitl. Station Sumpf (diverse Dörfer zwischen 1056 und ca. 870 v.Chr.), im Süden die neolith. Stationen Oberwil (Horgener Kultur) und Oterswil-Inseli (Schnurkeramik, 2800-2450 v.Chr.). Sumpf, Riedmatt und Oterswil zählen seit 2011 zum Unesco-Welterbe. Einzelfunde geben Hinweise auf eine Nutzung des voralpinen Gebiets auf dem Zugerberg ab ca. 3800 v.Chr. Südlich der Stadt Z. sind latènezeitl. Siedlungsreste beim Salesianum und in der Ortschaft Oberwil belegt (550-50 v.Chr.); in Letzterer wurde auch ein latènezeitl. Frauengrab entdeckt.

Autorin/Autor: Stefan Hochuli

2 - Herrschaft und Verwaltung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

Der Hof Z., der in den Schriftquellen Ende 13. Jh. als Verwaltungseinheit fassbar wird, geht vermutlich auf einen Fronhof aus vorstädt. Zeit zurück. Zu dessen Ausstattung gehörten die frühma. Eigenkirche St. Michael und die Burg. Nicht am See, sondern leicht erhöht am westl. Abhang des Zugerbergs gelegen, wirkten beide als Kristallisationspunkte der Besiedlung. Wohl ebenfalls in vorstädt. Zeit zurück reicht der nördlich der späteren Gründungsstadt gelegene Siedlungskern Stad (heute Vorstadt) am Seeufer, der auf einen Lande- und Umschlagplatz hinweist.

Die ältere Literatur vermutet, beim Hof Z. habe es sich um Eigengut der Gf. von Lenzburg gehandelt; das ist aber wegen des Fehlens von schriftl. Quellen über die Herrschafts- und Besitzverhältnisse nicht belegbar. Klar ist indes, dass es auf dem Gebiet dieses Hofs ab dem 12. Jh. zu einer Herrschaftsverdichtung kam, indem zunächst anstelle der Motte eine ummauerte Burg errichtet und dann, wohl zu Beginn des 13. Jh., die Stadt gegründet wurde, die 1242 erstmals als solche erwähnt wird. Ob die Gf. von Kyburg die Gründer waren, ist umstritten. In den zeitgenöss. Schriftquellen erscheinen sie weder als solche noch als Stadtherren, auch lassen sich in Z. keine kyburg. Herrschaftsrechte nachweisen. Der eigenartige, nur als Eintrag in einem Archivregister überlieferte Kauf von 1273 vermag ebenso wenig Klarheit zu schaffen. Damals soll Z. zusammen mit weiteren Besitzungen als mutmasslich kyburg. Erbe von Rudolf IV. von Habsburg (= Kg. Rudolf I.) übernommen worden sein.

Unter den Habsburgern wurde die Stadt Z. um 1300 samt dem ihr zugewiesenen Amt als Verwaltungseinheit in die reorganisierte Landesverwaltung der österr. Vorlande integriert. Innerhalb des Amts kamen ihr als Sitz des von der Landesherrschaft eingesetzten Ammanns sowie des Rats und als Gerichtsort zentralörtl. Funktionen zu. Die krieger. Ereignisse um 1352, als Zürich die Stadt Z. belagerte und zum Bund mit den eidg. Orten zwang, wirkten sich zwar nicht unmittelbar auf die Herrschaftsverhältnisse aus. Nach Kriegsende (Brandenburger Frieden) blieben die habsburg. Rechte in Z. vorderhand unbestritten. Da aber die Herzöge ihrer Schutz- und Ordnungsfunktion nicht mehr nachkamen, entstand ein Herrschaftsvakuum. Wohl um 1365 eroberte der Länderort Schwyz die Stadt Z. und präsentierte sich als Nachfolger der habsburg. Landesherren. Schwyz stellte 1370-1404, vorerst noch mit dem Einverständnis der Herzöge, den Ammann in Z. (Thorberger Friede). 1404 eskalierte ein von Schwyz und dem Äusseren Amt Z. ausgehender bäuerl. Aufstand (Siegel- und Bannerhandel) in einem weiteren Überfall auf die Stadt. Jetzt griffen die Städte Zürich und Luzern militärisch zu Gunsten der Stadt Z. ein. Die Schwyzer Vorherrschaft in Z. nahm damit ein abruptes Ende.

Nachdem die Stadt schon 1379 die Vogtei Walchwil erworben hatte, gelang ihr im 15. Jh. durch Kauf und Verburgrechtung die systemat. Erweiterung ihres Untertanengebiets um die heutigen Gem. Cham, Steinhausen, Hünenberg und Risch sowie das heute aarg. Oberrüti. Weil sie die Gem. des Äusseren Amts nicht zu unterwerfen vermochte, bildete sie mit ihren Vogteien zwar einen kleinen Stadtstaat, der aber anders als bei den Städteorten der Eidgenossenschaft nicht deckungsgleich mit dem eidg. Stand Z. war. Gewisse Hoheitsrechte wie das Zollwesen blieben der Stadt vorbehalten. Auch die Hochgerichtsbarkeit wurde 1400 nur der Stadt verliehen; der spätere Einbezug des Äusseren Amts scheint freiwillig erfolgt zu sein. Im Übrigen bildete die Labilität des immer wieder durch Konflikte gefährdeten Verhältnisses zum Äusseren Amt bis ins 19. Jh. hinein eine Konstante der Zuger Geschichte.

<b>Zug (Gemeinde)</b><br>Ansicht von Westen. Holzschnitt aus der Schweizerchronik von  Johannes Stumpf,   1548 (Zentralbibliothek Zürich).<BR/>1435 versank eine ganze Häuserreihe im See. Die übrig gebliebene Stadtanlage besteht aus drei parallel zum Ufer gelegenen Häuserzeilen mit dem Rathaus in der mittleren Zeile (linkes Ende, mit Treppengiebel). Nach der 1478–1528 erfolgten grosszügigen Erweiterung der Stadtbefestigung mit sechs Rund- und drei Tortürmen kamen auch die alte Burg und die neue Kirche St. Oswald innerhalb des ummauerten Bereichs zu liegen (oberhalb und rechts der Bildmitte).<BR/>
Ansicht von Westen. Holzschnitt aus der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548 (Zentralbibliothek Zürich).
(...)

Über die städt. Selbstverwaltung im 13. und 14. Jh. ist wenig bekannt. Im Gegensatz zu den meisten habsburg. Landstädten in der Region erhielt Z. Ende 13. Jh. keine Stadtrechtsurkunde. Erst 1435 wurde zumindest das Bürgerrecht schriftlich fixiert. Auch Bürgerschaft und Rat tauchen in den Schriftquellen erst spät auf. Das älteste erhaltene Stadtsiegel hängt an einer Urkunde von 1319. Der städt. Rat wird 1333 erstmals erwähnt. Die Bürgerversammlung wählte spätestens ab dem 15. Jh. u.a. die Ratsmitglieder, die Weibel, die Vertreter für das Wochen- und das Grossgericht, die nicht residierenden Vögte für die städt. Vogteien und einen Grossteil der städt. Beamten und Bediensteten. Rund 60 Personen waren im städt. Dienst tätig; diese im Vergleich zu den ländl. Gemeinden des Äusseren Amts grosse Zahl war auch eine Folge der zentralörtl. und marktörtl. Funktionen. Bis zum Ende des Ancien Régime blieb die Bürgerversammlung die "oberste Gewalt" und kontrollierte den Rat. Versuche, ihre Macht zurückzudrängen, scheiterten im Rot-Bachmann-Handel von 1585-86 definitiv. Ein Relikt aus unbekannter Zeit war der städt. Grosse Rat, der in den Quellen erst im späten 16. Jh. fassbar wird; zu dieser Zeit hatte er noch sittenrichterl. Funktionen und zeigte daneben fasnächtl.-brauchtüml. Züge.

Autorin/Autor: Thomas Glauser, Peter Hoppe

3 - Stadtentwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft bis 1800

Die nur etwa 100 m x 180 m grosse Gründungsanlage der Stadt grenzte direkt an den See und enthielt keinen der älteren Siedlungskerne. Mauer und Graben umschlossen drei Parallelgassen und die Liebfrauenkapelle. Ma. Stadtbrände sind um 1293 und archäologisch vor 1371 belegt. Wohl in der 1. Hälfte des 14. Jh. wurde die Befestigung durch den Bau einer Zwingermauer erweitert. Beim Ufereinbruch vom 4.3.1435 versank die seeseitige Gasse im See; vielleicht ein Fünftel der Einwohner kam ums Leben. 1478-1528 wurde in Etappen eine neue Ringmauer mit sechs Rund- und drei Tortürmen erbaut. Die Stadtfläche versechsfachte sich, blieb aber bis ins 19. Jh. hinein teilweise unüberbaut. In derselben Zeitspanne wie die Befestigungsanlagen entstanden u.a. der Neubau der abgebrannten Pfarrkirche St. Michael (ab 1457), die reich ausgestattete St. Oswaldskirche, das sog. Grosshaus von Ammann Werner Steiner (1491), das prächtige Rathaus (1505-09), das monumentale Spital (nach 1511) und das Kornhaus (1530). 1595 kamen die Kapuziner nach Z., deren Kloster als einziges innerhalb der Stadtmauern errichtet wurde. Das Kapuzinerinnenkloster Maria Opferung neben der Pfarrkirche St. Michael wurde ab 1608 gebaut. Es ging aus einer ab dem 14. Jh. nachweisbaren Beginengemeinschaft hervor, die Ende 15. Jh. die Regel der Franziskaner-Terziarinnen angenommen hatte.

Z. dürfte schon in vorstädt. Zeit Marktort und Verladeplatz für den Transport über den See gewesen sein. Die Annahme, die Stadtgründung hänge mit dem Gotthardhandel (Eröffnung der Schöllenen um 1200) zusammen, ist jedoch kaum haltbar. Ende 13. Jh. wird die Stadt als völlig verarmt bezeichnet. Erst im frühen 14. Jh. wurden erstmals Zölle erhoben. Der Erwerb der Vogteien im 15. Jh., deren Abgaben ihrerseits zur Äufnung des städt. Haushalts beitrugen, und der Bauboom um 1500 deuten auf einen gewissen Wohlstand hin. Die ökonom. Bedeutung des landwirtschaftl. Sektors wie auch die Abhängigkeit der Stadt von den ausländ. Pensionszahlungen in der Frühen Neuzeit sind noch kaum untersucht. Die zentralen Faktoren in der städt. Wirtschaft dürften der Wochenmarkt, die Jahrmärkte und die grosse Messe im Spätherbst sowie die ständigen Handelseinrichtungen wie Kaufhaus, Ankenwaage und Sust gewesen sein. Alle Durchgangsstrassen waren unter städt. Kontrolle. Um 1400 lenkte die Bürgerschaft den Warenfluss vom alten Stad weg in die Stadt hinein und beanspruchte das Transportmonopol über den See. Z. wurde zum regionalen Marktzentrum, auf das die städt. Vogteien durch Marktzwang ausgerichtet waren. Auf dieser Kundenbasis entwickelte sich ein breites Spektrum von Gewerbe- und Handwerksbetrieben. Vom 16. bis 18. Jh. gedieh insbesondere das Kunsthandwerk (Goldschmiede, Uhrmacher, Maler, Glasmaler, Bildhauer und Zinngiesser). Die ältesten Zünfte entstanden um 1400, blieben aber politisch bedeutungslos. Die 1756 gegr. Seidenfirma Kolin war das einzige Handelsunternehmen von regionaler Ausstrahlung.

Um 1450 wohnten vielleicht 300 bis 400 Personen innerhalb der Stadtmauern. Ende des 18. Jh. dürften es innerhalb des erweiterten Mauerrings über 1'000 gewesen sein. Auf dem ganzen Gemeindegebiet von Z. lebten 1798 rund 2'500 Personen. Der Anteil der minderberechtigten Hintersassen und der bloss tolerierten Fremden ist nicht genau zu beziffern; mit Sicherheit aber stellten die Bürger die überwiegende Mehrheit. Der Stadtrechtsbezirk umfasste nicht bloss den Raum innerhalb der Mauern, sondern das ganze Gemeindegebiet; Bauernbürger vom Zugerberg oder von Oberwil hatten die gleichen Rechte wie die Städter. Dies und die ungebrochene Macht der Bürgerversammlung führten dazu, dass die Gesellschaft durchlässig und die Aufstiegsmöglichkeiten bzw. die Chancen zur Teilhabe am Regiment bis zum Ende des Ancien Régime intakt blieben. Zudem konnte pro Bürgergeschlecht höchstens ein Mitglied in den städt. Rat gewählt werden. Die Abschliessung eines engeren Zirkels innerhalb der Bürgerschaft war so nicht möglich. Einzelne Fam. wie die Zurlauben, Kolin, Landtwing oder Brandenberg pflegten jedoch auf der Basis von Rentenvermögen, Pensionen, Soldunternehmertum und Offiziersstellen in fremden Diensten einen durchaus patriz. Lebensstil. Insbesondere die Zurlauben nahmen vom späten 16. Jh. bis 1729 eine dominierende Stellung ein (Harten- und Lindenhandel). Die Schichtung der städt. Gesellschaft ist kaum erforscht. Innerhalb der gleichberechtigten Bürgerschaft war aber die Bandbreite zwischen reich und bettelarm gross. Entsprechend differierten auch die Lebensweisen.

1670 brachte der fremde Konvertit Jakob Ammon den Buchdruck nach Zug. Die ersten Hinweise auf eine Schule datieren aus dem MA. Im Zuge der kath. Reform wurde die Lateinschule im 17. Jh. zu einem Gymnasium ausgebaut. Den Mädchenunterricht der Grundschule übernahmen 1657 die Schwestern des Klosters Maria Opferung. Das grösste Fest in Z. war der Tag des Stadtpatrons, des hl. Oswald, am 5. August. Aus Z. stammte mit Johann Caspar Weissenbach der bedeutendste barocke Lyriker und Dramatiker der kath. Schweiz. Z. pflegte eine Theatertradition mit grossen Freilichtspielen als Höhepunkten. 1782-83 wurde über der Stadtmetzg das erste ständige Theaterlokal eingerichtet.

<b>Zug (Gemeinde)</b><br>Quelle: P. Hoppe, "Der Rat der Stadt Zug im 18. Jahrhundert in seiner personellen Zusammensetzung und sozialen Struktur", in Tugium 11, 1995, 97–129  © 2013 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Der 13-köpfige städtische Rat war breit abgestützt. Die Ratsherren des 18. Jahrhunderts stammten aus 33 verschiedenen Geschlechtern. Auch war eine gewisse Durchlässigkeit vorhanden: Insgesamt 13 Familien waren erstmals vertreten, die Hess und die Bossard stiegen gar in den Kreis der vorherrschenden Familien auf. Da immer nur ein Vertreter pro Geschlecht im Rat Einsitz nehmen durfte, kann die Kontinuität der Einsitznahme als Indiz für die Bedeutung einer Familie herangezogen werden. So entfiel die Hälfte aller Amtsjahre auf nur acht Geschlechter.<BR/>
Die Ratsgeschlechter der Stadt Zug im 18. Jahrhundert

Autorin/Autor: Thomas Glauser, Peter Hoppe

4 - Politische Organisation im 19. und 20. Jahrhundert

In der Helvet. Revolution gab die Stadt ihre Vogteien am 11.2.1798 frei. Sie behielt sich aber Eigentumsrechte vor, was im 19. Jh. zu langwierigen Ablösungskonflikten führte. Die städt. Zehnten wurden bis 1816 ausgekauft, die letzte Pfarrkollatur (Cham) erst 1872. Im Juni 1798 wurde Z. Hauptort des gleichnamigen Distrikts im Kt. Waldstätten, im Mai 1799 anstelle von Schwyz Hauptort des ganzen Kantons, da sich die Stadt im Hirthemmlikrieg loyal zur Helvet. Republik verhalten hatte.

Die Mediationsverfassung von 1803 stellte die vorrevolutionäre Gemeindeorganisation im Wesentlichen wieder her. Damit wurde die 1798 separierte Bürgergemeinde, die während ihrer kurzen Existenz einen heftigen Allmendnutzungskonflikt zwischen Weideland- und Pflanzlandinteressen zu bewältigen hatte, wieder mit der polit. Gemeinde vereinigt. An deren Spitze stand der auf elf Mitglieder verkleinerte Stadtrat, der jährlich gewählt wurde. Zur Gemeindeversammlung waren ausschliesslich Ortsbürger zugelassen.

Die schon 1848 beschlossene Abtrennung der Korporation bzw. der Allmendgenossenschaft von der polit. Gemeinde war erst 1874 vollzogen. Die früheren Beisassen setzten ihre Zugehörigkeit zur Korporation 1867 auf dem Prozessweg durch. Ebenfalls 1874 wurde die polit. Gemeinde, in der die allein stimmberechtigten Bürger nur noch gut die Hälfte der Einwohner ausmachten, in eine Einwohner-, eine Bürger- und eine kath. Kirchgemeinde aufgeteilt. Der diesbezügl. Ausscheidungsvertrag von 1877 sprach der für Polizei, Feuerwehr, Schule und öffentl. Bauwesen zuständigen Einwohnergemeinde entsprechende Güter zu. Das Rathaus, die Stadtkanzlei und das Stadtarchiv blieben bei der Bürgergemeinde, durften aber von der Einwohnergemeinde mitgenutzt werden. Die für die Bürgerrechtserteilung und das Sozial- und Vormundschaftswesen der Ortsbürger zuständige Bürgergemeinde behielt auch das 1857 eröffnete Spital, das erste im Kanton. 1981 wurde es vom Kanton übernommen.

Schon in der ersten Stadtratswahl von 1874 fiel einer der nunmehr fünf Sitze an die neu stimmberechtigten Niedergelassenen. 1883 wurde erstmals ein Nichtkantonsbürger Stadtrat. Für die Liberalen war Z. die wichtigste Basis im konservativ dominierten Kanton. 1880-94 gab es nur liberale Stadträte. Danach erhielten die Konservativen durch das neue Proporzwahlrecht eine angemessene Vertretung. 1918-82 waren sie sogar die stärkste Partei, während die Freisinnigen auch durch das Aufkommen der Sozialdemokraten geschwächt wurden. Die SP errang ihren ersten Sitz 1918. 1927-74 blieb die parteipolit. Zusammensetzung des Stadtrats unverändert (2 Konservative/CVP, 2 Freisinnige, 1 SP). 1963 ersetzte ein 40-köpfiges Parlament, der Gr. Gemeinderat, die Gemeindeversammlung. Um diese Zeit begannen sich die lange stabil gebliebenen polit. Verhältnisse rasch zu verändern. Neue Parteien gewannen an Bedeutung. Während sich LdU und Nationale Aktion nicht lange hielten, sind die auf die Sozialist. Arbeiterpartei SAP zurückgehenden Alternativen seit 1983 im Parlament vertreten und seit den Wahlen 2002 stärker als die SP, die 1994 erstmals das Amt des Stadtpräsidenten erorberte. Auf der rechten Seite wuchs ab 1994 die SVP. Die einst dominierende CVP wurde auch durch die Abspaltung der Christlichsozialen 1998 geschwächt.

<b>Zug (Gemeinde)</b><br>Entwurf und Kartografie: Andreas Brodbeck, Alexander Hermann  © 2012 Geographisches Institut der Universität Bern und Historisches Lexikon der Schweiz.<BR/><BR/>

Autorin/Autor: Renato Morosoli

5 - Stadtentwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Bevölkerung, Stadtentwicklung und Verkehr

Gemäss der ersten detaillierten Volkszählung von 1817 lebten von den 2'809 Einwohnern, die ein Fünftel der Kantonsbevölkerung ausmachten, 45% innerhalb des spätma. Mauerrings. Weitere 13% wohnten in der Vorstadt, 5% im Weiler Oberwil südlich von Z. und die übrigen 37% auf Einzelhöfen am Zugerberg und in der Lorzenebene. Die Entfestigung ab 1835, die 1879 mit der Schleifung des Ägeritors endete - wobei vier der sechs Rundtürme stehen gelassen wurden -, sowie der Neu- und Ausbau der Ausfallstrassen gaben der Stadtentwicklung neue Impulse. Von 1837 an wurden rund um den Platz vor dem 1873 abgetragenen Baarertor, dem späteren Postplatz, repräsentative Gebäude errichtet, nämlich das Hotel Bellevue mit dem daran angebauten Stadttheater (1841-42, beide abgebrochen 1912) und das Regierungsgebäude (1869-73). Hier entstand das neue Zentrum der Stadt, die aus topograf. Gründen v.a. Richtung Norden wuchs. Wichtig wurde auch die 1864 eröffnete Linie der Nordostbahn zwischen Zürich und Luzern. Der Bahnhof Z. lag ausserhalb der Stadt nordwestlich des Siedlungskerns und wertete die Vorstadt am See auf. Die Absicht, Z. als Tourismusort zu positionieren, führte ab 1873 zum Bau einer grosszügigen Quaianlage. Wegen der zusätzl. Belastung durch die Aufschüttungen brach am 5.7.1887 das Ufer bei der Vorstadt ein. Zwei Häuserzeilen rutschten in den See, elf Menschen starben. Die Vorstadtkatastrophe erzwang eine neue Siedlungsplanung, da nun am Seeufer ein Bauverbot galt. Noch im selben Jahr wurde deshalb der dem Baureglement von 1882 unterstellte Stadtrayon erheblich erweitert.

<b>Zug (Gemeinde)</b><br>Vogelschaubild von Norden. Graulavierte Feder- und Pinselzeichnung, als Vorlage für einen Lichtdruck geschaffen von  H. Müller,   1884 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Die Uferbebauung zeigt sich noch im Zustand vor der Katastrophe von 1887, als ein Teil der Vorstadt im See versank. Das Zentrum der Stadt bilden der Postplatz mit dem Regierungsgebäude am See (mit Fahne) und dem gegenüberliegenden Landtwing'schen Fideikommissgebäude, das 1899–1902 durch das Post- und Telegrafenamt ersetzt wurde. Etwas erhöht am Hang treten die von einem Ringgraben umgebene Burg und die Kirche St. Oswald hervor. Ausserhalb der Stadtmauer liegt die Kirche St. Michael (am oberen linken Bildrand). Der Ausbau der Ausfallstrasse entlang des Sees in Richtung Walchwil erfolgte 1828.<BR/>
Vogelschaubild von Norden. Graulavierte Feder- und Pinselzeichnung, als Vorlage für einen Lichtdruck geschaffen von H. Müller, 1884 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Im späten 19. Jh. wurden z.T. unter Federführung der 1878 gegr. Wasserwerke Z. städt. Infrastrukturen bereitgestellt: Ab 1878 entstanden die Wasserversorgung, die Kanalisation, das Gaswerk und die Gasbeleuchtung, ab 1891 das Telefonnetz und die Elektrizitätsversorgung. 1897 wurde die Eisenbahnlinie von Zürich durch das Sihltal und weiter Richtung Gotthard eröffnet. Die Strecke führt bis heute teilweise auf einem Damm mitten durch die Stadt. Sie erforderte den Bau eines neuen, weiter im Norden liegenden Bahnhofs, der zum Zentrum des öffentl. Lokalverkehrs wurde (1904-13 Busbetrieb, 1907 bis in die 1950er Jahre Strassenbahn, seit 1953 wieder Busbetrieb, seit 2004 zudem Stadtbahn). Die Folge war ein starkes Siedlungswachstum in der Neustadt zwischen Bahnhof- und Postplatz. Parallel dazu nahm die Bevölkerung zwischen 1888 und 1910 um 58% zu. Bis Mitte des 20. Jh. dehnte sich die bewohnte Fläche nur noch moderat aus, u.a. durch Siedlungen, die im Westen ausserhalb des Stadtrayons von 1887 dem Gartenstadtkonzept folgten. In den 1950er Jahren begann ein enormer, mit Unterbrüchen bis in die Gegenwart anhaltender Bauboom, der erst seit 1975 durch eine Ortsplanung begleitet wird. Die Bausubstanz des 19. und frühen 20. Jh. in der Neustadt wurde binnen weniger Jahrzehnte fast gänzlich ersetzt. Speziell der Bereich nördlich des Postplatzes veränderte sich durch Verdichtung und Blockrandbebauungen zur City, in der Geschäfte und Büros den Wohnraum verdrängten. Eine erste Phase des Hochhausbaus endete in den späten 1960er Jahren, eine zweite Phase mit jetzt erheblich grösseren Bauten setzte im 21. Jh. ein. Grossüberbauungen wie das Metalli-Zentrum (ab 1987) und der Neubau des Bahnhofs (2003) verschoben das Stadtzentrum weiter nach Norden. Auf die 1920er Jahre zurückgehende Pläne für eine Umfahrung des alten Stadtzentrums scheiterten. Ausserhalb der Stadt wurden grosse Wohnsiedlungen erstellt, z.B. in Oberwil und auf der bisher kaum überbauten Herti-Allmend. Dort entstand vorwiegend auf Korporationsland ein Wohnquartier mit Sportanlagen und eigener Infrastruktur, das mittlerweile den grössten Stadtteil darstellt.

Nach einem Bevölkerungszuwachs von 37% in den 1950er Jahren wohnten 1960 38% der Kantonsbevölkerung in der Stadt. In den 1970er und 80er Jahren stagnierte die Einwohnerzahl, um dann wieder zuzunehmen. 2010 wohnte knapp ein Viertel der Kantonsbevölkerung in Z.

Autorin/Autor: Renato Morosoli

5.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

Im 19. und 20. Jh. baute Z. seine Stellung als Wirtschafts- und Verkehrszentrum des Kantons aus, wobei es abgesehen von einer kleinen, 1850 gegr. Weberei erst spät, dann aber rasch und stark industrialisiert wurde. 1850 arbeiteten etwa 44% der männl. Erwerbstätigen in Handwerk und Gewerbe, 37% in der Landwirtschaft. Mässigen Erfolg hatten die 1852 mit der Dampfschifffahrt auf dem Zugersee einsetzenden Bemühungen, Z. zum Tourismusort zu machen. 1854 wurde das erste Kurhaus auf dem Zugerberg eröffnet, der 1907 mit der Zugerbergbahn erschlossen wurde. 1905 beschäftigte das Gastgewerbe gut 8% aller Erwerbstätigen.

Der Anschluss ans Bahnnetz 1864 (Zürich-Luzern) und 1897 (Zürich-Gotthard) verbesserte die Verkehrslage erheblich. Der Aufbau der Druckwasser- und der Elektrizitätsversorgung in der Stadt behob den Standortnachteil mangelnder Wasserkraft. Die Industrialisierung ab 1880 erfolgte v.a. in der Umgebung des Bahnhofs. 1880 wurde die Metallwarenfabrik Z. gegründet, 1896 das Elektrotechn. Institut Theiler & Co., der spätere Weltkonzern Landis & Gyr (ab 1928 neben dem Bahnhof), 1897 die Untermühle Z. (bis 1929), 1898 die Schweiz. Glühlampenfabrik (bis 1925), 1900 die Kistenfabrik Z. (bis 1995) und 1913 die Verzinkerei Z., die spätere V-Zug AG (Metallwaren Zug). 1905 arbeiteten 58% der Beschäftigten im industriell-gewerbl. Sektor, davon fast zwei Fünftel im Baugewerbe und mehr als ein Viertel im Metall- und Maschinenbau. Nur noch 15% aller Beschäftigten waren in der Landwirtschaft tätig, 27% im Dienstleistungsbereich. 1910 war schon fast jede zehnte Arbeitskraft ein Zupendler. Der Bedarf wurde z.T. auch mit Fremdarbeitern (v.a. aus Italien) gedeckt, wodurch der Ausländeranteil auf 16% anstieg. Die in Z. konzentrierte Metallindustrie und der Apparatebau litten wegen ihrer Exportabhängigkeit stark unter der Weltwirtschaftskrise, während das Baugewerbe von Notstandsarbeiten profitierte. 1932 entliess die Landis & Gyr, mit über 2'000 Beschäftigten der grösste Betrieb im Kanton, einen Fünftel der Belegschaft. In der Metallwarenfabrik und der Verzinkerei kam es 1922 bzw. 1931-32 wegen Lohnabbaus zu langen Streiks.

Seit den späten 1950er Jahren zogen die schon 1921 und 1930 vom Kanton beschlossenen Steueranreize und andere Standortvorteile ausländ. Firmen an, v.a. Holding-, Domizil- und Gemischte Gesellschaften. Zwischen 1960 und 1975 verzehnfachte sich die Zahl der Aktiengesellschaften auf 5'724 (91% aller Aktiengesellschaften im Kanton). 2010 waren es fast 10'000. Der Anteil des Dienstleistungsbereichs an der wachsenden Beschäftigtenzahl schwoll zwischen 1955 und 2008 von 26% auf 81% an. Z. wurde zu einem der global wichtigen Standorte für den Handel mit Rohstoffen wie Öl, Metallen und Agrarprodukten (z.B. Xstrata, Nordstream) und für Konzernsitze (z.B. Amgen International AG, Siemens Building Technologies Group). 1955 stellten Industrie und Gewerbe 72% der knapp 10'000 Beschäftigten, 2008 noch 19% von 31'800. Parallel zur Wirtschaftsentwicklung wuchs der ausländ. Bevölkerungsanteil von 8% 1950 auf fast 30% 2010. Die oft hochqualifizierten Zuwanderer stammten jetzt aus über 120 Staaten. Um 1980 gab es erstmals mehr Zupendler als in der Stadt wohnhafte Erwerbstätige. Seit etwa 2000 ist die Beschäftigtenzahl grösser als die Wohnbevölkerung. Mit diesem Strukturwandel verbunden war ein enormes Wohlstandswachstum. Zwischen der Mitte und dem Ende des 20. Jh. stieg das steuerbare Pro-Kopf-Einkommen auf das 25-Fache, das Pro-Kopf-Vermögen auf das 33-Fache.

Autorin/Autor: Renato Morosoli

5.3 - Religion, Bildung und Kultur

1898-1902 ersetzte die kath. Kirchgemeinde nach langer Debatte die spätma. Pfarrkirche St. Michael durch einen Neubau. 1944, 1956 und 1971 entstanden die drei Pfarreien Guthirt, Oberwil und St. Johannes. Die Kapuziner verliessen ihr Kloster 1997. Für die wachsende ref. Bevölkerung (1910 15%) baute der Protestantenverein der Stadt Z. 1904-06 in der Neustadt die zweite ref. Kirche im Kanton. Mitte des 20. Jh. erreichte der Anteil der Reformierten mit knapp einem Viertel den Höchststand (2010 15%). Die kath. Mehrheit fiel 2010 erstmals knapp unter die 50%-Marke. Der Anteil der Konfessionslosen verfünffachte sich seit 1990 auf über 21%.

Während der Helvetik reformierte die Munizipalität unter Mitwirkung des Klerus die Knabenschule samt Gymnasium sowie die Mädchenschule im Kapuzinerinnenkloster Maria Opferung. Gleichzeitig gründeten die Schwestern ein Töchterpensionat (bis 2003) von überregionaler Ausstrahlung. Die Schulreform von 1800 hatte grossen Einfluss auf die kant. Schulpolitik der Mediationszeit. Auch die 1830 gegr. Zeichenschule für Handwerker war als Vorläuferin der 1940 entstandenen kant. Gewerbeschule pionierhaft. 1861 wurde das städt. Gymnasium durch eine vom Kanton geführte Industrieschule erweitert. 1920 übernahm der Kanton das Gymnasium. Die städt. Musikschule ging aus der 1858 gegr. Kadettenmusik und älteren kirchenmusikal. Aktivitäten hervor und wirkte über den Kanton hinaus als Vorbild. Das 1880 geschaffene kath. Lehrerseminar St. Michael wird seit 2004 als Pädagog. Hochschule weitergeführt. Mehrere Privatschulen, darunter das 1926 gegr. Institut Montana auf dem Zugerberg, richten sich auf ein internationales Publikum aus.

Die 1808 gegr. Theater- und Musikgesellschaft wurde mit dem 1843 eröffneten Stadttheater und dem 1907-09 erbauten Theater-Casino (1980-81 erweitert) zu einer wichtigen Kulturinstitution, ebenso die 1836 gegr. Stadtbibliothek (seit 1941 auch Kantonsbibliothek) und das 1977 eröffnete Kunsthaus mit seiner bedeutenden Sammlung der Wiener Moderne. Der Stierenmarkt (seit 1897) und die Zuger Messe (seit 1962) sind auch gesellschaftlich wichtige Anlässe. Stark in der Bevölkerung verankert ist der 1967 gegr. Eishockeyclub EVZ, der 1998 Schweizermeister wurde. Ein kulinar. Spezialität ist die 1921 von einem zugewanderten Appenzeller kreierte Zuger Kirschtorte. Die internat. Orientierung der Wirtschaft bereicherte das kulturelle Leben; dieses konnte aber mit zahlreichen Vereinen, einer regen Musik- und Kleintheaterszene und einem lebendigen Brauchtum (z.B. Chröpfelimeh, Gret Schäll) zugleich seine lokale Eigenständigkeit wahren.

Autorin/Autor: Renato Morosoli

Quellen und Literatur

Archive
– Archiv der Kath. Kirchgem. Z.
– Archiv der Korporationsgem. Z.
– BürgerA Z. (Archiv der Bürgergem. und altes StadtA)
– Museum Burg Z. (Modell der Stadt Z. um 1730, geschaffen 1960)
– StadtA Z. (Archiv der Einwohnergem.)
– StAZG
Quellen
QW
UB von Stadt und Amt Z., 2 Bde., 1952-64
SSRQ ZG, 3 Bde., 1971-85
Regesten zu den Stadtrats- und Gemeindeversammlungsprotokollen der Stadt Z. 1471-1798 (Datenbank StAZG)
Literatur
  • Allgemeines

    Kdm ZG 2, 21959
    INSA 10, 457-544
  • Ur- und Frühgeschichte

    – R. Huber, G. Schaeren, «Zum Stand der Pfahlbauforschung im Kt. Z.», in Tugium 25, 2009, 111-140
    – A. Boschetti-Maradi, Archäologie der Stadt Z. 1, 2012
  • Mittelalter und frühe Neuzeit

    – E. Gruber, Zur älteren Zuger Gesch., 1982
    – P. Hoppe, «Der Rat der Stadt Z. im 18. Jh. in seiner personellen Zusammensetzung und sozialen Struktur», in Tugium 11, 1995, 97-129
    – T. Glauser, «Sust und Zoll in der spätma. Stadt Z.», in Tugium 16, 2000, 79-96
    – T. Glauser, «1352 - Z. wird nicht eidgenössisch», in Tugium 18, 2002, 103-115
    – A. Boschetti-Maradi et al., «Der Ausbau der Zuger Stadtbefestigung unter habsburg. Herrschaft», in Tugium 23, 2007, 105-136
  • 19. und 20. Jahrhundert

    – C. Buri et al., Die Zuger Vorstadt, 1987
    – I. Noseda, R. Peter «Z. in Zeitschnitten, 1830-1992», in Zuger Njbl., 1992, 40-58
    – M. van Orsouw, Das vermeintl. Paradies, 1995
    – P. Hoppe et al., «Wie eine ma. Landstadt», in Der Kt. Z. zwischen 1798 und 1850, Bd. 2, 1998, 13-32
    – M. Steiner, Z.s Stadtentwicklung im Hinblick auf den wirtschaftl. "Take-off" der späten 50er Jahre und die folgenden Boomjahre, Liz. Zürich, 1999
    – S. Abicht et al., Die Stadtmacher: 50 Jahre Gr. Gemeinderat der Stadt Z., 2013

Autorin/Autor: Peter Hoppe