Walser

Das Wort W. bedeutet Walliser und bezeichnet jene deutschsprachigen bergbäuerl. Siedler samt ihrer Nachkommenschaft, die im ausgehenden HochMA das Oberwallis verliessen, und im damals zu einem grossen Teil noch romanischsprachigen Alpenraum angesiedelt wurden. Rund 150 Orte gelten als Walsersiedlungen. Sie sind auf einer Länge von rund 300 km im Alpenbogen verstreut zu finden. Die Ansiedlung von W.n ist Ausdruck der hohen Mobilität im Alpenraum zwischen dem 13. und dem 15. Jh.

Als zumindest teilweise walserisch geprägt gelten im Norden das bern. Haslital, im Westen das franz. Chablais, im Süden die Alpentäler um den Monte Rosa, v.a. Lys, Anzasca, Sesia, Toce, Formazza und, von dort aus besiedelt, Bosco/Gurin im Tessin. In Gruppen und während eines Zeitraums von gut hundert Jahren gelangten W. ab dem 13. Jh. auf versch. Wegen ostwärts ins urner. Urserntal, ins Tujetsch, nach Obersaxen in der Surselva und vereinzelt ins Churer Rheintal. Als Stammkolonien in Graubünden gelten wegen des Kolonistenrechts und aufgrund sprachl. Befunde das Rheinwald im Gebiet des Hinterrheins und die Landschaft Davos, die beide um 1280 besiedelt wurden. Von dort aus stiessen die W. in die benachbarten Täler vor: von Hinterrhein nach Vals, Safien, Tschappina und vermutlich ins Aversertal, von Davos nach Klosters und Schlappin, zudem ins Prättigau, wo sie u.a. die Höhensiedlungen St. Antönien, Schuders, Furna und Valzeina anlegten oder ausbauten. Von Davos aus gelangten W. auch ins Schanfigg, nach Arosa und Langwies (mit Praden). Kaum geklärt ist die Wanderung der W. ins Sarganserland, ins Fürstentum Liechtenstein (v.a. Triesenberg, um 1280) und nach Vorarlberg. Ab dem beginnenden 14. Jh. sind sie im Laternser- und Kleinwalsertal nachgewiesen. Walserisch sind das Gr. Walsertal, Lech am Arlberg und zahlreiche verstreute Orte in den Seitentälern des Walgaus und des Rheintals. Im Tirol ist Galtür eine Walsersiedlung, die unweit von Klosters liegt. Wurde früher der Auszug kleiner Siedlergruppen aus dem deutschsprachigen Oberwallis mit Überbevölkerung und Klimawandel begründet, gilt es inzwischen als gesichert, dass v.a. die Territorialherren mit Grundbesitz beidseits des Alpenkamms W. zur Sicherung ihrer Hoheitsrechte ansiedelten oder diese durch andere mit ihnen verbundene Herren anwerben liessen.

Für ihre kolonisator. Tätigkeit erhielten die grösseren Walserkolonien in Graubünden, Hinterrhein, Davos, Safien und Langwies das ma. Kolonistenrecht. Es gewährte die freie Ammannwahl, die niedere Gerichtsbarkeit, Freizügigkeit und die freie Erbleihe zu unveränderl. Zins. Die Walsersiedler hatten den Territorialherren Kriegsdienste zu leisten. Später weiterziehende W. mussten sich in die örtl. Rechtsverhältnisse einordnen. In den südl. Walserorten und im Vorarlberg gingen die frühen Autonomierechte im Verlauf des SpätMA verloren. Da die W. von ihren Territorialherren häufig Alpen und Waldgebiete zugewiesen bekamen, die bereits von ansässigen Vorsiedlern als Sommerweiden oder Holzlieferanten genutzt worden waren, blieben einzelne lokale Streitigkeiten nicht aus. Ab Ende des 15. Jh. führten Raumnot und eine Klimaverschlechterung zu einer Abwanderung aus den Höhensiedlungen der W. in die Talstufen. Dieser Vorgang brachte W. und Talbewohner vermehrt im gleichen Gemeinwesen zusammen. In Graubünden und anderswo begünstigte die sich anbahnende Annäherung der Rechtsverhältnisse das Zusammenleben der sprachlich unterschiedl. Bevölkerungsgruppen.

Die kolonisator. Leistung der W. bestand in der Rodung, Besiedlung und Bewirtschaftung hoch gelegener, niederschlagsreicher Gebirgslagen. Dabei konzentrierten sich die W. hauptsächlich auf die Viehwirtschaft. Für ihre Wirtschaftsweise war die Alpwirtschaft kennzeichnend, welche die Beschaffung grösserer Heuvorräte und Viehbestände ermöglichte. Mit dem Bevölkerungswachstum beidseits der Alpen nahm der Bedarf an Rindfleisch auf ital. und süddt. Märkten zu. Die Bündner, Vorarlberger und Ursner Bauern trieben ihr Vieh auf diese Handelsplätze und brachten von dort jene Güter mit, die sie selbst nicht herstellen konnten. Mit dem Kauf und dem Verkauf von Waren nahmen die W. an der den Tauschverkehr ablösenden Geldwirtschaft teil. In Passlandschaften und Durchgangsgebieten von den Pässen am Monte Rosa über das Rheinwald bis ins Kleinwalsertal und am Gotthard spielten die W. als Säumer eine zentrale Rolle.

Die These, wonach die W. beim Aufstieg der Drei Bünde vom Feudalismus zur frühneuzeitl. Demokratie eine aktive Rolle gespielt hätten, hat der Rechtshistoriker Peter Liver für die Landschaften Rheinwald und Heinzenberg untermauert. Aus heutiger Sicht ist die Entstehung von Walsergemeinden Teil einer allg. Rechtsentwicklung und Gemeindebildung, die sich unter besonderen Bedingungen v.a. im 15. Jh. in ganz Graubünden und den angrenzenden Regionen vollzog. Die Ursner Talgemeinde, die über eine grosse Autonomie verfügte, wurde 1382 reichsunmittelbar. In den übrigen Walsergebieten wurden die W. in grossräumige Adelsherrschaften integriert. Ab dem 15. Jh. bekleideten W. wichtige polit. und militär. Ämter. Andere schufen sich auswärts als Baumeister, Künstler, Geschäftsleute, Söldner und Zuckerbäcker einen Namen. Jahrhundertelang sicherte die saisonale Abwanderung erwerbsfähiger Männer das Überleben der Walsersiedlungen. Mit der Entdeckung der Bergwelt als Erholungs- und Freizeitraum im 19. und 20. Jh. erfolgte in den landschaftlich privilegierten Zonen mit dem zunehmenden Wohlstand die für die Tourismusbranche unentbehrl. Zuwanderung von Arbeitskräften.

Einzig fassbares Relikt einer ausschliesslich walser. Kultur ist die Mundart. Andere lokale Eigenarten aus dem spätma. Oberwallis sind nicht nachweisbar. Zudem hat die Anpassungsfähigkeit der W. an ihre neue Umwelt, ihr Einfallsreichtum bei der Bewirtschaftung der neuen Gebiete und die Übernahme fremden Kulturguts im Lauf der Jahrhunderte bewirkt, dass sich in Walsergebieten Gemeinschaften herausbildeten, die lokale Eigenheiten im Baustil, im Brauchtum, in der Sachkultur und in der Arbeitstechnik entwickelten. Zur Abgrenzung eines eigenen Volkstums taugen diese nicht, denn sie gehören zum Gemeingut der Alpenraumbewohner. Was die W. in ihren z.T. von rätoromanisch- oder italienischsprachigen Nachbarn umschlossenen Siedlungen zusammenhält, sind das im 20. Jh. erlangte Bewusstsein und v.a. die höchstalemann. Mundart, die durch einige Lautmerkmale und besondere Ausdrücke auffällt. Bereits in früheren Jahrhunderten verschwand die Walsersprache im Zuge der Abwanderung aus den Höhensiedlungen oder sie ging in der Umgangssprache der Umgebung auf. Im 20. Jh. kam das Walserdeutsch mit dem Verkehr und dem Tourismus, dem Einfluss von Schule und Medien, aber auch durch Kontakte zu den dt. und ital. Nachbarmundarten unter Druck. Zu Beginn des 21. Jh. ist die im Walserdeutschen beschriebene bäuerl. Welt weitgehend untergegangen. Das Walserdeutsche vermochte sich in einigen Walsergebieten Graubündens und des Vorarlbergs relativ gut zu halten. Die internat. Vereinigung für Walsertum und mehrere regionale Gruppierungen bemühen sich darum, die Eigenheiten des Volkstums in Sprache und Bräuchen zu erhalten und die Zusammengehörigkeit zu pflegen. Im Rahmen dieser Bestrebungen wird alle drei Jahre ein internat. Walsertreffen durchgeführt.


Literatur
– H. Kreis, Die W., 1958 (21966)
Walserheimat in Vorarlberg, 1967-96
– P. Liver, «Ma. Kolonistenrecht und freie W. in Graubünden», in Abh. zur schweiz. und bündner. Rechtsgesch., 1970
– L. Carlen, Walserforschung 1800-1970: Eine Bibl., 1973
– B. Bilgeri, Gesch. Vorarlbergs 2, 1974, 18-33
– L. Carlen, «Uri und die W.», in HNU NF 32/33, 1977/78, 81-101
– L. Zanzi, I W. nella storia delle Alpi, 1988 (22002)
– E. Rizzi, Gesch. der W., 1993
Walserheimat in Vorarlberg, Tirol und Liechtenstein, 1996-
HbGR 1, 174-178
– F. Hitz, «W., Burgen, Adel», in Jber. der Walservereinigung Graubünden, 2001, 48-112
– P. Zinsli, W. Volkstum, 72002
– M. Waibel, Unterwegs zu den W.n, 2003
Kl. Sprachatlas der dt. Schweiz, hg. von H. Christen et al., 42012

Autorin/Autor: Max Waibel