Landesausbau

Unter L. (auch Binnenkolonisation) wird jener europaweite Prozess verstanden, durch den im MA mittels Rodung und Urbarisierung neue Siedlungsräume und landwirtschaftl. Produktionsflächen geschaffen worden sind. Der L. führte zu einer grossräumigen Veränderung der Natur- sowie Kulturlandschaft (Landschaft) und wirkte sich nachhaltig auf die Wirtschafts- und Sozialstrukturen sowie auf die polit.-herrschaftl. Verhältnisse aus. In der Schweiz begann der Prozess des L.s wohl schon im 7.-8. Jh. Er erreichte seine höchste Intensität im 12. und 13. Jh. und verebbte im 14.-15. Jh. Demografisch wurde der L. von einer anhaltenden, aber wechselhaft beschleunigten Zunahme der Bevölkerung getragen. Hochgerechnet können für die Schweiz im 9. Jh. 300'000, im 13. Jh. 600'000 Einwohner angenommen werden. Da sich im MA die landwirtschaftl. Flächenerträge nur unwesentlich steigern liessen (z.B. Mergeldüngung ab 13. Jh.), führte ein Bevölkerungswachstum zwangsläufig einerseits zur Abwanderung von Populationsüberschüssen, anderseits zur Erweiterung der landwirtschaftl. Produktionsflächen. Der Prozess des L.s umfasste deshalb nicht nur Rodungsunternehmungen, sondern auch Migrationsbewegungen (Binnenwanderung). In den Schriftquellen spiegelt sich der L. meist nur punktuell in urkundl. Zeugnissen über einzelne Rodungsunternehmungen, v.a. im Zusammenhang mit Konfliktsituationen (Marchenstreit) wider. Deutlich lässt sich der L. an den Orts- und Flurnamen aller vier Landessprachen ablesen. Es fällt allerdings schwer, die toponomast. Überlieferung in Zeitschichten zu gliedern, weshalb ohne anderweitige, z.B. urkundl. Belege ein Rodungsname kaum näher zu datieren ist. Vereinzelt deuten Bodenfunde (Äxte, Reuthauen) auf Rodungstätigkeit hin, doch hat die Archäologie ihre Möglichkeiten, den L. durch Bodenuntersuchungen (u.a. Radiokarbondatierungen von Brandrodungshorizonten) zu verfolgen, bei Weitem nicht ausgeschöpft. Angesichts der Zusammenhangslosigkeit der Schriftquellen, der Verteilung der toponomast. Zeugnisse auf die vier Sprachräume und des unzureichenden Forschungsstandes der Archäologie ist es nicht verwunderlich, dass der Prozess des L.s bisher keine umfassende, gesamtschweiz. Darstellung erfahren hat.

Autorin/Autor: Werner Meyer

1 - Veränderung der Landschaft

Im Gebiet der Schweiz konzentrierte sich die kolonisator. Arbeit des L.s auf die Rodung der weitläufigen Wälder, die zu Beginn des MA das "Altsiedelland" umgaben. Ausgeklammert blieben die überschwemmungsgefährdeten Flussauen und die Sumpfzonen im Umfeld der Mittelland- und Alpenrandseen (Gewässerkorrektionen). Die hügelige und gebirgige Bodengestalt der Schweiz verhinderte, dass wie andernorts in Europa die Wälder grossräumig verschwanden, da überall Steil- und Schattenhänge, anstehender Fels und Bachrunsen der Urbarisierung des Bodens Grenzen setzten. So wurden durch den Rodungsprozess die Siedlungs- und Anbauzonen des Altsiedellandes nur stellenweise erweitert. Oft mussten von den Kolonisatoren die siedlungsfeindl. Räume übersprungen werden, so dass der L. zur Bildung von Rodungsinseln unterschiedl. Grösse, umgeben von unangetastetem Wald, führte. Im Jura, in den hügeligen Partien des Mittellandes und namentlich in den Voralpen prägt dieses Prinzip der selektiven Rodung das Landschaftsbild bis heute. In den Alpen, v.a. in den tief eingeschnittenen Trogtälern, wurde die Verdrängung der Wälder wegen deren Schutzwirkung vor Steinschlag und Lawinen seit ca. 1300 durch gezielte Verordnungen gebremst (Bannwald). In den höheren Lagen um 2000 m, wo bereits im 11. und 12. Jh. die Weidefläche für gesömmertes Vieh knapp wurde, drängte man den Wald von seiner natürl. Obergrenze aus durch Rodung von oben nach unten zurück (Rodungsalpen).

Autorin/Autor: Werner Meyer

2 - Rodungstechniken, Toponomastik

Für die schwere Kolonisationsarbeit standen der bäuerl. Bevölkerung nur einfache techn. Mittel zur Verfügung. Hauptwerkzeuge für die eigentl. Rodungstätigkeit waren Axt, Gertel und Reuthaue. Unterstützt wurde der Vorgang durch die Übernutzung des Waldes mit weidendem Vieh und durch das Abschälen der Rinde, wodurch die Bäume zum Verdorren und Absterben gebracht wurden. Dieses Prinzip des Schwendens schlug sich in vielen Orts- und Flurnamen nieder (dt. Schwand, Schwendi, analog ital. Rasa und rätorom. Rasoira von radere). An die Beseitigung von Wald und Gestrüpp durch Niederbrennen (Brandrodung), erinnern die Namen dt. Brand, franz. Ars, Arcs, Arses, ital. Arzo und rätorom. Ars von ardere (Brandwechselwirtschaft). Voraussetzung für eine nachhaltige Urbarisierung war das Entfernen des Wurzelwerkes mittels der Reuthaue. Diese Tätigkeit schlug sich toponomastisch besonders häufig nieder: dt. Rüti, Rütli usw. von reuten oder roden und Stock von (aus)stocken, ital. Ronco und rätorom. Rongg von runcare sowie franz. Essert, Essart von exsartum bzw. sarire und Eterpis, Eterpas von exstirpare. In lat. Texten wird gerodetes Land meist als Novale (Neuland) bezeichnet. Je nach Gelände mussten nach der Beseitigung des Waldes Steine weggeräumt und Hangterrassen angelegt werden. Ferner gehörte zur Urbarmachung ausser dem Bau von Wohnstätten auch das Erstellen einer Infrastruktur (u.a. Bau eines Wegnetzes, Einfassung von Quellen, Graben von Brunnen, Markierung von Grenzen). Da der unberührte Urwald als Sitz von Dämonen, Geistern und Ungeheuern galt, genossen Drachen tötende Heilige (u.a. Georg, Michael, Beatus, Margarethe) im Kolonisationsland spezielle Verehrung.

Autorin/Autor: Werner Meyer

3 - Geistliche und weltliche Herrschaftsbildung

Die kolonisator. Leistung des L.s wurde von der bäuerl. Bevölkerung im Rahmen vornehmlich herrschaftlicher, ab dem 12. und 13. Jh. auch genossenschaftl. Strukturen erbracht. Aufgrund königl. und hochadliger Stiftungen (Land und bäuerl. Eigenleute) entfalteten seit dem FrühMA viele Klöster eine rege Rodungstätigkeit (z.B. Romainmôtier, Moutier-Grandval, Disentis, St. Gallen, Einsiedeln, Engelberg). Vom 12. Jh. an traten neben den Benediktinern die Zisterzienser und Prämonstratenser als Gründer eigentl. Rodungsklöster hervor (z.B. Lützel, St. Urban, Hauterive, Kappel, Frienisberg, Bellelay, Churwalden, Rüti).

Im 10. Jh. zeigten die Könige von Burgund Ansätze kolonisator. Unternehmungen im Jura und in den Voralpen. Mehrheitlich ging der L. aber von adligen Grund- und Landesherren unterschiedl. Ranges aus. Vom 10. Jh. an entstanden im Kolonisationsland Burgen, die als herrschaftl. Zentren (Rodungsburgen) die frühma., mehrheitlich im Altsiedelland liegenden Fronhöfe ablösten. Hochadlige Dynasten mit weiträumigem Machtbereich (u.a. Hzg. von Zähringen, Gf. von Lenzburg, Gf. von Savoyen) lenkten den L. eher aus der Ferne und setzten mit Städtegründungen neue Siedlungsschwerpunkte. Hochadlige Inhaber kleinerer Herrschaftskomplexe (u.a. Frh. von Vaz, Gf. von Toggenburg, von Frohburg, von Habsburg, von Fenis-Neuenburg, von Greyerz) begründeten im Rodungsland selbst durch den Bau von Burgen und Städten neue Machtzentren. In bescheidenerem Massstabe operierte analog der kleine edelfreie Landadel und ab dem späten 12. Jh. zunehmend der ritterl. Niederadel. Auch stadtadlige Herren beteiligten sich im 13. Jh. mit der Errichtung von Burgen auf Kleinrodungen am L. Wenn genossenschaftl. Siedlergruppen (Walser) Kolonisationsunternehmungen trugen, mussten sie stets die landesherrl. Schutz- und Schirmgewalt beachten.

Wegen des Anspruchs des Kolonisationsadels auf grösstmögl. Autonomie und bevorzugte Rechtsstellung entstand in weiten Teilen der Schweiz ein buntscheckiges Geflecht von weitgehend unabhängigen Herrschaftskomplexen unterschiedl. Dimensionen, was den spätma. Territorialisierungsprozess erheblich erschwerte.

Autorin/Autor: Werner Meyer

4 - Siedlung und Wirtschaft

Der L. wirkte sich langfristig auf das Siedlungsbild und die Wirtschaftsstrukturen aus. Klöster und Burgen, Letztere oft in Gruppen auf engem Raum, entstanden auch auf kargem Rodungsland, während die Gründung von Städten nur in ertragreichen Zonen mit relativ dichter Besiedlung gewagt wurde. Der innere Alpenraum blieb daher weitgehend frei von Städten. Bäuerl. Siedlungen richteten sich im Rodungsland nach der Qualität und der Ausdehnung der mögl. Anbauflächen. Dörfer, also Siedlungen mit einer Vielzahl von Bauernbetrieben, konnten nur auf guten, ausgedehnten Böden angelegt werden. Karges Land bot bloss Raum für Weiler und Einzelhofsiedlungen. Letztere prägten das Landschaftsbild v.a. in den Voralpen und in höheren Lagen des Juras.

Siedlungen im Rodungsland erhielten anfänglich oft keine eigene Kirche, namentlich keine mit Tauf- und Begräbnisrecht, sie wurden meist alten Pfarreien in der Umgebung inkorporiert. Erst im Zuge des spätma. Filiationsprozesses (13.-15. Jh.) entstand im Kolonisationsgebiet ein dichteres Netz von Pfarrkirchen. Nach Möglichkeit zielte die Urbarisierung des Bodens auf die Produktion von Getreide und Wein ab. Auf Marginalböden im Jura und in den Alpen verlagerte sich das Schwergewicht der Landwirtschaft zwangsläufig auf die Haltung von Schlacht- und Milchvieh, doch blieb vor der Klimaverschlechterung der Kleinen Eiszeit (ab Ende 16. Jh.) der Getreidebau in den Alpen bis auf 1500 m möglich. Die Dreizelgenwirtschaft, die sich in Europa im Laufe des 10.-12. Jh. allgemein durchsetzte, war im Rodungsland freilich nur auf guten Böden möglich. In Marginalzonen und in beengten Verhältnissen musste der Ackerbau in den extensiven Formen der Feldgraswirtschaft oder als kleinflächiger Hackbau betrieben werden.

Zwischen dem 9. und dem 13. Jh. übte in versch. Landesgegenden (Jura, Alpen) der Bergbau, insbesondere die Gewinnung von Silber und Eisen, einen meist kurzfristigen Einfluss auf den L. aus. Es entstanden - archäologisch nur unzureichend erfasst - vorübergehend Siedlungen in der Nähe der Abbaustellen, doch wurden diese wegen der rasch eintretenden Erschöpfung der Erzlager (Ausnahme: Gonzen bei Sargans) bald wieder verlassen. Dieser kurzfristig betriebene Bergbau im MA hatte kaum einen nachhaltigen Raubbau an den Waldbeständen zur Folge.

Autorin/Autor: Werner Meyer

5 - Migrationen

Die mit dem L. verbundenen Migrationsbewegungen sind mehrheitlich schwer zu fassen. Die Durchdringung des nachmals dt. Sprachraumes der Schweiz mit alemann. Siedlern zwischen dem 6. und 10. Jh. ist bekannt und hat seine toponomast. Spuren in den Ortsnamen auf -ingen, -heim, -hof, -wil und -dorf (analog franz./burgund. -ens, ital./langobard. -engo) hinterlassen, wobei freilich zu beachten ist, dass nicht alle diese Siedlungen auf Rodungsland angelegt worden sind.

Intensiv untersucht sind die Migrationen der Walser zwischen dem 12. und 15. Jh. Dass diese deutschsprachigen Gruppen unter landesherrl. Schutz und Schirm raue Hochtäler kolonisiert haben und so wesentlich am L. im Alpenraum beteiligt gewesen sind, steht ausser Frage. Die Walser bildeten im MA aber nicht die einzigen Migrationsgruppen in den Alpen. Unter der Führung lokaler Machthaber, zu denen neben Klöstern und kleineren Herren auch die Gf. von Savoyen oder die Bf. von Chur gehörten, verschoben sich Siedler unterschiedl. Sprache und Herkunft aus übervölkerten Regionen in kaum ausgelastete Seitentäler, was zu einer allg. Bevölkerungsverdichtung des inneren Alpenraumes führte.

Einem besonders starken Migrationsdruck waren im HochMA die waldreichen Zonen der Voralpen (Appenzell, Waldstätten, Napf, Schwarzenburg, Greyerz) sowie des Hochjuras ausgesetzt. In den Jura strömten bäuerl. Siedler aus dem Aareraum, dem Elsass und der Freigrafschaft Burgund ein, die vorgängig kaum bewohnten Voralpen wurden vom angrenzenden Altsiedelland aus okkupiert. Bisweilen spiegelte sich der Migrationsweg in der Übertragung ursprünglicher Ortsnamen auf die neuen Siedlungen im Kolonisationsland wider.

Autorin/Autor: Werner Meyer

6 - Kolonistenrecht und gerodetes Eigengut

Europaweit führte der L. zur Herausbildung eines Kolonistenrechts, das durch seine Privilegien auf migrationswillige Gruppen eine deutl. "Pull-Wirkung" ausübte. Bei den bäuerl. Siedlern bestand dieses v.a. im landesherrl. Zugeständnis der Selbstverwaltung unter einem Ammann und der erbl. Zinsleihe für den gerodeten Grund und Boden (Freie). Deutlich ist dieses Kolonistenrecht bei den grossen Walsersiedlungen in Rätien fassbar (u.a. Rheinwald, Davos, Safien, Langwies). Analoge Erscheinungen lassen sich auch in anderen landesherrl. Kolonisationsräumen nachweisen, so etwa in den Freibergen, die erst im späten 14. Jh. dank den Privilegien der Bf. von Basel dichter besiedelt wurden, und in Neuenburg, wo die mit Sonderrechten ausgestatteten Neusiedler francs habergeants genannt wurden. Auch die Gewährung von Privilegien an landesherrl. Gründungsstädte beruhte grossenteils auf den Prinzipien des ma. Kolonistenrechtes. Bei den Rodungsherrschaften, welche die Edelfreien und der ritterl. Kleinadel um ihre Burgen ausbildeten, lagen die Verhältnisse insofern anders, als den für die Kolonisationsarbeit eingesetzten bäuerl. Untertanen die Vorteile des Kolonistenrechtes vorenthalten blieben. Es waren die adligen Unternehmer selbst, die das unter ihrer Leitung gerodete Land als Eigengut betrachteten und der landesherrl. oder lehnsrechtl. Kontrolle zu entziehen suchten. Auf die Dauer konnten allerdings nur wenige Rodungsherrschaften ihre allodiale Stellung behaupten. Die meisten gingen vom späten 13. Jh. an in einem landesherrl. Lehnsverband auf. Konflikte entstanden, wenn die Schirmvögte von Klöstern auf deren Grund und Boden selbstständig Rodungen betrieben und diese als Eigengut beanspruchten.

Autorin/Autor: Werner Meyer

7 - Ende des Landesausbaus

Um 1400 waren die kolonisierbaren Landreserven in der Schweiz weitgehend erschöpft. Das Bevölkerungswachstum, im 14. Jh. durch die Pest nur vorübergehend gebremst, hielt indessen an, und um die Populationsüberschüsse aufzufangen, bedurfte es neuer Lösungsansätze (Landflucht, fremde Dienste). Es zeigte sich, dass bereits im 14. Jh. viel Kolonisationsland wieder aufgegeben wurde, namentlich Burgen, Weiler und Einzelhöfe. Inwieweit dieser Wüstungsprozess auf eine allg. Agrarkrise des 14. Jh. zurückgeführt werden darf, bleibt freilich unsicher. Die meisten Ödungen und Wüstungen des 14. Jh. lagen auf Marginalland, wo sich die Böden rasch erschöpften. Die sog. Agrarkrise erweist sich eher als ein Umstrukturierungsvorgang von Siedlung und Wirtschaft, der letztlich eine Produktionssteigerung zur Folge hatte. In der Schlussphase des L.s, ab dem späten 14. Jh., mehrten sich Konflikte um das noch verbliebene Rodungsland. Diese belasteten, namentlich im Alpenraum, bis ins 15. Jh. hinein den inneren Frieden des eidg. Bündnissystems. Das im SpätMA preisgegebene Land erfuhr im 17.-18. Jh. einen erneuten Kolonisationsschub durch die Gründung von Einzelhöfen an der Peripherie der Dorfgemarkungen, den sog. Steckhöfen.

Quellen und Literatur

Literatur
– W. Bruckner, Schweiz. Ortsnamenkunde, 1945
– S. Sonderegger, «Grundlegung einer Siedlungsgesch. des Landes Appenzell anhand der Orts- und Flurnamen», in AJb 85, 1958, 3-68
– P. Suter, Die Einzelhöfe von Baselland, 1969
– P. Liver, Abh. zur schweiz. und bündner. Rechtsgesch., 1970, v.a. 700-748
Encycl.VD 3, 5-11
– W. Meyer, «Rodung, Burg und Herrschaft», in Schweizer Beitr. zur Kulturgesch. und Archäologie des MA 5, 1979, 43-80
– M. Bundi, Zur Besiedlungs- und Wirtschaftsgesch. Graubündens im MA, 1982
– C. Guanzini, A. Radeff, «Premières mentions de noms de lieux habités et occupation du sol en Suisse occidentale», in Etudes de lettres, Nr. 2-3, 1987, 11-18
LexMA 5, 1643-1653

Autorin/Autor: Werner Meyer