Taglöhner

Als T. werden Arbeitskräfte bezeichnet, die nur tageweise beschäftigt und entlöhnt werden. In der vorindustriellen Zeit war die Taglöhnerei in Stadt und Land weit verbreitet. Im 19.-20. Jh. wurde der Begriff hauptsächlich für die Hilfskräfte in der Landwirtschaft gebraucht. Ein besonderes Phänomen waren die Landlosen und -armen in den frühneuzeitl. Dreizelgendörfern des Mittellandes, die bei den Vollbauern Arbeit im Taglohn leisteten. Sie wurden als Tauner bezeichnet. Taglohnarbeit wurde auch im Hause der Kunden geleistet (Störarbeit).

1 - Mittelalter und frühe Neuzeit

Die T. gehörten zum verachteten Stand der Lohnarbeiter (Arbeiter). In den Städten bildeten sie -- zusammen mit dem Gesinde -- den Grossteil der breiten Unterschicht; politisch hatten sie meist den Status von Hintersassen und waren demnach ohne Bürgerrecht. Im Unterschied zu den familienbetrieblich organisierten Handwerksberufen hatten die T. eine abhängige Stellung im Produktions- und Erwerbsprozess. Taglöhnerfamilien lebten im Allgemeinen in Untermiete. Anders als die im Zunfthandwerk tätigen Meister und Gesellen durchliefen die T. keine formalisierte Ausbildung (Beruf) und galten somit als unqualifizierte Handarbeiter und -arbeiterinnen. Sie bildeten im SpätMA keine eigenen berufsständ. und bruderschaftl. Organisationen aus. Es gab aber in einigen Produktions- und Dienstleistungsgewerben T., die in Zünften zusammengeschlossen waren und -- in den Städten mit zünftiger Ratsverfassung -- als Bürger an der polit. Macht partizipieren konnten. Solche "Knechtezünfte" (Knut Schulz) bestanden im Transportwesen, in der Landwirtschaft, besonders im Garten- und Rebbau. So waren in Basel die Rebarbeiter bis 1453 als Teilzunft der Zunft zu Grautüchern und Rebleuten angeschlossen, danach bildeten sie eine eigene Zunft. Die in der Hortikultur beschäftigten T. waren zusammen mit anderen Berufen in der Zunft zu Gartnern organisiert. Die vornehme Herrenzunft zu Weinleuten umfasste auch den "Knechteberuf" der Weinlader. In Basel waren 1429 15% der selbstständig lebenden, erwerbstätigen Bevölkerung bei den Rebleuten und Gärtnern zünftig. In Zürich waren die Weinrufer (diese riefen aus, wo und zu welchem Preis der Wein ausgeschenkt wurde) und die Weintransporteure Mitglieder der Zunft zur Meisen, die Karrer und Träger gehörten der Zunft zur Schiffleuten an. Besonders in wirtschaftl. Krisenzeiten und bei schlechter Auftragslage mussten auch Handwerker und ihre Familienangehörigen zeitweise im Taglohn arbeiten, um ihr Erwerbseinkommen zu sichern. Im Acker-, Wein- und Gartenbau war der Anteil von Frauen an der Taglohnarbeit besonders hoch (z.B. auf den Ländereien der Spitäler in Genf und Basel). Frauen waren u.a. im Strassenbau und -unterhalt und als Wäscherinnen beschäftigt (Frauenerwerbsarbeit). Entlöhnt zu Niedrigsttarifen leisteten auch Kinder als T. ihren Beitrag zum Familieneinkommen (Kinderarbeit). Die T. in den Städten rekrutierten sich z.T. aus ländl. Zuwanderern und Pendlern. So stammte ein erhebl. Teil der in der blühenden Genfer Textilindustrie (Seidengewerbe, Indiennemanufaktur) der frühen Neuzeit tätigen Frauen aus dem Genfer Umland. Zürcher Wollfabrikanten stellten im 17. und 18. Jh. in ihren Kämmlereien in der Stadt Männer aus Landgemeinden ein, in denen die heimindustrielle Spinnerei sehr verbreitet war (Protoindustrialisierung); diese Arbeitskräfte pendelten entweder täglich oder lebten als Wochenaufenthalter in der Stadt. Die Intensivlandwirtschaft beschäftigte v.a. in der Hochsaison Wanderarbeiter und -arbeiterinnen (Wanderarbeit).

Die Lebensweise der T. war gekennzeichnet durch unregelmässige Beschäftigung bei wechselnden Arbeitgebern, saisonal begrenzte Anstellungsverhältnisse (v.a. im Baugewerbe, in Gartenbau und Landwirtschaft), durch ein hohes Mass an geogr. Mobilität und geringen Lohn. Dieser bestand einerseits aus Bargeld, andererseits aus Verpflegung und bei zugewanderten Arbeitskräften auch aus Unterkunft. Die Arbeitszeit richtete sich nach dem Lichttag: Im Sommer wurde länger gearbeitet als im Winter, entsprechend waren auch die Sommerlöhne höher. Im 16. Jh. stagnierten die Löhne nominal, während die Getreidepreise besonders in der zweiten Jahrhunderthälfte stark anstiegen (auf das Zwei- bis Dreifache). Dies bedeutete eine Verschlechterung des Lebensstandards bis hin zur Armut.

Autorin/Autor: Dorothee Rippmann

2 - 19. und 20. Jahrhundert

Im 19. und 20. Jh. sprach man von T.n hauptsächlich im Agrarsektor, wo 1888 und 1900 rund 45'000 (davon ein Fünftel Frauen) unter dieser Berufsbezeichnung gezählt wurden. Das waren in der ohnehin stark familienwirtschaftlich geprägten Landwirtschaft nur etwa halb so viele wie die Dienstboten. Grössere Betriebe beschäftigten eher ständige Dienstboten, kleinere, wenn sie fremde Arbeitskräfte brauchten, T. Im 20. Jh. ging ihre Zahl rasch zurück. 1930 zählte man noch knapp 15'000 T., 1970 waren es weniger als 1'000. Die im Gegensatz zu den Volkszählungen im Sommer durchgeführten Betriebszählungen ergaben allerdings weit höhere Werte für gelegentlich familienfremde Arbeitskräfte: 1929 34'000 (davon 10'000 Frauen und 3'000 Kinder unter 15 Jahren), 1969 immer noch rund 20'000.

Diese amtl. Zahlen dürften dem Phänomen nur teilweise gerecht werden. Denn in Zählungen wurden nur Hauptberufs-T. erfasst, die zwischen den landwirtschaftl. Saisonarbeiten häufig von den Gem. im Wald oder auf der Strasse beschäftigt wurden. Diese konnten auch eine Fam. durchbringen, wenn die Ehefrau einen "Pflanzplätz" (ein kleines Stück Land zum Anbau von Gemüse und Kartoffeln) bewirtschaftete. Arbeit im Taglohn gab es auch in anderen Wirtschaftszweigen, v.a. für Frauen. Auch im Agrarsektor waren neben den Berufs-T. versch. Kombinationen anzutreffen. Handwerker oder Jugendliche taglöhnerten bei Bauern während der Saisonspitzen: bei der Heu- und Getreideernte, beim Rebenhacken und Dreschen (Landarbeit). Kleinbauern arbeiteten bei Grossbauern im Taglohn (z.B. beim Holzschlagen im Winter) und Bergbauern kamen als Wanderarbeiter ins Tal, etwa die Muotataler Heuer ins Zürichbiet; schliesslich arbeiteten Bauern auch als T. während der Zwischensaison für Gewerbetreibende (z.B. Transportarbeiten).

Die Mechanisierung, die durch die Abwanderung von Landarbeitern in die bessere Arbeitsbedingungen bietende Industrie vorangetrieben wurde, hat schliesslich viel Taglohnarbeit überflüssig gemacht. In der modernen Landwirtschaft kommt sie noch beim Einsatz bestimmter Maschinen und bei der Ernte in Obst- und Beeren-Intensivkulturen zum Zuge, die häufig von Hausfrauen als Nebenerwerb ausgeführt wird. Die stigmatisierende Bezeichnung T. wird heute allenfalls noch ironisch verwendet; so bieten sich in jüngster Zeit in den Städten Dienstleister für Zügeln, Putzen usw. als T. an.

Autorin/Autor: Werner Baumann

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Hon-Firnberg, Lohnarbeiter und freie Lohnarbeit im MA und zu Beginn der Neuzeit, 1935, (Neudr. 1978)
– U. Dirlmeier, Unters. zu Einkommensverhältnissen und Lebenshaltungskosten in oberdt. Städten des SpätMA, 1978
– M. Lemmenmeier, Luzerns Landwirtschaft im Umbruch, 1983
– A.-M. Piuz, A Genève et autour de Genève aux XVIIe et XVIIIe siècles, 1985
– K. Schulz, Handwerksgesellen und Lohnarbeiter, 1985
– D. Rippmann, K. Simon-Muscheid, «Weibl. Lebensformen und Arbeitszusammenhänge im SpätMA und in der frühen Neuzeit», in Frauen und Öffentlichkeit, hg. von M. Othenin-Girard et al., 1991, 63-98
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
– D. Rippmann, K. Simon-Muscheid, «Qu. aus dem Basler Heilig-Geist-Spital», in Qu. zur europ. Spitalgesch. in MA und Früher Neuzeit, hg. von M. Scheutz et al., 2010, 351-422