08/09/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken

Baar (ZG)

Polit. Gem. ZG im nördl. Teil der Schwemmebene der Lorze, bestehend aus dem Strassendorf B. (1045 Barra) am alten Handelsweg zwischen Zuger- und Zürichsee, den Siedlungen Allenwinden, Blickensdorf und Inwil, ehem. Weilern, die seit den 1960er Jahren stark gewachsen sind, sowie der Hofgruppe Deinikon. Die fünf Gemeindeteile sind zugleich Korporationen. 1743 1'831 Einw.; 1850 2'346; 1860 3'323; 1900 4'484; 1950 6'992; 1960 9'114; 1970 14'074; 2000 19'407.

Ältester Siedlungsplatz ist die plateauartige Höhenkuppe der Baarburg, auf der Funde von der mittleren Bronzezeit bis ins frühe MA gemacht wurden. An deren Fuss verlief ein schon in der Eisenzeit begangener Handelsweg. In der Ebene, dem Baarer Boden, datieren die ältesten menschl. Spuren aus der Jungsteinzeit (ca. 2500 v.Chr.). Im Bereich der Pfarrkirche lagen spätbronze- und hallstattzeitl. Siedlungen und verm. ein röm. Gutshof. Ein weiterer wird in der Gegend von Blickensdorf vermutet. Zahlreiche Gräber im Umkreis der Kirche und nördl. des Dorfzentrums aus dem 7. Jh. sowie alte Ortsnamen weisen auf eine intensive frühma. alemann. Besiedlung des Gemeindegebiets hin. Der älteste, archäolog. nachgewiesene Kirchenbau stammt aus dem frühen 8. Jh., einem Zeitraum, den auch das Patrozinium St. Martin nahe legt. 858 kam B. wohl als Teil des nahen Hofs Chama (Cham) an das Zürcher Fraumünster. 1045 besass das Kloster Schänis grundherrl. Rechte in B. (1178 bestätigt), die es zu unbekannter Zeit wieder verlor. Das Kloster Muri hatte um 1150 Grundbesitz in Blickensdorf. Die Abtei Engelberg erwarb 1258 die Vogtei Notikon von den Habsburgern. Bedeutendster geistl. Grundherr in B. war jedoch das nahe Zisterzienserkloster Kappel. 1228 erwarb es von den Habsburgern deren Hof, 1239 vom Kloster Einsiedeln einen Hof und eine Mühle, die spätere Obermühle, die erst Ende 1998 den Betrieb einstellte. 1243 erhielt Kappel von Habsburg das bis 1268 strittige Patronatsrecht an der Pfarrkirche. Bis ins 15. Jh. gewann die Zisterzienserabtei Herrschaftsrechte in Blickensdorf und Deinikon sowie weitere Besitzungen in der grossen Pfarrei B., die auch (bis 1611) Steinhausen, (bis 1479) Menzingen und (bis 1491) zürcher. Gebiete umschloss. Nicht genau fassbar sind die Besitzungen der Lenzburger und Kyburger in B. Die Habsburger kamen wohl ab 1173 zu Vogtei- und anderen Rechten in B., das zum habsburg. Amt Zug zählte. Im 13. Jh. traten sie viele Rechte an Kappel oder an weltl. Lehensträger wie die Ritter von B. ab. Die Hünenberger besassen 1282 auf dem heutigen Gemeindegebiet Zehnten, Güter und Vogteirechte als habsburg. und andere Lehen oder Afterlehen. 1308 kauften sie den Turm von B., der vielleicht am Ausgang des Lorzentobels in der Burgweid stand. 1309 waren sie im Besitz der Wildenburg im Lorzentobel. Baarer Höfe von freien Bauern zählten zum habsburg. Freiamt Affoltern. Sie bildeten vielleicht Kerne der Baarer Korporationen.

In der 2. Hälfte des 14. Jh. erscheinen die Gemeindeleute von B., das bisher nur als Pfarrei eine Einheit gebildet hatte, erstmals als Gemeinschaft, die sich zusammen mit Ägeri, dem Berg (Menzingen) und der Stadt Zug in die Eidgenossenschaft eingliederte. In der Folge lösten sie sich aus ihren Abhängigkeiten, entwickelten eigene Gemeinde- und Korporationsorganisationen und etablierten B. allmähl. als selbstständige, die Zuger Standespolitik mitbestimmende Gem. des Äusseren Amts. 1387 versuchten die Kirchgenossen vergebl., die Güter des Klosters Kappel zu besteuern. Bis ins 16. Jh. kam es zu weiteren Konflikten mit Kappel. 1513 erwarben Stadt und Amt Zug vom Kloster die Niedergerichte Blickensdorf und Deinikon. 1526 kauften die Baarer Kirchgenossen von der in Aufhebung befindl. Abtei den Kirchensatz von B. mit den zugehörigen Rechten und Einkünften. Habsburgs Rechte waren bereits 1415 erloschen. Als Grenzgem. zu Zürich war B. wiederholt krieger. Einfällen ausgesetzt, so 1443 im Alten Zürichkrieg, 1531 im 2. Kappelerkrieg, der mit dem in Deinikon geschlossenen 2. Landfrieden beendet wurde, 1656 im 1. und besonders 1712 im 2. Villmergerkrieg. Im Rahmen ihrer weitgefassten und hartnäckig behaupteten Selbstständigkeit innerhalb des Standes Zug (Riedhandel Ende des 17. Jh.) legte die Gem. B. ihr besonderes Gemeinderecht fest, so in den Gemeindeartikeln von 1669, die v.a. das Zugrecht, das Bürger- und Niederlassungsrecht sowie die Vergabe und Ausübung von Ämtern betrafen. Oberste Gewalt in der Gem., die 1674 ein neues, grosses Rathaus baute, war die Gemeindeversammlung. Die Gemeinderäte waren zugleich Vertreter der Gem. im Zuger Stadt- und Amtrat. Die Nutzung der Allmenden, die z.T. bis ins 19. Jh. gemeinsam mit Korporationen benachbarter Gem. erfolgte, ist bis heute Sache der fünf eigenständigen Korporationen B.-Dorf, Blickensdorf, Deinikon, Inwil und Grüt (Allenwinden), die dafür besondere Räte wählen und Rechtsordnungen zu Nutzungsrechten und -formen erliessen (z.B. B.-Dorf 1416, 1476, Blickensdorf 1514, Deinikon 1628, Inwil ca. 1510, 1525). In der Korporation Grüt genügt für das Nutzungsrecht das besondere Korporationsbürgerrecht und der Wohnsitz innerhalb der Korporation, während in den anderen Korporationen zudem der Besitz einer sog. Gerechtigkeit nötig ist. Die in der frühen Neuzeit einsetzende Tendenz zur Fixierung der Gerechtigkeiten, verbunden mit der Abschliessung des Korporations- und Gemeindebürgerrechts, führte zur klaren rechtl. und wohl auch sozialen Schichtung der Einw. in Genossen, welche sowohl Korporations- als auch Gemeindebürger waren und erhebl. polit. und militär. (Solddienste) Bedeutung erlangten (z.B. die Andermatt), in solche, die nur das Gemeindebürgerrecht besassen, und in Hintersassen. Eine späte Folge davon war der lange und parteipolit. verschärfte Streit um die Aufteilung der Gemeindegüter, v.a. das Rathaus und die Fonds, welcher 1874 nach der Trennung der Gem. in eine Einwohner-, Bürger- und Kirchgem. besonders zwischen der liberalen Einwohnergem. und der konservativen Bürgergem. ausbrach.

Im 18. und 19. Jh. war der Baarer Boden berühmt für seine vielen Obstbäume, die Exportprodukte wie Dörrobst und gebrannte Wasser lieferten, während der bis Ende des 19. Jh. bestehende Weinbau v.a. dem Eigengebrauch diente. Wichtig war auch die Viehwirtschaft. 1629 kaufte das Kloster Wettingen unter dem in B. geborenen Abt Peter Schmid den nahe einer schon im 16. Jh. bekannten Badstatt liegenden Hof Walterswil und liess ihn zu einem regional bedeutenden Bad ausbauen, das bis in die Mitte des 18. Jh. bestand. Walterswil war zugleich Marienwallfahrtsort. Im 18. Jh. verbreitete sich wie im übrigen Kt. Zug die von Zürcher Verlegern dominierte verlagsmässige Textilproduktion (Baumwollspinnerei, später auch Seidenspinnerei und -weberei), die ihre Bedeutung im ausgehenden 19. Jh. wieder verlor. Wichtig für die wirtschaftl. Entwicklung von B. waren die Lorze und ihr kurzer Seitenarm, der Mühlebach. Sie lieferten Kraft für Getreidemühlen, Säge- und Hammerwerke und für zeitweise zwei Papiermühlen, von denen eine wohl ins 16. Jh. zurückreichte. Im Zuge der Industrialisierung folgten Elektrizitätswerke (ab 1889) und v.a. die mit zürcher. Kapital gegr. Spinnerei an der Lorze, die 1855 ausserhalb von B. an der neuen Strasse nach Sihlbrugg den Betrieb aufnahm. Die dritte und grösste Baumwollspinnerei im Kt., die bald für kurze Zeit die grösste in der Schweiz sein sollte und 1879 in der Fabrikation 495 Personen, mehrheitl. Frauen, beschäftigte, bewirkte grosse Änderungen in B.: 1850-60 wuchs die Einwohnerzahl um 42%, v.a. durch Zuwanderer aus anderen Kt., deren Zahl um 330% auf 1'145 stieg. Mit ihnen stieg auch die Zahl der Protestanten (1850 12, 1860 209), weshalb 1863 unter Mithilfe der Spinnerei und ohne grosse kath. Widerstände in B. die ref. Kirchgem. des Kt. Zug gegr. wurde, welche 1867 die nahe der Spinnerei erbaute erste ref. Kirche im Kt. einweihen konnte. Da die Spinnerei in ihrem Umkreis Kosthäuser für die Arbeiterfam. erstellte und Wohnhäuser für das Kader entstanden, bildete sich abseits des alten Dorfkerns von B. ein neuer Ortsteil. Bis 1919 folgten weitere, z.T. in direktem Zusammenhang mit der Spinnerei stehende Betriebe der Holzverarbeitung (Holztextilspulen 1869, Holzwarenfabrik 1913, die 1938 als Möbelfabrik weitergeführt wurde), der Nahrungs- und Genussmittelproduktion (Brauerei 1862, Mühle 1905), des Metall- (1900) und Apparatebaus (Wasserwirtschaftsapparate 1919) sowie der Energiegewinnung (Elektrizitätswerk B. 1896, 1897-1992 von der Spinnerei betrieben), welche B. zur Industriegem. machten. 1905 waren die Hälfte der in der Gem. beschäftigten Personen im Industriesektor, gut ein Drittel in der Land- und Forstwirtschaft, ein Achtel im Dienstleistungssektor tätig. 1910 arbeiteten ein Sechstel der in der Gem. wohnhaften Berufstätigen ausserhalb der Gem., wohl v.a. in Industriebetrieben der nahen Stadt Zug. Vorgängig und parallel zu dieser Entwicklung wurden die Verkehrswege ausgebaut: Der Bau einer neuen Strasse nach Zug 1840 und nach Sihlbrugg 1849-51, mit späterer Weiterführung durch das Sihltal nach Zürich, bot einen leistungsfähigeren Ersatz für den alten Handelsweg Zug-Horgen-Zürich. Zudem ergab sich Ende der 1850er Jahre die von der Gem. begünstigte und von der Spinnerei auch finanziell geförderte Chance, B. mit einem Bahnhof bei der Spinnerei an die geplante Linie Zürich-Luzern der Ost-West-Bahn anzuschliessen, was aber am Konkurs der Ges. 1861 scheiterte. Erst 1897 erhielt B. dank der neuen Sihltallinie der Nordostbahn einen Anschluss an das Eisenbahnnetz, dem 1913 der Einbezug ins kant. Tramnetz folgte. Ende der 1920er Jahre geriet die Spinnerei in eine lang anhaltende Absatzkrise, die zu grossen Arbeitsplatzverlusten führte.

Nach dem 2. Weltkrieg führten Standortvorteile wie günstige Steuern und die Verkehrslage, die 1979 durch den Anschluss an das Nationalstrassennetz weiter aufgewertet wurde, zur Ansiedlung von teils internat. Produktionsfirmen (Chemie, Kosmetika, Spielwaren), v.a. aber von Dienstleistungsbetrieben. Deren Zahl verdoppelte sich zwischen 1955 und 1975 fast auf 300, während die Zahl der Produktionsbetriebe nur wenig zunahm. Entsprechend verschob sich das Schwergewicht der Arbeitsplätze in der Gem. (1990 9'344) in den 3. Sektor, der 1990 mit 58% (1955 16%) erhebl. mehr Stellen umfasste als der vormals dominierende 2. Sektor (1955 65%, 1990 39%). Bezeichnend für diese Entwicklung ist - nach langjährigem Stellenabbau - die Betriebseinstellung der Spinnerei 1993, der Möbelfabrik Viktoria 1998 und der Lego-Spielwarenfabrik 2001. Stark rückläufig ist die Landwirtschaft, die 1990 noch knapp 3% der Stellen bot (1955 19%). Parallel zur Wirtschaft wuchs die Bevölkerung, besonders durch den Zuzug aus anderen Kt. und aus dem Ausland (Ausländeranteil 1950 8%, 1970 20%). Die Verdoppelung der Einwohnerzahl zwischen 1950 und 1970 und die damit verbundene bauliche Entwicklung stellte die 1963 mit 10'000 Einw. statist. zur Stadt gewordene Gem. vor grosse Infrastrukturprobleme. B. wurde Teil der Agglomeration Zug, eine erste Zonenplanung und Bauordnung trat 1955 in Kraft, 1977 erfolgte der Ausbau des seit 1894 bestehenden Asyls zum Regionalspital. Nach 1970 flachte das Wachstum deutl. ab. Zur Agglomerationsbildung gehört eine wachsende Mobilität: Trotz der vielen Arbeitsplätze B.s waren 1990 57% der in B. wohnhaften Erwerbstätigen Wegpendler, 58% der Arbeitsplätze von Zupendlern besetzt. Mit der 1947 geschaffenen Räbefasnacht ist die Etablierung einer eigenständigen Tradition gelungen.


Literatur
– A. Müller, Gesch. der Korporation B.-Dorf, 1945
Heimatbuch B. 1-, 1952-
– W. Ammann, 100 Jahre Spinnerei an der Lorze B., 1854-1954, 1954
Kirche St. Martin B., 1974

Autorin/Autor: Renato Morosoli