• <b>Vicus</b><br>Quelle: Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter 5, 2002, 125  © 2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Vicus

Der lat. Begriff V. beschreibt "mehrere Häuser" und dient zur Bezeichnung einer abgrenzbaren Siedlung innerhalb eines Flurbezirks bzw. Pagus (Gau), innerhalb einer Civitas oder einer Häuseransammlung an einer städt. Strasse, z.B. in Rom. Im schweiz. Mittelland sind in der röm. Kaiserzeit Genava/Genf, Lousonna/Lausanne-Vidy, Minnodunum/Moudon, Eburodunum/Yverdon, Salodurum/Solothurn, Vindonissa/Windisch, Aquae Helveticae/Baden und Tasgetium/Eschenz als Vici nachgewiesen. Während der V. von Genava zur Civitas von Vienna/Vienne in der Provinz Gallia Narbonensis zählte, lassen sich Lousonna, Minnodunum und Eburodunum aufgrund von Inschriften sowie Aquae Helveticae wegen des Namens der Civitas der Helvetier zuweisen. Tasgaetium ist der Provinz Raetien zuzurechnen. Mehrere Vici konnten Teil einer Civitas sein.

Neben den inschriftlich belegten werden von der provinzialröm. Archäologie auch mehrere nur archäologisch fassbare kleinstädt. Siedlungen als Vici betitelt, obwohl nicht feststeht, ob diese Orte in röm. Zeit diese Bezeichnung trugen. Zu dieser Gruppe zählen etwa Chur-Welschdörfli, Jona-Rapperswil/Kempraten, Iuliomagus/Schleitheim, Vitudurum/Winterthur, Tenedo/Zurzach, Lenzburg, Frick, Sursee, Basel-Münsterhügel, Petinesca/Studen, Bern-Enge, Turicum/Zürich-Lindenhof, Marsens-Riaz, Viviscus/Vevey, Tarnaiae/Massongex, Sion und Muralto.

Die Vici lagen häufig an wichtigen Verkehrsrouten oder -knotenpunkten (Kreuzungen, Flussübergängen, Umschlagplätzen, Seehäfen). Einige wie Vindonissa, Tenedo oder Basel verdankten ihren Ursprung der Nähe zu röm. Legions- oder Auxiliarlagern. Zum Teil gingen den Vici kelt. Oppida voraus. Aquae Helveticae profitierte von den Thermalquellen. Die meisten Vici entstanden nach den Alpenfeldzügen des Augustus; bis ins dritte Jahrzehnt des 1. Jh. n.Chr. dürfte die Phase der Ortsgründungen abgeschlossen gewesen sein (eine Ausnahme diesbezüglich scheint Iuliomagus zu sein, das auf die flav. Zeit zurückgeht). Vom 6. bis ins 8. Jahrzehnt des 1. Jh. durchliefen einige Kleinstädte einen Bauboom; Holzbauten wurden jetzt auf gemauerte Fundamente gestellt oder durch Steinhäuser ersetzt. Eine Blütezeit erlebten die Vici im 2. und im frühen 3. Jh. n.Chr. Im 4. Jh. n.Chr. lassen sich in einigen Kleinstädten keine Besiedlungsspuren mehr nachweisen (Lenzburg, Marsens-Riaz, Sursee und Bern-Enge), andere bestanden weiter (Viviscus, Tarnaiae), z.T. als Castra befestigt (Eburodunum, Salodurum, Aquae Helveticae). Genava, Basel, Curia, Sion und Lousonna stiegen in der Spätantike bzw. im FrühMA zu Bischofssitzen auf, wobei sich die ma. Siedlungskerne z.T. aus den antiken Siedlungen hinaus verlagerten.

<b>Vicus</b><br>Quelle: Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter 5, 2002, 125  © 2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Zentralörtliche Funktionen römischer Vici und Ortschaften

Aussagen über die durchschnittl. Grösse und die durchschnittl. Bevölkerungszahl scheitern an dem unterschiedl. und z.T. nur sehr rudimentären Stand der archäolog. Erforschung der einzelnen Vici; bis heute wurde kein einziger V. vollständig ergraben. Für Lousonna wurde die Bevölkerung auf bis zu 2'000 Einwohner geschätzt; im Theater von Lenzburg sollen ca. 4'000 Personen Platz gefunden haben, die aber sicher z.T. auch aus der Umgebung stammten. Für den V. beim Legionslager Vindonissa gehen Schätzungen von bis zu 10'000 Personen aus.

Der schlechte Stand der Erforschung erschwert auch eine urbanist. Typologisierung; viele Vici wiesen allerdings anfänglich die Form einer einfachen Strassensiedlung auf, in der sich die Häuser beidseits einer oder mehrerer Strassen reihen. Die Vici fungierten neben den Coloniae als religiöse, soziale, kulturelle, wirtschaftl. und polit. Zentralorte für die umliegende Landschaft. Sie konnten über religiöse Bezirke (Fanum) mit galloröm. und/oder röm. Tempeln, über Wasserzuleitungen und Thermen sowie Theater und Amphitheater verfügen; für Lousonna ist sogar ein Forum mit einer Basilika nachgewiesen. In mehreren Vici spielten Handwerks- und Gewerbebetriebe eine grosse Rolle; in Vitudurum sind beispielsweise Bronze- und Eisenschmiede, Gerberei oder Färberei sowie mehrere Töpfereien belegt, in Muralto ebenfalls eine Schmiede, darüber hinaus aber auch ein Glasschmelzofen, ein Getreidespeicher, Lagerräume für Quarz und Lavez und ein Marktgebäude; in Lousonna war die Keramikproduktion von Bedeutung. Bei einigen Vici wurden grössere, lange genutzte Nekropolen entdeckt (Muralto).

Der durch Inschriften gut dokumentierte Begriff vicani/vikani bezeichnet wohl nicht alle Einwohner eines V., sondern nur eine Gruppe innerhalb der Siedlungsgemeinschaft. Die Vicani setzten Ehrenmonumente, wie etwa diejenigen von Eburodunum ihrem Freund und Patron Caius Flavius Camillus eine Statue, und waren die Empfänger von gestifteten Geldbeiträgen oder Bauwerken. Die vikani Minnodunenses waren z.B. für die Ausführung von dreitägigen Spielen und für die Renovation des Jupitertempels verantwortlich, die beide aus den Erträgen von privat gestifteten Geldbeträgen finanziert wurden. Den vicani Vindonissenses wurde ein zerstörter Tempel wieder aufgerichtet, jene von Aquae Helveticae erhielten einen Isis-Tempel. Die Vicani traten aber auch als Bauherren auf; in Vindonissa initiierten sie 79 n.Chr. die Errichtung eines Bogens, in Tasgetium die Wiederherstellung eines Bads. Die Aufsicht dieser Bauten wurde Curatoren übertragen, die vermutlich aus den Reihen der Vicani stammen. Die Vicani hatten offenbar das Recht, über den Boden des V. zu verfügen. In Minnodunum und Aquae Helveticae wiesen sie Privaten den Ort für die Errichtung eines gestifteten Altars bzw. eines Isis-Tempels zu. Der V. lag vermutlich auf einem abgegrenzten und zusammenhängenden Gebiet, wie u.a. die Ehrung der Vicani von Eburodunum für ihre "ausgezeichnete Nachbarin" Iulia Festilla vermuten lässt. Die Vicani agierten auch im kult. Bereich gemeinschaftlich, so errichteten sie etwa in Tasgetium der Göttin Fortuna einen Altar. Vereinzelt sind aus den inschriftlich nachgewiesenen Vici Magistraturen bekannt. Ein Grabstein aus Genava überliefert das Amt des Aedils, das der Verstorbene im Kreise seiner convicani ausgeübt habe. Die Amtsbezeichnung deutet die mögl. Funktion des Magistraten an, d.h. die Aufsicht über Bauten und Märkte. In Salodurum sind ferner zwei magistri vici belegt. Diese Beamten werden in Inschriften häufig zur Datierung oder Legitimierung von öffentl. Massnahmen innerhalb eines V. aufgeführt. Ihnen oblag vermutlich die Leitung der gemeinschaftl. Angelegenheiten des V. Unklar bleibt, ob magistri vici und vicani gleichzeitig in einem V. vorkommen können oder sich gegenseitig ausschliessen. Eine Weihinschrift aus Lousonna nennt ferner einen curator vikanorum, der sowohl für die dortigen Vicani wie auch für die röm. Bürger im helvet. Bereich zuständig war. Röm. Vici bzw. die Vicani kannten folglich Magistrate und verfügten über Grundbesitz und finanzielle Mittel. Im Kultwesen traten sie gemeinsam auf.


Quellen
CIL 12, 2611; 13, 5026, 5042, 5063 f., 5194 f., 5233, 5254
L'Année épigraphique 1951, 259
Literatur
– H. Lieb, «Vindonissa und die röm. Lagerstädte», in Jber. Ges. Pro Vindonissa, 1998, 63-66
SPM 5
– M. Tarpin, "Vici" et "pagi" dans l'Occident romain, 2002

Autorin/Autor: Alfred Hirt, Philipp von Cranach