• <b>Nekropolen</b><br>Der Archäologe Albert Naef auf dem neolithischen Friedhof von Pully-Chamblandes. Foto auf Glas von  Rodolphe Archibald Reiss,  1910 (Archives cantonales vaudoises). Die 1880 entdeckte Nekropole von Chamblandes umfasst rund 70 Gräber. Naef organisierte zwischen 1901 und 1910 drei Ausgrabungen und untersuchte den grössten Teil der Gräber, die in den Anfang des 4. Jahrtausends v.Chr. datieren.

Nekropolen

In der Antike war Nekropolis ("Totenstadt") der Name eines Gräberquartiers der hellenist. Stadt Alexandria (Ägypten). Seit dem 19. Jh. bezeichnet der Begriff Nekropole eine Gruppe von Grabstätten mit Grabmonumenten, die wie die Gebäude einer Stadt angeordnet sind. In der archäolog. Fachsprache wird der Begriff häufig in einem weiteren Sinn verwendet und meint dann jede grössere Gruppe von abseits einer Siedlung gelegenen Gräbern, selbst wenn oberirdisch nichts auf diese hinweist bzw. Grabmäler fehlen.

Der Brauch, die Toten abseits der Wohnsiedlungen zu begraben, lässt sich auf hygien. und religiöse Erwägungen zurückführen. Er ist ebenso alt wie die Praxis der Bestattung und bleibt von der Ur- und Frühgeschichte bis zum FrühMA die Regel. Aus vorröm. Zeit gibt es jedoch nur wenige Beispiele von N., von denen sich auf eine zugehörige Siedlung schliessen lässt. Deshalb ist nur schwer abzuschätzen, wie gross der Anteil der Bevölkerung war - sehr wahrscheinlich war er klein -, der an besonderen Orten beigesetzt wurde und welche Auswahlkriterien dabei zur Anwendung kamen. Offensichtlich bestand immer eine enge Beziehung zwischen der Gestaltung der N., den Bestattungspraktiken und der gesellschaftl. bzw. polit. Organisation der Gemeinschaften. Mit solchen Fragen beschäftigt sich die aktuelle wissenschaftl. Debatte.

<b>Nekropolen</b><br>Der Archäologe Albert Naef auf dem neolithischen Friedhof von Pully-Chamblandes. Foto auf Glas von  Rodolphe Archibald Reiss,  1910 (Archives cantonales vaudoises).<BR/>Die 1880 entdeckte Nekropole von Chamblandes umfasst rund 70 Gräber. Naef organisierte zwischen 1901 und 1910 drei Ausgrabungen und untersuchte den grössten Teil der Gräber, die in den Anfang des 4. Jahrtausends v.Chr. datieren.<BR/>
Der Archäologe Albert Naef auf dem neolithischen Friedhof von Pully-Chamblandes. Foto auf Glas von Rodolphe Archibald Reiss, 1910 (Archives cantonales vaudoises).
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Das älteste Einzelgrab auf dem Gebiet der heutigen Schweiz datiert zwischen 5400 und 5000 v.Chr. (Arlesheim). Ab dem 5. Jt. n.Chr. (frühes Neolithikum) entstanden insbesondere in der Genferseeregion und im Rhonetal kleinere Gruppen von Körpergräbern. Diese waren häufig als Platten- oder Steinkistengräber angelegt, in denen die Verstorbenen in gekrümmter Haltung beigesetzt wurden. Zwischen 4300 und 3200 v.Chr. entwickelten sich grössere Gräberfelder, die einige Dutzend, oft für mehrere Personen bestimmte Steinkistengräber umfassten (Pully-Chamblandes, Corseaux). Während Grabbeigaben bis anhin selten waren, nahm ihre Häufigkeit nun zu.

Zwischen dem ausgehenden 4. Jh. und 2200 v.Chr. traten oberirdische architekton. Elemente auf. Im Jura und in den Alpen sind diese als Dolmen bekannt. Am berühmten Fundort Petit-Chasseur in Sitten wurden eigentl. Monumente mit Gemeinschaftsgrabkammern errichtet, die über längere Zeit immer wieder benutzt wurden.

Zu Beginn der Bronzezeit (ca. 2200-1500 v.Chr.) herrschte wieder die Einzelbestattung vor. Die in der späten Jungsteinzeit auftretende Praxis der Körperbestattung unter Tumuli (grosse runde Hügel aus Erde und/oder Steinen) hielt sich bis in die frühe und mittlere Bronzezeit (ca. 2200-1400 v.Chr.; Vufflens-la-Ville, Châbles). Danach setzte sich zunehmend die Feuerbestattung (Kremation) durch, wobei Hügelgräber durch kleinere Gruppen von Gräbern verdrängt wurden, die keine sichtbaren Grabmäler aufwiesen und häufig eine Urne und Beigaben enthielten (Möhlin, Tolochenaz, Lausanne-Vidy). In der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit, ca. 800-480 v.Chr.) kamen die Hügelgräber wieder auf. Es bildeten sich N. mit mehreren Dutzend Grabhügeln (z.B. Unterlunkhofen). Im selben Zeitraum lässt sich, ausser im Tessin, eine allmähl. Rückkehr zur Erdbestattung feststellen, die bis zur mittleren Latènezeit (4.-2. Jh. v.Chr.) überwog. In der Mitte des 1. Jt. v.Chr. wurden ausserdem mehrere Hügelgräber für privilegierte Personen (sog. Fürstengräber) angelegt, die besonders reich ausgestattet waren (Ins, Grächwil, Payerne).

In der jüngeren Eisenzeit (Latènezeit, um 480-30 v.Chr.) wurden die Hügelgräber erneut durch mehr oder weniger grosse Gruppen von Flachgräbern verdrängt, die meist ohne sichtbare oberird. Zeichen gefunden wurden. Wodurch diese Grabstätten von ihrer Umgebung abgegrenzt waren, ist unbekannt. Einzig im Tessin sind runde Steinhügel, längl. Stelen und Abdeckungen aus rechteckigen Steinen nachgewiesen. Im Mittelland wurden mehrere der bekannten grossen kelt. Friedhöfe von der frühen bis in die mittlere Latènezeit (4. Jh. bis Anfang 2. Jh. v.Chr.; Münsingen, Saint-Sulpice VD, Gempenach) genutzt. Vergleichsweise wenige weitere Friedhöfe entstanden in der 1. Hälfte des Spätlatène (um 150-80 v.Chr.; Bern-Enge, Lausanne-Vidy). Gräber aus der Zeit vom 1. Jh. v.Chr. bis zum 1. Drittel des 1. Jh. n.Chr. wurden im Mittelland aus unerfindl. Gründen kaum entdeckt. Südlich der Alpen dagegen waren einige N. bis in die Römerzeit belegt (Locarno-Solduno).

In röm. Zeit erlebten die N. ab dem 2. Viertel des 1. Jh. n.Chr. einen grossen Aufschwung. Jede zivile oder militär. Siedlung und jeder Gutshof verfügte über mindestens ein Gräberfeld. In den Städten waren für die Standortwahl zwei Faktoren massgebend: Einerseits die Einhaltung der röm. Gesetzgebung, welche Begräbnisse innerhalb des Stadtgebiets untersagte, andererseits das Bestreben, einen regelmässigen Kontakt zwischen der Welt der Toten und jener der Lebenden aufrechtzuerhalten. So bildeten sich die meisten N. am Ausgang von Siedlungen entlang der Verkehrswege. Die zu Gutshöfen gehörigen Friedhöfe oder Gräbergruppen lagen meist am Rand, manchmal ebenfalls an einem Verkehrsweg. Grossgrundbesitzer vefügten über eigene Grabstätten und Grabmonumente für ihre Familien. Meistens standen diese imposanten Bauwerke an einem besonderen Ort.

Über die innere Organisation galloröm. Friedhöfe weiss man nur wenig. Die meisten Gräber scheinen zunächst chaotisch angeordnet zu sein, was sicherlich mit der langen Belegungsdauer zusammenhängt, v.a. aber mit dem fast völligen Verschwinden der oberird. Gestaltungselemente (Wege, Hecken, Gräben, Zäune). Die Kennzeichnungen an der Oberfläche waren wohl meistens sehr zurückhaltend (Hügel, Stelen usw.). Eigentliche gemauerte oder aus Stein gefertige Grabmonumente blieben die Ausnahme.

Gruppierungen nach Geschlecht oder Alter sind nur selten zu beobachten, obwohl für Kindergräber reservierte Bereiche wiederholt nachgewiesen wurden. Mehr oder weniger abgegrenzte Gräbergruppen könnten familiären Verbindungen entsprechen, doch fehlen die Möglichkeiten, um dies nachzuweisen. Ausser in den traditionell konservativen Alpengebieten war bis ins 3. Jh. n.Chr. die Feuerbestattung üblich. Von der spätröm. Zeit (4.-5. Jh. n.Chr.) bis zum FrühMA entstanden mit der Verbreitung der Erdbestattung und der geordneten Ausrichtung der Gräber grosse N. mit sog. Reihengräbern, die mehrere Hundert Grabstätten umfassten (Avusy-Sézegnin, Yverdon-les-Bains, Sitten, Kaiseraugst, Bonaduz). Diese befanden sich nach wie vor am Siedlungsrand, zuweilen auch in antiken Ruinen. Die selten erhaltene oberird. Kennzeichnung blieb meistens ziemlich bescheiden (Hügel, horizontale Platten, Holzstelen usw.). Hie und da entwickelten sich antike Memorien (memoria), die über den Gräbern einzelner oder mehrerer hochgestellter Persönlichkeiten errichtet worden waren, zu Friedhofskirchen. Von der Karolingerzeit an setzte sich für lange Zeit die Körperbestattung auf Friedhöfen in unmittelbarer Nähe der Pfarrkirchen durch.


Literatur
– G. Kaenel, Recherches sur la période de La Tène en Suisse occidentale, 1990
SPM 2, 231-258; 3, 309-326; 4, 249-282; 5, 305-355; 6, 145-180

Autorin/Autor: Daniel Castella / EM