• <b>Moore</b><br>Plakat von  Fritz Hug   für die Abstimmung vom 6. Dezember 1987 über die Volksinitiative zum Schutz der Moore (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Die Initiative wurde von den Kantonen und vom Volk mit 57,8% der Stimmen gutgeheissen.

Moore

M. sind dauernd feuchte Gebiete mit charakterist. Pflanzengemeinschaften auf einer Torfschicht, die zusammen mit Bruchwäldern, Sümpfen, Riedern oder Kleingewässern aller Art auch ohne grundlegende Torfschicht als Feuchtgebiete bezeichnet werden. Sie entstanden nach der letzten Eiszeit (vor ca. 10'000 Jahren) sowie später in Muldenlagen, wo Wasserüberfluss und klimatisch günstige Bedingungen zum Wachstum bestimmter Pflanzen (mittlere Jahrestemperatur unter 10°C) herrschten. Grossflächige Niedermoore (Verlandungsmoore, Flachmoore, Wiesenmoore, Riede) bildeten sich z.B. im Berner Seeland, im St. Galler Rheintal sowie in vielen Flusstälern und Ebenen der Schweiz. Während Flachmoore ihre Feuchtigkeit und Nährstoffe hauptsächlich aus dem Grundwasser beziehen, werden Hochmoore (Heide- oder Moosmoore), die über den bestehenden Grundwasserspiegel hinaus gewachsen sind, nur vom Regenwasser versorgt. Beide Moortypen finden sich in der Schweiz v.a. am Alpennordrand zwischen Genfersee und Säntis sowie im Jura. M. sind für zahlreiche geschützte Tiere und Pflanzen (wie Schwertlilie, Sonnentau, Wollgras) der wichtigste Lebensraum (Flora, Fauna, Naturschutz).

M. bedeckten nach der letzten Eiszeit im Gebiet der heutigen Schweiz etwa einen Viertel bis einen Drittel der Landesfläche. Um 1800 waren es noch rund 6%. Die extensive landwirtschaftl. Nutzung trug im MA und in der frühen Neuzeit zur Erhaltung und sogar Entstehung von Flachmooren bei, z.T. führten aber ab dem 18. Jh. die Entwässerung von Böden, die Torfstecherei, Massnahmen zur Bodenverbesserung sowie die Umwandlung in land- und forstwirtschaftlich nutzbares Land zu deren Verschwinden. Allmendteilungen und Meliorationen, Entsumpfungen, grossräumige Trockenlegungen, Gewässerkorrektionen (Linthebene, Alpenrhein, Rhone, Broye, Orbeebene, Juragewässer, Emme, Reuss, Tessin) sowie der Bau von Stauseen, Siedlungen und Strassen reduzierten die Moorflächen des Mittellands im 19. und 20. Jh. besonders stark. Versch. Flurnamen deuten noch heute darauf hin, z.B. dt. Moos und Ried oder franz. Mosses, Mouilles und Sagne.

Zahlreiche bis ins Paläolithikum zurückreichende menschl. Spuren blieben unter den günstigen Bedingungen der nassen Moorböden erhalten. Zu den bekannten Funden gehören Moorleichen (unter Sauerstoffabschluss und Säureeinwirkung konservierte Leichen oder menschl. Überreste) sowie Opfer- und Votivgaben aus der Bronze- und Eisenzeit. Aus neolith. Siedlungen stammen Fundmaterialien in Weier bei Thayngen und im Wauwilermoos im luzern. Egolzwil.

Im MA und in der frühen Neuzeit waren die M. üblicherweise Teil der kollektiv genutzten Allmend und dienten als Weideland für Gross- und Kleinvieh sowie zur Nutzung der Streue; die ungenutzten Flächen verbuschten und Bäume wuchsen auf. Das Dorf selbst regelte deren Nutzung, doch griffen zunehmend städt. Obrigkeiten (Basel, Bern, Zürich), gestützt auf die Ideen der Agrarreformer, v.a. im 18. Jh. mit Mandaten in die kollektive Regelung ein, die mit Wald und Weide auch die Streuwiesen und M. betraf (Nutzungsrechte). Um den Klagen über Holzmangel zu begegnen, wurden M. zusätzlich zur Torfgewinnung genutzt und dadurch teilweise zerstört. Ab dem frühen 18. Jh. begannen insbesondere Zürcher Gem., Hochmoore zu entwässern und Torf abzubauen, wobei der gestochene Torf in Ziegelform anstelle von Brennholz verwendet wurde. Daneben stieg mit der Umstellung auf die ganzjährige Stallhaltung des Viehs der Bedarf an Heu und Streue, was zu einer verstärkten Nutzung der M. als Heu-, Streue- und Riedwiesen führte.

Im Kt. Bern bildeten sich nach 1850 sog. Entsumpfungsgenossenschaften mit dem Recht, M. und Sümpfe trockenzulegen. Zwischen 1885 und 1940 wurden mittels Tonröhrendrainage und anderer Techniken gesamtschweizerisch etwa 80'000 ha Moorland entwässert. Während des 2. Weltkriegs kamen im Rahmen der Anbauschlacht weitere 80'000 ha dazu. Nicht drainierte Gebiete wurden weiterhin als Streuwiesen genutzt. Häufig im Besitz der Gem., verpachtete man Teile des Moors zur Gewinnung von Streue und Torf bis nach dem 2. Weltkrieg an Private. Ab 1950 schwand die Bedeutung der Torf- wie der Streugewinnung und die Entsumpfungen wurden weitgehend eingestellt. Der Umfang der Flach- und Hochmoore fiel im Laufe des 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jh. insgesamt um etwa 90% auf 0,5% der Landesfläche zu Beginn des 21. Jh.

Das landesweit rasche Verschwinden von Feuchtgebieten beschäftigte ab Anfang des 20. Jh. auch die Schweiz. Naturschutzkommission, die ihr Augenmerk auf bedrohte Naturdenkmäler richtete. Der Heimatschutz folgte später diesem Anliegen. Am 1.7.1966 wurde ein Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz erlassen. Als das Eidg. Militärdepartement in den 1980er Jahren den Bau eines Waffenplatzes im Hochmoor bei Rothenthurm plante, erwuchs dem Vorhaben Widerstand in Form einer Verfassungsinitiative, der sog. Rothenthurm-Initiative. Sie verlangte, dass alle M. und Moorlandschaften von nationaler Bedeutung bedingungslos geschützt werden. Volk und Stände nahmen im Dez. 1987 die Initiative an.

Auf der rechtl. Basis des Bundesgesetzes über den Natur- und Heimatschutz von 1966 und den Zusatz eines rigorosen Schutzes der M. von 1987 liess der Bund mit Unterstützung des Schweiz. Bunds für Naturschutz (seit 1997 Pro Natura) Inventare versch. Moortypen erstellen sowie eine Hochmoorverordnung erarbeiten. Bis 1991 lag ein Bundesinventar der Hoch- und Übergangsmoore von nationaler Bedeutung vor. 1994 folgten im Auftrag des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft weitere Inventare zu den Hoch- und Flachmooren von nationaler Bedeutung sowie 1996 das Bundesinventar der Moorlandschaften von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung mit 89 Objekten (Auswahl aus 329 vorgeschlagenen Objekten), die 2,2% der Landesfläche und 92'600 ha (in 19 Kantonen) entsprachen. Die ausgewählten Moorlandschaften sind von M.n geprägt, schliessen aber andere Naturbiotope und Kulturelemente wie Bäche, Hecken, Trockenwiesen und Weiher mit ein. Das Bundesinventar der Flachmoore von nationaler Bedeutung verzeichnete 2007 1'163 schutzwürdige M. mit rund 20'000 ha Gesamtfläche, das Bundesinventar der Hochmoore von nationaler Bedeutung umfasst 549 M. mit einer Gesamtfläche von rund 1'500 ha, was etwa 0,04% der Landesfläche entspricht.

<b>Moore</b><br>Plakat von  Fritz Hug   für die Abstimmung vom 6. Dezember 1987 über die Volksinitiative zum Schutz der Moore (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Die Initiative wurde von den Kantonen und vom Volk mit 57,8% der Stimmen gutgeheissen.<BR/>
Plakat von Fritz Hug für die Abstimmung vom 6. Dezember 1987 über die Volksinitiative zum Schutz der Moore (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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Die Umsetzung des Moorschutzes fällt in die Kompetenz der Kantone, was diese zu Schutz und Pflege der als schutzwürdig eingestuften M. verpflichtet. Trotzdem bleiben zahlreiche M. durch Probleme wie Nährstoffeintrag, Fragmentierung, Verbuschung und Wiederbewaldung in ihrer Existenz gefährdet. Die kulturelle Bedeutung der M. als selten gewordener Ökotyp betonen Naturschutzkreise durch Lehr- und Lernangebote. In Les Ponts-de-Martel, einer ehem. Stätte des industriellen Torfabbaus im grössten Hochmoor der Schweiz, wurden z.B. 1998 und 2000 zwei Moorlehrpfade eingerichtet. Lehrpfade führen auch um den Etang de la Gruère (Gem. Saignelégier), in die Moorlandschaft im Unesco-Biosphärenreservat des Entlebuchs oder in die Auengebiete der Magadinoebene.


Literatur
Encycl. VD 1, 41-59
– C.A. Vaucher Leben in Weiher, Ried und Moor, 1976
– U. Hintermann, Inventar der Moorlandschaften von besonderer Schönheit und von nationaler Bedeutung, 1992
– M. Irniger, «Wald und Waldnutzung im Umbruch des 18. Jh.», in Geographica Helvetica 48, 1993, 67-71
Mires and Man, hg. von A. Grünig, 1994
– S. Radlmair et al., «Gesch. der landwirtschaftl. Moornutzung im süddt. Alpenvorland», in Natur und Landschaft 74, 1999, 91-98
– R. Meier et al., «Zum Schutz der Moorlandschaft Schwägalp unter besonderer Betrachtung des Teils im Kt. Appenzell A.Rh.», in Schweiz. Zs.f. Forstwesen 152, 2001, 314-319
M. und Moorschutz in der Schweiz, 2002
– «Biodiversität in Feuchtgebieten», in Hotspot 15, 2007, 3-26
Schwyzer M. im Wandel, 2007

Autorin/Autor: Walter Thut