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Güterzusammenlegung

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Als G. (auch Güterregulierung, Landumlegung oder Arrondierung) wird die Neuordnung der parzellierten Flur eines Dorfes oder einer Gem. bezeichnet. Ziel ist es, durch Verminderung der Anzahl und Optimierung der Form der Parzellen die Wirtschaftlichkeit der Betriebe zu erhöhen oder eine neue Nutzung zu ermöglichen. In der Schweiz werden G.en heute im Rahmen von Gesamtmeliorationen (Melioration) durchgeführt.

Im Gegensatz zur kollektiven Landnutzung auf Allmenden stellt sich bei der individuellen Nutzung auf privatem Grund die Frage der Erbfolge. In Gebieten, in denen der Bauernbetrieb mit all seinen Grundstücken traditionellerweise als Ganzes - dem ältesten oder jüngsten Sohn - vererbt wurde (z.B. im Emmental), blieb die Grösse des Betriebs und der einzelnen Grundstücke erhalten. In Gebieten mit Realteilung (z.B. im Wallis) wurden die Grundstücke in der Erbfolge oft so stark zerstückelt, dass die Bewirtschaftung sehr erschwert wurde (Erbrecht, Güterteilung).

Über G.en vor dem 19. Jh. ist wenig bekannt. Sie kamen wohl dort vor, wo grosse Teile der dörfl. Flur für Einschläge (Einschlagsbewegung) oder für die Errichtung von Anlagen für die Bewässerung reorganisiert werden mussten (Kt. Luzern um 1600). Die systemat. G.en im Rahmen der Agrarmodernisierung erfolgten in der Schweiz später als im benachbarten Ausland. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. wurden solche in Verbindung mit anderen bodenverbessernden Massnahmen wie Trockenlegungen und Entwässerungen durchgeführt. Die meisten Kantone gingen dem Bund mit entsprechenden Gesetzen voraus. 1884 folgte der Bundesbeschluss betreffend die Förderung der Landwirtschaft durch den Bund und insbesondere zur Unterstützung von Massnahmen zur Verbesserung des Bodens (Bundesgesetz 1893). Ab 1939 wurde die zuständige Sektion der Bundesverwaltung als Eidg. Meliorationsamt (heute Abt. Strukturverbesserungen im Bundesamt für Landwirtschaft) bezeichnet.

Vor und während des 2. Weltkrieges wurden G.en besonders gefördert (1937 Arbeitsbeschaffungsprogramm, 1941 ausserordentl. Meliorationsprogramm im Rahmen der Anbauschlacht) und dienten primär der Steigerung der Lebensmittelproduktion. Nach dem 2. Weltkrieg beinhalteten die G.en neben der Parzellarordnung vorwiegend Weganlagen, landwirtschaftl. Hochbauten und Wasserversorgungen. Ziel war die rationelle Bodennutzung im Hinblick auf die Mechanisierung der Landwirtschaft. In den seit den 1970er Jahren durchgeführten Gesamtmeliorationen versuchte man die Interessen der Landwirtschaft mit Natur- und Landschaftsschutz und den Bedürfnissen der Erholungsuchenden in Übereinstimmung zu bringen.

G.en erfolgen aufgrund der Bewertung des alten Bestandes und der Kriterien der Neuzuteilung. War ursprünglich die Bodenqualität und Ertragsfähigkeit aufgrund einer Bonitierung das wesentl. Kriterium, verfeinerten sich die Bewertungen und berücksichtigen heute auch Bewirtschaftungs- und ökolog. Kriterien. Als Variante der G. entwickelte sich die Pachtlandarrondierung, in der die Eigentumsverhältnisse unverändert bleiben, die pachtweise Nutzung jedoch nach den aktuellen Bedürfnissen geregelt wird.

Seit den 1960er Jahren werden G.en auch zur Gewinnung von Land für den Nationalstrassenbau und andere öffentl. Infrastrukturanlagen (Eisenbahnprojekte wie Bahn 2000, NEAT) durchgeführt. Heute können sie sogar zur Landbeschaffung für Naturschutzgebiete, Ausgleichsflächen und Revitalisierungen von Gewässern dienen.

G.en werden meist mit Ortsplanungen koordiniert, um die Abgrenzung des Baugebietes vom Nichtbaugebiet zu regeln. Im Baugebiet dient die G. zur Schaffung überbaubarer und - in Kombination mit der Erschliessung - baureifer Parzellen (Baulandumlegung, Quartierplan, Bebauungsplan). Damit sind G.en ein wichtiges Realisierungsinstrument der Raumplanung und Raumordnungspolitik.


Literatur
Das ausserordentl. Meliorationsprogramm, 1947
– L. Biasca Raggruppamento terreni, colonizzazione, economia alpestre nel cantone Ticino, 1947 (mit Karten)
Remaniement parcellaire et réunion parcellaire dans le Canton de Vaud, 1954 (mit Karten)
– J.-R. Schneider, Etude comparative des législations cantonales en matière de remaniement parcellaire, 1974
– A. Stingelin, Öffentl. Werke im ländl. Raum, 1978
– C. Pfister, W. Thut Haushälter. Umgang mit Boden, 1986 (mit Bibl.)
100 Jahre Abt. für Kulturtechnik und Vermessung an der ETH Zürich 1986, 1987
– A. Lehmann, Géographie et espace viticole, Liz. Genf, 1992
– A. Lüscher, Meliorationen im Einklang mit Natur und Landschaft, 1998

Autorin/Autor: Thomas Glatthard