23/01/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Grenzgänger

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Der Terminus G. ist jüngeren Datums, das Phänomen dagegen gibt es schon länger. Es wurde zum Begriff, nachdem die kategorisierende Fremdenpolizei für die G. eine Regelung eingeführt hatte und die Migration der G. seit den 1950er Jahren zu einem Massenphänomen angewachsen war. Der Begriff bezeichnet die grenzüberschreitende Berufswanderung von Tagespendlern zwischen ihrem Wohnort im einen und dem Arbeitsort in einem anderen Land (Grenzen, Pendler). Heutzutage ist damit aus schweiz. Sicht v.a. die Beschäftigung von Arbeitskräften gemeint, die im nahen Ausland wohnen. Ausserdem verlagern in zunehmendem Masse auch Schweizer und Schweizerinnen, oft aus ökonom. Gründen (z.B. wegen der Grundstückpreise), ihren Wohnsitz in die ausländ. Nachbarschaft. Vor 1914 gab es mit der Schaffung von Zweigniederlassungen schweiz. Firmen im nahen Ausland eine stärkere Pendlerbewegung von Fachkräften, die im schweiz. Grenzgebiet wohnten und in die andere Richtung pendelten.

Auch im kleinen Grenzverkehr gibt es zu jeder Zeit Pendlerbewegungen in beide Richtungen. Den ökonom. Gegebenheiten entsprechend bildeten sich vier Regionen mit hoher Grenzgängerdichte heraus: das Tessin, die Räume Basel und Genf sowie der Bodenseeraum zwischen Schaffhausen und dem Rheintal. Die 18 schweiz. Grenzkantone (inkl. beider Appenzell und Bern) geniessen den Vorteil, ausserhalb der für ausländ. Arbeitskräfte geltenden Begrenzungen Arbeitnehmer rekrutieren zu können; diese Bevorzugung soll - so begründet sie der Gesetzgeber - die volkswirtschaftl. Nachteile der Randlage und die Konkurrenz durch die kostengünstigere Nachbarschaft (Stichwort "Einkaufstourismus") kompensieren. Ausser im Tessin werden G. im Prinzip nicht zu niedrigeren Löhnen beschäftigt; es besteht ein gesetzl. Anspruch auf orts-, berufs- und branchenübl. Gehälter und Arbeitsbedingungen. V.a. bei erstmaliger Erteilung einer Grenzgängerbewilligung wird abgeklärt, ob keine entsprechende Arbeitskraft auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gefunden werden kann.

Die heutige Grenzgängerregelung beruht einerseits auf jährlich angepassten Verordnungen über die Begrenzung der Zahl der Ausländer - gestützt auf das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG) von 1931 - und andererseits auf vier verschiedenen bilateralen Abkommen mit den Grenzstaaten. Die Grenzzone ist je nach Nachbarland unterschiedlich festgelegt. Die Zone mit Deutschland ist 60 km tief, jene mit Italien 20 km und diejenige mit Frankreich 10 km. Bei der Festsetzung dieser Regel wurde im Fall von Frankreich davon ausgegangen, dass ein Arbeitnehmer mit dem Fahrrad maximal eine Wegstrecke von 20 km bewältigen könne. Die Zonenbegrenzung, die nie revidiert worden ist, wird allerdings schon lange nicht mehr eingehalten.

Vor 1914 wurden die G. u.a. wegen der fehlenden Grenzkontrollen statistisch kaum erfasst. Auch mit den später entstandenen kant. Statistiken können sie als kantonsübergreifendes Phänomen, insbesondere in der Nordwestschweiz und in der Ostschweiz, nur schwer beziffert werden. Ausserdem sind die Zahlen starken Schwankungen unterworfen, da die G. (ausser jene in der Region Basel) den Arbeitgebern meist als sog. Konjunkturpuffer und Manövriermasse dienen. Gesamtschweizerisch machen die aus Frankreich kommenden G. etwa 50%, die aus Italien kommenden etwa 25% und die aus Deutschland und Österreich kommenden zusammen ebenfalls etwa 25% aus. Insbesondere im franz. Segment gibt es jedoch zahlreiche Arbeitnehmer, die nicht franz. Nationalität sind. 1971 zählte man 86'000 G., 1978 (nach dem Einbruch von 1974) rund 84'000, 1985 rund 109'000, 1990 und 1991 rund 180'000 (Maximum), 1995 rund 152'000 und 2001 168'000. Von diesen entfallen rund 32'700 auf den Kt. Tessin, rund 48'900 auf die Region Basel, rund 32'500 auf den Kt. Genf, 11'500 auf den Kt. Waadt und 7'200 auf den Kt. St. Gallen. Das Total macht immerhin knapp ein Fünftel der ausländ. Arbeitnehmerschaft (2001: 921'559) aus. Der Kt. Tessin wies für die Jahre 1955-74 eine Zunahme von 7'000 auf 32'000 G. aus, 1990 waren es 40'700, 1997 sank die Zahl auf 28'600. Nur punktuelle Vergleiche mit älteren Zahlen zeigen den enormen Zuwachs der Grenzgängerströme: Für Basel sind es vor 1914 insgesamt etwa 2'000, 1931 sind es 2'027 badische und 1'082 elsässische G. Die Verteilung nach Geschlechtern variiert stark, je nach Region und Zeit. In der Basler Statistik machen die Frauen aber nur in den Jahren 1945-50 eine starke Mehrheit aus, während ihre Anteile in anderen Jahren deutlich unter denjenigen der Männer liegen.

Mit der Rekrutierung von G.n konnten Betriebe die bestehenden Begrenzungen für ausländ. Arbeitskräfte unterlaufen. Die Nationale Aktion versuchte mit ihrer 1988 zur Abstimmung gelangten Initiative "Für die Begrenzung der Einwanderung" erfolglos, auch bei den G.n Restriktionen einzuführen. In gewissen Betrieben machen die G. über 50% der Belegschaft aus. Für manche deutschschweiz. Firmen, insbesondere solche aus strukturschwachen Branchen wie der Textilindustrie, war die Verfügbarkeit der G. ausschlaggebend für die Betriebsverlegung ins Tessin. Im Zusammenhang mit den G.n werden v.a. Fragen des Lohndumpings, der Arbeitsplatzsicherheit, der berufl. Freizügigkeit, der Quellenbesteuerung, der Kaufkraftdifferenz und der Sozialversicherungen als problemat. Phänomene diskutiert. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und die Mehrfachidentität der G. werden hingegen positiv gewertet.


Literatur
– C. Ricq, Les travailleurs frontaliers en Europe, 1981
G. in der Nordwestschweiz, 1987
– U. Bloch, «G. aus Südbaden in Basel-Stadt in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg», in BZGA 95, 1995, 207-235

Autorin/Autor: Georg Kreis