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Schwanden (GL)

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Ehemalige politische Gemeinde GL, die 2011 mit Betschwanden, Braunwald, Elm, Engi, Haslen, Linthal, Luchsingen, Matt, Mitlödi, Rüti, Schwändi und Sool zur neuen Gemeinde Glarus Süd fusionierte. Das Dorf breitet sich entlang der Strassen nach Elm, Linthal und Schwändi aus. Zentrum des Glarner Hinterlands am Zusammenfluss von Linth und Sernf. 1240 de swando. Der Weiler Thon, westlich über dem Dorf gelegen, war bis 1876 eine selbstständige Dorfschaft. Südlich von S. erhebt sich der 1548 als ältestes Jagdbanngebiet der Schweiz eingerichtete Kärpf. 1574 450 Einw.; 1763 1'148; 1850 2'296; 1900 2'396; 1950 2'920; 1960 3'020; 2000 2'601.

Spärl. Funde aus kelt. und röm. Zeit. Die meisten Flurnamen sind alemann. Ursprungs. Im 13. Jh. wurde auf der Moräne nördlich von S. die Burg Benzigen erbaut, jedoch schon nach wenigen Jahrzehnten verlassen. Aus derselben Zeit stammt der gemauerte Teil des ältesten noch erhaltenen Hauses, des "Turehuus" in Thon. S. bildete unter der Herrschaft des Klosters Säckingen einen Tagwen. Früher zur Kirche von Glarus gehörig, bauten die Schwander 1349 eine eigene Kirche, die vorerst Filiale von Glarus war. Ab 1528 wurde die Kirche paritätisch genutzt, die Messe jedoch 1558 abgeschafft. Eine Brunnenfigur mit erhobener Schwurhand erinnert in der "Landsgemeindehoschet" daran, dass hier 1448-1623 meist die ordentl. Landsgemeinden und 1623-1837 jene der Reformierten tagten, jeweils eine Woche vor der gemeinsamen in Glarus. Die Kirche erfuhr 1753 eine beträchtl. Erweiterung durch die Gebrüder Grubenmann. Noch heute dient sie auch den vier ehem. Nachbargemeinden Sool, Schwändi, Haslen und Nidfurn als ref. Kirche. Vermutlich 1757 wurde in S. der Pulverturm für den ref. Landesteil erbaut, ein Zeichen wiederholt aufflackernder konfessioneller Auseinandersetzungen. 1895 wurde die neu errichtete kath. Kirche geweiht, 1973 durch einen Neubau ersetzt. Sie ist die Pfarrkirche der Katholiken von neun Dörfern.

Kleinviehhaltung war während des ganzen MA und bis ins 18. Jh. wichtig. Im 16. und 17. Jh. wurde in steigender Zahl Grossvieh auf den Alpen gesömmert. Dessen Bedeutung für die Mehrheit der Bevölkerung ist indessen umstritten. Im 18. Jh. verlagerte sich die Viehwirtschaft allmählich von der Viehzucht auf Milch- und Käseproduktion. 1525 wurde auf Guppen ein Eisenbergwerk eröffnet, das man nach ca. 30 Jahren wieder aufgab. Im 17. Jh. woben die Einwohner von S. v.a. halbwollene Tücher, sog. Mätzen, stellten Schiefertische und -tafeln her und trieben Handel mit wollenen Strümpfen und Mützen. Eine Färberei entstand 1680. 1740 führte Peter Blumer die Baumwollspinnerei im Verlagssystem ein. Zwischen 1820 und 1830 setzte die Industrialisierung mit der Gründung einer Spinnerei, der späteren Textil AG (bis 1989), der Textildruckerei Blumer (bis 1980) und einer Rotfärberei ein. Hinzu kam die heute noch bestehende Brauerei Adler. Vom Reichtum der Textilindustriellen des 19. Jh. zeugen z.B. das Gemeindehaus und mehrere ehemalige Fabrikantenvillen.

In den 1830er Jahren entstanden mehrere kommunale Einrichtungen, so 1830 die Sekundarschule, ab 1838 mit eigenem Schulhaus, 1834 eine Gemeindesparkasse. Ein zweites Schulhaus wurde 1896 erbaut. Ende 1839 gründeten 200 Einwohner eine Aktienbäckerei. 1853 entstand für die Arbeiter und Angestellten der Textildruckerei eine betriebl. Fürsorgestiftung. Um die Einführung des kant. Fabrikgesetzes (1864) zu beschleunigen, wurde 1863 in S. der erste Fabrikarbeiterverein des Kantons ins Leben gerufen. 1879 erhielt S. Anschluss an die Nordostbahn (NOB). Im letzten Jahrzehnt des 19. Jh. stimmte die Gem. drei grossen öffentl. Vorhaben zu: der Guppenrunsverbauung (1891-1904), der Einrichtung einer Wasserversorgung (1893) und dem Bau des Elektrizitätswerks am Niederenbach (1897). Dieses arbeitet seit 1929 eng mit der damals gegr. Kraftwerke Sernf-Niederenbach AG zusammen, welche in den 1930er Jahren den Damm des Stausees Garichte baute. 1907 wurde die Therma AG, eine Fabrik für elektr. Apparate, gegründet. Ende des 20. Jh. entstanden im Industriequartier Tschachen Fabriken für Kunststoff, Metallprodukte und Stahlbau. Dazu kamen an anderen Standorten eine Druckerei und zahlreiche weitere Gewerbebetriebe. 2005 stellte der 2. Sektor 65%, der 3. Sektor 32% der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Im Thon ist die alte Siedlungsstruktur weitgehend erhalten geblieben. Bauten von regionaler Bedeutung wie das Alters- und Pflegeheim, das Oberstufenschulhaus, das an der Linth gelegene Schwimmbad und weitere Sportanlagen bildeten neue Schwerpunkte. Aufgaben erwuchsen der Gemeinde durch die Pflege der ausgedehnten Bergwälder.


Literatur
– E. Schmid, Beitr. zur Gesch. der Gem. S. mit Berücksichtigung der Nachbargem., 1936
– [F. Kamm et al.], S. im Glarnerland, [1991]

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach