• <b>Kyburg (Grafschaft, Burg)</b><br>Das Kyburger Urbar von 1482. Vorrede und erste Seite mit den Vogtsteuern in Winterthur (Staatsarchiv Zürich, F IIa 252). Laut Vorrede wurde das Urbar mit den Rechten der Stadt Zürich in der Herrschaft Kyburg unter Landvogt Felix Schwarzmurer neu angelegt. Es verzeichnet die jährlichen Abgabeverpflichtungen, unterschieden nach den verschiedenen Geld- und Naturalleistungen. Die jüngsten Nachträge stammen von 1819, aus der Zeit der Restauration, als die Kyburg Sitz eines Oberamts (heutiger Bezirk Pfäffikon) war.

Kyburg (Grafschaft, Burg)

Im Hoch- und SpätMA Graf- und Herrschaft der Kyburger, dann der Habsburger, 1424-42 und 1452-1798 Zürcher Landvogtei, 1815-31 Zürcher Oberamt sowie bedeutende Burganlage, auf einem Molassesporn 150 m über der Töss in der gleichnamigen Gem. gelegen.

1 - Von der Grafschaft zum Zürcher Oberamt

Die erste schriftl. Erwähnung datiert von 1027, als Ks. Konrad II. die Chuigeburch zerstörte. Trotzdem entwickelte sich die K. in der Folge zum Mittelpunkt eines Güterkomplexes in der Gegend von Winterthur. Im mittleren 11. Jh. gelangten die Gf. von Dillingen (bei Ulm) in den Besitz der K. 1079 wurde die Feste im Investiturstreit durch den kaiserlich gesinnten Abt Ulrich II. von St. Gallen erneut gebrochen. Ab 1096 führten die Dillinger auch den Titel Gf. von K., um 1180 spalteten sie sich in eine kyburgische und eine bayerisch-dillingische Linie. Den Kyburgern gelang es 1173 bzw. 1218, bedeutende Teile des lenzburg. und zähring. Erbes (u.a. die Städte Burgdorf, Thun und Freiburg) zu übernehmen und ihren Machtbereich auszudehnen, den sie mit versch. Städtegründungen bzw. -erhebungen (Diessenhofen, Winterthur, Zug, Baden, Frauenfeld, Aarau, Mellingen, Lenzburg, Sursee, Weesen, Laupen, Richensee, Wangen an der Aare und Huttwil) und Klostergründungen (Heiligberg bei Winterthur, Töss, St. Katharinental und Paradies) abzusichern versuchten. Die herausragende Stellung der Gf. von K. in der 1. Hälfte des 13. Jh. kontrastiert mit Problemen und Strukturschwächen beim inneren Herrschaftsausbau. Anlässlich der 1250 erfolgten Herrschaftsteilung zwischen Hartmann IV. und Hartmann V. verblieb die K. im Besitz Hartmanns IV., mit dem das Geschlecht im Mannesstamm 1264 ausstarb.

In der Folge setzte sich Gf. Rudolf von Habsburg, ein Neffe Hartmanns IV., gegen dessen Ehefrau Margaretha und deren Bruder Peter II. von Savoyen durch und zog einen gewichtigen Teil des kyburg. Erbes einschliesslich der Stammburg an sich. Vor seiner Wahl zum König 1273 hielt sich Rudolf regelmässig auf der K. auf, danach erschien er dort, wie später auch Kg. Albrecht I., offenbar nur mehr für einzelne Amtshandlungen. Gemäss spätma. Chroniken sollen die Reichskleinodien während der ersten Königsherrschaft der Habsburger auf der K. aufbewahrt worden sein. Im Zuge der Verlagerung der habsburg. Politik auf die österr. Länder wurde die K. von einer Königsburg zu einem blossen habsburg. Verwaltungssitz, von dem die aus dem einheim. Adel rekrutierten Vögte landesherrl. Aufgaben militär., güterrechtl. und gerichtl. Art im Raum Ostschweiz-Zürich-Aargau wahrnahmen. Das moderne, auf territorialen Ämtern, Beamten und Geldzahlungen basierende Verwaltungssystem der Habsburger geriet in der 2. Hälfte des 14. Jh. in Schwierigkeiten; die Herrschaft K. wurde ab 1364 zu einem Handelsobjekt. 1384 gelangte sie als habsburg. Pfand an die finanzkräftigen Gf. Donat und Diethelm von Toggenburg, 1402 an Kunigunde von Montfort-Bregenz. Die Appenzeller Kriege führten 1407 zu einer Besetzung der K. durch die Appenzeller und Schwyzer sowie zu einer Ausdehnung des Einflusses Zürichs im nahe gelegenen habsburg. Herrschaftsbereich.

<b>Kyburg (Grafschaft, Burg)</b><br>Das Kyburger Urbar von 1482. Vorrede und erste Seite mit den Vogtsteuern in Winterthur (Staatsarchiv Zürich, F IIa 252).<BR/>Laut Vorrede wurde das Urbar mit den Rechten der Stadt Zürich in der Herrschaft Kyburg unter Landvogt Felix Schwarzmurer neu angelegt. Es verzeichnet die jährlichen Abgabeverpflichtungen, unterschieden nach den verschiedenen Geld- und Naturalleistungen. Die jüngsten Nachträge stammen von 1819, aus der Zeit der Restauration, als die Kyburg Sitz eines Oberamts (heutiger Bezirk Pfäffikon) war.<BR/>
Das Kyburger Urbar von 1482. Vorrede und erste Seite mit den Vogtsteuern in Winterthur (Staatsarchiv Zürich, F IIa 252).
(...)

Nach der 1415 erfolgten Ächtung des österr. Hzg. Friedrich IV. durch Kg. Sigismund von Luxemburg übernahm die Stadt Zürich 1424 die Herrschaft K. gegen die Bezahlung von 8'750 Gulden als Reichspfand. Die vom 14. Jh. an auch als Grafschaft bezeichnete Herrschaft umfasste damals die Ämter Kloten und Embrach sowie ungefähr die Gebiete der heutigen Bez. Pfäffikon und Winterthur (ohne die Stadt). Als sich das bedrängte Zürich im Alten Zürichkrieg 1442 mit dem habsburg. Kg. Friedrich III. - ab 1438 war die Reichskrone wieder im Besitz der Habsburger - verbündete, musste es die Grafschaft K. bis auf die Gebiete westlich der Glatt (das spätere "Neuamt") wieder an die Hzg. von Österreich abtreten. Aber bereits 1452 ging die Grafschaft K. als Pfand im Wert von 17'000 Gulden wieder an Zürich über und wurde in der Folge nie mehr ausgelöst. Den Titel "gefürsteter Gf. von K." trug der österr. Kaiser freilich noch 1918.

Der Erwerb der Grafschaft K. stellte für die Stadt Zürich den entscheidenden Schritt zur Bildung eines wirkl. Territorialstaats dar. Die folgende, nahezu vier Jahrhunderte dauernde Landvogteizeit formte aus der uneinheitl. feudalen Grafschaft mit ihren verschiedenartigen Herrschaftsrechten einen ziemlich homogenen Staatsteil. Die Landvogtei K. war mit Abstand die grösste Zürcher Verwaltungseinheit; im 18. Jh. umfasste sie mit den ihr angegliederten Herrschaften rund die Hälfte des Zürcher Hoheitsgebiets. Sie bestand ihrerseits aus sechs Verwaltungsbezirken, nämlich dem Oberamt (nördl. Zürcher Oberland), dem Enneramt (zwischen Töss und Thur), dem Ausseramt (nördl. Zürcher Weinland) und dem Unteramt (um Kloten) sowie dem Embracher und dem Illnauer "Teil". Die Landvogtei umfasste somit ungefähr das heutige Kantonsgebiet nördlich der Linie Hörnli-Pfäffikersee-Glatt-Tössegg mit Ausnahme der Stadt Winterthur, der Herrschaft Wülflingen, Stammheims und der Landvogtei Andelfingen. Die Burg war bis 1798 Sitz des Landvogts, der mit den Untervögten der Landschaft die ehem. Grafschaft verwaltete, die hohe und in einzelnen Orten auch die niedere Gerichtsbarkeit, das Notariatswesen sowie die Steuer- und Militärhoheit ausübte. Dem Landvogt oblag ferner die Sorge für Einzug und Verwaltung des reichen Schloss- und Vogteiguts. Seiner Bedeutung wegen galt das Landvogteiamt K. als Sprungbrett für eine polit. Karriere in der Stadt, insbesondere als Vorstufe zum Bürgermeisteramt. Die vom Gr. Rat Zürichs gewählten Landvögte stammten aus den führenden Stadtzürcher Geschlechtern und wurden ab 1535 jeweils für sechs Jahre gewählt.

Dem Umsturz von 1798, während dessen die K. von aufrührer. Bauernscharen gestürmt wurde, folgten die Auflösung der Landvogtei und die Aufteilung des Gebiets in verschiedene helvet. Distrikte. 1815 wurde die K. Sitz eines Oberamts, das den späteren Bez. Pfäffikon umfasste. Mit dem Ende der Restauration verloren Burg und Ort 1831 endgültig ihre Rolle als Verwaltungszentrum.

Autorin/Autor: Ueli Müller

2 - Die Burg und ihre Besitzer

Die K. ist eine der grössten ma. Burganlagen der Ostschweiz; sie dokumentiert den Burgenbau des 13. und 14. Jh. Die Anlage besteht aus Bergfried, Herrenhaus (Palas), Ritterhaus, Kapelle und Ökonomiegebäuden, die um einen geräumigen Burghof gruppiert und mit einer Ringmauer verbunden sind. Die heutige Anlage scheint im Kern auf die Blütezeit der Kyburger um 1200 zurückzugehen; sie wurde jedoch im 13. und 14. Jh. mit markanten Bauten erweitert. Nach der Übernahme der Burg durch die Zürcher erfolgten ab 1424 grössere Renovationsarbeiten an Bergfried, Palas, Ritterhaus und der 1235 erstmals indirekt bezeugten Burgkapelle (bedeutende got. Wandmalereien, mit deren Bildprogramm die Stadt Zürich ihren Anspruch auf das Reichspfand K. unterstrich). Unter Landvogt Hans Rudolf Lavater erfuhr die Burganlage 1527-28 wesentl. Eingriffe, wobei v.a. das Ritterhaus stark verändert wurde. Weitere Umbauten führten zur heutigen Ausgestaltung der Anlage. Noch immer imponiert die Feste durch ihre markante Gestalt, die sich stimmungsvoll in die Waldlandschaft der Umgebung einfügt.

1798 wurde die K. Nationalgut, 1803 gelangte sie an den Kt. Zürich. 1832 ersteigerte Franz Heinrich Hirzel das Schloss, das er 1835 dem poln. Gf. Alexander Sobansky verkaufte. Spätere Besitzer waren Matthäus Pfau und Eduard Bodmer-Thomann. Von den Erben des Letzteren erwarb der Kt. Zürich 1917 die K. wieder und machte sie nach einer tief greifenden Renovation 1927 der Öffentlichkeit als hist. Museum zugänglich. 1996-99 erfolgte eine Neukonzeptionierung und Modernisierung der Ausstellung.

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Bär, Zur Gesch. der Grafschaft Kiburg unter den Habsburgern und ihrer Erwerbung durch die Stadt Zürich, 1893
– M. Sommer, Die Landvogtei K. im 18. Jh., 2. Tl., 1944-48
– A. Largiadèr, Die K., 1955
Kdm ZH 3, 1978, 141-194
Die Gf. von K., 1981
– E. Eugster, Adlige Territorialpolitik in der Ostschweiz, 1991
Zeitspuren - 800 Jahre Leben auf der K., hg. von D. Flühler-Kreis, 1999
– U. Rüttimann-Jenzer, «Die K. als Gutsbetrieb», in Heimatspiegel, 1999, Nr. 9, 1-7
– T. Weibel, «Was meldete ein Landvogt von K. nach Zürich?», in ZTb 2000, 1999, 85-163
– P. Niederhäuser, R. Sennhauser, «Von der Grafenburg zum Landvogteischloss», in Heimatspiegel, 2002, Nr. 7, 49-55
– W. Wild, «Die ma. Bauten auf der K., Kt. Zürich», in MA 8, 2003, 61-100

Autorin/Autor: Ueli Müller