15/12/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Grüningen (Herrschaft, Vogtei)

Herrschaft, 1416-1798 Landvogtei im Stadtstaat Zürich. Den Kern der Herrschaft bildeten die Höfe Dürnten und Mönchaltorf, die im 8. Jh. im Besitz des Klosters St. Gallen waren. Im ausgehenden HochMA gründeten vermutlich die Herren von Regensberg, bis ca. 1270 Inhaber der Vogtei über die beiden Höfe, das Städtchen G. als Verwaltungszentrum. Die freien Leute, die im Habsburger Urbar erwähnt sind, hatten eine Dingstatt in Binzikon (Gem. G.). Sie wurden ebenfalls dem Amtmann von G. unterstellt. Die Verleihung der Herrschaft an Rudolf von Habsburg muss zwischen 1273 und 1284 erfolgt sein. 1354-1450 wurde ihr Stäfa, ab 1370 der Hof Wald und vor 1467 der Hof Fischenthal zugeteilt. Ferner gehörten ihr die Hochgerichte über die Gerichtsherrschaft Wetzikon-Kempten und Bubikon-Hinwil an. Als österr. Pfandschaft befand sich G. ab 1374 im Besitz der Fam. Gessler von Meienberg. 1408 mussten die Brüder Hermann und Wilhelm Gessler ihre Pfandschaft an die Stadt Zürich verkaufen. Diese vergab sie pachtweise an das Ehepaar Heinrich und Anna Hagnauer. Nach der Konsolidierung der verworrenen polit. Lage im Gefolge der Eroberung des Aargaus wurde Heinrich Hagnauer 1416 zum Vogt gewählt, und G. als Äussere Vogtei bzw. Landvogtei der Stadt Zürich verwaltet.

Die Eingliederung der Herrschaft G. in den Zürcher Stadtstaat verlief keineswegs konfliktfrei. Im Alten Zürichkrieg ergaben sich die Herrschaftsleute, ohne ernsthaften Widerstand zu leisten, den ihnen nahe stehenden Schwyzern. Durch Vermittlung Berns erhielt G. einen besonderen Rechtsstatus, festgehalten im sog. Berner Spruch vom 17.3.1441. Während des Waldmannhandels (sog. Waldmannische Spruchbriefe 1489) wehrten sich die Leute von G. erfolgreich gegen die Rechtsvereinheitlichung. In den Bauernunruhen von 1525 verweigerten sie Herrschaftsabgaben an die Stadt Zürich. Auch die Wiedertäuferbewegung fand in der Bevölkerung der Landvogtei grossen Rückhalt.

Wegen der heterogenen Zusammensetzung der Herrschaft galten versch. Offnungen: Der Dingstattrodel von Binzikon (1435) für den Kern der Herrschaft, der Hofrodel von Dürnten (1480) und die Hofrödel von Fischenthal und Wald gehen z.T. auf österr. Zeit zurück. Im 16. Jh. wird das Gericht der Zwölf zu G. fassbar, das spätere Herrschaftsgericht, das die spätma. Hofgerichte ablöste. Bluturteile fällte der Landtag; eine Appellationsmöglichkeit an den Zürcher Rat bestand nicht. Das Privatrecht wurde erst mit dem Grüninger Amtsrecht von 1668 vereinheitlicht. In den Grenzen der in der Helvetik aufgelösten Landvogtei entstand während der Restauration das Oberamt G., seit 1831 im Zug der Regeneration der Bez. Hinwil.


Literatur
– T. Weibel, Erbrecht, Gerichtswesen und Leibeigenschaft in der Landvogtei G., 1987
– M. Leutenegger Stadt- und Bevölkerungsgesch. G.s im SpätMA, 1989
– D. Klee, Konflikte kommunizieren, 2006

Autorin/Autor: Martin Illi