Erosion

E. nennt man in der Geologie die auch durch das Klima bedingte Ausformung der Erdoberfläche. Frost, Hitze, Wind und Niederschläge zermürben selbst härteste Gesteine. Bäche und Flüsse schwemmen die Gesteinstrümmer als Geröll und Schlamm talwärts. Der E. besonders ausgesetzt sind Lockergesteine und Bodenschichten; besten Schutz dagegen gewährt eine geschlossene Pflanzendecke.

Die ersten Abholzungen im Gebiet der heutigen Schweiz haben in der Bronzezeit stattgefunden. Die röm. Herrschaft und besonders die im 4. Jh. einsetzende Völkerwanderung führten zu grossflächiger Dezimierung der mitteleurop. Waldbestände zugunsten von Ackerland. Mit dem Pflug wurden Waldböden bearbeitet, was den Humusabbau förderte. Die Rodungen griffen allmählich von den Talebenen auf das Bergland über (Landesausbau). Zur Verhütung von E. und andern Naturgefahren wie Lawinen, Bergstürzen, Steinschlag und Felssturz (Naturkatastrophen) wurden daher im Bergland bereits im MA viele Wälder als Bannwälder gesetzlich geschützt; einer der ältesten Bannbriefe stammt aus Andermatt. Er datiert von 1397 und regelte den Lawinenschutz.

In Verbindung mit der in der Mitte des 16. Jh. allgemein einsetzenden Klimaverschlechterung (Kleine Eiszeit) kam es zu grossflächigen E.en. Steigender Holzbedarf zu Beginn der Industrialisierung hatte die Entwaldung auch steilerer Hanglagen zur Folge. Die zunehmende Geschiebefracht aus den inneren Alpentälern setzte sich beim Übergang ins Flachland ab. In der 2. Hälfte des 18. Jh. hatte sich z.B. das Flussbett der Linth am Ausgang des Walenseetals um fast 5 m erhöht. Solche Sohlenhebungen führten wiederholt zu Ausuferungen und weit reichenden Überflutungen der Talebenen. Der Kampf gegen Hochwasser war und bleibt ein Ringen gegen E. und Geschiebe. Die grossen Gewässerkorrektionen, die ab dem 18. Jh. vorgenommen wurden, bezweckten daher als Sofortmassnahme die Entlastung der Flüsse von ihrer Geschiebefracht, indem sie in einen See umgeleitet wurden wie etwa die Kander in den Thunersee (1714), die Linth in den Walensee (1811), die Aare in den Bielersee (1868) und die Melchaa in den Sarnersee (1880).

Doch der Kampf gegen die E. blieb nicht ohne Rückschläge: 1868 forderten schwere Überschwemmungen in der Alpenregion gegen 50 Menschenleben. Seit der Mitte des 19. Jh. zeigen die grossen Anstrengungen Wirkung: Hangsicherungs- und Wildbachverbaue entschärften manche akute Erosionsherde. Parallel zu den baulichen Massnahmen bemüht man sich seit der 2. Hälfte des 19. Jh. um die Reaktivierung des Erosionsschutzes durch Aufforstung und Waldpflege. 1878 wurde dem Bund die Oberaufsicht über den Schutz des Waldes im Gebirge übertragen. Das Forstgesetz von 1897 erweiterte den Geltungsbereich dieser Bestimmung auf die gesamte Waldfläche. Ein Staatsvertrag von 1892 zwischen Österreich und der Schweiz regelt die Bestrebungen beider Länder, die E. im Einzugsgebiet des Rheins und damit dessen Geschiebefracht zu verringern.

Trotzdem blieb die Schweiz im 20. Jh. nicht vor Erosionsschäden verschont. 1944 verschüttete der Durnagelbach mit fast 500'000 m3 Gestein die Verkehrsverbindungen im Linthtal. Katastrophen vergleichbaren Ausmasses ereigneten sich auch 1987 in Poschiavo, 1997 in Sachseln und 2000 in Gondo. Massnahmen gegen die E. bleiben also auch im 21. Jh. eine Daueraufgabe.


Literatur
– A. Lambert, «Hochwasser im Alpenraum: Pulsschläge der E.», in Geowiss. 7, 1988, 206-211
– A. Crole-Rees et al., Bodenerosion im schweiz. Mittelland, 1990
– G. Röthlisberger, 25 Jahre Unwetterstatistik in der Schweiz, 1998
– C. Pfister, Wetternachhersage, 1999

Autorin/Autor: André Lambert