Erdbeben

E. sind Erschütterungen des Erdbodens, die durch Bruchvorgänge in der Erdkruste hervorgerufen werden. Die Schweiz liegt im Spannungsfeld zwischen dem adriat. Sporn (Erdkrustenblock zwischen Italien und Jugoslawien) und der Tektonik des südl. Rheingrabens (Basel-Elsass), womit sie einerseits dem Einfluss der plattentekton. Vorgänge im Mittelmeerraum, anderseits den Auswirkungen des rhein. Grabenbruchs ausgesetzt ist. Besonders erdbebengefährdete Regionen sind das Wallis, das im 19. und 20. Jh. die meisten starken E. in der Schweiz verzeichnete, Graubünden (Engadin), das St. Galler Rheintal, Basel und der Jura-Südfuss um Orbe-Yverdon.

Im schweiz. Raum waren in hist. Zeit fünf E. von besonders grosser Wirkung. Das stärkste bekannte in Zentraleuropa zerstörte am 18.10.1356 in Basel die Steinbauten, die Holzhäuser fielen den folgenden Bränden zum Opfer. Die Zahl von 300 Toten ist unsicher. In weitem Umkreis um Basel bis Solothurn wurden über 60 Burgen und Wasserhäuser vernichtet. Das E. wirkte sich u.a. in Lausanne, Strassburg und bis Mittelfranken aus.

Das aus "ganz Europa" überlieferte E. vom 18.9.1601 mit Epizentrum vermutlich in den Westurner und Unterwaldner Alpen forderte in Unterwalden angeblich acht Tote, verursachte Gebäudeschäden bis Zürich und änderte vorübergehend den Reusslauf bei Luzern. Erschütterungen waren in der ganzen Schweiz und nördl. bis Frankfurt, Augsburg und München zu spüren.

Das E. im Wallis vom 9.12.1755 richtete grössere Schäden an den Kirchen von Brig, Visp und Naters an. Erdspalten und Bodenrisse bewirkten veränderte Quellschüttungen (Höhle von Raron). Erschütterungen wurden in Frankreich, Savoyen und Oberitalien und vom Elsass bis Stuttgart und Ingolstadt verzeichnet. Dieses E. steht nicht in ursächl. Zusammenhang mit dem grossen E. von Lissabon am 1.11.1755.

Dem wohl stärksten E. im Wallis vom 25.7.1855 mit Epizentrum im Vispertal folgten zahlreiche Nachbeben. Sie richteten grosse Gebäudeschäden u.a. an Kirchen an, lösten einen Bergsturz nahe von St. Niklaus aus und veränderten das Quellvorkommen bei Visperterminen. Das E. erschütterte die ganze Schweiz und wurde in Savoyen, Oberitalien, im Tirol und in Süddeutschland deutlich wahrgenommen.

Das E. vom 25.1.1946 mit Epizentrum am Wildhorn richtete grössere Schäden im Rhonetal zwischen Sitten und Leuk an, unterbrach den Bahnverkehr, veränderte die Wasserführung von Nebenflüssen der Rhone, liess neue Quellen bei Saint-Léonard aufbrechen und verbreitete allg. Panik. Es wurde in der ganzen Schweiz deutlich gespürt und darüber hinaus im Tirol, in Oberitalien, Savoyen, Elsass und Württemberg bemerkt. Das Nachbeben vom 30. Mai löste den Bergsturz am Rawilhorn aus.

Der St. Galler Geologe Albert Heim erkannte 1879 den Zusammenhang zwischen Gebirgsbildung und seitl. Druck sowie dadurch verursachter Schollenbewegungen entlang tief gehender Bruchzonen. Zusammen u.a. mit François-Alphonse Forel gründete er 1878 die Schweiz. Erdbebenkomm. Damit verfügte die Schweiz noch vor Italien und Japan über eine Erdbebenbehörde. Diese übernahm ab 1879 die Sammlung und Veröffentlichung aller Erdbebenereignisse in der Schweiz und führte damit frühere Aufzeichnungen privater Gelehrter wie jene von Conradus Lycosthenes in Basel (1557), Johann Jakob Scheuchzer in Zürich (1706) und Elie Bertrand in Bern (1757) wissenschaftlich-systematisch fort.

Die Nachfolgeorganisation der Schweiz. Erdbebenkomm., der Schweiz. Erdbebendienst, wurde 1913 der Meteorolog. Zentralanstalt in Zürich und 1956 der ETH Zürich unterstellt. Die durch das Bundesamt für Zivilschutz angeregte Studie "Katastrophen und Notlagen in der Schweiz" (Katanos) hat 1995 ergeben, dass das Erdbebenrisiko als grösstes Naturgefahren-Risiko in der Schweiz unterschätzt wird. In der Folge forderten Fachleute, Versicherer und Politiker (Motion Epiney/Mariétan 1998) eine verbesserte Erdbebensicherung von Bauwerken und Anlagen.


Literatur
– D.I. Mayer, Verz. von E. und vulkan. Ausbrüchen besonders mit Bezug auf E. in der Schweiz, Ms., 1859 (KBSG)
Jber. des Schweiz. Erdbebendienstes, 1881-1974
– J. Candreia Zur Chronik der E. in Graubünden bis zum Jahre 1879, 1906
– M. Weidmann E. in der Schweiz, 2002
Nachbeben: eine Gesch. der E. in der Schweiz, hg. von M. Gisler et al., 2008

Autorin/Autor: Dieter Mayer-Rosa