06/02/2007 | drucken

Überschwemmungen



Seit ihrem Bestehen sind Siedlungen an Seen und Flüssen, in den grösseren Ebenen (v.a. im Gr. Moos) und in den Alpentälern Ü. ausgesetzt (Naturkatastrophen). Ab dem MA wurden Schäden in Chroniken, vom 15. Jh. an ferner in Witterungstagebüchern und Akten festgehalten. Viele Beobachter versuchten die Ü. grössenmässig zu umschreiben und mit früheren Ereignissen zu vergleichen. Dabei bezogen sie sich auf Merkpunkte an Brücken und Gebäuden, an denen oft Hochwassermarken angebracht wurden. Ausserdem kann die Grösse hist. Ü. anhand ihrer räuml. Verbreitung und ihrer Schadenswirkungen abgeschätzt werden. Den ersten Pegel errichtete Johann Jakob Scheuchzer 1708 am Zürichsee. Seit dem frühen 18. Jh. werden am Genfersee, seit 1797 am Bodensee, seit 1829 am Lago Maggiore die Wasserstände abgelesen. Von 1808 an wurde der Abfluss des Rheins in Basel durch einen Pegel, von 1869 an durch einen Limnigrafen registriert. Systematisch werden die Abflüsse der grösseren Flüsse und der Wasserstand der Seen seit dem späten 19. Jh. gemessen. In der hist. Forschung lässt sich an Hand eines Verbundes und Quervergleiches von Abflussmessungen, Pegelständen, Hochwassermarken und Berichten ein Überblick über Häufigkeit und Ursachen der schweren Hochwasser der grossen Flüsse und Seen im Mittelland sowie im zentralen Alpenraum gewinnen.

Bei der Frage nach den Ursachen von Ü. ist zwischen Disposition und Auslösung zu unterscheiden. Die Disposition umschreibt die Voraussetzungen vor dem Eintritt des Ereignisses, z.B. vorherige Sättigung der Böden durch Niederschläge oder die Akkumulation grosser Schneemassen (Klima). Auslösend wirken für Ü. in der Schweiz anhaltend intensive Niederschläge, die im Winter oft durch die Schneeschmelze im Mittelland, im Frühjahr und Frühsommer durch jene im Gebirge verstärkt werden. In den Alpen spielen das Aufsteigen und das anschliessende Ausregnen von Luftmassen als Folge grossräumiger Verschiebungen eine Rolle. Im zentralen und südl. Alpenraum treten schwere Ü. zwischen Ende August und Anfang November als Folge einer Blockierung eines sog. Genuatiefs, eines Kaltlufttropfens im Mittelmeerraum, auf. Dabei werden grosse Mengen feucht-warmer Mittelmeerluft gegen die Alpen verfrachtet, was unter bestimmten Bedingungen zu grossen Regenmengen auf kleinem Raum führen kann. Dies geschah u.a. im Sept. 1993 in Brig und beim Erdrutsch im Okt. 2000 in Gondo. Fliesst während solcher Lagen auf der Alpennordseite Kaltluft zu den Alpen, gleiten die von Süden her anströmenden feucht-warmen Luftmassen über diese hinweg, wodurch auch auf der Alpennordseite ungeheure Regenmengen niedergehen können (z.B. Aug.-Sept. 1890). Der Schadenperimeter extremer Ereignisse in den Schweizer Alpen umfasst in der Regel Teile Norditaliens, Südostfrankreichs oder Österreichs.

Der Rhein bei Basel war 1342 (sog. Jahrtausendflut), 1480, 1511, 1566, 1570, 1641, 1651, 1673, 1711, 1764 und 1801 überschwemmt. Zwischen 1500 und 1882 trat durchschnittlich alle 9,5 Jahre eine Überschwemmung ein. Die grössten Pegelstände im 19. Jh. erreichte der Rhein 1817, 1852, 1876, 1881 und 1882. Von diesem Zeitpunkt an blieb Basel bis 1994 von Ü. verschont. Das letzte Mal trat der Rhein 1999 über die Ufer. Die Interpretation der Entwicklung ab dem 19. Jh. ist ambivalent: Die Gewässerkorrektionen, v.a. die Juragewässerkorrektion, die Aufforstungen und die Waldzunahme in den Alpen und v.a. im höheren Mittelland sowie der Bau von Speicherseen in den Alpen haben die Hochwasserbildung tendenziell vermindert. Die Drainage von Feuchtgebieten, die Eindämmung von Flüssen und die Versiegelung von Böden durch Überbauung (Verdoppelung der überbauten Flächen seit 1950) sowie industrielle Landwirtschaft (immer schwerere Landmaschinen) haben sie vergrössert. Ferner hat sich das Niederschlagsgeschehen seit dem Ende des 19. Jh. erheblich verändert, indem Frühjahr, Sommer und Herbst in den Alpen, teilweise auch im Mittelland, etwas trockener geworden sind.

Der Bodensee, dessen Seespiegelhöhe von der Plötzlichkeit des Abschmelzprozesses und der Verstärkung durch Starkniederschläge abhängt, trat 1566 infolge ausserordentl. Schneefälle in den Alpen als Folge einer anhaltenden Nordwestlage im Winter über die Ufer. Der Rhein blieb sechs Wochen auf einem Hochstand. Die Überschwemmung vom Sommer 1817 ist auf eine doppelte Schneeschmelze in den Alpen (Winter 1815-16, Winter 1816-17) als Folge des "Jahres ohne Sommer" (1816) zurückzuführen. 1849-55 trat der Bodensee vier Mal über die Ufer. Die Überschwemmung vom Mai 1999 ist auf eine ergiebige Schneeschmelze und intensive Niederschläge zurückzuführen.

Ü. des hauptsächlich durch die Rhone gespiesenen Genfersees waren im 20. Jh. - bei abnehmender Schwere - in den Jahren 1948, 1987, 1954, 1935, 1937 und 1936 zu verzeichnen, ferner 1817, 1846, 1792 und 1816.

In den Zentralalpen sind zwei Perioden mit niedriger (1641-1706, 1927-75) und drei mit hoher Überschwemmungsdichte (1550-80, 1827-76, 1976-2000) nachgewiesen. Die häufigen Ü. 1827-76 wurden von den Zeitgenossen mit dem Raubbau an den Wäldern in Zusammenhang gebracht, der damals als Folge des Bevölkerungsdrucks und des freien Holzexports seinen Höhepunkt erreichte. Die Auffassung, dass der Wald dämpfend auf den Abfluss wirke, setzte sich vom späten 18. Jh. an in Frankreich durch. In der Schweiz gewann diese Meinung als Folge der häufigen Ü. in den 1850er Jahren unter dem Einfluss des 1843 gegr. Forstvereins an Gewicht. Allerdings waren die herbstl. Niederschläge auf der Alpensüdseite als Folge einer natürl. Klimavariation damals signifikant höher als in der vorangehenden und der folgenden Periode. Unter dem Schock der alpinen Überschwemmung von 1868 ging das Parlament auf die Forderung des Forstvereins nach einer in die kant. Souveränität und ins Eigentumsrecht eingreifenden Bundesgesetzgebung und die Ausschüttung von Bundessubventionen für Wiederaufforstungen im Alpen- und Voralpengebiet ein (Eidg. Forstgesetz 1876). Seit 1976 hat die Zahl extremer inner- und südalpiner Ü. wieder zugenommen. Ende Aug. 2005 gingen über dem Berner Oberland und der Zentralschweiz grosse Regenmengen, die die Seen über die bisherigen Rekordmarken hinaus ansteigen liessen und Verkehrsverbindungen in zahlreiche Täler unterbrachen. Die Schadenssumme von 2,5 Mrd. Fr. ist bei weitem die höchste in den letzten 200 Jahren.

Schwere Ü. im Alpengebiet entstanden durch den Ausbruch von Gletscherseen (Mattmarksee, Drance de Bagnes) sowie von Seen, in die sich Bergstürze ergossen (Buzza di Biasca 1513). Als Folge eines Vorstosses des Giétroz-Gletschers stauten 1595 und 1818, vermutlich auch um 565, herabfallende Eismassen die Drance zu einem See auf, der bei seinem Ausbruch jeweils das Tal verwüstete.

Lange Zeit wich der Mensch den Gefahren des Wassers aus und baute seine Siedlungen an sicheren Orten. Vom 16. Jh. an wurden Unterschichten in potentielle Überschwemmungsräume abgedrängt (z.B. Schachen im Emmental). Für einen rudimentären Hochwasserschutz waren Gem. und Wuhrgenossenschaften zuständig. Gefährdete Stellen sollten durch schief zur Strömungsrichtung gebaute, sog. Wuhren aus Steinen und Flechtwerk geschützt werden. Vom 19. Jh. an wurden Gewässerkorrektionen durch die Kantone und durch den Bund koordiniert und subventioniert. 1877 entstand das erste eidg. Wasserbaugesetz. Hochwassern begegnete man mit einer Erhöhung der Dämme, der Verbauung von Wildbächen und der Regulierung der Seespiegel durch Schleusen, deren Handhabung bei Hochwassern zwischen den Oberliegern und den Unterliegern stets strittig blieb. Seit 1982 sind ganzheitliche, die Bedeutung von Gewässern als Biotope, Landschaftselemente und Erholungsgebiete berücksichtigende Konzepte gefordert (Renaturierung von Flüssen); 1991 wurden sie im neuen Wasserbaugesetz festgeschrieben. Dieses wurde bisher nicht konsequent umgesetzt. Erfolglos wurde gefordert, den Gewässern müsse mehr Raum zur Verfügung gestellt werden und in Gefahrengebieten sollte nicht weiter gebaut werden. Die Ü. vom Aug. 2005 dürften die Umsetzung dieser Forderungen erleichtern.

Schäden wurden im Ancien Régime durch Nachbarschaftshilfe und Bettelbriefe, vom 19. Jh. durch kant. oder nationale Hilfsaktionen teilweise gedeckt. Vom frühen 20. Jh. an wurden Elementarschäden in die kant. Gebäudeversicherungen (Versicherungen) eingeschlossen.


Literatur
Die grössten bis zum Jahre 1969 beobachteten Abflussmengen von schweiz. Gewässern, 1974
– G. Röthlisberger, Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz, 1991
Hydrolog. Atlas der Schweiz, 1992-
Découvrir le Léman, hg. von C. Bertola et al., 1999
– C. Pfister, Wetternachhersage, 1999
– H. Aschwanden, Hochwasser 1999, 2000
Am Tag danach, hg. von C. Pfister, 2002
Extremereignisse und Klimaänderung, 2003
– C. Wanner, 100 Jahre zeitgemäss - Meilensteine in der Brand- und Elementarschadenversicherung in der Schweiz, 2003
– C. Pfister, «Überschwemmungen und Niedrigwasser im Einzugsgebiet des Rheins 1500-2000», in Der Rhein - Lebensader einer Region, hg. von F. Klötzli et al., 2005, 265-273

Autorin/Autor: Christian Pfister