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Netstal

Polit. Gem. GL. Industriedorf im Glarner Mittelland am Ostfuss des Wiggis und an der Mündung des aus dem Klöntal fliessenden Löntsch in die Linth. Das Dorf entstand aus den Weilern N., Leuzingen und Löntschen. 1289 Netstal. Einw. 1799 1'372; 1850 2'101; 1900 2'003; 1950 2'654; 2000 2'813. Als Zeugen eines prähist. Bergsturzes vom Glärnisch erheben sich vier kegelförmige Hügel über die Talebene. Auf dem einen, nordwestlich des Dorfs, liegt die Burgstelle Oberes Bühl. Vermutlich stand hier eine einfache, gegen 1300 verlassene Turmburg der Herren von N. Auf der 25 m hohen Bürglen finden sich Mauerreste aus Steinblöcken eines mutmassl. Refugiums, das spätestens um 1350 aufgegeben wurde. Bis 1395 hatte N. dem Kloster Säckingen Abgaben zu leisten. Die Dorfbewohner waren nach Glarus kirchgenössig. 1421 stiftete Matthias Netstaler eine den Hl. Drei Königen geweihte Kapelle, die durch einen Neubau (1708 eingeweiht) ersetzt wurde und deren Kollaturrecht bis 1777 seine Nachkommen ausübten. 1875 trennte sich N. als eigene kath. Kirchgemeinde von Glarus ab und weihte 1935 die neue Kirche ein. Nach der Reformation war eine Mehrheit katholisch geblieben. Als es mehr Reformierte gab, schufen diese 1697 eine eigene ref. Kirchgemeinde, errichteten 1698 die Kirche, die 1811-13 einem Neubau wich. Wegen der konfessionellen Landesteilung tagte zwischen 1624 und 1837 die kath. Landsgemeinde 77-mal im Erlen, an der Grenze zu Näfels, und der kath. Rat des Landes Glarus bis 1742 im noch bestehenden Gasthaus Raben, dann bis 1798 im sog. Rathaus.

Im MA basierte die subsistenzorientierte (Alp-)Wirtschaft auf Schafzucht und Getreideanbau, ab dem 16. Jh. wurde vermehrt Grossviehzucht für den Export und im 18. Jh. Milchwirtschaft betrieben. Erwähnt ist 1548 eine erste Mühle, 1651 eine erste Zigermühle, in der die Rohziger von den Alpen gemahlen und weiterverarbeitet wurden sowie 1679 eine Papiermühle von Heinrich Weber (Papierfabrik Netstal AG). Im 17. Jh. setzte ein vermehrter Handel mit Brenn-, Gewerbe- und Bauholz aus dem Klöntal ein. Aus der in gewerbl. Saisonarbeit während des Sommers v.a. in Frankreich ausgeübten Wattemacherei entwickelte sich auch ein Strohhuthandel. Im 18. Jh. brachte die von Andreas Heidegger initiierte Heimarbeit der Baumwollspinnerei neue Verdienstmöglichkeiten. N. litt 1799 besonders schwer unter den Plünderungen während der Revolutionskriege. Im 19. Jh. zeitigte die starke Industrialisierung des Textilbereichs im Glarnerland Auswirkungen in N. 1856 wurde die Maschinenfabrik und Giesserei, die nachmalige Netstal Maschinen AG, gegründet (Hauptsitz später nach Näfels verlegt). 1859 erfolgte der Anschluss an die Eisenbahnstrecke Weesen-Glarus der Vereinigten Schweizerbahnen. 1877 übernahm die Gem. die bis 1876 konfessionell getrennt geführten Schulen. Nachdem sie 1892 Trinkwasserquellen zur Gewinnung von Elektrizität im Klöntal genutzt hatte, baute hier 1905-08 die Motor AG aus Baden das Löntschwerk und den Staudamm. 1981 eröffnete die NOK im Kraftwerk in N. das Techn. Museum mit Einrichtungen aus den Anfängen dieses Werks. Traditionell bedeutende Betriebe sind die Metall- und Plastikwarenfabrik A. & J. Stöckli AG (seit 1878), die Kalkfabrik Netstal AG (seit 1900), die Zahnräderfabrik Sauter, Bachmann AG (seit 1922). In den 1990er Jahren wurde in N. eines der sechs schweiz. Verarbeitungszentren der Postfinance eingerichtet. Der 2. Sektor stellte 2005 51% und der 3. 46% der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Die Fusion von N. mit den Gem. Ennenda, Glarus und Riedern wurde per 2011 genehmigt.


Quellen
SSRQ GL 4, 1627-1694
Literatur
– P. Thürer, Gesch. der Gem. N., 1922
– S. Peter-Kubli, N., 2000

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach