Saint-Ursanne (Propstei)

Die Propstei S. war eine kirchl. Herrschaft im ehem. Bistum Basel. Die im 7. Jh. errichtete Klause (coenobium) wurde in der Karolingerzeit durch eine Abtei ersetzt, die über Grundbesitz verfügte. Zu Beginn des 9. Jh. besass sie die villae von Chevenez und Courtedoux in der Ajoie, aber der Grossteil ihrer Güter befand sich wohl im Clos du Doubs. Als die Kirche von S. zwischen 1096 und 1120 unter die weltl. Obrigkeit des Bf. von Basel kam, unterstellte sie sich neuen Kastvögten, den Herren von Hasenburg. Diese Fam. versuchte, die Rechte der Chorherren des Stifts gegenüber dem Bf. von Basel, dem Lehensherr des Propstes, zu verteidigen. 1139 und 1179 bestätigten die Päpste die Besitztümer des Stifts. Die Propstei - dies die Bezeichnung, die sich durchsetzte - umfasste den heutigen Clos du Doubs und einen Teil der Hochebene der Freiberge. Die zu Beginn des 15. Jh. festgelegte Westgrenze entspricht der heutigen schweiz.-franz. Grenze. Nach und nach beschnitten die Fürstbischöfe die Rechte der Chorherren. Vom 14. Jh. an sah sich die Propstei mit einem erstarkenden Bürgertum der Stadt S. konfrontiert, das sich gegen die herrschaftl. Bevormundung wehrte, während die Landbevölkerung an den Rechten festhielt, die jährlich am Landgerichtstag erneuert wurden. Die markante Zunahme der fürstbischöfl. Macht in der Person des Vogts von S., dem auch die Gebiete von Muriaux und Chauvilliers in den Freibergen unterstanden, marginalisierte die Kanoniker, die 1492 ihre verbliebenen Rechte dem Bischof abtraten. Von da an waren alle polit. Akteure der Herrschaft des Fürstbischofs untergeben. In der Region wurde vorwiegend Landwirtschaft betrieben. Eine Ausnahme bildeten die im 16. Jh. gegr. Hüttenwerke von Bellefontaine, die in der Kaiserzeit 1804-13 ihre Blütezeit erlebten. Um 1789 bewohnten 1'900 Landleute und 600 Städter die Propstei, die wie das Stift 1792-93 aufgehoben wurde. Zu Beginn des 21. Jh. gehörte das ehem. Gebiet von S. zu den jurass. Bezirken Pruntrut und Freiberge.


Literatur
S. et le Clos du Doubs, 1983
– J.-P. Prongué, La Prévôté de S. du XIIIe au XVe siècle, 1995

Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / MS