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Glarus (Gemeinde)

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Politische Gemeinde GL, Kantonshauptort, seit 2011 mit Ennenda, Netstal und Riedern. Abseits der überregionalen Verkehrsachsen im Glarner Mittelland auf der breiten linken Talseite am Fuss des Vorderglärnisch gelegen, im Osten von der Linth begrenzt. Burg- und Sonnenhügel (früher Galgenhügel) im Nordostteil und Bergli am Westrand sind Überreste eines prähist. Bergsturzes. Im MA umfasste G. auch Riedern, das zwischen 1594 und 1630 zu einem eigenständigen Tagwen wurde, aber weiterhin mit G. einen Wahltagwen bildete. Das Klöntal wurde erst 1902 durch Landratsbeschluss dem Tagwen G. zugeteilt. Erste Erwähnungen: Anfang des 9. Jh. lat. Clarona, 1178 dt. Glarus. Franz. Glaris, ital. Glarona, rätorom. Glaruna.

G. ist Landsgemeindeort, Sitz der kant. Verwaltung und der Gerichte. Im Hauptort befinden sich auch das Kantonsspital, die Kantonsschule, das Oberstufenzentrum Glarner Mittelland, die Landesbibliothek, das Landesarchiv und das Kunsthaus sowie Hotels, Banken und zahlreiche Einkaufsgeschäfte. Obwohl G. weder im hist. noch im statist. Sinn eine Stadt ist, verstand es sich besonders nach dem grosszügigen Wiederaufbau von 1861 als solche (Mitglied des Schweiz. Städteverbandes).

Bevölkerung Glarus
JahrEinwohner
1554ca. 1 550
1682ca. 1 200
1777ca. 2 400
18374 094

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner4 0825 4855 3574 8775 1235 2695 7246 1895 7285 556
Anteil an Kantonsbevölkerung13,5%15,6%15,8%15,1%15,4%14,8%15,2%16,2%14,9%14,6%
Sprache          
Deutsch  5 2574 7564 8585 1475 5085 3764 9294 777
Italienisch  517212453117539326264
Andere  49491416999274473515
Religion, Konfession          
Protestantisch3 5124 2633 8383 6203 6273 7163 8943 7472 9752 520
Katholischb5701 2391 5021 2481 4711 5411 7992 4052 4272 095
Andere 1417925123137326941
davon jüdischen Glaubens 141239261
davon islamischen Glaubens       11122352
davon ohne Zugehörigkeitc       12134432
Nationalität          
Schweizer3 9605 2044 9684 4244 4714 8585 3765 2154 7234 379
Ausländer1223123894536524113489741 0051 177

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Älteste Siedlungsspuren

Die Anfänge der Besiedlung liegen im Dunkeln. Aus dem 6. oder 7. Jh. stammt der älteste Bau der Pfarrkirche. Die ersten Höfe lagen vermutlich am Oberdorfbach und am Fusse des Bergli, wo sie vor Überschwemmungen sicher waren. Das Kloster Säckingen dürfte von der Mitte des 8. Jh. an in G. grundherrl. Rechte ausgeübt haben.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

2 - Vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Kirche und Pfarrei

Bis 1273 war die Kirche St. Fridolin und Hilarius am Spielhof die einzige Pfarrkirche im Glarnerland. Durch archäolog. Untersuchungen 1968 und 1971 wurden vier Bauten nachgewiesen: ein erstes Gebäude aus dem 6. Jh. oder der 1. Hälfte des 7. Jh., ein zweites vom Ende des 7. Jh., ein drittes aus der Zeit zwischen 800 und 1000 sowie ein viertes, das um 1100 entstand. Bei diesem letzten Bau handelt es sich um eine dreischiffige rom. Pfeilerbasilika mit eingezogener Apsis. Im 13. Jh. erfolgte die Erneuerung des Kirchturms. Unter Huldrych Zwingli, der von 1506-16 als Pfarrer in G. wirkte, wurde eine Seitenkapelle angebaut. Beim Stadtbrand von 1861 wurde die Kirche zerstört. Vor der Jahrtausendwende erfolgte der Bau der St. Michaelskapelle auf dem Burghügel (1762-69 durch barocken Neubau ersetzt). Daneben stand bis fast 1600 ein Schwesternhaus (Kloshaus), in dem Kranke gepflegt wurden. Der Pfarrsprengel G. umfasste am Ende des 14. Jh. auch Netstal, Mitlödi, Ennenda und Riedern. Erstere drei errichteten im 18. Jh. eigene ref. Kirchen, ohne sich jedoch vollständig von der Kirchgemeinde G. zu lösen.

1528 obsiegte die Reformation im Flecken, eifrig gefördert von Zwingli aus Zürich. Eine starke kath. Minderheit blieb aber bestehen. Die Kirche wurde weiterhin von beiden Konfessionen benutzt (Simultaneum), wobei im 18. Jh. Katholiken und Reformierte je eine eigene Orgel hatten. 1697 bildeten sich zwei finanziell voneinander unabhängige konfessionelle Kirchgemeinden.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

2.2 - Siedlung und zentralörtliche Funktionen

Ursprünglich bestand G. aus den im Säckinger und Habsburger Urbar (beide Anfang 14. Jh.) aufgeführten Tagwen Ober- und Niederdorf. Noch im 15. Jh. setzte sich der Flecken hauptsächlich aus einzelnen Gehöften mit Block- oder Ständerbauten zusammen. 1299, 1336 und 1477 wurde G. von Feuersbrünsten heimgesucht. Nach 1477 liessen sich immer mehr Hauptleute und Solddienstoffiziere steinerne Wohnhäuser mit aufwendiger Innenausstattung errichten. Wegen Überschwemmungsgefahr blieben die Gebiete in Linthnähe bis ins frühe 16. Jh. unbebaut. Mit der Bändigung der Linth und ihres natürl. Nebenlaufs, des Giessen, rückte die Bebauung langsam gegen den heutigen Spielhof vor, der zum Mittelpunkt des Fleckens wurde. Gemäss einem Häuserverzeichnis des Tagwens von 1561 befanden sich im engen Dorfbereich 98 Wohnhäuser; 38 waren von der Abläsch über das Oberdorf bis nach Riedern verstreut. An der Stelle des ersten nachweisbaren Rathauses von 1471 liess Landammann Aegidius Tschudi 1559 an der Südseite des Spielhofs ein neues bauen, in dem u.a. das gewölbte Landesarchiv, die Gefängnisse und die Folterkammer sowie der grosse Saal für den Rat und die Gerichte untergebracht waren. Ein weiterer öffentl. Bau war das 1558 errichtete Spital (1860 abgebrochen). Ferner gab es ein Schulhaus, versch. Pfrundhäuser, ein Schiess- und Tanzhaus (bei Regenwetter für das Blutgericht benützt), die Ankenwaage und ein Büchsenhaus. 1679 erfolgte der Bau eines Pulverturms; ein eigenes Zeughaus erhielt G. erst um die Mitte des 19. Jh.

Als Standort der Talkirche und wegen seiner günstigen Mittellage zwischen dem Glarner Unter- und Hinterland nahm G. schon früh eine bevorzugte Stellung ein. 1419 erhob die Landsgemeinde das Dorf zum Hauptflecken und Marktort. Bis zur Mitte des 15. Jh. war G. auch Tagungsort der Landsgemeinde. Nach der Einführung der konfessionellen Landsgemeinden 1623 in Schwanden (der Reformierten) und Näfels (der Katholiken) wurde die gemeinsame Landsgemeinde wieder nach G. verlegt. G. war auch Gerichtsort: Das Blutgericht fand in der frühen Neuzeit auf dem Spielhof statt, die Richtstätte lag im Ingruben, am östl. Fuss des Galgenhügels.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

2.3 - Gemeindebildung

Eine ausgebildete Gemeindeorganisation ist erst im Tagwensbrief von 1531 fassbar, der hauptsächlich die durch die Bürger zu leistenden Tagwerke (Gemeinschaftsarbeiten wie Wegbau, Allmendsäuberung, Wuhrarbeiten usw.) regelte. Gebote und Verbote wurden alle zehn bis zwanzig Jahre in "Reformationen" zusammengefasst. Der Wahl- oder Gesamttagwen G.-Riedern war für die Bestellung der Ratsherren zuständig, der Gemeindevertreter in der Landesbehörde. Die Tagwensversammlungen fanden ab 1623 konfessionell getrennt statt. Die Katholiken hatten Anspruch auf einen der vier Sitze im Rat, konnten aber von 1624 an dazu noch zwei sog. Vertragsherren abordnen. Nur Wohlhabende vermochten die Wahlkosten zu bezahlen.

Der Tagwen G. (im Unterschied zum Wahltagwen auch Wirtschaftstagwen genannt) behandelte Sachfragen und wählte den Tagwenvogt sowie die Gemeindebediensteten. Der Tagwenvogt war Vorsitzender der Behörde, die aus den oben genannten Ratsherren sowie den in G. verbürgerten amtierenden oder ehem. Landammännern, Landesstatthaltern und Landvögten bestand, und besorgte gleichzeitig die zahlreichen Amtsgeschäfte (Kontrolle der Tagwerke, Rechnungswesen usw.). Hatte man 1419 Auswärtige noch zur Niederlassung in G. eingeladen, so wurde das Tagwenrecht (Bürgerrecht) vom 16. zum 18. Jh. immer teurer (500 Gulden 1753). Die Benachteiligung der Bei- und Hintersassen nahm zu; es kam auch zu Wegweisungen. Wegen der Linthverbauung gab es öfters Streitigkeiten mit Ennenda. 1507 wurde darüber zum ersten Mal ein Vertrag abgeschlossen, dem zahlreiche weitere folgten. Der heutige, begradigte Linthlauf geht auf das Hochwasser von 1779 zurück, das die beiden Gem. zu energ. Handeln zwang.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

2.4 - Wirtschaft

Im HochMA betrieb man in der Umgebung von G. hauptsächlich Schafzucht, im 14. und 15. Jh. vermehrt Grossviehzucht. Daneben wurden v.a. Gerste, Hafer und Hanf angebaut. In der frühen Neuzeit förderte die Gem. den Obstbau. Entlang des Oberdorf- oder Strengenbachs und des Giessen, die bis 1861 oberirdisch durch G. flossen, entstanden Mühlen, Stampfen, Sägereien, Walken, Zigerreiben und Hammerschmieden. 1434 wird erstmals eine Mühle am Giessen erwähnt. Wegen der weitgehenden Selbstversorgung fehlte es zunächst an spezialisierten Handwerkern. Mehrere Meister wanderten zu, 1573 ein deutscher Metzger, um 1600 ein Walker. Zünfte tauchten erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. auf. Ab dem 17. Jh. entwickelte sich ein vielfältiges Handwerk. Besonderen Aufschwung nahm die Halbwollweberei, deren Erzeugnisse (Mätzen genannt) ab 1670 nach auswärts, besonders nach Zürich, verkauft wurden. Der Handel mit in Heimarbeit gewirkten Strümpfen, Mützen und Jacken florierte. 1740 errichtete Johann Heinrich Streiff am Oberdorfbach die erste Baumwolldruckerei und legte so den Grundstein zum Glarner Textildruck (Zeugdruck). Er liess 1770-71 das bedeutendste barocke Herrenhaus errichten, das sich aus dieser Zeit erhalten hat, das Haus In der Wiese mit franz. Gartenanlage. Dank der aufblühenden Protoindustrie dehnte sich G. stark aus: 1714-97 stieg die Zahl der Häuser von 188 auf 440 an, die Einwohnerzahl von 1'800 auf 2'500.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

2.5 - Schulen

Eine von Zwingli angeregte Lateinschule ging Ende des 16. Jh. ein. Ähnl. Neugründungen im 18. Jh. erlitten beim Zusammenbruch des Ancien Régime das gleiche Schicksal. 1524 wurde am Burghügel auf Landeskosten ein Schulhaus für den Elementarunterricht gebaut. 1594 kam es zur konfessionellen Trennung. Ein evang. Schulhaus entstand auf der Pressi. Die relativ gut bezahlten evang. Schulmeister waren meist gebildete Laien: 1611-15 unterrichtete Philipp Geiger, ein Mathematiker, und von 1635 bis Ende des 18. Jh. die Schulmeisterdynastie Steinmüller. Bei den Katholiken amtierten bis 1700 geistl. Lehrer. 1783-98 existierte eine sog. Realschule mit Latein für Knaben ab zwölf Jahren.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Politisch-administrative Entwicklung

Im Mai 1798 wurde G. Hauptort des neu geschaffenen Kt. Linth und des Distrikts G. Damit wurde es Sitz des Regierungsstatthalters, der Verwaltungskammer, des Distrikts- und des Kantonsgerichts sowie Tagungsort der Wahlmännerversammlung. Der Gem. stand die siebenköpfige Munizipalität mit einem Präsidenten vor. Die Vertreter der neuen Ordnung hatten aber mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Im Aug. 1802 zogen die Behörden des Kt. Linth nach Rapperswil. Die Mediation bestätigte G. als Hauptort des wiederhergestellten Kt. G. Die Gemeindebehörde erhielt 1803 wieder den alten Aufbau. Die Reorganisation der Gem. begann erst nach Annahme der neuen Kantonsverfassung 1836: G. wählte 1837 einen dreizehnköpfigen Gemeinderat mit zwei Vize- und dem Gemeindepräsidenten. In den Neubauten des Gemeindehauses (1837) und des Regierungsgebäudes (1837-38) fand die institutionelle Erneuerung auf Kantons- und Gemeindeebene auch architekton. Ausdruck. 1878 befürworteten die Bürger die Trennung von Bürger- und Ortsgemeinde. 1891-92 erschien die erste kommunale Gesetzessammlung im Druck.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

3.2 - Vom Flecken zur Kleinstadt

Der Dorfkern von G. war vergleichbar mit den anderen ländl. Hauptflecken wie Appenzell, Altdorf, Stans und Schwyz. Nach 1800 nahm die Bevölkerung rasch zu. Neue Häusergruppen entstanden in der Abläsch, im Bohlen, beim Zaun, auf der Allmeind, auf der Pressi, am Schützenplatz; um 1850 wurde der Kirchweg, ab 1860 das Bahnhofquartier mit dem Glarnerhof (1861-62) und dem Volksgarten (1874-76) angelegt. Die Industrialisierung, v.a. der Aufschwung des Textildrucks, verwandelte den Flecken allmählich in einen kleinstädt. Ort mit geschlossenen Häuserreihen. 1859 wurde G. an das Netz der Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) angeschlossen.

In der Nacht vom 10. auf den 11.5.1861 legte ein Brand, angefacht vom Föhnsturm, grosse Teile von G. in Schutt und Asche. 593 Gebäude, darunter die Pfarrkirche, das Rathaus und das Regierungsgebäude sowie der ganze Kern des Fleckens gingen in Flammen auf. Verschont blieben lediglich die Ortsteile westlich des Spielhofs, das Oberdorf, die neueren Quartiere im Süden und alle Textildruckereien. Die Pläne für den rasterförmigen Wiederaufbau erstellten die Architekten Johann Kaspar Wolff und Bernhard Simon. Die breiten, rechtwinklig angeordneten Strassenzüge mit Steingebäuden im Stile des Klassizismus und der Neurenaissance verliehen G. ein städt. Gepräge. Um die neu geschaffene Stadtanlage mit den bestehenden Quartieren harmonisch zu verbinden, musste der Tschudirain, ein 23 m hoher Bergsturzhügel, abgetragen werden. Die Errichtung des neuen G., die zügig durchgeführt wurde, gilt als eine der bedeutendsten städtebaul. Leistungen des 19. Jh. in der Schweiz. Die Pfarrkirche wurde trotz Widerstand an einen neuen Standort verlegt und als neurom. Basilika mit Doppelturmfassade nach den Plänen von Ferdinand Stadler 1863-66 gebaut (nach Brand 1940 wieder hergestellt). Bernhard Simon gestaltete das Regierungsgebäude (1862-64), Johann Kaspar Wolff das Gerichtshaus (1862-64) und die nachmalige Höhere Stadtschule (1870-72). Im Wirtschaftsaufschwung nach dem 2. Weltkrieg erlitt die Bausubstanz aus der Zeit des Wiederaufbaus zahlreiche Eingriffe, die planmässige Struktur der Stadtanlage blieb aber erhalten. Am Rande von G. entstanden im 20. Jh. neue Wohnquartiere: Bühl, Oberdorfstrasse, Lurigen, Adler- und Lindengut sowie Buchholz (hier auch Kleinindustrie).

Nach dem Stadtbrand verbesserte G. seine Infrastruktur: 1862 wurden Gasleitungen gelegt und 1895 die heutige Wasserversorgung erstellt. 1901 gelangten das Gas- und Wasserwerk in Gemeindebesitz. Das 1904-08 am Klöntalersee erbaute Elektrizitätswerk (Löntschwerk) brachte der Gem. G. als Konzessionsgeberin wichtige Einkünfte. 1908 erfolgte die Inbetriebnahme des Werkes.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

3.3 - Wirtschaft

Die industrielle Entwicklung des Hauptorts beruhte hauptsächlich auf der exportorientierten Textilindustrie (Baumwolldruckereien und Bleichereien). Die bedeutendsten Unternehmen waren die Baumwolldruckereien Egidius Trümpy, Brunner, Gebr. Streiff, Heer-Schuler und die 1861 gegr. Bleicherei Streiff am Strengenbach. In Trümpys Unternehmen fand 1837 einer der ersten Streiks in der Schweiz statt. Die Textilindustrie bot direkt und indirekt auch zahlreichen Handwerkern Arbeit und zog neues Gewerbe an: so die Erlen-Brauerei (1827-1981), später die Zigarrenfabrik Bachofen & Co. (1851-1957). Da der Brand von G. 1861 kaum Fabrikbetriebe zerstörte, konnte ungehindert weiterproduziert werden. 1864 waren in G. 1'753 Personen in den Baumwolldruckereien beschäftigt, 123 in der Seidenzwirnerei. Um 1890 kam nach mehreren Absatzkrisen das Ende des Glarner Textildrucks. Die Krise wirkte sich für G. selbst nicht so gravierend aus, da viele Arbeitslose Einwohner umliegender Dörfer waren. Ab 1880 entwickelte sich G. zudem zum kant. Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum. Die Kantonalbank, die vier Grossbanken und alle wichtigen Versicherungsgesellschaften errichteten Niederlassungen im Hauptort. 1902 wurde eine Filiale der Möbelfabrik Horgen eröffnet. Der Buch- und Zeitungsdruck wurde erst im 20. Jh. zum wirtschaftl. Faktor: Die um 1890 gegr. Firma Tschudi & Co. gab die "Glarner Nachrichten" heraus (seit 1997 in "Die Südostschweiz" integriert) und führte einen eigenen Verlag. Bauunternehmen, kleinere Industrie- und Gewerbebetriebe, v.a. zahlreiche Einkaufsgeschäfte und Gaststätten prägen heute die Wirtschaftsstruktur von G.; weit über die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet im 3. Sektor.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

3.4 - Kirche, Bildung und Kultur

1828-30 wurde der Hochwald der alten gemeinsamen Kirchgemeinde G. auf die fünf Tagwen G., Riedern, Netstal, Ennenda und Mitlödi aufgeteilt. Seit 1862 erstreckt sich die ref. Kirchgemeinde nur noch auf G. und Riedern. Das 400-jährige Simultaneum wurde auf Initiative der Katholiken 1961 aufgelöst. Nach der Errichtung der St. Fridolinskirche 1962-64 durch Ernest Brantschen stand diesen ein eigenes Gotteshaus zur Verfügung. Die Stadtkirche ging ganz ins Eigentum der ref. Kirchgemeinde über. Der wertvolle Kirchenschatz mit dem sog. Zwinglikelch (wohl um 1300, von Zwingli benutzt), der Hostienmonstranz von 1518 und der barocken Silberplastik Fridolin und Ursus von Oswald Schön (1638) verblieben bei der kath. Kirchgemeinde. Im Vorauen wurde 1965-66 eine ref. Kirche gebaut.

Das Schulwesen der Oberstufe entwickelte sich nur langsam: 1811 erfolgte die Eröffnung des Heer'schen Instituts als private Sekundarschule; 1818 wurde diese durch das Isler-Bruch'sche Institut abgelöst. 1835 entstand die halb private, halb kommunale Sekundarschule im Zaunschulhaus, die 1867 ganz von der Gem. übernommen wurde. 1872 zog sie an die Hauptstrasse beim Spielhof ins neue Gebäude von Johann Kaspar Wolff, 1890 wurde sie zur Höheren Stadtschule mit Untergymnasium, 1956 zur kant. Maturitätsschule aufgewertet. Ab 1976 zog diese in das von Roland Leu entworfene Kantonsschulgebäude (1973-77) an der Winkelstrasse. 1860 entstand das Burgschulhaus als kath. Primarschule. 1876 wurden die konfessionellen Schulen aufgehoben und die Schulgemeinde G.-Riedern gegründet. Weitere Unterrichtsstätten entstanden: 1923-25 die Handwerkerschule (bis 1975), 1955-57 das Primarschulhaus Erlen und 1978-80 das Oberstufenschulhaus Buchholz.

Die 1761 gegr. Landesbibliothek war 1863-1992 im Gerichtshaus untergebracht, seit 1993 befindet sie sich als Freihandbibliothek in der ehem. Höheren Stadtschule. Nach langer Planungsphase wurde 1951-52 das Kunsthaus von Hans Kaspar Leuzinger erbaut, dessen Finanzierung ein Legat des Künstlers Gustav Schneeli ermöglichte. Die Sammlung enthält v.a. Werke von Glarner Malern.

Autorin/Autor: Karin Marti-Weissenbach, Hans Laupper

Quellen und Literatur

Archive
– GemA
– Kath. PfarrA
– Gerichtshaus, Modell von Alt-G. vor dem Brand von 1861, von H. Leuzinger, Massstab 1:250, 1961
Quellen
SSRQ GL
Literatur
Das alte G., 1901
– J. Winteler, G., 1961
– H.R. Sennhauser, «Die ältesten Kirchen des Kt. G.», in JbGL 65, 1974, 46-99
– J. Davatz, G., 1983
– B. Becker, Der Brand von G., 1986
– H.R. Stauffacher, Herrschaft und Landsgem., 1989
– G. Studer-Freuler, Die kath. Pfarrei und Kirchgem. G.-Riedern, 1993