04/01/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken

Rheintal

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Ab 1445 appenzell. Vogtei, 1490-1798 gemeine Herrschaft der Eidgenossenschaft, 1803-31 Bez. im Kt. St. Gallen, ab 2003 Region im Nordosten des Kantons. Die Region R. erstreckt sich zwischen der Gem. Rorschacherberg, den beiden Appenzell, der Region Werdenberg und dem Rhein, der es vom österr. Vorarlberg trennt, wobei die Grenze zwischen Kriessern (Gem. Oberriet) und Heerbrugg (Gem. Au) sowie unterhalb von St. Margrethen dem Alten Rhein folgt. Mit Ausnahme von Thal, das zur Region Rorschach kam, wurden mit der kant. Verwaltungsreform 2003 alle 13 Gem. der aufgehobenen Bez. Unterrheintal (Rheineck, St. Margrethen, Berneck, Au, Balgach, Widnau, Diepoldsau) bzw. Oberrheintal (Rebstein, Marbach, Altstätten, Eichberg, Oberriet, Rüthi) der Region R. zugeordnet. Geografisch umfasst das R. zusätzlich zur hist.-polit. Gebietskörperschaft den übrigen Raum rechts und links des Alpenrheins. 891 in pago Ringouve, 1291 in Rintal. 1796 22'006 Einw.; 1837 27'046; 1850 27'412; 1900 34'907; 1910 41'857; 1950 44'553; 2000 67'640.

Durch seine geogr. Ausrichtung auf die Bündner Pässe ist das R. seit jeher ein Durchgangsland zwischen Nord und Süd. Im Hirschensprung (Gem. Rüthi SG) ist eine neolith. Grabstätte nachgewiesen, auf dem Montlingerberg befindet sich eine reiche vorröm. Fundstätte. Röm. Münzschätze kamen in Balgach und Oberriet zu Tage. Ganz im Norden durchquerte die Römerstrasse Arbon-Bregenz das R. Während die röm. Hauptstrasse nach Süden rechtsrheinisch durch Vorarlberg führte, ist anzunehmen, dass linksrheinisch eine Nebenstrasse verlief. Das Gebiet gehörte zur röm. Provinz Rätien bzw. zur spätantiken Raetia prima. Im 7. und 8. Jh. erfolgte die Landnahme durch die Alemannen.

Urkunden aus der Karolingerzeit enthalten die ältesten Ortsnennungen und dokumentieren die frühesten Besitzungen des Klosters St. Gallen im nördl. R. rechts und links des Flusses. Bis zu ihrem Untergang 1805 war die Abtei bedeutendste, wenn auch nicht alleinige Grundherrin zu beiden Seiten des Rheins, der lange auch kirchlich keine Grenze bildete. Im MA gehörte die Region zu versch. Rechtseinheiten, so zum Hof Höchst, zur Vogtei Rheineck, zu den Reichshöfen Lustenau und Kriessern, zum Hof Rüthi sowie zur Vogtei R., die ungefähr das Gebiet der späteren Gem. Berneck, Balgach, Rebstein, Marbach und Altstätten umfasste. Im 14. Jh. erlangten die Gf. von Werdenberg-Heiligenberg die Landesherrschaft über den Grossteil des R.s, um 1400 wurden sie durch die Gf. von Habsburg-Österreich abgelöst, gefolgt vom kurzlebigen Bund ob dem See und 1417-36 von Gf. Friedrich VII. von Toggenburg. 1445-60 nahmen die Appenzeller das R. in Besitz und liessen es bis 1489 durch den sog. Vogt zu Rheineck und im R. verwalten.

Nach dem Rorschacher Klosterbruch 1489 mussten die Appenzeller das R. 1490 an die eidg. Schirmorte (Zürich, Luzern, Schwyz und Glarus) der Fürstabtei St. Gallen abtreten. Diese verwalteten es bis 1798 als gemeine Herrschaft mit Hauptort Rheineck, an der ab 1491 Uri, Unterwalden und Zug, ab 1500 Appenzell und ab 1712 auch Bern beteiligt waren. Die Bestellung des Landvogts, der die hohe Gerichtsbarkeit ausübte und das Militärwesen unter sich hatte, erfolgte im Zweijahresturnus. Ihm zur Seite standen der Landschreiber und in den Gem. ein Landvogtsammann. Als grösster Grundherr und wichtigster Inhaber der niederen Gerichtsbarkeit hatte auch der Fürstabt von St. Gallen im R. seine Oberbeamten, so den Obervogt zu Rosenberg in Berneck - in Gemeindangelegenheiten unterstützt durch den Hofammann -, den Obervogt zu Blatten in Oberriet und den Gerichtsammann zu Altstätten. Trotz der Konkurrenz zur Fürstabtei gelang den Eidgenossen die territoriale Konsolidierung, und der Rhein wurde allmählich Landesgrenze zu habsburg. Österreich.

Während der Helvet. Revolution 1798 bildete sich mit der sog. Freien Landschaft R. ein kurzlebiges unabhängiges Staatswesen. 1798-1803 gehörte das R. zum Kt. Säntis, unterteilt in die Distrikte Unterrheinthal mit dem Hauptort Rheineck und Oberrheintal mit dem Hauptort Altstätten. Rüthi und die heutige Altstätter Exklave Lienz ganz im Süden wurden dem Kt. Linth zugeteilt. Im neu gegr. Kt. St. Gallen bildete das gesamte R. 1803-31 einen Distrikt mit dem Hauptort Altstätten. 1831-2002 galt wieder die ältere Zweiteilung.

Die Anfänge der Christianisierung reichen in die Römerzeit zurück. Erste Kirchenbauten in Marbach, Montlingen und Thal verweisen ins FrühMA. Der Monstein bei Au markierte die Bistumsgrenze zwischen Konstanz und Chur. Ausser in Montlingen und Oberriet setzte sich 1529 die Reformation durch, 1531 erfolgte eine begrenzte Rekatholisierung. Fortan gab es ein Nebeneinander von paritätischen und, v.a. im Oberrheintal, kath. Gemeinden. Die Koexistenz beider Konfessionen war bis ins 20. Jh. Grund für zahlreiche Konflikte.

In der Frühneuzeit wurde in den Dörfern der Rheinebene v.a. Ackerbau und Viehwirtschaft betrieben, am Bergfuss auch Handwerk, Gewerbe und Rebbau. Rechtl. Grundlage für den im R. - in geringerem Ausmass bis ins 21. Jh. - wichtigen Weinbau war während Jahrhunderten der Rebbrief von 1471. Der grösste Teil der Rebflächen gehörte der Fürstabtei St. Gallen, dem St. Galler Heiliggeistspital sowie Bürgern der Stadt. Ab Mitte des 17. Jh. erlebte die Leinwandproduktion auf Kosten der Stadt St. Gallen einen Aufschwung. Mit dem Leinwandhandel erwarben die Rheintaler Fam. Heer und Custer grosse Vermögen. Gegen Ende des 18. Jh. kam die Baumwollspinnerei und -weberei auf. 1750-1960 spielte der Torfabbau eine Rolle. Ab 1860 verbreitete sich die Handmaschinenstickerei in Heimarbeit. Mit dem Aufkommen der Schifflistickmaschinen ab 1890 in Fabriken und bei Stickerfamilien erlebte die Stickereiindustrie einen Boom, von dem v.a. die am Rhein liegenden Gem. profitierten. Ihr Niedergang nach 1920 traf das R. empfindlich.

Bis in die 2. Hälfte des 19. Jh. führten in der ganzen Region neun Fähren über den Rhein. Ab 1867 entstanden zwischen Monstein (Gem. Au) und Lustenau zehn Holzbrücken, die später durch moderne Brücken für Strasse und Schiene ersetzt wurden. 1858 wurde die Bahnlinie Rorschach-Chur eröffnet, die 1872 in St. Margrethen Anschluss an das internat. Bahnnetz erhielt. 1896 bzw. 1911 folgten die Bahnstrecken Rheineck-Walzenhausen und Altstätten-Gais. Mit der Erhöhung der Alpenrheinsohle durch Geschiebeablagerungen hatten v.a. im 19. Jh. die Zahl der Überschwemmungen und - mit zunehmender Bevölkerungsdichte - auch die Anzahl Bewohner, die in flutgefährdeten Gebieten lebten, zugenommen und die wirtschaftl. Entwicklung gehemmt. Dagegen vermochten der Eisenbahnbau und die Gewinnung von Kulturland dank der 1892, 1924 und 1954 mit Österreich vertraglich vereinbarten internat. Rheinregulierung sowie die Melioration der Rheinebene 1942-60 das Wirtschaftspotenzial des R.s allmählich zu stärken.

Die Ansiedlung neuer Industrien in den 1920er Jahren (1921 Optik-Firma Wild AG in Heerbrugg, 1923 Jansen AG in Oberriet, 1924 Viscose in Widnau, 1926-27 Bau des Flugplatzes und Betriebsaufnahme der 1924 gegr. Dornier-Werke Altenrhein) brachte erst nach dem 2. Weltkrieg einen nachhaltigen Aufschwung, v.a. des Maschinen-, Metall-, und Apparatebaus, aber auch der Intensivproduktion von Gemüse. 2000 bot der exportorientierte 2. Sektor mit 49% rund doppelt so viele Arbeitsplätze wie im schweiz. Durchschnitt. 2003 betrug der Zupendleranteil 24%, davon waren mehr als zwei Drittel Grenzgänger aus dem Vorarlberg. Zu Beginn des 21. Jh. war das R. Sitz oder wichtiger Standort international tätiger Grossunternehmen.


Literatur
Unser R., 1944-
Der Alpenrhein und seine Regulierung, 1992 (21993)
Rheintaler Köpfe, 2004

Autorin/Autor: Lorenz Hollenstein