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Gaster

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Ma. Herrschaft, 1798-1803 Teil des Kt. Linth, 1803-31 Teil des Bez. Uznach im Kt. St. Gallen, 1831-2002 eigener Bez. im Kt. St. Gallen, ab 2003 Teil der Region See-Gaster. Das topografisch abwechslungsreiche Gebiet, welches G. umfasst, steigt von der Linthebene (400 m) bis zur markanten Bergkette Regelstein-Speer-Mattstock-Leistchamm (2101 m) auf, die im Osten das Linthgebiet vom Toggenburg trennt. Im Westen bildet der alte Linthlauf die Grenze zu den Kt. Glarus und Schwyz, im Süden der Walensee zum ehemaligen Bez. Sargans, im Norden stösst das G. an den ehemaligen Bez. See. Das Gasterholz (Gem. Schänis) wurde schon in der Bronzezeit besiedelt (Biberlikopf, Stralegg). Der Name G. leitet sich vom lat. Wort castrum (Wehranlage) ab. 1230 Gastirn, 1283 Chastren. 1850 7'247 Einw.; 1900 7'301; 1950 9'448; 2000 13'217.

Das 741-744 erwähnte Kloster Benken deutet auf die Christianisierung durch das Kloster Reichenau und die Ausbreitung der alemann.-fränk. Herrschaft im Linthgebiet hin. Zu Beginn des 9. Jh. trat das vom Gf. Hunfrid von Rätien gegr. Damenstift Schänis an seine Stelle, was die Eingliederung G.s (ohne Kaltbrunn) in das Bistum Chur zur Folge hatte. Unter der Schirmherrschaft der Edlen von Schänis und deren Verwandten, den Gf. von Lenzburg, konnte das Stift, das seit 1045 Immunität besass, eine geschlossene Grundherrschaft über das ganze G. ausbauen. Eine Ausnahme bildete die Hofgemeinde Kaltbrunn, die von Herzogin Reginlinde um 940 dem Kloster Einsiedeln übertragen wurde. Nach dem Aussterben der Lenzburger 1173 kam das G. bis 1264 unter die Schirmherrschaft der Kyburger, dann unterstand es bis 1438 den Habsburgern.

Die zentrale Vogteiverwaltung der Habsburger gab der Landschaft Form und Grenzen. Sie wurde anfänglich Niederamt, im 14. Jh. Windegg und ab dem 15. Jh. Gaster genannt. Die Landleute organisierten sich in der Landsgemeinde. Diese schloss 1316 einen Waffenstillstand mit Schwyz, 1333 trat sie dem österr. Landfriedensbund bei und führte ein eigenes Landessiegel. 1436 bestätigte Hzg. Friedrich IV. von Österreich den Gasterländern die hergebrachten Freiheiten und Gewohnheitsrechte. Ab dem 15. Jh. bildete es eine eigene Herrschaft. Das Ziel, als gleichberechtigter Ort der Eidgenossenschaft beizutreten, ging aber in den Auseinandersetzungen des Alten Zürichkriegs (1436-50) unter. Das G. war 1438-1798 Herrschaft der Orte Schwyz und Glarus, bewahrte jedoch mit Landrat, Landgericht, Landvogteiamt und Landsgemeinde auf Grund der hergebrachten Rechtsordnung (Landbuch) eine weitgehende Mitbestimmung. Die zahlreichen Genossengemeinden hatten eine eigene dörfl. Verwaltung. Ämterlisten und Wappenscheiben aus dem 16. und 17. Jh. bezeugen eine breite Oberschicht, in der fast alle Gasterländer Fam. vertreten waren.

Die gute Beziehung zu Schwyz und Glarus dauerte bis 1520 an. Dann erfolgte ein Unterbruch, weil die Obrigkeit den alten Brauch verweigerte, dass jeder Landvogt das alte Landrecht beschwören müsse. 1529 bekannten sich die Gasterländer zur Reformation, von der sie volle Freiheit erwarteten. Sie sagten sich von Schwyz und Glarus los und bekräftigten dies mit Revolution und Bildersturm. 1531 traten wieder die alten Religions- und Herrschaftsverhältnisse in Kraft, allerdings erhielten die Untertanen der Landvogtei das alte Landrecht nicht mehr zurück. Erst 1564 stellten Gnadenbrief und Neufassung des Landrechts die weitgehende Selbstverwaltung wieder her.

1798 wünschten die Gasterländer, mit Uznach, March und Rapperswil einen eigenen Kanton, den sog. Kanton unter dem Walensee, zu gründen. Das Gebiet wurde dann jedoch dem Kt. Linth einverleibt, gelangte 1803 an den Kt. St. Gallen, wo es zum Bez. Uznach geschlagen wurde, und bildete ab 1831 einen eigenen Bezirk, der die sechs Gemeinden Amden, Weesen, Schänis, Benken, Kaltbrunn und Rieden umfasste. Mit einer bekannten Ausnahme blieb das G. der ländlich-konservativen Grundhaltung treu: Angeführt von Oberst Dominik Gmür wählte das G. 1847 liberal und verhalf damit der liberalen Partei zur Mehrheit im St. Galler Gr. Rat, der mit seiner Stimme in der Tagsatzung den Ausschlag zur Auflösung des Sonderbundes gab.

Die unruhige und geschiebereiche Linth hatte die Verlandung des Sees zwischen Benken und Tuggen, die Versumpfung der Linthebene und die Linthkorrektion zur Folge, die 1807 ihren Anfang nahm. Bis in die 2. Hälfte des 19. Jh. lebte das G. von der Landwirtschaft, vorwiegend von Viehzucht, Käse- und Butterproduktion. Nur wenige Personen waren als Fuhr- und Schiffleute im Transithandel beschäftigt. Das Land verarmte, was im 19. Jh. eine starke Auswanderung nach Amerika zur Folge hatte. Eine Öffnung brachte 1859 die Bahnstrecke von Rapperswil nach Glarus bzw. Chur, doch beschränkten sich Gewerbe und Industrie auf kleine Dorfbetriebe. Erst nach dem 2. Weltkrieg setzte mit dem Wirtschaftsboom und einer erhöhten Mobilität eine nachhaltige Entwicklung ein. Vielfältige Bau-, Fabrikations- und Dienstleistungsbetriebe entstanden. Die Entwicklung steht unter dem Einfluss des Wirtschaftsraums Zürich, dessen S-Bahn-Netz bis nach Ziegelbrücke reicht. Dennoch wird das G. immer noch vom ländl.-dörfl. Charakter geprägt.


Literatur
– E. Gmür, Rechtsgesch. der Landschaft G., 1905
– A. Hüppi, Das st. gall. Linthgebiet, 1937
– W. Ammann, Die Reformation in G., 1941
– F. Elsener, Der Hof Benken, 1953
– F. Wernli, Der Hof Benken und die Entstehung der Gemeinden, 1961
HA 106/108, 1996

Autorin/Autor: Alois Stadler