• <b>Alte Landschaft (SG)</b><br>Quelle: Der Grenzatlas der Alten Landschaft der Fürstabtei St. Gallen von ca. 1730, hg. von W. Vogler, 1993, 14  © 1998 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Alte Landschaft (SG)

Der Begriff A. bezeichnet das Kernland der Territorialherrschaft des Fürstabts von St. Gallen. Die Bezeichnung erscheint urkundl. erstmals 1580. Sie geht möglicherweise bis auf das Jahr 1468 zurück, als die Fürstabtei das Toggenburg gleichsam als "Neue Landschaft" erwarb. 1530 wurde allerdings noch die Bezeichnung "Landschaft" verwendet, und bis ins 17. Jh. bestanden die Begriffe "Landschaft" und A. nebeneinander. Der Name "Fürstenland" für dasselbe Gebiet ist wohl erst im 18. Jh. entstanden.

Die A. umfasste im Wesentlichen die heutigen sanktgall. Bez. Wil, Gossau, St. Gallen und Rorschach, unter Ausklammerung des damaligen Territoriums der Stadt St. Gallen. Ferner gehörte zur A. die Exklave Altenrhein, die Teil des Gerichtsbez. Rorschach war. Die Grenze zum Toggenburg, hauptsächl. durch Thur und Glatt gebildet, wurde bereits 1471 festgehalten. Die Grenzziehung zum Thurgau erfolgte nach dem Schwabenkrieg 1499. Gegen das Rheintal bildete der Markbach östl. von Wartensee die Grenze. Einzelne fürstäbt. Hoheitsrechte (z.B. Appellation, Huldigung, z.T. Mannschaftsrecht) blieben allerdings auch ausserhalb der A. in den thurg. und rheintal. Niedergerichten erhalten. Bereits 1458-60 war die Grenze zu Appenzell fixiert worden.

Die Anfänge der weltl. Herrschaft der Abtei St. Gallen gehen zurück auf die 818 von Ks. Ludwig dem Frommen erlangte Immunität, welche die klösterl. Besitzungen von der gräfl. Gerichtsgewalt eximierte. In der Folgezeit wurde die hohe Gerichtsbarkeit von klösterl. Kastvögten ausgeübt, die, nachdem die Kastvogtei 1180 durch Erbgang zur Reichsvogtei geworden war, nicht mehr in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis zur Abtei standen. Gestützt auf ein königl. Privileg von 1379 zur Wiedereinlösung der zuvor vielfach zerstückelten und verpfändeten Reichsvogtei erwarb Abt Ulrich Rösch sämtl. Hochgerichte der Abtei in der A. und begann, die fürstäbt. Herrschaftsrechte zu vereinheitlichen. Rorschach, St. Fiden, Gossau (SG) und Wil (SG) wurden Hochgerichtsstätten. Diese Entwicklung führte zur Bildung der frühneuzeitl. Territorialherrschaft des Fürstabts von St. Gallen.

Die A. gliederte sich in ein Ober- und ein Unteramt (Wileramt). Das Oberamt umfasste das Landshofmeisteramt, das Rorschacheramt und das Oberbergeramt. Oberste Gerichts- und Appellationsinstanz war das Pfalzgericht. Der Abt regierte auf der Grundlage der Landsatzung und mittels Einzelmandaten. Die im SpätMA geltenden örtl. Rechtsordnungen hatte Abt Ulrich Rösch in Offnungen festhalten lassen.

<b>Alte Landschaft (SG)</b><br>Quelle: Der Grenzatlas der Alten Landschaft der Fürstabtei St. Gallen von ca. 1730, hg. von W. Vogler, 1993, 14  © 1998 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Alte Landschaft um 1730

In mehrfachen Anläufen suchte sich die Bevölkerung der A. eine bessere Rechtsstellung zu verschaffen, etwa 1525 und 1529-31, als Zürich z.Z. der Reformation versuchte, die A. als eigenes Untertanengebiet zu etablieren. Auch der Versuch vom 25.5.1530, eine selbständige Gebietskörperschaft zu bilden, misslang. Die Niederlage der Reformierten im 2. Kappelerkrieg setzte diesen Bestrebungen 1531 ein jähes Ende. Erfolgreicher war die Freiheitsbewegung der 1790er Jahre, die 1795 zum sog. Gütlichen Vertrag, 1797 zur Gewährung eines eigenen Siegels und zur Wahl eines Landrats der A. führte. Am 4.2.1798 entliess das Kapitel des Klosters St. Gallen die A. in die Unabhängigkeit, unter Wahrung einzelner klösterl. Rechte. Bereits am 14. Febr. fand in Gossau die konstituierende Landsgem. der Freien Republik der Landschaft St. Gallen statt, die allerdings keine drei Monate bestand. Am 3. Mai nahm Gossau die Helvet. Verfassung an, die andern Gem. folgten schnell. Am 6. Mai erreichten franz. Truppen das Territorium der A., das in den am 12. Mai konstituierten Kt. Säntis integriert wurde.


Quellen
SSRQ SG I/2
Literatur
– I. von Arx, Geschichten des Kt. St. Gallen, 1810-13 (Neuausg. 1987)
– L. Cavelti, Entwicklung der Landeshoheit der Abtei St. Gallen in der A., 1914
Der Grenzatlas der A. der Fürstabtei St. Gallen von ca. 1730, Ausstellungskat. St. Gallen, hg. von W. Vogler, 1993
– P. Robinson, Die Fürstabtei St. Gallen und ihr Territorium 1463-1529, 1995

Autorin/Autor: Werner Vogler