09/01/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Grandson (Herrschaft, Bezirk)

Vom 11. Jh. bis 1475 Adelsherrschaft, bis 1798 gemeine Herrschaft von Bern und Freiburg, seit 1798 Bez. des Kt. Waadt. Die grosse Herrschaft G., die im Besitz der gleichnamigen Fam. war, erstreckte sich über den ganzen waadtländ. Jurafuss. Vor 1049 wurde Montricher davon abgetrennt, 1185 Belmont. Zu Beginn des 12. Jh. scheint Ebal I. von G. seinen Wohnsitz in La Sarraz eingerichtet zu haben. Vor 1234 teilte Ebal IV. die grosse Herrschaft G. in drei Teile, in die Herrschaften La Sarraz, Champvent und G. Letztere ging an seinen jüngsten Sohn Peter I. Die Herren von G. verfügten über grössere militär. und finanzielle Amtsbefugnisse als die Kastlane von Savoyen. Bis 1381 hatten sie das adlige Ehrenamt des Vitztums Yverdon inne. Nach der Verurteilung von Hugo von G. 1389 wegen Urkundenfälschung wurde die Herrschaft vom Gf. von Savoyen beschlagnahmt und 1400 Marguerite de Montbéliard und 1424 Louis de Chalon als Lehen übertragen. Bei dessen Tod 1463 stritten sich seine Söhne Guillaume und Hugues um den Besitz. Guillaume, dessen Begehren von den Savoyern abgewiesen worden war, wandte sich an Ks. Friedrich III., der den Bf. von Konstanz als alleinigen Richter bestimmte. Der Bischof entschied gegen das Urteil der Savoyer. In den Burgunderkriegen wurden die de G. jedoch 1475-76 von den Eidgenossen ihres Besitzes beraubt.

Die Herrschaft G. wurde den Eidgenossen zugesprochen. Ab 1484 bildete sie zusammen mit den Ländereien von Montagny eine gemeine Herrschaft von Bern und Freiburg. Beide Stände ernannten abwechslungsweise für fünf Jahre einen Vogt. Die Berufungen gingen jeweils an jenen Ort, der den Vogt gerade nicht stellte. 1531 erreichten die ersten Anhänger der Reformation die Entsendung eines Predigers. Die beiden Kantone kamen überein, dass die Reformierten ihren Glauben ausüben und verlangen durften, dass in jeder Pfarrgemeinde eine nach den Regeln des sog. Plus erfolgte Abstimmung über die Konfession durchgeführt wurde. Der Widerstand Freiburgs bei der Aufteilung der Güter der Kartause Lance fiel gering aus. Die Reformation setzte sich zwischen 1531 (Fiez) und 1564 (Bonvillars) überall durch. Die rechtl. Organisation der Vogtei umfasste dreizehn Gerichtshöfe, einen im Städtchen G., der den Sitz der Kastlanei bildete, die anderen in den fünf Meierämtern (Bonvillars, Concise, Fiez, Provence und Yvonand), den vier Lehensgebieten (Corcelles, Chamblon, Essert und Valeyres), den Ländereien von Montagny, der Mairie Onnens und in Vuitebœuf, das zu einem Drittel zur Vogtei gehörte. Das Vogteigericht und das Blutgericht befanden sich in G. Schliesslich gab es für G. und die vier Lehen ein Lehensgericht und für die acht Pfarrgemeinden zehn Konsistorien. 1702-1825 kam das Landrecht von G. zur Anwendung - grösste Teil seiner 442 Artikel waren dem Recht von Moudon (1577) entnommen worden -, dann wurde die Waadtländer Zivilprozessordnung eingeführt. In der Vogtei, die aus finanzieller Sicht nicht zu den wichtigsten gehörte, wurden versch. Messen abgehalten (G., Concise, Champagne und Provence). Die Waldwirtschaft dominierte. 1798 wurde die Revolution in G. nicht begrüsst. Rebellen marschierten auf Yverdon zu und wurden am 4. März in Vuitebœuf geschlagen. Ausserdem stiessen mehrere Dutzend Männer zur probern. Légion fidèle.

1798 wurde aus der ehem. Vogtei (ohne Chamblon, Essert, Montagny, Villars-sous-Champvent und Yvonand, die zum Bez. Yverdon kamen) sowie Sainte-Croix und Bullet der Bez. G. gebildet. Bis 1803 gehörten auch Baulmes, Vuitebœuf, Vugelles-la-Mothe und Valeyres-sous-Montagny dazu. 1798 zählte die Vogtei 5'955 Einw. (8'324 für das Gebiet der heutigen Bezirksgrenzen; 5,8% der Waadtländer Bevölkerung). Bis 1900 wies G. ein geringes Bevölkerungswachstum aus, im 20. Jh. wegen der Abwanderung aus den ländl. Gebieten und der Industriekrise in Sainte-Croix einen Bevölkerungsrückgang (1850 10'695 Einw., 1900 13'550, 1950 12'816 und 2000 12'253; 2000 1,9% der Waadtländer Bevölkerung). G. ist in drei Friedensrichterkreise (G., Concise und Sainte-Croix) unterteilt, bis 1949 gab es zwei Präfekturen (G. und Sainte-Croix), dann wurde die Präfektur Sainte-Croix aufgelöst.


Literatur
– J.-F. Poudret, «Les enquêtes de Chalon de 1470-1471 concernant la succession de la châtellenie de G.», in Mémoires de la Société pour l'histoire du droit et des institutions des anciens pays bourguignons, comtois et romands, 1965, 91-116
– H. Herzig, Le district de G. raconté par la carte postale: 1895-1925, 1984
– G. Castelnuovo, L'aristocrazia del Vaud fino alla conquista sabauda, 1990
– P. Tanner, Le Coutumier de Grandson de 1702 et son application jusqu'à l'entrée en vigueur du droit vaudois, 1992
– S. Rial, Vaincre ou périr: la légion fidèle de Rovéréa, 2000

Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / CN