Aigle (Gouvernement, Bezirk)

Bis 1475 savoy. Vizedominat, 1475-1798 bern. Herrschaft (Gouvernement), 1798-1803 Distrikt des Kt. Léman, seit 1803 Bez. des Kt. Waadt. Der heutige grand district in den Waadtländer Alpen gehörte im FrühMA der Abtei Saint-Maurice. Schon 1076 aber fasste Savoyen Fuss mit einer Schenkung Ks. Heinrichs IV. Im 12. Jh. erhielt die Fam. d'Aigle vom Gf. von Savoyen das Vizedominat über den Flecken. Im 13. Jh. ging es an die Saillon über. 1338 teilten sich die Fam. Compey-Thorens und Tavelli je hälftig in den Besitz. Zahlreiche Fam. besassen Lehen in der Gegend, die zur Vogtei Chablais und zur Kastlanei Chillon sowie kirchl. zum Bistum Sitten gehörte. 1475 lieferte der Durchzug ital. Söldner, die zum Heer Karls des Kühnen stossen wollten, Bern den Vorwand, die vier Mandements A., Ollon, Bex und Les Ormonts zu erobern und daraus die Vogtei A. zu bilden. Diese war das erste welsche Untertanenland eines eidg. Standes und wurde 1528 das erste Gebiet im Welschland, das zur Reformation übertrat. Gerichte (Kastlaneien) der Herrschaft bestanden in A., Noville, Chessel, Ollon, Ormont-Dessous, Oromont-Dessus, Bex, Gryon und Lavey: Die zwei Letzteren unterstanden der Abtei Saint-Maurice, die auch ein Kriminalgericht in Salaz bei Ollon besass. In Leysin (Appellationsgericht in A.) und Morcles (Appellationsgericht in Bex) fungierte ein Mistral. Der Landvogt (Gubernator) residierte im Schloss A. Das Landrecht der drei in der Ebene gelegenen Mandements erschien 1772 im Druck, jenes von Les Ormonts blieb handschriftl. überliefert. Kirchl. bildete die Herrschaft ein Kolloquium des Kapitels von Lausanne. Anders als das übrige Waadtland zählte A. zu den sog. deutschbern. Vogteien. Noch 1814 versuchte Bern nach Aufgabe seiner Ansprüche auf die Waadt, A. und das Pays-d'Enhaut zu behalten als Gebiete, die nicht 1536 erobert worden waren. 1798 kämpften die Gem. A., Ollon und Bex auf franz. und waadtländ. Seite gegen die unter dem Befehl des letzten Landvogts Beat Emmanuel von Tscharner stehenden Streitkräfte von Les Ormonts und Leysin. Nach dem Ende der bern. Herrschaft wurde A., zu dem noch die Gem. Villeneuve stiess, in einen Distrikt umgewandelt. Der Bez. A. zählt 15 Gem. und ist in die fünf Kreise (heute Gerichtskreise) A., Bex, Ollon, Villeneuve und Les Ormonts eingeteilt.


Literatur
– M. Reymond, «Les combats dans les Ormonts en mars 1798», in RHV, 1925, 97-107, 129-140, 161-172
– S. Valceschini, Albert de Haller, 1977
Revue historique du Chablais vaudois, 1978-82

Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / AA