• <b>Stans</b><br>Ansicht von der Anhöhe Kniri in Richtung Buochs. Kolorierte Umrissradierung von  Heinrich Thomann,   um 1790 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Im Vordergrund liegt der Flecken Stans mit der Pfarrkirche St. Peter (links), dem Rathaus mit dem Turm (Mitte) und dem Kapuzinerinnenkloster (rechts). Die Flussebene im Mittelgrund reicht bis zum Vierwaldstättersee, von dem ein Arm auszumachen ist. Im Hintergrund hat der Künstler einen Teil des Rigimassivs dargestellt.
  • <b>Stans</b><br>Strecke der Standseilbahn und das Hotel Stanserhornkulm, um 1893. Aufnahme des Zürcher Fotostudios  Ed. Schroeder & Cie. (Schweizerische Nationalbibliothek). 1892 fiel die Entscheidung, von Stans aus eine Bahn auf das Stanserhorn mit drei getrennten Sektionen zu errichten. Die letzte und steilste Strecke endete im Untergeschoss des Hotels. 1893 wurde die Bahn in Betrieb genommen. Bei einem Gewitter vernichtete 1970 ein Feuer das Hotel samt Maschinenhaus. 1975 wurde eine Luftseilbahn in Betrieb genommen, welche die beiden oberen Sektionen ersetzte.
  • <b>Stans</b><br>Anton Frey-Näpflin im neuen Teil des Museums der Frey-Näpflin-Stiftung am 23. Oktober 2008  © KEYSTONE / Sigi Tischler. Das 2004 gegründete Museum zeigt in diesem neuen Teil Glasscheiben aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster St. Urban, die der Stanser Künstler Melchior Paul von Deschwanden und seine Gehilfen geschaffen haben.
  • <b>Stans</b><br>Plakat für die Stanser Musiktage, 2006 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Stans

Polit. Gem. NW. S. liegt am Ausgang des Engelbergertals am Nordfuss des Stanserhorns und erstreckt sich über die Schwemmebene des Aawassers bis an den Bürgenstock und den Ennerberg. 1100 Tannis, 1124 bis ins 14. Jh. Stannes/Stannis (selten Stagnes/Stagnis). Vor 1798 Haupt- und Gerichtsort, 1798 zunächst Hauptort des Kt. Unterwalden, dann 1798-1803 Distriktshauptort im Kt. Waldstätten. Ab 1803 Hauptort des Halbkantons Nidwalden, seit 1999 des Kt. Nidwalden. S. ist Sitz der kant. Behörden und der Verwaltung sowie kulturelles und wirtschaftl. Zentrum Nidwaldens.

Bevölkerung Stans
JahrEinwohner der Pfarrei
17433 833
17504 083
17553 759
17693 461
17993 754
18364 598

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner1 8772 0842 4582 7982 9442 9163 9925 1806 2176 983
Anteil an Kantonsbevölkerung16,6%17,8%19,6%21,4%21,4%19,4%20,6%20,2%18,8%18,8%
Sprache          
Deutsch  2 4412 7422 8842 8423 8454 8005 6806 395
Italienisch  1340293470252180141
Französisch  312263546252838
Andere  145531103329409
Religion, Konfession          
Katholischb1 8712 0502 4412 7492 8882 8253 6014 7305 1625 354
Protestantisch61817495488389425705756
Andere 2  23225350873
davon jüdischen Glaubens  1
davon islamischen Glaubens       122207
davon ohne Zugehörigkeitc       12162358
Nationalität          
Schweizer1 8622 0402 4052 6862 7852 7863 8624 7615 6296 256
Ausländer153053112159130130419588727

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Urgeschichte und Frühmittelalter

Der älteste Streufund, ein Bronzedolch, stammt aus der mittleren Bronzezeit, was auf eine Begehung zu jener Zeit schliessen lässt. Das Mädchengrab aus der Latènezeit (2. Jh. v.Chr.), das bei der Kirche entdeckt wurde, ist der einzige Hinweis auf eine eventuelle eisenzeitl. Besiedlung der Region. Es belegt vielleicht auch ein hohes Alter des Sakralorts. Namenskundl. Erkenntnissen und weitere Funde aus der röm. Zeit wie Tonscherben im Kirchenbereich und Urnengräber in Oberdorf zeigen, dass auch in kelt. und röm. Zeit eine Siedlung bestand. Eine voralemann. Herkunft des Ortsnamens S. ist sicher, eine vorröm. Herkunft kann angenommen werden. Die Tatsache, dass ein vorröm. Name erhalten blieb, belegt die Siedlungskontinuität.

Aus dem FrühMA sind ein Steinkistengrab und ein Gräberfeld bekannt. Ein steinerner Vorgängerbau der Pfarrkirche kann ins 8. Jh. datiert werden. Die Bedeutung der Kirche in S. wird auch durch die Nachfolgebauten aus karoling. und otton. Zeit unterstrichen.

Autorin/Autor: Emil Weber

2 - Vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Kirche, Pfarrei und Klöster

Die Pfarrkirche St. Peter ist die älteste Kirche in Nidwalden. Die Pfarrei umfasste ursprünglich das gesamte Engelbergertal. Gegründet wurde sie vermutlich als eigenkirchl. Stiftung einer alemann. Adligenfamilie. Um 1100 hielt das Kloster Muri zwei Drittel des Kirchensatzes, das letzte Drittel kam in der 1. Hälfte des 12. Jh. an das Kloster Engelberg. Dies führte zu langem Streit zwischen den beiden Klöstern. 1270 wurde die Kirche gegen den Willen Muris dem Kloster Engelberg inkorporiert, die dauerhafte Inkorporation scheiterte aber am hartnäckigen Widerstand der Kirchgenossen. 1462 sprachen die eidg. Schirmorte des Klosters Engelberg, Luzern, Uri, Schwyz und Unterwalden, den Kirchgenossen das Recht auf freie Pfarrwahl zu. 1148 wurde das Patronatsrecht von Engelberg von jenem von S. getrennt. Infolge der Bedeutungszunahme der Ürten (Korporationen) kam es ab dem 15. Jh. zu weiteren Abkurungen: 1469 Wolfenschiessen (Filialkirche seit 1277), 1621 Hergiswil und 1768 die Kaplaneigemeinde Kehrsiten.

Die heutige dreischiffige Kirche wurde 1641-47 von Jakob Berger von Sursee gebaut. Die nach Osten ausgerichtete Vorgängerkirche wurde abgerissen, der Neubau nach Süden gedreht und der rom. Kirchturm aus dem 12. Jh. der neuen Kirche angegliedert.

Die kath. Reform hatte in S. durch den Einfluss von Landammann Melchior Lussi und seine Beziehungen zu Karl Borromäus grosse Auswirkungen. Lussi liess 1582 Kapuziner ins Tal kommen und stiftete ihnen in S. ein Kloster, das sie 1584 bezogen. 1592 folgten Kapuzinerinnen, die zuerst nur geduldet wurden, bis ihnen die Landsgemeinde 1618 ein Kloster bewilligte. Die heutigen Klosterkirchen wurden 1625 (Frauen) bzw. 1683 (Männer) gebaut.

Autorin/Autor: Emil Weber

2.2 - Herrschaft und Gemeindebildung

Das Kloster Murbach-Luzern hatte seit dem Landesausbau bedeutenden grundherrl. Besitz in S. Daneben lässt sich Streubesitz der Klöster Muri und Engelberg nachweisen. Der Besitz Murbach-Luzerns bestand gemäss einer Quelle aus dem 14. Jh. aus einer vollen Grundherrschaft mit Meier-, Keln- und Schweighof, 18 Erblehen und 30 zinspflichtigen Gütern. Zentrum war der Wohnturm in der Rosenburg, der im Besitz der Meyer von S. war. 1291 kaufte Kg. Rudolf I. von Habsburg die grundherrl. Rechte Murbach-Luzerns. Nach 1300 war S. in der Reichsvogtei Waldstätten Gerichtsort in Unterwalden. Nach dem Niedergang der Reichsvogtei ab 1330 versuchte das Kloster Engelberg, seine Grundherrschaft in S. mit umfangreichen Güterkäufen zu sichern und auszubauen, konnte sich aber gegen Lokaladlige und aufstrebende Grossbauern nicht durchsetzen.

Neben den Herrschaften bestanden eine Ürte und eine Pfarrei. Letztere wird erstmals 1261 erwähnt und besass 1291 ein eigenes Siegel, das später als Landessiegel Nidwaldens diente. Die Ürte dürfte im HochMA aus pfarrgenossenschaftl. Strukturen entstanden sein, wobei vielleicht auch Wuhrgenossenschaften am Aawasser eine Rolle spielten. Die früher mitunter postulierte frühma. Markgenossenschaft lässt sich nicht belegen. Während die Pfarrei mehrere Dörfer umfasste, war die Ürte bereits 1370 auf das Dorf S. und auf das nahe Umland beschränkt. Ihre Bedeutung nahm nach der Auflösung der Reichsvogtei und dem Rückzug der Landesherrschaft parallel zu derjenigen des Landes Nidwalden zu. Von der Ürte zu unterscheiden sind die Dorfleute, die ab dem späten 15. Jh. sechs Vertreter in den Landrat und einen Vertreter ins Elfergericht stellten. Im 17. Jh. begannen sich Ürte und Dorfleute gegen Neuzuzüger abzugrenzen. Ab 1641 waren nur noch Genossen der Ürte voll stimm- und wahlberechtigt, 1695 wurde der Einkauf neuer Geschlechter verboten.

Autorin/Autor: Emil Weber

2.3 - Bevölkerung und Siedlung

Die Bevölkerungszahlen vor 1750 können nur geschätzt werden. In den Pestzügen des 15. und 16. Jh. starben in der Pfarrei S. jeweils mehrere Hundert Menschen, woraus sich eine Bevölkerungszahl von 2'000-3'000 Personen hochrechnen lässt. Kommunikantenzählungen zeigen für die 2. Hälfte des 18. Jh. eine Bevölkerungsabnahme von 8%. Dies ist auf Abkurungen von Pfarreien sowie auf die krieger. Ereignisse von 1798 zurückzuführen, als 186 Personen umkamen und 52 Gebäude abbrannten.

S. war ein typ. Kirchendorf, das um Pfarrkirche und Rathaus wuchs. Es entwickelte sich zwar nicht zur befestigten Stadt, muss jedoch im SpätMA mit angeblich sieben "Burgen" (Steinhäusern) einen städt. Eindruck gemacht haben. Grosse Auswirkungen auf den Dorfkern und das Strassennetz hatte die Umgestaltung des Kirchenbezirks in den 1640er Jahren. 1713 legte ein Dorfbrand 81 Gebäude in Asche. Mit dem von den Stadtluzerner Werkmeistern Josef Aebi und Ludwig Gassmann geplanten Wiederaufbau bekam der Dorfkern ein offeneres Gepräge: Der heutige grosszügige Dorfplatz und die angrenzenden Gebäude wurden auf abgebrannten Häuserzeilen nach einem verbindl. Gesamtplan angelegt.

<b>Stans</b><br>Ansicht von der Anhöhe Kniri in Richtung Buochs. Kolorierte Umrissradierung von  Heinrich Thomann,   um 1790 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Im Vordergrund liegt der Flecken Stans mit der Pfarrkirche St. Peter (links), dem Rathaus mit dem Turm (Mitte) und dem Kapuzinerinnenkloster (rechts). Die Flussebene im Mittelgrund reicht bis zum Vierwaldstättersee, von dem ein Arm auszumachen ist. Im Hintergrund hat der Künstler einen Teil des Rigimassivs dargestellt.<BR/>
Ansicht von der Anhöhe Kniri in Richtung Buochs. Kolorierte Umrissradierung von Heinrich Thomann, um 1790 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Autorin/Autor: Emil Weber

2.4 - Dörfliche Wirtschaft und Gesellschaft

Flurnamen belegen, dass bis ins SpätMA noch Ackerbau betrieben wurde, jedoch fehlen namenkundl. Belege für Gärten fast völlig. Eine Zelgverfassung konnte offenbar nicht entstehen. Ab dem 16. Jh. wurde der Ackerbau vollständig verdrängt. Bis ins 19. Jh. herrschten Viehwirtschaft, Käse- und Holzexport sowie Nussanbau vor. S. war als regionaler Markt- und Gewerbeort wichtig. Vermutlich bestand vom 13. Jh. an ein Jahrmarkt, der 1456 durch die Landsgemeinde mit einem Marktfrieden geschützt wurde. Ab dem 15. Jh. lassen sich Kleingewerbe und Handwerk nachweisen. Im 1415 errichteten Rathaus war eine Metzgerstube untergebracht und in der Schmiedgasse entstand in der Nähe des Dorfkerns, aber deutlich von den herrschaftl. Häusern abgetrennt, ein Handwerkerbezirk.

Im MA waren wohl die Genossenschaften bestimmend für das soziale Leben. Klösterl. Hof-, Pfarr- und Ürtegenossen sowie Dorfleute besassen ein unterschiedliches soziales Prestige. Ab dem 16. Jh. sind zunftähnl. Handwerksbruderschaften (Crispinianer-, Xaverianer- und Josefsbruderschaft) sowie eine Fasnachtsbruderschaft nachweisbar. Dazu kommen ab dem 17. Jh. die Gebets- und die Älplerbruderschaft. Ab 1498 ist ein Siechenhaus belegt, spätestens ab 1582 bestand ein kleines Armenspital im Besitz der Pfarrgenossen.

Autorin/Autor: Emil Weber

2.5 - Bildung und kulturelles Leben

Eine Schule bestand vermutlich bereits um 1500. Dabei dürfte es sich um eine Knabenschule gehandelt haben, spricht die Schulregel von 1690 doch nur von Knaben. Die Kapuzinerinnen betrieben ab 1592 eine Mädchenschule. Die 1749 in S. eröffnete Lateinschule führten die Kapuziner ab 1778 als Schule für ganz Nidwalden. 1799 leitete Johann Heinrich Pestalozzi im Kloster St. Klara ein viel beachtetes Waisenhaus für Kinder, die während des Franzoseneinfalls 1798 ihre Eltern verloren hatten. Der Kirchenschatz wurde 1798 zu einem grossen Teil von franz. Soldaten geraubt.

Ein ausserordentl. Kunstzweig entstand im 17. Jh. mit dem Stickereihandwerk im Kloster St. Klara. Als Goldschmiede betätigten sich die Fam. Leuw, Trachsler und von Matt, als Maler die Obersteg. Die (Wohn-)Kultur der Magistratenfamilien ab dem 16. Jh. zeigt sich in zwei repräsentativen Patriziersitzen, dem Winkelriedhaus und der Rosenburg. Die ital. Einflüsse in beiden Häusern verweisen auf die Handelsbeziehungen mit der Lombardei. Am wenigsten fassbar ist die populäre Kultur. Bekannt sind Bittgänge und Wallfahrten der Dorfleute u.a. nach Einsiedeln, Sachseln und Niederrickenbach sowie Bräuche wie Neujahrssingen, Schützen-, Älpler- und Bruderschaftsfeste.

Autorin/Autor: Emil Weber

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Politisch-administrative Entwicklung

Die Ürte und die Dorfleute, die bis 1798 und dann wieder 1803-50 die Dorfpolitik dominierten, verloren mit der Kantonsverfassung von 1850 ihre polit. Rechte. Diese gingen auf die neu errichtete Bezirksgemeinde, die heutige polit. Gemeinde, über. Die Ürte behielt allerdings ihren Landbesitz und verwaltete ihr Vermögen weiterhin selbst. Wie die Ürte musste auch die Pfarrei Aufgaben abgeben, insbesondere in den Bereichen Armenpflege und Bildung. Bereits 1811 wurde die Armengemeinde S. gegründet, die gebietsmässig der Pfarrei entsprach. Mit der Revision der Kantonsverfassung 1877 wurde die Armengemeinde dann zur autonomen kommunalen Körperschaft, 1980 wurde sie aufgelöst und ihre Aufgaben von der polit. Gemeinde und dem Kanton übernommen. Ebenfalls 1877 wurde die Schulgemeinde S.-Oberdorf ins Leben gerufen, von der sich 1968 die Schulgemeinde Oberdorf abtrennte. 2010 wurde die Fusion von polit. Gemeinde und Schulgemeinde beschlossen.

Die polit. Gemeinde setzte sich 1850 aus den vier Bez. S. (Dorf), Kniri, Niederdorf und Mettenweg zusammen. Der Gemeinderat (Exekutive) umfasste zunächst elf Mitglieder, wobei fünf aus dem Dorf und je zwei aus den übrigen drei Bezirken stammten. 1996-2004 wurde der Gemeinderat schrittweise auf sieben Mitglieder verkleinert. Bis in die 1950er Jahre waren Liberale und Kath.-Konservative etwa gleich stark vertreten. Die im 2. Weltkrieg zugezogenen bzw. im Rahmen des Reduitbaus nach S. versetzten Industrie- und Facharbeiter brachten neue polit. Ansichten mit. Eine sozialdemokrat. Partei wurde 1942 gegründet und war 1952-74 im Gemeinderat vertreten, das Demokrat. Nidwalden (heute Grüne) ab 1994. Der Gemeinderat setzte sich 2011 aus je drei Vertretern der CVP und der FDP sowie einem Grünen zusammen. Die Gemeindeversammlung bildete die Legislative.

Autorin/Autor: Emil Weber

3.2 - Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung

Ab etwa 1770 wuchs die Bevölkerung langsam, ab der Mitte des 19. Jh. gleich stark wie im gesamten Kanton. Das Wachstum blieb bis 1870 im Vergleich zur Schweiz insgesamt aber unterdurchschnittlich. Das Aufkommen des Tourismus Ende des 19. Jh. führte zu einem etwas stärkeren Bevölkerungswachstum, das sich infolge der Ansiedlung von Industriebetrieben in den 1930er Jahren beschleunigte. Seither ist das Bevölkerungswachstum auch wegen der Steuerpolitik konstant hoch. Mit dem Autobahnbau ab 1958 stieg die ausländ. Wohnbevölkerung markant an, wobei ihr Anteil aber insgesamt unter dem Schweizer Durchschnitt blieb (2010 10,2%).

Gegen Ende des 19. Jh. präsentierte sich S. noch weitgehend als geschlossenes Dorf. Die ausserhalb des Dorfkerns gelegenen Ortsteile wiesen eine lockere Einzelhofbebauung auf. Die Dorfanlage veränderte sich ab den 1940er Jahren. Entlang der Ausfallstrassen und in der Ebene entstanden Siedlungen für die neu zugezogenen Arbeiter, so 1942 etwa die Wohnbaugenossenschaft Tottikon oder 1943 die Wohnhäuser des Schweiz. Metall- und Uhrenarbeiterverbands. Ein ehrgeiziger Bebauungsplan von 1940, der auf grossen Teilen der Allmend Erweiterungsgebiete vorsah, blieb jedoch Utopie. Der Anschluss der Eisenbahn an die Brüniglinie 1964 und die Eröffnung der Autobahn 1966 rückten S. in Pendlerdistanz zu Luzern. Es entstanden neue Siedlungen sowie Industriegebiete an den Autobahnanschlüssen. Während das Dorf nach aussen wuchs, erfuhr der Dorfkern bescheidenere Veränderungen. Der grosszügige Dorfplatz wurde belassen, erhielt aber mit dem 1865 eingeweihten Winkelrieddenkmal von Ferdinand Lukas Schlöth und dem 1933 eröffneten Neubau der Kantonalbank neue prägende Elemente. Bauliche Akzente setzten daneben die öffentl. Hand mit Verwaltungs- und Dienstleistungsbauten sowie der Tourismus, z.B. mit dem Hotel Adler (1895).

Autorin/Autor: Emil Weber

3.3 - Wirtschaft und Verkehr

Im 19. Jh. herrschte in S. Landwirtschaft vor. Wichtige Einkommenszweige waren Viehzucht, Milchwirtschaft und insbesondere Käseexport, Vieh- und Holzhandel. Der Dienstleistungssektor hatte in S. eine gewisse Bedeutung, auch wenn die kant. Verwaltung bis in die 1960er Jahre bescheiden blieb. Veranlasst durch den liberalen Aufbruch in den 1820er und 30er Jahren, wurde 1827 die Ersparniskasse Nidwalden mit Sitz in S. gegründet. 1879 folgte die Kant. Spar- und Leihkasse (seit 1909 Nidwaldner Kantonalbank).

<b>Stans</b><br>Strecke der Standseilbahn und das Hotel Stanserhornkulm, um 1893. Aufnahme des Zürcher Fotostudios  Ed. Schroeder & Cie. (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>1892 fiel die Entscheidung, von Stans aus eine Bahn auf das Stanserhorn mit drei getrennten Sektionen zu errichten. Die letzte und steilste Strecke endete im Untergeschoss des Hotels. 1893 wurde die Bahn in Betrieb genommen. Bei einem Gewitter vernichtete 1970 ein Feuer das Hotel samt Maschinenhaus. 1975 wurde eine Luftseilbahn in Betrieb genommen, welche die beiden oberen Sektionen ersetzte.<BR/>
Strecke der Standseilbahn und das Hotel Stanserhornkulm, um 1893. Aufnahme des Zürcher Fotostudios Ed. Schroeder & Cie. (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Gegen Ende des 19. Jh. wurde der Tourismus zu einem wirtschaftl. Faktor, der auch Frauen neue Verdienstmöglichkeiten brachte. Die Tourismuspioniere Franz Josef Bucher und Josef Durrer trieben den Aufbau einer tourist. Infrastruktur energisch voran, tatkräftig unterstützt von der Dorfelite. 1893 bauten sie ein Gipfelhotel und eine Standseilbahn auf das Stanserhorn und erweiterten die Anlage mit einer elektr. Strassenbahn, die Touristen von der Schiffsstation in Stansstad zur Talstation transportierte. Insgesamt blieb der Tourismus relativ bescheiden, er brachte aber mit der ersten Bahnverbindung nach Stansstad 1893 und der Elektrifizierung den Anschluss an das schweiz. Verkehrsnetz. 1898 wurde die Bahnlinie neu gebaut und bis nach Engelberg verlängert, 1895 erfolgte der Anschluss an das Telefon, 1905 an das Elektrizitätsnetz. 1894 wurde die Trinkwasserversorgung in Betrieb genommen.

Gründe für die späte Ansiedlung von Industrie waren die lange schlechte Verkehrslage (fehlender Seeanstoss) und die ablehnende Haltung der einflussreichen Fam., die sich aus polit. und religiösen Gründen gegen die Arbeiterschicht wehrten. Prägend für die Entwicklung war 1939 die Gründung der Pilatus Flugzeugwerke und die Eröffnung des Flugplatzes auf der Buochser Allmend. 1964 wurde die Eisenbahn bis nach Luzern verlängert (Luzern-S.-Engelberg-Bahn), 1966 folgte der Anschluss an die Autobahn. Die jetzt hervorragende Verkehrserschliessung lockte weitere Unternehmen aus den Sparten Drucktechnik, Maschinenbau, Informatik und Elektronik sowie im Dienstleistungsbereich an. 2005 bot der 1. Sektor nur noch 1,2% der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Im Ort befinden sich das Einkaufszentrum Länderpark (1980 eröffnet), das Kantonsspital (1866, Neubauten 1908 und 1966), die Kantonsschule (1778, Gymnasium der Kapuziner 1877), das Nidwaldner Museum (1872), das Museum der 2004 gegr. Frey-Näpflin-Stiftung, die Kantonsbibliothek (1971) sowie die Schul- und Gemeindebibliothek (1996, Volksbibliothek ab 1976).

<b>Stans</b><br>Anton Frey-Näpflin im neuen Teil des Museums der Frey-Näpflin-Stiftung am 23. Oktober 2008  © KEYSTONE / Sigi Tischler.<BR/>Das 2004 gegründete Museum zeigt in diesem neuen Teil Glasscheiben aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster St. Urban, die der Stanser Künstler Melchior Paul von Deschwanden und seine Gehilfen geschaffen haben.<BR/>
Anton Frey-Näpflin im neuen Teil des Museums der Frey-Näpflin-Stiftung am 23. Oktober 2008 © KEYSTONE / Sigi Tischler.
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Autorin/Autor: Emil Weber

3.4 - Gesellschaft

Während der krieger. Ereignisse von 1798 war die Bevölkerung von den Verwüstungen betroffen und die Einquartierung franz. Truppen machte ihr zu schaffen. Die Hungerkrise 1816-17 stürzte ebenfalls Teile der Bevölkerung ins Elend, auch wenn sie nicht ganz so gravierend ausfiel, wie z.B. in der Ostschweiz. Die Obrigkeit war der Krise nicht gewachsen, nur private Initiativen, etwa die Gründung einer Hilfsgesellschaft, die Kartoffel- und Getreideanbau propagierte, brachten Linderung. Nach der Krise konnte sich die Hilfsgesellschaft nicht halten, die Bevölkerung kehrte rasch zur vertrauten Wirtschaftsweise zurück. Armut blieb bis in die 1940er Jahre ein bekanntes Phänomen.

Bis 1850 bestand eine scharfe Trennlinie zwischen Dorfleuten und Beisassen, zu denen oft Knechte und Mägde, Handwerker, Gesellen und Taglöhner gehörten. Ihnen war sozialer Aufstieg bis gegen Ende des 19. Jh. kaum möglich. Die Oberschicht bestand noch fast ausschliesslich aus Vertretern der alten Patriziergeschlechter, die als kapitalkräftige Kreditgeber weiterhin grossen Einfluss ausübten. In der 1. Hälfte des 19. Jh. wurde sie ergänzt durch erfolgreiche Händler und Akademiker, die in führende Stellungen aufstiegen. Im 20. Jh. kamen Vertreter von Industrie und Gewerbe sowie kant. Chefbeamte hinzu. Die Mittelschicht setzte sich v.a. aus Bauern und Handwerkern zusammen, zu denen sich ab dem 2. Drittel des 20. Jh. zunehmend Angestellte und Facharbeiter gesellten.

Autorin/Autor: Emil Weber

3.5 - Kirche und religiöses Leben, Bildung und Kultur

Zu Beginn des 19. Jh. umfasste die Pfarrei S. die Dörfer Dallenwil, Oberdorf, Stansstad und Ennetmoos. Dallenwil wurde 1923, Stansstad 1958, Obbürgen (in Stansstad) und Ennetmoos 1972 abgekurt. Büren (in Oberdorf) wurde 1864 Kaplanei. 1898 erfolgte die Gründung der evang.-ref. Kirchgemeinde S., der heute auch die ref. Einwohner von Stansstad, Ennetmoos, Oberdorf, Dallenwil und Wolfenschiessen angehören. Die evang.-ref. Kirche wurde 1933-34 erbaut. Das Kapuzinerkloster wurde 2004 wegen Nachwuchsproblemen aufgehoben, nachdem der Kanton das von den Kapuzinern geführte Gymnasium bereits 1988 übernommen hatte und seither als Kantonsschule führt.

Eine Zeichnungsschule (Vorläuferin der Berufsschule) wurde 1852 auf privater Basis und mit Unterstützung der Ersparniskasse ins Leben gerufen. 1859 folgte eine Sekundarschule für Knaben, 1871 eine Fortbildungsschule für Mädchen. Nach der Gründung der Schulgemeinde wurden 1878-79 auch ein neues Primarschulhaus für Knaben und 1896-98 eines für Mädchen gebaut. Mit der Freien Volksschule Nidwalden bestand seit 1981 in S. eine Privatschule, die neue pädagog. Konzepte verfolgte. Nachdem diese in die öffentl. Schule integriert waren, schloss sie 1994 aus finanziellen Gründen.

Neben die Schützengesellschaft und die Theatergesellschaft traten in der 2. Hälfte des 19. Jh. z.B. die Frohsinngesellschaft (eine Fasnachtsgesellschaft) oder der Hist. Verein. Wichtig für die Integration Nidwaldens in den Bundesstaat war die Ausrichtung des eidg. Schützenfestes 1861, das liberale Kreise gegen den Widerstand konservativer Kräfte nach S. holten.

Das 19. Jh. kannte bedeutende Stanser Künstler wie den Kirchenmaler Melchior Paul von Deschwanden, der die religiöse Kunst der Schweiz im 19. Jh. mitprägte, seinen Schüler Theodor von Deschwanden sowie Vertreter aus der Fam. Keyser (oder Kaiser). Den kulturellen Aufbruch nach dem 1. Weltkrieg verkörperten u.a. Hans und Annemarie von Matt sowie weitere Mitglieder der Fam. von Matt oder Stöckli. Ausdruck des aktuellen kulturellen Schaffens sind die seit 1994 durchgeführten Stanser Musiktage oder die aktive Kunst- und Theaterszene (1969 Chäslager).

<b>Stans</b><br>Plakat für die Stanser Musiktage, 2006 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Plakat für die Stanser Musiktage, 2006 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Autorin/Autor: Emil Weber

Quellen und Literatur

Archive
– GemA S.
– Kath. PfarrA S.
– Korporationsarchiv S.
– StANW
Literatur
– H. Ammann, «Die Talschaftshauptorte der Innerschweiz in der ma. Wirtschaft», in Gfr. 102, 1949, 105-144
Kdm Unterwalden, 21971, 755-975
– L. Steiner-Barmettler, «Der Dorfbrand von S. 1713», in BGN 39, 1980, 9-94
– H. von Matt, Kunst in S. - 1900, 1982
– F. Kaiser, S. um die Jahrhundertwende, 1983
– M. Keller, Armut im Kt. Nidwalden, 1850-1900, Liz. Freiburg, 1987
– H. Achermann, Das Höfli oder die Rosenburg in S. NW, 1988
– A. Cueni, L. Meyer-Hofmann, Die anthropolog. Befunde: S. Pfarrkirche St. Peter und Paul, Ausgrabungen 1984/85, Ms., 1989 (StANW)
– R. Odermatt-Bürgi, Pfarrkirche St. Peter und Paul in S. NW, 1989
Frauenleben in S., 1998
INSA 9, 217-293
– A. Hug, V. Weibel, Nidwaldner Orts- und Flurnamen, 5 Bde., 2003
Kapuziner in Nidwalden, 1582-2004, 2004
– D. Krämer, "Wenn ich nicht so Mager wäre, so hätte ich forcht, ich wurde von denen Armen Leiten aufgefressen", Liz. Bern, 2005
– M. Näpflin, Frömmigkeitspraxis in Nidwalden zwischen 1570 und 1800, Liz. Bern, 2006
Zugluft, Ausstellungskat. S., 2008

Autorin/Autor: Emil Weber