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Hergiswil (NW)

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Polit. Gem. NW. Dorf am Fuss des Pilatus und am Vierwaldstättersee. 1303-09 ze Hergenswile. 1769 460 Einw.; 1850 804; 1900 1'080; 1950 2'904; 1970 4'364; 2000 4'754. Ein möglicherweise schon im Neolithikum benützter Weg führte von Luzern über H. zum Renggpass und weiter zum Brünig. Eine saisonale Weidenutzung in der Umgebung des Passes ist für die Bronzezeit dokumentiert (Ausgrabungen 1985-87). Hier, an der südl. Gemeindegrenze zu Alpnach, fand sich um 1315 eine Letzi von etwa 250 m Länge. Die eigentliche bäuerl. Siedlung, tiefer am See gelegen, gelangte im 9. Jh. als Schenkung an das Benediktinerkloster Luzern und so unter die Vogtei der Rothenburger. Um 1285 ging die Herrschaft an die Habsburger über. 1355 erfolgte der Verkauf an den Urner Landammann Heinrich von Moos, dessen Tochter Cäcilia Twing und Bann 1378 den Hergiswilern für 700 Gulden abtrat. Die autonom gewordene Ürte schloss sich unmittelbar danach als elfte Gem. Nidwalden an. Die kirchl. Zugehörigkeit zu Stans wird bereits für das 13. Jh. vermutet. 1504 wird erstmals eine Kapelle erwähnt, 1507 erfolgte die Stiftung der Kaplaneipfrund (Taufrecht 1579). 1618 begannen die Hergiswiler mit dem Bau der Pfarrkirche, mit deren Einweihung 1621 H. eine selbstständige Pfarrei wurde. 1857 wurde die Kirche durch einen Neubau an anderer Stelle ersetzt. 1798 zeigte sich H. gegenüber dem Nidwaldner Widerstand gegen die Helvetik reserviert und war Hauptquartier des angreifenden franz. Heeres. Auch 1815 gewann H. der Opposition des Kernlandes Nidwalden gegen den Bundesvertrag wenig ab und erwog den unabhängigen Beitritt. Die Distanz wiederholte sich auch beim Sonderbund 1845-47. Die Gem. erwarb sich so den Ruf einer "eidg. Hochburg" und die Bevölkerung gilt bis heute als "liberal". 1850 entstand die polit. Gem. als Bezirksgemeinde, 1877 die selbstständige Schulgemeinde.

Wirtschaftlich beschränkte sich die Tätigkeit anfänglich auf Landwirtschaft (v.a. Viehzucht) und Fischerei. Ein Streit über die Fischereigrenzen mit dem benachbarten Luzern eskalierte 1435 und belastete das gegenseitige Verhältnis wiederkehrend (erst 1967 Fixierung der Seegrenzen zwischen Nidwalden und Luzern). Ziegelhütten entstanden 1602 im Mühlehof, 1785 in der Käppelimatt und 1786 im Gebiet Engesch. Eine ab 1667 nachgewiesene Papiermühle funktionierte bis ins 20. Jh. als Kartonfabrik. 1815 übersiedelte von Flühli her die Glasbläserfam. Siegwart. Sie legte den Grundstein zu einer bis heute bestehenden Glasfabrik (1976 von Roberto Niederer übernommen). Ab 1850 entwickelte sich ein reger Fremdenverkehr zum Pilatus. Es entstanden zahlreiche Gaststätten und Hotels im Dorf, aber 1860 auch auf Pilatus-Kulm und auf dem Klimsenhorn. Ab 1862 existierte eine private Schiffsverbindung, 1874 erfolgte der Anschluss an das Dampfschifffahrtsnetz des Vierwaldstättersees. 1889 verbesserte sich die Verkehrssituation mit dem Bau der Brünigbahn. 1928 nahm das Postauto die regelmässige Verbindung nach Stans auf. 1962 wurde das Teilstück Horw-H. der Nationalstrasse A2 in Betrieb genommen. Ab den 1920er Jahren entdeckten vermögende Fam. den idyll. Ort nahe der Stadt Luzern als Wohn- und Steuersitz (Unternehmerfam. Schindler, Bankierfam. von Speyr). Eine abnehmende Steuerbelastung förderte in der Folge die Ansiedlung von Finanz- und Dienstleistungsgesellschaften (u.a. das Institut für Haushaltsanalysen, heute IHA-GfK, seit 1962 in H.) sowie finanzkräftiger Privatpersonen. H. entwickelte sich zum Wirtschaftsstandort, der 1998 mit einem Anteil von 13% an der Nidwaldner Bevölkerung eine Steuerleistung von 27% erbrachte. Der Reichtum ermöglichte sukzessive die Erstellung von Infrastrukturbauten: 1968 Allwetterbad, 1970 Kläranlage, 1974 Schulanlage Grossmatt, 1972 Alterssiedlung Kuchi und 1992 Pflegezentrum Zwyden, ab 1980 Verbauungsprojekt Steinibach, 1985 Segel- und Motorboothafen, 1990 Loppersaal, 1994 Tiefgarage Dorf, 1995 Chilezentrum Hostatt und 1997 Gemeindewerkhof.


Literatur
600 Jahre H., 1378-1978, 1978
Bilanz, 1988, Nr. 6, 28-32

Autorin/Autor: Peter Steiner