14/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Entlebuch (Vogtei, Amt)

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Ma. Adelsherrschaft, Ende 14. Jh. bis 1798 Luzerner Landvogtei, seit 1803 Amt LU. Das klimatisch raue Tal E. umfasst in neun Gemeinden zwischen Napf und Voralpen den Oberlauf der Kleinen Emme und der Ilfis. Einzelhofsiedlung herrscht seit dem MA vor; vom 16. Jh. an bildeten sich um die Pfarrkirchen Dörfer aus. 1453 2'260 Einw.; 1715 5'377; 1795 12'182; 1850 16'963; 1900 16'227; 1950 18'450; 1990 17'431; 2000 18'382.

Im Norden wurde die Gem. Werthenstein mit der ehemaligen Entlebucher Exklave Wolhusen-Markt (14. Jh. missglückte österr. Stadtgründung) erst 1889 endgültig dem Amt einverleibt. Der Name E. erscheint erstmals 1139. In mehreren Schüben vom 12.-20. Jh. bildete sich, ausgehend von der Kirche E. (1157 zu St. Blasien gehörig, später zur Herrschaft Wolhusen), die Pfarreiorganisation aus, die 1798 und 1803 für die Umschreibung der heutigen polit. Gem. massgeblich wurde. Das E. war im MA Teil der Herrschaft Wolhusen, deren Zentrum die beiden Burgen am Emmenknie waren. Ab dem 11. Jh. beherrschten die Frh. von Wolhusen vollständig das Tal. Die Herrschaft verfügte über die ganze Gerichtsbarkeit, die meisten Kollaturen und den Hochwald, in dem die Talleute fest umrissene Nutzungsrechte besassen. Als Besonderheit bildeten sich im MA die Kanzelgerichte aus, an denen die Kirchenrichter im Auftrag des Kirchherrn bis 1798 die niederen Gerichte wahrnahmen. Vor 1300 kaufte Österreich das Innere Amt Wolhusen mit dem E. Im Lauf des 14. Jh. war das ganze Amt als Pfand ausgegeben. Pfandherr Peter von Thorberg gebot dem Vordringen der Obwaldner über die Wasserscheide Einhalt (1380 Schlacht bei Sörenberg). Das E. als Land und die Talbewohner als Landleute erscheinen ab 1381, die Weibel ab 1382. Für die polit. Zukunft wurde das um 1385/86 mit Luzern geschlossene Burgrecht wegleitend. Das Land kam von der adligen unter städt. Herrschaft, die endgültig besiegelt war, als Luzern 1405 die Pfandschaft erwarb. Nach der Übernahme des benachbarten Landgerichts Ranflüh durch die Berner 1408 entbrannten langwierige Zwiste um überlappende Gebietsansprüche, die 1470 in der sog. Völligen Richtung beigelegt wurden. Die 1395-1798 gültige Landesverfassung sah die Vierzig vor, denen die Vierzehn entnommen waren, die zusammen mit dem Luzerner Vogt (die Fünfzehn) richteten. Ehrenämter waren der Landeshauptmann, der Landespannermeister und der Landesfähnrich, zu denen der Landesweibel und der Landschreiber traten. Der zur Herrschaft gehörende Hochwald wurde 1433 ausgemarcht und 1514 der Nutzung des Landes überlassen, das ihn 1596 unter die drei Ämter Escholzmatt, Schüpfheim und E. aufteilte, um 1800 sodann unter die Gemeinden und teilweise unter die ärmeren Landleute. Vom Ende des 14. bis zum 17. Jh. wiederholten sich Unruhen und Aufstände, die im Amstaldenhandel (1478) und im Bauernkrieg (1653) kulminierten, der vom E. aus fast auf die ganze Luzerner Landschaft und auf die angrenzenden Gebiete übergriff, namentlich auf das Emmental. Von 1491 stammt das durch Luzerner Stadtrecht ergänzte Landrecht. Während der Helvetik bildete das E. 1798-1803 den Distrikt Schüpfheim, ab 1803 ein Amt.

Das E. lag verkehrstechnisch abseits und wurde erst mit der Eröffnung der Bern-Luzern-Bahn 1875 Durchgangsland. Der Verkehr führte über die 1253 erwähnte Brücke Wolhusen und über die Rengg nach Norden, über Wissenbach (1775 Zollstätte) nach Westen. Im Tal lebten die Masse der Kleinbauern und Hintersassen wie auch die wenigen Grossbauern immer auf Einzelhöfen. Bis heute prägen Land- und Alpwirtschaft das E., das bereits um 1300 den Getreidebau auf den Anbau von Gerste beschränkt hatte. 1709 ist der Kartoffelanbau nachzuweisen. Emmentaler Handelshäuser brachten im 17. Jh. die Heimarbeit (Leinen) ins E. und übernahmen im 18. Jh. den Käseexport. Erst um 1830 traten eigene Käseexportfirmen auf. Der Waldreichtum förderte im 17.-18. Jh. die Holzflösserei auf der Kleinen Emme und der Ilfis ins Mittelland. Die Köhlerei ist bis auf wenige Meiler in Romoos verschwunden. Die seit 1433 nachweisbare Glasherstellung weitete sich 1723 im Flühli mit der Einwanderung von Glasern aus dem Schwarzwald aus; im 19. Jh. setzte die Holzknappheit dem Betrieb Grenzen. Industrie, v.a. Holzverarbeitung, siedelte sich im 20. Jh. an. Finsterwald ist der einzige Ort der Schweiz, wo bisher Erdgas gewonnen wird. Stark entwickelt hat sich in den letzten Jahrzehnten der Wintersport (Sörenberg und Marbach). Im Sept. 2001 wurde die Region E. von der Unesco in die Liste der Biospährenreservate aufgenommen. In der Bevölkerung verankert ist ein ausgeprägtes, geschichtlich gewachsenes Regionalbewusstsein.


Literatur
– A. Schmidiger, Das E. z.Z. der Glaubensspaltung und der kath. Reform, 1972
– S. Bucher, Bevölkerung und Wirtschaft des Amtes E. im 18. Jh., 1974
Kdm LU NF 1, 1987
– E. Waser, Die Entlebucher Namenlandschaft, 1988
– S. Jäggi et al., 850 Jahre Entlebucher Geschichtskunde, 1990
– O. Wicki, A. Kaufmann, Aus alter Zeit: Geschichten und Bilder aus dem E., 2003

Autorin/Autor: Fritz Glauser