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Basel (-Stadt)

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Seit der Trennung des Kantons Basel in die beiden Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft 1833 Halbkanton der Eidgenossenschaft. Dessen amtl. Name lautet seit der Verfassung von 1847 "Kanton Basel-Stadt", franz. Bâle-Ville, ital. Basilea-Città, rätorom. Basilea-Citad. Er ersetzte die auf dem Tagsatzungsbeschluss vom 26.8.1833 beruhende alte Umschreibung "Kanton Basel-Stadttheil". Amtssprache ist Deutsch. Die Kantonsverfassung nennt keine Hauptstadt. Seit 1876 ist die Einwohnergemeinde B. in den Halbkt. Basel-Stadt integriert und existiert verfassungsmässig nicht mehr.

Die Stadt B. liegt am südl. Rand der oberrhein. Tiefebene, am Rheinknie zwischen den äussersten nördl. Ausläufern des Juras und dem südwestl. Rand des Schwarzwaldes. Der Rhein sowie Birs, Wiese und Birsig haben die Topografie des heutigen Stadtgebiets geprägt. Der Rhein war Transportweg und zeitweise auch Grenze.

Fläche (1994)37,1 km² 
Wald / bestockte Fläche4,7 km²12,7%
Landwirtschaftliche Nutzfläche4,5 km²12,1%
Siedlungsfläche26,2 km²70,6%
Unproduktive Fläche1,6 km²4,3%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 1850190019501990a
Einwohner 29'698112'227196'498199'411
Anteil an der Gesamtbevölkerung der Schweiz1,2%3,4%4,2%2,9%
SpracheDeutsch 106'769180'786156'638
 Französisch 2'6208'4445'426
 Italienisch 2'3335'21812'842
 Rätoromanisch  101 487 288
 Andere  4041'56324'217
KonfessionProtestantisch24'08373'063124'43465'245
 Katholisch (bis 1900 inkl. christkatholisch)5'50837'10161'54850'705
 Christkatholisch  2'673 697
 Israelitisch 1071'8972'6201'666
 Andere und konfessionslos     0 1665'22381'098
 davon konfessionslos   68'807
NationalitätSchweizer22'87969'446180'145152'601
 Ausländer6'81942'78116'35346'810
Jahr 1905193919651995
Beschäftigte im Kanton1. Sektor1'520 789 419 342b
 2. Sektor31'94337'00662'74846'153
 3. Sektor20'06436'51274'375113'615
Jahr 1965197519851995
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen6,3%4,8%4,2%3,9%

a Einwohner 2000 188'079; erst Gesamtzahlen verfügbar

b gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:BFS, BLW und HistStat

1 - Von der Urgeschichte bis ins Frühmittelalter

1.1 - Die prähistorische Zeit

Älteste Siedlungsfunde datieren aus dem Moustérien (Spitzschaber, Rehhagstrasse) und dem Magdalénien (Hechtliacker). Aus dem Neolithikum stammen ein Grab der Glockenbecherkultur in Riehen sowie Streufunde in Kleinhüningen, Riehen und Bettingen. Zwischen dem 4. und 2. Jt. v.Chr. legte der Rhein seinen Lauf im typ. Knie fest. Das rechte Ufer ist seit der Bronzezeit besiedelt. Die späteren Siedlungsschwerpunkte sind bereits in der Bronze- und Eisenzeit belegt: das Kleinbasler Rheinufer, St. Alban, B.-Gasfabrik, der Münsterhügel und St. Martin, wobei aus der Mittel- und Spätbronzezeit (1500-800 v.Chr.) vorwiegend Streufunde ohne Siedlungsstrukturen sowie ein Depotfund (Elisabethenschanze) vorliegen. Einzelne frühlatènezeitl. Grabbeigaben (4. Jh. v.Chr.) in Kleinbasel stehen isoliert zwischen der Spätbronze- und der Spätlatènezeit.

Autorin/Autor: Rolf d'Aujourd'hui

1.2 - Die Spätlatènezeit

Zu Beginn des hist. Zeitalters war die Region am südl. Oberrhein von einer Bevölkerung bewohnt, die bei Caesar als Rauriker überliefert ist. In B. sind aus der Spätlatènezeit fünf Fundstellen, davon zwei bedeutende Siedlungen bekannt: Die ältere Niederlassung B.-Gasfabrik mit Gräberfeld (2. Jh.-1. Hälfte 1. Jh. v.Chr.) lag unbefestigt am linken Rheinufer. Nachgewiesen sind Werkstätten und Importe aus röm. Gebieten (u.a. Weinamphoren). Gruben mit reichhaltigen Funden, u.a. auch zahlreichen menschlichen Skelettteilen, lassen an rituelle Bestattungen denken. Die früher erwogene Identifizierung mit Arialbin(n)um (Tabula Peutingeriana) wird heute ebenso in Frage gestellt wie das Jahr 58 v.Chr. - das Jahr des Auszugs der Helvetier und Rauriker sowie der Schlacht bei Bibracte - als Zeitpunkt für die Auflassung von B.-Gasfabrik. Die jüngere Siedlung wurde spätestens Mitte des 1. Jh. v.Chr. auf dem Münsterhügel angelegt und mit einem Murus Gallicus befestigt.

Autorin/Autor: Rolf d'Aujourd'hui

1.3 - Die römische Zeit

Strategische Interessen Caesars führten nach 50 v.Chr. zu einem Bündnis zwischen Rom und den kelt. Völkern unserer Gegend und unter Munatius Plancus um 44/43 v.Chr. zur Gründung der Colonia Raurica, die gemäss Importfunden und voraugusteischen militär. Fundobjekten wohl im Oppidum auf dem Münsterhügel zu lokalisieren ist. Die Romanisierung der Region setzte jedoch erst mit der Neugründung der Kolonie Augusta Raurica unter Augustus um 15-10 v.Chr. ein. Der Münsterhügel wurde zur Militärstation und zum Stützpunkt für die Germanenfeldzüge unter Drusus und Tiberius. Archäologisch belegt sind ein Graben (Bäumleingasse), ein Spitzgraben (Augustinergasse) sowie Militärbauten und -funde unter dem Münster und an der Rittergasse. Während der Blütezeit von Augusta Raurica (1.-3. Jh. n.Chr.) war der Münsterhügel nur dünn besiedelt, hauptsächl. im Bereich des südöstl. vorgelagerten Vicus. Rechts des Rheins, im Gebiet der Gem. Riehen, lagen die Siedlung beim Landauer und der Tempel Pfaffenloh.

Ende des 3. Jh. wurde anlässl. der Wiederbefestigung der Rhein-Donau-Linie auf dem Münsterhügel ein Kastell angelegt, das vermutlich das ganze Plateau von 6 ha Fläche umschloss: Reste der Kastellmauer sind an der Rittergasse und im Schulhaus zur Mücke, Strukturen der Innenbebauung verschiedenenorts erhalten. Die von Augusta Raurica ausgehenden Fernstrassen verliefen beidseits des Rheins den Rändern der Talterrassen entlang. Der abseits gelegene Münsterhügel wurde über eine Nebenstrasse erschlossen. Diese führte entlang dem Hügelfuss durch die Birsigniederung über eine Strassenstation beim heutigen Fischmarkt ins Elsass. Die von der Birsigmündung in gerader Linie an der kelt. Siedlungsstelle B.-Gasfabrik vorbei zielende Strassenachse dürfte bereits in vorröm. Zeit angelegt worden sein. An den Zufahrtsstrassen lagen Gräberfelder: Aeschenvorstadt (Kastellfriedhof), St.-Alban-Vorstadt, St.-Johanns-Vorstadt, Totentanz.

Durch Ammianus Marcellinus ist B. für das Jahr 374 erstmals schriftl. bezeugt: "Valentiniano ... munimentum aedificanti prope Basiliam, quod appellant accolae Robur...". Dieser spätröm. Burgus sicherte vermutlich einen Rheinübergang; zur Diskussion stehen Fundamentreste am Reverenzgässlein und Befunde am Burgweg. In der Notitia Galliarum (390-413) ist B. als Civitas Basiliensium, als Ort von erneut zentralörtl. Bedeutung, dem Castrum Rauracense (Kaiseraugst) gegenübergestellt.

Autorin/Autor: Rolf d'Aujourd'hui

1.4 - Die alemannische und fränkische Zeit

Im 5. Jh. scheint die rom. Bevölkerung im Kastellbereich weiter gesiedelt zu haben, wie Funde - auch aus dem zugehörigen Friedhof - nahelegen. Die alemann. Landnahme rechts des Rheins ist belegt durch die Gräberfelder in Kleinhüningen (5.-8. Jh.), am Gotterbarmweg (5.-6. Jh.) und bei St. Theodor (6.-8. Jh.). Der Geograph von Ravenna (um 700 oder bald nach 800) führt B. (Bazela) und Augst im alemann. Gebiet auf. Links des Rheins deutet das Gräberfeld Bernerring (2. Hälfte 6. Jh.) auf fränk. Siedler hin. Im 6. und 7. Jh. wurde der Münsterhügel spärl. Funden zufolge zeitweise aufgesucht, war jedoch kaum dauernd bewohnt. Nach dem bereits für 343 und 346 überlieferten Bf. Iustinianus Rauricorum wird in der 1. Hälfte des 7. Jh. ein Bf. von Augst/Kaiseraugst und B. (Basileae) namens Ragnacharius erwähnt. Die Nennung B.s in der Titulatur könnte für eine Verlagerung des Bischofssitzes nach B. sprechen. Das Patrozinium der Martinskirche am nordwestl. Rand des Münsterhügels, einer der ältesten Kirchen der Stadt, lässt fränk. Präsenz vermuten; archäologisch konnte dies jedoch bisher nicht bestätigt werden. Im 7. Jh. entstanden neue Siedlungsstrukturen (Grubenhäuser, "Webkeller") auf dem Münsterhügel. Aus merowing. Zeit sind drei Goldmünzen bekannt, deren Prägung B. zugeschrieben wird, darunter der in der 1. Hälfte des 7. Jh. geprägte Triens des Münzmeisters Gunso mit der ersten inschriftl. Namensnennung der Stadt: Basilia fit. In der 1. Hälfte des 8. Jh. (um 728) scheint das Bistum Strassburg B. einbezogen, ein Bistum B. nicht bestanden zu haben.

Wie in andern Städten verlagerte sich in B. im FrühMA die Besiedlung vom antiken Stadtkern in das Umfeld des röm. Kastells, dies u.a. unter dem Einfluss der gewandelten Wirtschaftsweise (von Handel und Gewerbe hin zur Agrarwirtschaft) und der polit. Organisation (kleinere, untereinander locker verbundene Personenverbände).

Autorin/Autor: Rolf d'Aujourd'hui

1.5 - Die Anfänge der mittelalterlichen Stadt

Im Vertrag von Mersen (870) werden Basula und der dazugehörige Gau Basalchowa erwähnt. Die Reorganisation der Diözese B., die in der 2. Hälfte des 8. Jh. von Bf. Baldobertus eingeleitet und von Waldo und Haito fortgesetzt wurde, setzte auch siedlungsmässig Zeichen für einen Neubeginn. Haito baute an der Stelle "zerfallener Ruinen" (Reichenauer Inschrift) eine Kathedrale, vermutlich das sog. Rundturm-Münster, und stiftete ein Ziborium. Siedlungsspuren aus dieser Zeit wurden in der südwestl. Münsterplatz-Hälfte entdeckt (Grubenhäuser). Gräbergruppen aus dem 8. und 9. Jh. vor der ehem. St.-Ulrichskapelle, der zum Münster gehörenden, ehem. Taufkapelle St. Johann sowie auf der Pfalz deuten auf versch. Begräbnisplätze hin. Am linken Rheinufer ist für das 9. Jh. die Kirche Sankt Alban bezeugt. Am Kleinbasler Ufer stand vermutlich eine Holzkirche bei St. Theodor (drei beigabenlose Plattengräber und Keramikscherben aus karoling. Zeit). Durch die Teilung des Frankenreichs im Vertrag von Verdun (843) wurde B. Grenzort des Mittelreichs. Erhalten sind Basler Münzprägungen aus der Zeit Ks. Lothars I. (840-855). Siedlungsspuren sind, ausser wenigen Streufunden, kaum vorhanden, konkrete Rückschlüsse auf Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen dieser Zeit mangels archäolog. und hist. Quellen nicht möglich.

Autorin/Autor: Rolf d'Aujourd'hui

2 - Herrschaft, Politik und Verfassung vom Hochmittelalter bis zur Kantonstrennung

2.1 - Unter fürstbischöflicher Herrschaft

Nach der Auflösung des karoling. Mittelreichs (870) ging B. an das ostfränk. Reich, in der 1. Hälfte des 10. Jh. an das Zweite Königreich Burgund, vermutlich als Teil des Tauschpreises für die Hl. Lanze, die Rudolf II. von Burgund 926 oder 935 Kg. Heinrich I. übergab. 917 wurde offenbar auch B. von den Ungarn heimgesucht, denen gemäss der Inschrift auf dem im Münster erhaltenen Sarkophag Bf. Rudolf II. zum Opfer fiel. Bf. Adalbero II. erhielt 999 die Abtei Moutier-Grandval geschenkt, womit der Grundstock für den späteren Bischofsstaat gelegt war. 1006 gelangte B., womögl. als Faustpfand für die burgund. Erbschaft, an das Reich, dem es 1032, nach dem Tode Rudolfs III. von Burgund, eingegliedert wurde. Im 11. Jh. standen die Bf. von B. in der Gunst Ks. Heinrichs II. und der Salier. Ein Zeugnis davon ist das von Heinrich II. gestiftete und 1019 geweihte spätotton.-frührom. Münster.

Seine Stadtherrschaft übte der Fürstbf. mittels Beamten aus dem Ministerialenstand aus. Genaueres ist allerdings erst aus dem 12. und 13. Jh. überliefert. Eine bischöfl. Verwaltung, erschliessbar aus der Erwähnung bestimmter Ämter (u.a. Vogt, Schultheiss, Vitztum, Münzmeister, Zollmeister), wurde in dieser Zeit aufgebaut. Manche Ämter waren erbl. und verfestigten sich zu Familiennamen. Zu den zentralen stadtherrl. Kompetenzen zählten die vom Reich übertragenen Gerichtsrechte, die Steuergewalt, die Kontrolle über das Münzwesen, den Markt, die Masse und Gewichte sowie die ehaften Gewerbe der Grundversorgung (u.a. Bäcker).

Nachdem mit dem Tod Berchtolds V. (1218) die Herrschaft der Zähringer über das rechtsrhein. Gebiet beendet war, liess Bf. Heinrich II. von Thun (1216-38) als Basis für einen territorialpolit. Vorstoss in den Schwarzwald (der scheitern sollte) eine Rheinbrücke erstellen. Damit wurde der planmässige Ausbau der mit eigenen Rechten (Richthaus, Pfarrkirche St. Theodor) ausgestatteten Stadt Kleinbasel ausgelöst. Stadtherr war der Fürstbf. von B., kirchl. gehörte Kleinbasel zur Diözese Konstanz.

Anfänge einer städt. Selbstverwaltung sind vom frühen 13. Jh. an fassbar: Ein aus Rittern und Bürgern zusammengesetzter Rat (urkundl. ab 1185/90 erw.), der ein eigenes Siegel führte, trug zusammen mit dem Schultheissen, dem Bürgermeister und dem Stadtschreiber die Verantwortung für die Stadtgemeinde. Zu den Bürgern zählten im 13. Jh. nur die reichen Liegenschaftsbesitzer und Kaufleute. 1218 wurde der Rat durch Kg. Friedrich II. aufgehoben, vor 1225 von neuem eingerichtet. Er bestand aus vom Fürstbf. ernannten Rittern und Bürgern, wobei die Zusammensetzung noch nicht fest geregelt war. Um die Mitte des 13. Jh. trat neben den Vogt, der den Fürstbf. als Stadtherrn vertrat, und den Schultheissen, dem das Gerichtswesen unterstand, der Bürgermeister (ab 1253 bezeugt). Während sich in der Folge die Kompetenzen des Vogtes und des Schultheissen zurückbildeten, entwickelte sich der Bürgermeister immer mehr zum polit. Führer der Stadtgemeinde.

In Auseinandersetzungen zwischen dem Fürstbf. und der Stadtgemeinde, die 1247 in der Zerstörung der bischöfl. Pfalz (wohl ident. mit der alten Königspfalz) gipfelten, setzte sich Ersterer dank dem durch die Bettelorden gestützten Interdikt durch. Die (nicht erhaltene) Handfeste von ca. 1260 bestätigte seine stadtherrl. Rechte.

Beginnend mit Kg. Rudolf I. waren die Habsburger bestrebt, sich in B. festzusetzen, vermutlich um die Stadt zu ihrer Residenz zu erheben. Sie stützten sich auf eine ihnen ergebene Partei sowie bis um 1300 auf prohabsburg. gesinnte Fürstbischöfe. Ein 1270-73 geführter Krieg zwischen dem Fürstbf. und Rudolf wurde mit Rudolfs Wahl zum Kg. beigelegt. Habsburgs Bemühungen um B. scheiterten im Lauf des 14. Jh. am Widerstand der Fürstbf. aus dem Burgundischen und der antihabsburg. Partei in der Stadt. Im Verlaufe dieser Auseinandersetzung hatten sich zwei Rittergesellschaften gebildet, die anfängl. den Fürstbf. unterstützenden "Psitticher" und die für Habsburg eintretenden "Sterner". Deren polit. Rivalitäten bestanden bis ins 14. Jh. hinein und wurden dadurch entschärft, dass alternierend ein Sterner bzw. ein Psitticher das Bürgermeisteramt bekleidete.

Autorin/Autor: Werner Meyer

2.2 - Kommunale Emanzipation im Spätmittelalter

Von der Mitte des 13. Jh. an und in teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen sicherte sich die Gem. gegenüber dem Fürstbf. eine erhebl. Autonomie. Diese äusserte sich u.a. im selbstständigen Abschluss von Bündnissen (z.B. 1310 mit der Stadt Strassburg) und im Kauf von Liegenschaften inner- und ausserhalb der Stadtmauern.

Die durch die verheerenden Konflikte des Fürstbf. im 14. Jh. hervorgerufene Zerrüttung der bischöfl. Finanzen erlaubte es der Stadt B., sich schrittweise von der Herrschaft des Bf. zu lösen. Nach der neuen Handfeste von 1337 umfasste der Rat vier Ritter, acht Vertreter der lehnsfähigen Bürgerschaft (daher die Bezeichnung "Achtburger" für die ratsfähigen Fam.) und fünfzehn Zunftmitglieder; hinzu kamen ab 1382 die Meister der fünfzehn Zünfte. Diese bildeten überdies ein eigenes Kollegium unter dem Vorsitz des Oberstzunftmeisters (Zunftmeister), der neben dem Bürgermeister das grösste polit. Gewicht hatte. Während bis um 1500 der vom Fürstbf. ernannte Bürgermeister dem Ritterstand angehörte, kamen für das Amt des Oberstzunftmeisters auch Achtburger in Frage. Über die vom Rat bestimmten "Kieser", die den neuen Rat zu wählen hatten, erneuerte der Rat sich alljährl. selber. Bürgermeister, Oberstzunftmeister und Rat bildeten die städt. Obrigkeit, deren Kompetenzen sich auf das ganze öffentl. Leben erstreckten. Die alten bischöfl. Herrschaftsrechte lebten im 15. Jh. in Repräsentationsformen noch bei der Besetzung der wichtigsten Ämter fort, die sich als feierl. Ritual abspielte. Zwischen 1360 und 1390 brachte die Stadt B. durch Pfand oder Kauf die wichtigsten Herrschaftsrechte an sich (u.a. Steuer, Zoll, Münze, Judensteuer, Vogtei, Schultheissenamt), was ihr zwar fakt. die Souveränität sicherte, wegen der verbliebenen, erst im 16. Jh. abgelösten bischöfl. Kompetenzen aber nicht zum Status einer freien Reichsstadt verhalf. Zusammen mit der weitgehenden Beseitigung der bischöfl. Herrschaft gelang es B. auch, die polit. Ansprüche Habsburgs abzuweisen.

Auswahl des in Zünften organisierten Gewerbes (um 1500)
HerrenzünfteZunft zum Schlüssel (Kaufleute)Tuchhändler, Tuchscherer
 Zunft zu Hausgenossen (Bärenzunft)Glockengiesser, Goldschmiede, Münzer, Wechsler
 Zunft zu WeinleutenWeinhändler, Weinschenken
HandwerkerzünfteZunft zu Rebleuten 
 Zunft zu Metzgern 
 Zunft zu Fischern und Zunft zu Schiffleuten 
 Zunft zu Gerbern und Zunft zu Schuhmachern 
 Zunft zu Safran (Krämer)Apotheker, Buchbinder, Heiligenmaler, Hutmacher,
  Krämer, Spengler, Weissgerber
 Zunft zu BrotbeckenFeilbäcker, Kornmesser
 Zunft zu SchmiedenHufschmiede, Kupferschmiede, Messerschmiede, Müller,
  Schlosser, Uhrenmacher, Waffenschmiede
 Zunft zu Schneider und Zunft zu KürschnernNäher, Seidensticker
 Zunft zu GartnernGärtner, Gremper, Karrer, Köche, Korbmacher,
  Seiler, Wirte
 Zunft zu SpinnwetternGipser, Maurer, Wagner, Zimmerleute, Drechsler,
  Dachdecker, Küfer, Steinmetzen, Ziegler
 Zunft zum Himmel und Zunft zum Goldenen SternBader, Glaser, Maler, Sattler
 Zunft zu WebernBleicher, Färber, Spinner, Wollenweber

Quellen:R. Teuteberg, Basler Gesch., 1988

Der Bevölkerung bemächtigte sich vom späten 14. Jh. an eine durch den gesellschaftl. Wandel, Interessenkonflikte und krisenhafte Erschütterungen genährte soziale Unrast, die sich in Parteikonflikten unter den Führungsgruppen und in Revolten der Handwerker gegen missliebige Personen und Gruppen entlud (z.B. Böse Fasnacht 1376). Die Auseinandersetzungen, die von stets neu zusammengesetzten Konfliktgruppen getragen wurden und oft gegen die als korrupt geltende Oberschicht gerichtet waren, bewirkten bis um 1500 eine Stärkung der Zünfte im Rat, auch wenn das 1385 nach dem Vorbild Strassburgs errichtete Ammeisteramt, das durch seine Kontrollfunktionen (z.B. Stadtrechnung) den Zunfthandwerkern den Rücken stärken sollte, 1417 wieder aufgehoben wurde.

Einen wichtigen Schritt für die weitere Entwicklung der Stadt bildete 1392 die Vereinigung mit Kleinbasel, ermöglicht durch die Erwerbung der bischöfl. Herrschaftsrechte. In den amtl. Akten spiegelt sich vom ausgehenden 14. Jh. an ein Ausbau des städt. Verwaltungs- und Militärwesens. Schreibgeschäfte oblagen der Kanzlei. Über den Finanzhaushalt liegen von 1360 an detaillierte Ausgaben- und Einnahmenrechnungen vor. Für öffentl. Aufgaben (z.B. Bau- und Münzwesen, Gewerbe- und Preiskontrolle, Wasserversorgung, Grenzmarkierungen) setzte der Rat städt. Beamte und Ratsausschüsse ein. Den Stadtfrieden sicherten Polizeibestimmungen gegen Lärm, Unfug, Waffentragen usw., die von den wenig beliebten Rats- oder Stadtknechten überwacht wurden. Sichtbaren Ausdruck fand der polit. und wirtschaftl. Aufstieg B.s in der Errichtung öffentl. Bauten (u.a. neues Rathaus um 1340, Zeughaus, Kornhaus, Werkhöfe, Spital) und v.a. des Äusseren Mauerrings am Ende des 14. Jh.

Gegen Katastrophen (Feuer, Eisgang auf dem Rhein, Überschwemmungen, krieger. Bedrohungen) erstellte der Rat im 15. Jh. Alarmvorschriften von allerdings zweifelhafter Wirksamkeit. Zur Stadtverteidigung waren den Zünften Abschnitte am Äusseren Mauerring zugewiesen. B. verfügte über ein Zeughaus, in dem vom späten 14. Jh. an eine relativ leistungsfähige Artillerie eingelagert war. Für militär. Unternehmungen im Feld stützte sich B. ausser auf die Kontingente der Zünfte auch auf eine berittene Söldnertruppe und einbürgerungswillige Hintersassen.

Die polit. Selbstständigkeit erlaubte der Stadt eine aktive Bündnis- und Territorialpolitik, was sie allerdings wiederholt in krieger. Konflikte verstrickte. Das Verhältnis zur Eidgenossenschaft gestaltete sich im 15. Jh. wechselhaft. Streitigkeiten gab es in der 2. Hälfte des 15. Jh. wiederholt mit Solothurn, dessen territorialpolit. Interessen im Sisgau mit denjenigen B.s kollidierten. Letztl. waren es die Erfahrungen aus dem Schwabenkrieg, die 1501 zum Anschluss an die Eidgenossenschaft führten (s. Art. Kt. Basel).

Autorin/Autor: Werner Meyer

2.3 - Kommunale Entwicklung vom 16. bis 18. Jahrhundert

In den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jh. erhielt die Basler Ratsverfassung ihre bis 1691 massgebl. Ausgestaltung: 1506 wurden nach mehrjährigem Streit um die Handfeste formelle Rechte des Bf. bei der Ratsbesetzung nochmals bestätigt, gleichzeitig aber Angehörige der 15 Zünfte in das Kieserkollegium aufgenommen. Eine weitere Stärkung erfuhren die Zünfte 1515, als der Rat den Mitgliedern der patriz. Gesellschaft der Hohen Stube alle Vorrechte beim Zugang zu polit. Ämtern entzog. 1516 wurde mit Jakob Meyer zum Hasen erstmals ein zünft. Ratsherr in das Bürgermeisteramt gewählt, das bis dahin ausschliessl. von Rittern und Achtburgern besetzt worden war.

1521 erfolgte der letzte und entscheidende Schritt auf dem Weg zur vollst. Emanzipation der Stadt vom Bf.: Der Rat sagte sich einseitig von der bischöfl. Oberhoheit los und nahm die Ratsbesetzung sowie die Wahl der Häupter (zwei Bürgermeister, zwei Oberstzunftmeister) nun auch formell in eigener Kompetenz vor. Zudem wurde der - freilich nur noch theoret. - Anspruch der Hohen Stube auf acht Ratssitze nicht mehr anerkannt. Der Pensionensturm, eine Auseinandersetzung um die Annahme franz. Gelder, führte im gleichen Jahr zum Ausschluss einiger prominenter Vertreter der drei Herrenzünfte (Kaufleute, Hausgenossen, Weinleute) aus dem Rat. Die Handwerkerzünfte vermochten dabei ihren Anteil an Ämtern und Kollegien gegenüber den im Handel und Geldgeschäft tätigen Herrenzünftern weiter zu vergrössern.

Nach 1520 zeigte sich in B. offene Opposition gegen traditionelle Glaubensformen, indem gezielt Fastengebote gebrochen und Prozessionen gestört wurden. Im Rat bildete sich eine altgläubige Partei um den patriz. Bürgermeister Heinrich Meltinger und eine neugläubige Partei um den Oberstzunftmeister Jakob Meyer zum Hirzen. Dazwischen stand eine um Ausgleich bemühte Gruppe mit dem zweiten Bürgermeister Adelberg Meyer zum Pfeil. Die Reformation, die 1529 wesentl. auf Druck der Zunftgemeinde zum Durchbruch kam, brachte eine nochmalige Ratsumbildung: Zwölf altgläubige Vertreter der patriz.-herrenzünft. Führungsschicht mussten die Stadt verlassen. Ausserdem erfüllte der Rat teilweise die Forderungen der Zunftgemeinde nach mehr Einfluss auf die Wahl der Zunftvorstände, welche allein als Ratsmitglieder nachrücken konnten.

Bereits 1533 wurde aber dieses Zugeständnis an die Zunftbasis wieder rückgängig gemacht und für die Erneuerung der Zunftvorstände und des Rats wiederum das 1521 begr. und bis 1691 gültige Wahlverfahren bestätigt: Der Kl. Rat, der die Regierungsgewalt innehatte, bestand aus zwei jährl. wechselnden Hälften, die in der Regel gemeinsam tagten und als einheitl. Behörde auftraten. Jede Zunft stellte zwei Ratsherren und zwei Zunftmeister (einen für jede Hälfte). Den Vorsitz führten die Häupter, welche von beiden Ratshälften gemeinsam gewählt wurden. Die neuen Ratsherren wurden jedes Jahr von der abtretenden Ratshälfte gewählt, die neuen Zunftmeister von den Zunftvorständen. Zur Sanktionierung bestimmter Ratsbeschlüsse wurde sporadisch der Gr. Rat einberufen, dem die zwölf Sechser einer jeden Zunft, die Vorstände der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften sowie die Schultheissen der beiden Stadtgerichte angehörten. Der Gr. Rat stellte damit vornehml. eine erweiterte Vertretung der Zünfte dar und sollte insbes. in Krisensituationen eine breitere Abstützung polit. Entscheidungen sichern. Die Zunftgenossen besassen - abgesehen von zwei kurzen Phasen in der Reformationszeit und nach den revolutionären Änderungen von 1691 - nur ein passives Wahlrecht, indem sie im Fall einer Vakanz im Zunftvorstand von diesem durch Kooptation als Sechser gewählt werden konnten. Offene Stellen im Kl. Rat wurden ebenfalls durch Kooptation ausschliessl. aus dem Kreis der Zunftvorstände neu besetzt.

Eine Vielzahl von Ratskomm. und -kollegien trugen die regulären Regierungs- und Verwaltungsaufgaben, die sich sowohl auf die Stadt wie auf das ländl. Untertanengebiet bezogen. Den bedeutendsten Ausschuss stellte der Dreizehnerrat (oder Geheime Rat) dar. Urspr. ein Kriegsrat, wurde er zum ständigen vorbereitenden und ausführenden Organ des Kl. Rats. Die wichtigsten Aufsichtsfunktionen im Bereich der Finanzverwaltung lagen bei den Dreierherren und nach 1616 bei der als übergeordnete Finanzbehörde neu geschaffenen "Haushaltung". Die Rechtsprechung in Zivilsachen übernahmen die beiden Stadtgerichte, d.h. die Schultheissengerichte von Gross- und Kleinbasel, in denen Angehörige des Kl. wie des Gr. Rats als Urteilssprecher sassen. Die hohe Gerichtsbarkeit lag beim neuen Kl. Rat und den Urteilssprechern der Stadtgerichte. Die Siebnerherren führten die Voruntersuchung in Strafsachen, die vor den Kl. Rat gelangten. Als Appellationsinstanzen schliessl. wirkten je nach Sachbezug Ausschüsse des Kl. Rats, Revisoren und Appellationsherren. Neue Verwaltungsaufgaben ergaben sich für den Rat nach der Reformation aus der Aufsicht über kirchl.-soziale Institutionen (Pfleger, Deputatenamt, Kirchenrat) und aus der Besetzung des Bann- und Ehegerichts.

Ämter von geringerer Bedeutung (ein Teil der Landvogteien, Gerichtsstellen, Pflegerstellen) wurden auch ausserhalb des Kl. Rats an Zunftangehörige - in der Regel Zunftvorstände - vergeben. Aber alle wichtigen Funktionen konzentrierten sich in den Händen einer engeren polit. Führungsschicht innerhalb des Kl. Rats. Indem die Stellen im Zunftvorstand und im Rat auf Lebenszeit vergeben wurden und gelegentlich Ergänzungswahlen durch Kooptation erfolgten, verkleinerten sich die Aufstiegschancen von Angehörigen der Zunftgemeinde. Die theoret. Regimentsfähigkeit aller zünftigen Bürger wurde zudem indirekt durch die allg. übliche Erhebung von Wahlgeldern und die unerlässl. Wahlbeeinflussung durch Bestechungsgelder eingeschränkt. Die Tendenz zur Oligarchisierung der Zunftherrschaft wird bereits in den 1530er Jahren erkennbar: Die Herrenzünfte vermochten ihr polit. Gewicht nach 1533 wieder auf Kosten der Handwerkerzünfte zu verstärken. Ausserdem vertiefte sich innerhalb der Handwerkerzünfte der soziale Abstand zwischen der Zunftgemeinde und den Spitzen im Vorstand und im Kl. Rat zunehmend. Die Möglichkeit, sich in zwei Zünfte einzukaufen (Doppelzünftigkeit), erlaubte es Angehörigen der Herrenzünfte, auch Ratsstellen von Handwerkerzünften zu besetzen und damit im 17. Jh. ein weitgehendes polit. Übergewicht der Grosskaufleute und Fabrikanten zu erringen.

Der einseitige Ausbau von Machtpositionen im Kl. Rat durch die Fam. Burckhardt und Socin war Anlass für die revolutionäre Bewegung des sog. 1691er-Wesens. Es endete mit einer Umgestaltung der verfassungsmässigen Ordnung, die in der neuen Form bis 1798 Bestand hatte: Als bleibende revolutionäre Veränderung war der Gr. Rat (unter Einschluss des Kl. Rats 282 Mitglieder) die "Mehrere Gewalt", oberstes Staatsorgan und damit Inhaber der Souveränität. Er tagte nun regelmässig (ab 1718 monatl.) und konnte gesetzgeberisch aktiv werden. Ihm standen die letzten Entscheidungen zu betreffend Aussenpolitik, Truppenaufgebote, Staatsverträge und Steuererhebung. Er wählte die Häupter und die Zunftratsherren. Er ernannte die Dreierherren, den Rats- und den Stadtschreiber, sämtl. Gesandten sowie die Direktoren der Schaffneien, und er besetzte die Landvogteien (ausgenommen die beiden Schultheissenstellen von Liestal). Dem Kl. Rat blieb neben der Besetzung der Vielzahl kleinerer Stellen die Wahl des Dreizehnerrats sowie die Besetzung der beiden Stadtgerichte. 1718 wurde die gezielte Beeinflussung der Wahlen und damit die Errichtung einer patriz. Familienherrschaft im engeren Sinn durch die Einführung des Loses in das Wahlverfahren prakt. verunmöglicht. Bezügl. der Rechtsetzung waren die Kompetenzen von Gr. und Kl. Rat nicht klar voneinander geschieden. In der Praxis blieb der Kl. Rat die eigentl. obrigkeitl. Behörde, welche mit ihren Komm. und Kollegien Regierung und Verwaltung übernahm. Zur Stabilisierung dieser polit. Ordnung trug bei, dass ein vergleichsweise grosser Teil der Bürgerschaft durch eine der zahlreichen Amtsfunktionen in das System eingebunden war.

Autorin/Autor: Hans Berner

2.4 - Kommunale Entwicklung von der Helvetik bis zur Kantonstrennung

Mit der Einführung eines einheitl. schweiz. Bürgerrechts in der Helvetik erfolgte auch in B. die Aufteilung in zwei Gemeindekörperschaften: die Einwohnergemeinde ("Munizipalität") und die Bürgergemeinde. Deren Grösse entwickelte sich unterschiedlich (Anteil der Bürger an der Stadtbevölkerung 1779 51%, 1815 37%). In B. komplizierte sich dieses Nebeneinander dadurch, dass in der Tradition des Stadtstaats viele kommunale Angelegenheiten kantonal geregelt wurden.

Verwaltungsmässig kam diese Dualität in der Helvetik allerdings kaum zum Tragen, und in der Mediation wurde sie durch die Schaffung einer einzigen "Stadtgem." vorübergehend zurückgenommen. Deren Organe (Gr. Stadtrat mit 64 Mitgliedern, Kl. Stadtrat mit 24 Mitgliedern) wurden nach einem Zensus gewählt; wählbar waren nur vermögende Stadtbürger. 1828 erfolgten eine Erweiterung des Gr. Stadtrats um 32 Mitglieder und eine Beschränkung auch des aktiven Wahlrechts auf Stadtbürger.

Zu Auseinandersetzungen kam es bei der Ausscheidung von Staats- und Gemeindegütern nach der Helvetik. Der Stadtgem. wurden neben Liegenschaften und Waldungen auch das Bürgerspital und das Waisenhaus zugewiesen. Für die laufenden Ausgaben wurden ihr versch. Abgaben und Zollrechte überlassen. Deren Umfang war umstritten, richtete sich jedoch nach dem vorgesehenen Aufgabenbereich. Dieser umfasste sowohl munizipale Angelegenheiten (Polizei, Bauwesen, städt. Infrastruktur) als auch jene der Bürgergem. (Bürgerspital, Waisenhaus, Armenpflege).

Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im Hoch- und Spätmittelalter

3.1 - Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung

Das SpätMA bedeutete für B. eine Epoche vielseitigen, wenn auch wechselvollen Wachstums. Zwischen 1300 und 1500 stieg die Bevölkerungszahl, v.a. durch Zuwanderung, von 6'000 auf 10'000 Einw. an. Allein im 15. Jh. wurden 14'100 Personen in das Basler Bürgerrecht aufgenommen. Die wiederholten, meist pestbedingten Bevölkerungskrisen (insbes. 1349, 1395, 1418-19, 1439) bremsten diese Entwicklung nur vorübergehend. Das Erdbeben von 1356 brachte nur geringfügige Verluste an Menschenleben. Das Konzil von Basel (1431-48) hatte wegen der Teilnehmer und ihres Gefolges sowie wegen des intensiveren Handels einen vorübergehenden Bevölkerungsanstieg zur Folge, ebenso der St. Jakoberkrieg (1443-49) wegen der Söldner und der Flüchtlinge aus dem Sundgau. Die permanenten Zuwanderungen des 14. und 15. Jh. erfolgten mehrheitl. aus dem Elsass und Breisgau und aus süddt. Städten, nach 1400 verstärkt aus den Untertanengebieten B.s im Sisgau.

Auf dem Münsterhügel, "auf Burg", etablierte sich im Umfeld des Bf. die höf. Gesellschaft. In der frühstädt. Siedlung am Birsig liessen sich Handwerker und Händler nieder. Das besiedelbare Gelände war hier auf das trockene, am Hangfuss gelegene Gebiet links des Birsigs beschränkt, wo die ma. Siedlungsspuren im 10. Jh. einsetzen. Die Verbindung zum Münsterhügel verlief vermutlich über eine Brücke unterhalb des Schlüsselbergs. Die Anfänge der Gewerbesiedlung gehen wohl auf eine Marktstelle bei einer wenig oberhalb der Mündung am Birsig gelegenen Lände (beim heutigen Fischmarkt) zurück. In diesem Bereich lagen die Kapellen der hl. Ursula und Brendan (Patrone der Schiffsleute), die Rückschlüsse auf Fernbeziehungen (Köln?) gestatten. Ihre Standorte können nicht mehr genau lokalisiert werden.

Die in den 1930er Jahren am Petersberg entdeckten Reste von Holzbauten aus dem 10./11. Jh. erfuhren Ergänzung durch neue Befunde entlang der Stadthaus- bzw. Schneidergasse bis zum Rümelinsplatz. Diese gestatten Rückschlüsse auf die Entwicklung der Grundstücks- und Bebauungsstrukturen seit dem 11. Jh. in der unteren Talstadt am Birsiglauf: Vom 11. bis 13. Jh. standen regelmässig angeordnete Holzbauten (Buden) längs der Strassen und Steinhäuser (Wohnen) im hinteren Teil der Parzellen; dazwischen lagen Hofzonen (Werkstätten). Im 14. Jh. führten Parzellenteilungen (Bevölkerungszuwachs, Erbteilungen) zum Ausbau und zur "Versteinerung" der strassenseitigen Zonen und Fassaden. Die ma. Bausubstanz und der städtebauliche Habitus (Parzellenstrukturen, Fassadengliederung) prägen noch heute das Altstadtbild B.s.

Von der Jahrtausendwende an war Sankt Peter, an der oberen Talkante gelegen, Begräbniskirche (Totengässlein). In markanter Spornlage wurde anfangs des 12. Jh. das Augustinerkloster St. Leonhard angelegt. Im Zentrum der unteren Talstadt wurde in der 2. Hälfte des 11. Jh. die Andreaskapelle erbaut und im 13. Jh. mit einem Friedhof ausgestattet.

In der oberen Talstadt setzte die Besiedlung im Areal Barfüsserkirche um 1100 ein. Im 12. Jh. erfolgte die bauliche Erschliessung zu beiden Seiten des Birsigs: Strassenraster, Parzellierung und Steinhäuser sind im Gebiet Gerbergasse, Falknerstrasse und Weisse Gasse vom 13. Jh. an nachweisbar. Der Talhang westl. des Birsigs war im 12. und 13. Jh. terrassiert und locker bebaut.

Im letzten Viertel des 11. Jh. wurde die Kernstadt befestigt. Die sog. Burkhardsche Stadtmauer - Befestigungsanlagen sind im Gründungsbericht des um 1083 von Bf. Burkhard von Fenis errichteten Klosters St. Alban erw. - wurde am westl. Terrassenrand längs des Leonhards- und Petersgrabens an versch. Stellen nachgewiesen. Die Kirchen St. Peter und St. Leonhard liegen innerhalb des Mauerrings. Die Zone zwischen Talkante und Stadtmauer (Heuberg, Nadelberg) wurde vom 11. Jh. an von Gefolgsleuten des Bf. besiedelt. Der Verlauf der Mauer in der Talsenke, zwischen Leonhardssporn und Münsterhügel, ist noch unbekannt. Östl. des Birsigs wurde im 12. Jh. der bischöfl. Vorstadtbereich mit der Dompropstei ummauert (St.-Alban-Graben-Steinenberg). Um die Mitte des 13. Jh. wurden die beiden ummauerten Bereiche westl. und östl. des Birsigs zum geschlossenen Inneren Mauerring ausgebaut: Westl. des Birsigs errichtete man 3-5 m ausserhalb der Burkhardschen Mauer eine neue, mächtigere Wehrmauer. Zwischen den beiden Mauern entstand ein Rondenweg. Ältere Türme wurden stellenweise integriert. Die sumpfige Niederung beim Barfüsserplatz wurde durch eine mächtige Sperrmauer abgeriegelt. In der Kernstadt entstand im 12. und 13. Jh. eine dichte Überbauung, deren Struktur das oben umrissene Sozialgefüge der Stadt spiegelt. Das Stadtbild wurde dominiert von den zahlreichen Pfarr- und Klosterkirchen, namentl. vom Münster, der Ende des 12. Jh. an Stelle des Heinrichsmünsters im spätrom. Stil neu erbauten bischöfl. Kathedrale. Neben die zahlreichen Wohntürme der vornehmen Oberschicht, deren Errichtung 1180 von Ks. Friedrich I. der Kontrolle des Bf. unterstellt worden war, traten im 13. und 14. Jh. palazzoartige Höfe.

Im St.-Alban-Tal entstand im 12. Jh. die Gewerbesiedlung beim Cluniazenserpriorat mit Kanälen, Teichen und Mühlen. Rechts des Rheins wurden die Dörfer Ober- und Niederbasel (1113 obern Basel) durch die zwischen 1225 und 1250 angelegte Stadt Kleinbasel abgelöst. Um diese Zeit erfolgte auch der Bau der Rheinbrücke. Die alte Pfarrkirche St. Theodor wurde in die 1255 erstmals erw. Befestigung Kleinbasels einbezogen. Die Funktion massiver Fundamentreste beim Reverenzgässlein ist ungewiss. Sie könnten zum spätröm. Burgus oder zu einer Burg der Zähringer gehört haben, die das Territorium rechts des Rheins bis 1218 beherrscht hatten. Ende des 13. Jh. wurde Kleinbasel um das Areal des Grossen Klingentalklosters erweitert.

Im 13. Jh. erfuhr das Stadtbild prägende Veränderungen. Versch. städtebauliche Massnahmen erforderten eine koordinierte Planung. So bewirkten neue klösterl. Niederlassungen (u.a. Dominikaner, Franziskaner, Augustiner, Deutschritter, Johanniter) den Teilabbruch und Neubau von Stadtmauern (Klingental und Barfüsserkirche), am Barfüsserplatz auch Aufschüttungen und ausgedehnte Geländeplanierungen. Für die Abnahme der neuen Rheinbrücke und Strasse musste die sumpfige Überschwemmungszone des Birsigs auf der Grossbasler Seite trockengelegt werden (2-3 m mächtige Aufschüttungen). Marktplatz und Rathaus wurden vom heutigen Fischmarkt an die neue Strassenachse Rheinbrücke-Freie Strasse verlegt. Das Rathaus, anfänglich an der nördl. Stirnseite des Marktplatzes situiert, wurde im 14. Jh. am heutigen Standort neu erbaut. An dieser Marktstrasse standen auch die meisten Zunfthäuser. An den Ausfahrtstrassen entstanden die Vorstädte, die z.T. bereits im 13. Jh. befestigt wurden (St. Alban, Spalen). Dieser Vorgang wurde u.a. durch die dort angelegten Klöster beschleunigt. Der 1362-98 erbaute Äussere Mauerring fasste die nach eigenen Gesetzmässigkeiten gewachsenen Vorstädte zum Areal der spätma. Stadt zusammen. Dessen Innenfläche wurde erst im 19. Jh. vollst. überbaut. Rückschläge in der baulichen Entwicklung brachten grössere Stadtbrände (z.B. 1377, 1417, Kleinbasel 1327 und 1354). Das Erdbeben vom 18.10.1356 zerstörte B. v.a. durch Brand, denn die Erdstösse brachten nur hohe Steinbauten (Chor des Münsters, Kirchtürme, Zinnenkranz der Stadtmauer) zum Einsturz, lösten aber eine vernichtende Feuersbrunst aus, vor der sich die Bevölkerung ins Freie flüchtete. Der Wiederaufbau erfolgte rasch und wurde durch die Errichtung des Äusseren Mauerrings abgeschlossen.

Autorin/Autor: Rolf d'Aujourd'hui, Werner Meyer

3.2 - Wirtschaft

Die Siedlungsstrukturen und Keramikfunde in der Basler Talstadt sowie Münzprägungen unter dem ostfränk. Kg. Ludwig IV. (900-911) und dem burgund. Kg. Konrad (937-993) geben Hinweise auf das Aufkommen von Handel und Gewerbe im 10. Jh. Nachrichten darüber sind jedoch bis ins 13. Jh. spärl.: 1075 sind mercatores Basilienses in der Gegend des Bodensees erwähnt. In der Koblenzer Zollordnung von 1209 werden erstmals Basler Handelsschiffe auf dem Rhein genannt. 1216 und 1248 erscheinen B.s Kaufleute in Genua und Marseille. Hinweise auf gewerbl. Tätigkeiten (Leder- und Metallverarbeitung, Beinmanufaktur, Weberei, Gerberei) geben archäolog. Funde.

Die vorwiegend in der Birsigniederung und in den Vorstädten angesiedelten Handwerker, Krämer und Gewerbetreibenden organisierten sich vom 13. Jh. an unter bischöfl. Kontrolle in Zünften. Diese übten zunächst bruderschaftl. und berufsständ. Funktionen aus, blieben aber bis ins 14. Jh. hinein von polit. und militär. Verantwortung ausgeschlossen.

Vom HochMA an war die Stadt B. unbestritten das wirtschaftl. Zentrum am südl. Oberrhein. Kleinere benachbarte Städte wie Rheinfelden, Mülhausen, Laufen oder Liestal standen deutlich zurück. B.s wirtschaftl. Führungsrolle ergab sich einerseits aus dem Fernhandel, andererseits aus dem vom 13. Jh. an zünft. organisierten Handwerk. B.s landwirtschaftl. Versorgung stammte z.T. aus dem eigenen Stadtbann, mehrheitl. aber aus dem Sundgau, dem nahen Breisgau und dem Jura. In der Stadt selbst gab es mehrere Marktplätze. Der älteste lag vor dem Münster (bis zum Konzil), weitere wichtige befanden sich vor dem Rathaus (Kornmarkt), vor der Barfüsserkirche (Viehmarkt) und bei der Schifflände (Fischmarkt). Die Wochenmärkte dienten v.a. der alltägl. Versorgung, die zwei Jahrmärkte oder Messen dem Fernhandel. Letztere kamen im 15. Jh. auf und wurden 1471 durch das Messeprivileg Ks. Friedrichs III. legitimiert. Die Frühlingsmesse ging aber noch vor 1500 wieder ein, und der Herbstmarkt erlangte keine wesentl. überregionale Bedeutung. Dagegen waren Kaufleute aus B. auf den grossen europ. Messen (u.a. Genf, Frankfurt, Lyon) anzutreffen. Die Einbindung B.s in den Fernhandel führte nach 1472 zur Einrichtung des Basler Stadtwechsels. Grosse Bedeutung für B.s wirtschaftl. und gesellschaftl. Entwicklung erlangte das Basler Konzil (1431-48). Es führte zum Aufschwung der Papierindustrie, die B. gegen Ende des 15. Jh. zu einem Zentrum des Buchdrucks machen sollte. Vor 1440 begründete Heinrich Halbisen das Basler Papiergewerbe, das die Fam. Gallizian um 1500 zur Blüte brachte. Die Einführung des Buchdrucks (erster erhaltener Druck um 1468) war damit verbunden, und dessen Entwicklung stand wiederum in engem Zusammenhang mit der 1460 gegr. Universität Basel sowie mit den ausserhalb der Univ. wirkenden Humanisten. Symptomat. für die Bedeutung B.s als Handelsstadt war im 15. Jh. die Bildung von frühkapitalist. Gesellschaften, die über die Schranken der Zunftordnungen hinweg Rohstoffproduktion, gewerbl. Verarbeitung und grossräumigen Absatz sowie Fernhandel betrieben (Halbisen-Gesellschaft, Irmi, Grieb, Offenburg, Zscheckenbürlin, Meltinger). Gegen Ende des 15. Jh. brachte der Widerstand der Zünfte das Ende des monopolist. Gesellschaftswesens und den Sieg des Kleinhandels.

Autorin/Autor: Werner Meyer

3.3 - Gesellschaft

Im 13. Jh. setzte sich die weltl. Oberschicht aus dem auf dem Münsterhügel und auf der Achse St. Leonhard-St. Peter residierenden Ritteradel und der lehnsfähigen Bürgerschaft, den sog. Achtburgern, zusammen. Ritter und Achtburger waren in der zunftähnl. Ges. der "Hohen Stube" vereinigt. Zu den Achtburgern zählten ausser den Kaufleuten auch die nach 1300 aus Oberitalien eingewanderten Bankiers (Lombarden).

In Anbetracht der vielen Kirchen und Klöster muss der Anteil geistl. Personen an der städt. Gesamtbevölkerung gut 10% betragen haben. Sie bildeten allerdings eine heterogene, gelegentl. auch in sich zerstrittene Gruppe von Domherren, Leutpriestern, Kaplänen, Mönchen und Klosterfrauen, Beginen und Begarden.

Die weibl. Zuwanderer aus der ländl. Untertanenbevölkerung hatten in erster Linie den Bedarf der stadtbürgerl. Haushalte an Dienstboten zu decken, während sich die Männer über den Status des Handwerksgesellen ins Bürgertum zu integrieren trachteten.

In der Handwerkersiedlung am Birsig (v.a. an der Gerbergasse) lebten die Juden, die zweimal eine Gem. bildeten (ca. 1200-1349, 1370-1400) und über Begräbnisplätze sowie eine Synagoge verfügten. Im Pestjahr 1349 steckten vermutlich die "Lombarden" hinter der blutigen Verfolgung der Juden, die eine unerwünschte Konkurrenz im Kreditgeschäft bedeuteten. Die zweite Judengem. löste sich gegen 1400 auf, da ihre Angehörigen aus Angst vor einer gewaltsamen Schuldentilgung B. verliessen.

Erst im 15. Jh. wird ein vermutlich älteres Quartier auf dem Kohlenberg in den Quellen fassbar, das von den städt. Randgruppen (u.a. Henker, Abdecker, Prostituierte, Fahrende sowie Freiheitsknaben, d.h. Kloakenreiniger und Lastenträger) bewohnt war und einen eigenen Gerichtsbez. bildete.

Autorin/Autor: Werner Meyer

3.4 - Kirche und religiöses Leben, soziale Einrichtungen, Bildung und Kultur

Die Stadt B., ein Zentrum des kulturellen Lebens am Oberrhein, pflegte im MA den engen Kontakt mit anderen Städten des südwestdt. Sprachraums, v.a. mit Colmar, Schlettstadt und Strassburg im Elsass oder Freiburg i.Br., sowie mit dem burgsässigen Landadel. Letzterer nahm regelmässig am ritterl. Fest- und Turnierbetrieb in der Stadt teil, bevor dieser gegen 1500 zum Erliegen kam. Insbes. der bischöfl. Hof war im 13. und 14. Jh. ein Mittelpunkt ritterl. Kultur (Turniere, Dichtung, z.B. Konrads von Würzburg, Funeralkunst). Die kulturelle Ausstrahlung B.s auf die ländl. Umgebung blieb dagegen gering.

Die bildende Kunst B.s war nach dem Schwinden des burgund. Einflusses im HochMA in den elsäss.-oberrhein. Kulturraum eingebunden. Im späten 14. Jh. wirkte in B., namentl. bei der Wiederherstellung des Münsters nach dem Erdbeben, Johannes Parler von Gmünd, um 1470-80 Meister Jakob Sarbach (u.a. Vorbau des Spalentors, Fischmarktbrunnen). Überregionale Bedeutung erlangte um 1440 die Malschule des Konrad Witz. Die Künstler waren in der Zunft zum Himmel, der Lukasbruderschaft und der Zunft zu Hausgenossen (Goldschmiede) vereinigt.

Soziale Einrichtungen (Spitäler, Armenherbergen) waren wie das Bildungswesen bis zur Reformation mehrheitlich von kirchl. Institutionen getragen. Klosterschulen unterhielten der Barfüsser- und der Predigerorden, welchem u.a. Jakob Sprenger, der mutmassl. Mitverfasser des "Hexenhammers", angehörte. Weitere Schulen waren an St. Leonhard, St. Peter, St. Martin, St. Theodor und v.a. an das Domstift (Schule Auf Burg) angeschlossen. Daneben gab es für den Elementarunterricht zahlreiche private Schulbetriebe. Versch. Klöster (u.a. Kartause) verfügten über beachtl. Bibliotheken.

Das religiöse Leben spielte sich in B. nach den Normen der spätma. Volksfrömmigkeit ab und wurde auf Seite der Laien von den Zünften und Bruderschaften getragen. Diese pflegten einerseits den Totenkult (Jahrzeitstiftungen) und andererseits die Verehrung der berufsspezif. Heiligen. Hohe Feiertage waren in B. der Geburtstag der Stadt- und Münsterpatronin Maria (8. Sept.) sowie der Heinrichstag (13. Juli).

Autorin/Autor: Werner Meyer

4 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur von der Reformation bis zur Kantonstrennung

4.1 - Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerung der Stadt B. zählte um 1500 annähernd 10'000 Einw. Sie sank infolge der Pest von 1502 auf den seit dem 13. Jh. vermutlich tiefsten Stand von 4'500 Einw. und stieg bis zur Mitte des 16. Jh. wieder auf 9'000 bis kurzzeitig max. 10'000 Einw. an. Die Grenze von 10'000 Einw. wurde erst zu Beginn des 17. Jh. definitiv überschritten. Das langfristige Wachstum blieb bescheiden: Am Ende des 18. Jh. hatte B. 15'000 Einw. Charakteristisch für die gesamte Entwicklung ist der Wechsel von Bevölkerungskrisen und Wachstumsphasen innerhalb eines Rahmens von ca. 6'000-12'000 Einw. Die starken Schwankungen in der Bevölkerungsentwicklung gingen in der Zeit bis 1668 einher mit den grossen Epidemien, von denen B. im Durchschnitt alle 14 Jahre heimgesucht wurde. Den Seuchen folgten in der Regel Jahrzehnte raschen Wachstums. Neuaufnahmen ins Bürgerrecht trugen wesentlich dazu bei, Verluste auszugleichen: Im 16. Jh. wurden insgesamt 9'400 Personen ins Bürgerrecht aufgenommen, im 17. Jh. noch 5'700. Die Eingebürgerten stammten mehrheitlich aus dem regionalen Umkreis. In der 2. Hälfte des 16. und bis in die Mitte des 17. Jh. kamen auch Zuwanderer aus Oberitalien, Frankreich und Lothringen. Unter ihnen waren Glaubensflüchtlinge; andere verlegten ihren Wohnsitz in Kriegszeiten aus wirtschaftl. Gründen. Nach dem letzten Pestzug 1668 verschwanden im 18. Jh. auch die dramat. Schwankungen in der Bevölkerungsentwicklung. Der Rat wurde mit Einbürgerungen sehr zurückhaltend, erliess entsprechende Beschlüsse und nahm zeitweise überhaupt keine Aufnahmen ins Bürgerrecht mehr vor. 1798 zählte die Stadt B. 14'678 Einw., die Volkszählung von 1815 ergab 16'674 Einw. Das städt. Siedlungsgebiet blieb bis ins 19. Jh. eingegrenzt durch den spätma. Mauergürtel und erfuhr auch keine tiefgreifende Umgestaltung der Quartierstruktur.

Autorin/Autor: Hans Berner, Niklaus Röthlin

4.2 - Wirtschaft

Die Handwerke und Gewerbe der Stadt B. waren den 15 Zünften unterstellt und streng geregelt. Sie arbeiteten für die Kunden in der Stadt, für die eigene Landschaft mit ihren Märkten in Liestal, Waldenburg und Sissach sowie für die übrige Umgebung bis etwa zu den Messen in Zurzach und Strassburg. Die Kaufleute dagegen liessen sich durch Reglemente nicht allzu stark einengen. Sie mussten auch eine Zunft annehmen, hatten aber die Möglichkeit, je nach Geschäftstätigkeit mehreren anzugehören. Diese Mehrzünftigkeit erleichterte später die Entwicklung der Exportgewerbe ausserhalb zünft. Schranken. Das Papiergewerbe blieb bis ans Ende des 18. Jh. wichtig dank den Firmen Düring, Dürr und Heusler. Die Bedeutung des Buchdrucks ging nach 1550 zurück. Erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. erlangte er, v.a. dank Johann Jakob Thurneysen d.J., wieder grössere Ausstrahlung.

Der Handel steigerte sich in der 2. Hälfte des 16. Jh. mit dem Transit zwischen Oberitalien und Flandern. Damals liessen sich unter den Glaubensflüchtlingen auch namhafte Vertreter der Seidengewerbe nieder (z.B. Battier, Passavant, Socin, Werthemann). Neben dem Seidenhandel betrieben sie die Spinnerei, Färberei, Band- und Samtweberei. Diese am Anfang kaum behinderten Gewerbe überlebten unter dem Einfluss der Zünfte nur als bescheidene Handwerke. Im Dreissigjährigen Krieg brachten weitere Flüchtlinge neue Handelsbeziehungen. Zudem war der Austausch zwischen Frankreich und dem Reich im 17. Jh. kriegsbedingt häufig erschwert und lief dann über neutrale Orte wie B. Einen Aufschwung erlebte infolgedessen der Handel mit franz. Modeartikeln; dazu kamen aus Holland importierte Tuche und Kolonialwaren.

Emanuel Hoffmann führte 1667 aus Holland den ersten Webstuhl ein, auf dem man statt einem gleichzeitig mehrere Seidenbänder verfertigen konnte. Schon in den Jahrzehnten davor hatten Kaufleute gegen den Willen der Zünfte auf der Landschaft Leute im Verlagssystem beschäftigt. Sie liessen Seidenbänder, vereinzelt auch Strümpfe und Tuche, herstellen und exportierten diese. In den 1670er Jahren fasste der Kl. Rat grundlegende Beschlüsse: Den zünft. Handwerkern blieb der regionale Markt vorbehalten. Die Kaufleute durften gegen eine fiskal. Abgabe für ihren Handel en gros weiterhin solche Textilien produzieren lassen, und der mehrgängige Bandwebstuhl konnte sich durchsetzen.

Abgesehen von vereinzelten Einbrüchen der Konjunktur entwickelte sich die Wirtschaft bis ins 19. Jh. hinein mit stetigem Erfolg. Die Seidenbandfabrikation beherrschte die Stadt und mit dem Verlagssystem auch Teile der Landschaft. Daneben bestanden mehrere ähnlich organisierte Strumpf- und Tuchfabriken, und in der 2. Hälfte des 18. Jh. entwickelte sich die Indiennefabrikation. Dazu kam ein vielfältiger Grosshandel v.a. mit Tuchen, Baumwolle, Eisen und Kolonialwaren. Weiter sicherten umfangreiche Kommissions- und Bankgeschäfte (Battier, De Bary, Ehinger, Ochs) einen zunehmend bedeutenderen Platz im internat. Handel.

Vom Wirtschaftskrieg Napoleons gegen England ("Kontinentalsperre") war v.a. die Seidenbandindustrie betroffen. Es gab jedoch auch Unternehmer, welche aus den preistreibenden Auswirkungen der Blockade Gewinn zu erzielen vermochten, unter ihnen Christoph Merian-Hoffmann. Dieser legte in jener Zeit den Grundstock für ein Riesenvermögen, das sein Sohn später der noch heute bedeutenden Christoph-Merian-Stiftung vermachte.

Autorin/Autor: Hans Berner, Niklaus Röthlin

4.3 - Gesellschaft

Zwischen 1521 und 1529 setzte sich in der Stadt B. gleichzeitig mit der Reformation auch das Regiment der fünfzehn Zünfte durch. Die alte Führungsschicht der Adelsfam. und der von ihren Renten lebenden Achtburger verlor den polit. Einfluss, zog aus der Stadt weg oder verschmolz mit der übrigen Bürgerschaft. Für gut zwanzig Jahre herrschten die zünft. Handwerker, die ihre wirtschaftl. Privilegien unter Ausschluss fremder Konkurrenz bis ins 19. Jh. hinein weitgehend bewahren konnten. In Politik und Gesellschaft dagegen lag das Schwergewicht bald wieder bei den Kaufleuten und einigen reichen Handwerkerfam. Darunter konnten sich die Faesch und Merian am längsten halten. Dank ihrem Erfolg als Spediteure, in den Seidengewerben oder mit ihren neuen Handelszweigen stiegen manche Glaubensflüchtlinge bereits im 17. Jh. rasch in die städt. Oberschicht auf. Im frühen 17. Jh. begann auch der wirtschaftl. und gesellschaftl. Aufstieg der Fam. Hagenbach, Iselin, Burckhardt, Heusler und Hoffmann.

Die Verwaltung der Landschaft und der säkularisierten Kirchengüter ergab für einige Bürger einträgl. Posten, u.a. die Landvogteien. Es entstand im ausgehenden 16. Jh. eine kleine Gruppe von Berufsbeamten und wenigen aus fremden Diensten zurückgekehrten Offizieren. Sie lebten von Verwaltungsstellen und konnten dank dem Einfluss und den Machenschaften ihrer Fam. bis in die höchsten Ämter aufsteigen. Die zunehmende Oligarchisierung führte zwar nicht zur Bildung einer eigentl. Aristokratie, aber zur Herrschaft einer eng verschwägerten Gruppe unter Führung der Fam. Burckhardt und Socin. Skandalöse Umtriebe bei Wahlen und Missbräuche in der Verwaltung erregten den Widerstand eines Teils der in den Zünften organisierten und vom polit. Leben zunehmend ausgeschlossenen Bürgerschaft. In der Staatskrise von 1691 kam es zum offenen Konflikt mit dem amtierenden Kl. Rat. Unter eidg. Vermittlung erfolgte eine Verbesserung der Zustände dank einer strengen Finanzkontrolle und der Besetzung der meisten Ämter durch das Los.

Dies führte im 18. Jh. zur beherrschenden Stellung der Kaufleute, Bankiers und Bandfabrikanten in Politik und Gesellschaft. Eine Gruppe reicher Geschäftsleute führte die Stadt mit Erfolg bis zum Umsturz der polit. Verhältnisse in der Helvetik. Zu den bereits genannten Fam. hinzu kamen u.a. die Battier, de Bary, Forcart, Passavant und Sarasin. Sie prägten auch das kulturelle Leben der Stadt bis weit ins 19. Jh. hinein.

Am Ende des Ancien Régime war die Basler Oligarchie in zwei Lager gespalten: die "Patrioten", welche in Anbetracht des polit. Drucks aus Frankreich von der Notwendigkeit einer tief greifenden Verfassungsreform in zunehmendem Masse überzeugt waren, und die von den "Patrioten" als "Aristokraten" qualifizierten Kreise, welche einer Änderung Widerstand leisteten.

Autorin/Autor: Hans Berner, Niklaus Röthlin

4.4 - Kirche und religiöses Leben, soziale Einrichtungen, Bildung und Kultur

Die 1460 auf Initiative des Rats gegr. und durch Papst Pius II. privilegierte Univ. B. fristete in ihren ersten Jahrzehnten ein bescheidenes Dasein. Dagegen war B. hauptsächlich als Zentrum des Buchdrucks (Johannes Amerbach, Johannes Froben, Adam Petri) vom ausgehenden 15. Jh. an Anziehungspunkt humanist. Gelehrter wie Erasmus von Rotterdam, Beatus Rhenanus, Sebastian Brant, Ludwig Bär, Glarean, Simon Grynaeus, Sebastian Münster oder Bonifacius Amerbach (Humanismus).

Die Reformation liess den informellen Kreis humanist. Sodalität auseinander brechen und gefährdete auch den Fortbestand der Univ., welche aber 1532 als ref. Hochschule reorganisiert wurde. In der 2. Hälfte des 16. Jh. ermöglichte der geringe kirchl.-dogmat. Druck in B. ein nochmaliges Aufblühen späthumanist. Wissenschaften, zu einem bedeutenden Teil getragen von Glaubensflüchtlingen aus Italien und Frankreich (Sebastian Castellio, Celio Secondo Curione, Johannes Buxtorf, Caspar Bauhin, Theodor Zwinger, Felix Platter). Auch wenn der Humanismus als Denkweise einer intellektuellen Elite das kulturell-mentale Leben der Stadt nicht gesamthaft prägte, sind Wirkungen im Bildungs- und Schulwesen (Thomas Platter d.Ä.) oder in kirchl. Reformversuchen (Christoph von Utenheim) erkennbar.

Traditionelle Formen religiös-kirchl. Frömmigkeit bestimmten im frühen 16. Jh. die alltägl. Glaubenspraxis. Private und kollektive Stiftungen, Ausbau und Ausgestaltung von Kirchen finden sich in der Zeit unmittelbar vor der Reformation zahlreich. Aus dem Kreis der patriz.-herrenzünft. Führungsschicht kamen an bildende Künstler (z.B. Hans Holbein d.J.) Aufträge für Arbeiten im privaten und öffentl. Raum.

Eindringende reformator. Ideen fanden nach 1520 über Druckschriften und Predigten zunehmend Resonanz (Konrad Pellikan, Wolfgang Capito, Johannes Oekolampad). Ende 1525 wurde in der Mehrheit der städt. Pfarrkirchen evangelisch gepredigt. Der in sich gespaltene Rat zeigte sich gegenüber der reformator. Bewegung unentschlossen. Nach schrittweisen Zugeständnissen an die wachsende Zahl der evang. Gesinnten gab er 1529 dem Druck einer bewaffneten Versammlung der Bürgerschaft nach, schloss führende altgläubige Ratsmitglieder aus seiner Mitte aus und leitete die Neuordnung der kirchl. Verhältnisse ein. Die von Oekolampad bestimmte, vom Rat 1529 für Stadt und Landschaft erlassene Basler Reformationsordnung wie auch das 1534 unter Oekolampads Nachfolger Oswald Myconius eingeführte Basler Bekenntnis folgten in zentralen Punkten der zwinglian.-ref. Richtung des Protestantismus. Nicht verwirklichen liess sich Oekolampads Vorstellung einer mit Banngewalt ausgestatteten, presbyterianisch verfassten, gegenüber der staatl. Gewalt eigenständigen Kirche. Der Rat setzte die klare Unterordnung der Kirche und ihrer Pfarrer unter die weltl. Obrigkeit durch. Das Kirchen- und Schulgut wurde durch die vom Rat bestellten Schaffner und das Deputatenamt verwaltet; Bann, Ehegericht, Kirchenrat und Synode wurden vom Rat dominiert. Die exponierte Stellung zwischen dem zwinglian. und dem luth. Lager förderte in B. ein Klima pragmat. Toleranz. Der nach 1553 in Antistes Simon Sulzer verkörperte lutheranisierende Kurs der Basler Kirche spiegelt das Interesse der Stadt an möglichst ungestörten Beziehungen mit dem Reich. Erst Ende des 16. Jh. erfolgte unter Sulzers Nachfolger Johann Jakob Grynäus wieder die eindeutige Hinwendung zum ref. Glaubensverständnis. Die nun bis ins 18. Jh. bestimmende prot. Orthodoxie minderte spürbar die geistige Anziehungskraft B.s und seiner Universität. Auch innerhalb dieser dogmat. Ausrichtung blieben aber die von der Basler Kirche vertretenen Positionen vergleichsweise moderat.

Zentrales Organ der Basler Kirche war der Kirchenrat, dem als Vertreter des Kl. Rats auch die vier Deputaten angehörten. Der Vorsitz lag beim städt. Antistes. Die ref. Orthodoxie der Basler Staatskirche wurde im 18. Jh. insbes. durch pietist. Strömungen aufgeweicht (Hieronymus Annoni, Herrnhuter Brüdergemeine, Christentumsgesellschaft), ohne dass es aber zu einer Umgestaltung der bestehenden kirchl. Organisation gekommen wäre.

Von der Reformation an stand auch die Schule unter der Aufsicht des Rats (Deputatenamt). In der Stadt B. bot nach dem Elementarunterricht in den Kirchgemeindeschulen die Lateinschule - ab 1589 als einzige die später als Humanist. Gymnasium bekannte Münsterschule - die weitere Ausbildung in den höheren Fächern. Mädchenschulen gab es je eine in Gross- und Kleinbasel.

Literar. und historiograf. Leistungen sind vornehml. z.Z. des Humanismus und der Reformation zu verzeichnen (Sebastian Brant, Pamphilus Gengenbach, Christian Wurstisen, Valentin Bolz). Zu erwähnen sind im 18. Jh. die sprachkundl. und literar. Arbeiten von Johann Jakob Spreng. Die Auswirkungen der Aufklärung auf das geistig-literar. Leben in B. waren insgesamt bescheiden. Isaak Iselins publizist. Tätigkeit blieb in ihrer Art singulär. Philanthrop. Ideen standen hinter der 1777 von Iselin mitbegr. "Gesellschaft zur Aufmunterung und Beförderung des Guten und Gemeinnützigen" (später Gemeinnützige Gesellschaft). Ebenfalls von Iselin 1760 initiiert, aber erst ab 1787 von Bestand war die Basler Lesegesellschaft, welche in einem engeren Kreis die Auseinandersetzung mit Ideen der Zeit förderte. Dagegen trug die Form der Besetzung von Ämtern und Professorenstellen wenig dazu bei, die Univ. zu einer Trägerin neuen Denkens zu machen. Zwar besass B. durch mehrere Angehörige der Fam. Bernoulli in der Mathematik internat. Bedeutung. Dass der später geborene, auf mathemat. Gebiet ebenfalls geniale Leonhard Euler nach Russland auswanderte, weist aber gleichzeitig auf die Beschränktheit wiss. Wirkungsmöglichkeiten in B. hin.

In der bildenden Kunst stand vom 17. Jh. an die Malerei (Hans Bock d.Ä.) zurück hinter der Landschaftszeichnung (Matthaeus Merian, Emanuel Büchel). Die höchsten künstlerischen Ansprüche verwirklichten sich in der Architektur. Die auf der Seidenbandindustrie basierende Prosperität ermöglichte im 18. Jh. den Bau einer grösseren Zahl repräsentativer privater Bauten in Stadt und Landschaft.

Veränderungsansätze der Helvetik liessen sich in der Restaurationszeit am ehesten im Bildungswesen fortführen. In den Unterrichtsgesetzen von 1817 und 1818 wurde die staatl. Leitung von Schule und Univ. ausgebaut. Das altsprachige Humanist. Gymnasium wurde nach Vorstellungen des Neuhumanismus umgestaltet und erhielt stärker als vorher propädeut. Funktion für das akadem. Studium. Gleichzeitig wurde mit der Realschule ein neuer Schultyp geschaffen, welcher auf eine prakt. Berufstätigkeit vorbereiten sollte. Die kirchl. Verhältnisse waren bestimmt durch Spannungen zwischen orthodox-pietist. und liberalen Kräften. Professorenwahlen - insbes. die Berufung von Wilhelm Martin Leberecht De Wette 1822 auf den Lehrstuhl für Altes Testament - gerieten dabei zum Politikum.

Autorin/Autor: Hans Berner, Niklaus Röthlin

5 - Verfassungsgeschichte und Staatstätigkeit seit der Kantonstrennung

5.1 - Kantonsgründung

Mit dem Trennungsbeschluss vom 26.8.1833 verpflichtete die eidg. Tagsatzung den neuen (Halb-)Kt. "B.-Stadttheil", sich eine Verfassung zu geben (am 3.10.1833 von der Bürgerschaft angenommen). Ihm wurden neben der Stadt nur die rechtsrhein. Gem. Riehen, Bettingen und Kleinhüningen zugeschlagen. Die Teilung des Staatsvermögens nach Bevölkerungszahl (36% B.-Stadt, 64% B.-Landschaft) bildete für B.-Stadt eine schwere finanzielle Belastung. Seine polit. Stellung in der Eidgenossenschaft war geschwächt, die Stadt bzw. deren Führungsschicht durch den als Schmach empfundenen Trennungsbeschluss von der übrigen Schweiz entfremdet.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.2 - Verfassungsmässige Strukturen 1833-1875

Die Behörden- und Verwaltungsorganisation des Kt. B.-Stadt verharrte bis 1875 in den Traditionen des Ancien Régime. Die Mitglieder des Gr. Rats wurden nicht nach dem Prinzip der Volkssouveränität gewählt, sondern in Wahlzünften (36 Mitglieder) und Quartierversammlungen (83 Mitglieder) von einem sehr engen Kreis von Aktivbürgern. Ausgeschlossen blieben Bürger anderer Kt. sowie Armengenössige, Dienstboten, Falliten und Verurteilte. Den Kl. Rat mit zwei im Jahresturnus wechselnden Bürgermeistern wählte der Gr. Rat aus seiner Mitte. Die Ratsherren - nicht aber die Bürgermeister - wirkten ehrenamtlich, ebenso die von ihnen geleitete Verwaltung. Diese bestand in den 1840er Jahren aus rund 180 Personen, verteilt auf zehn Kollegien, sechs Komm. und die Kanzlei. Generell galt für Räte und Verwaltung die Drittelerneuerung alle zwei Jahre. Die Judikative wurde mehrheitl. vom Gr. Rat bestellt. Abgesehen davon verfügte er über das Recht der Legiferierung (ohne Initiativrecht), entschied über Steuern und Anleihen. Vor 1848 ratifizierte er auch Staatsverträge und wählte und instruierte die Tagsatzungsgesandten.

Bis 1875 bestanden neben den kant. Behörden auch solche der Stadtgemeinde (Legislative: Gr. Stadtrat, 80 Mitglieder, Wahl durch Wahlzünfte; Exekutive: Kl. Stadtrat, 11 Mitglieder, Wahl durch Gr. Stadtrat). Mit der Verfassungsrevision vom 8.4.1847 wurden die auf Lebenszeit besetzten Richterstellen aufgehoben, das Zunftsystem durch das Verbot, die Gewerbefreiheit einzuführen, hingegen noch einmal geschützt. Die am 28.2.1858 angenommene Verfassung übertrug Kompetenzen von den Gem. an den Kt. und schloss die Gewerbefreiheit zumindest nicht mehr aus.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.3 - Systemwechsel 1875

Im Anschluss an die Bundesverfassung von 1874 wurde auf freisinnigen Druck das System von 1833 aufgegeben und die von einer Komm. des Gr. Rats ausgearbeitete, in den Grundzügen noch gültige Verfassung vom 9.5.1875 angenommen. Die kant. Exekutive wurde als Siebnergremium vollamtl. Regierungsräte eingerichtet, welche den sieben Dep. der professionalisierten Verwaltung vorstehen. Die 130 Grossräte wurden von allen volljährigen männl. Schweizerbürgern in elf Wahlkreisen im Majorzsystem gewählt. Neben der erstmaligen Anerkennung des Prinzips der Volkssouveränität wurden demokrat. Kontroll- und Einflussmöglichkeiten gestärkt (Budgetzwang, Gesetzesinitiative, fakultatives Referendum). Die Judikative wurde neu in das Zivilgericht und das Gericht für Strafsachen, beide mit versch. Abteilungen, sowie das Appellationsgericht aufgeteilt; Letzteres amtet zugleich als Verwaltungsgericht. Als letzter Kanton führte B.-Stadt auch de jure die Gewerbefreiheit ein.

Die Stadtgemeinde verlor ihre wichtigsten Kompetenzen an den Kt. Andere Aufgaben, wie z.B. Spital, Waisenanstalt und Armenwesen, übernahm die neue, mit Parlament (Bürgergemeinderat, 40 Mitglieder), Exekutive (Bürgerrat, 7 Mitglieder) und Verwaltung ausgestattete Bürgergem. B. Aus dem Gesundheitswesen musste sie sich aus finanziellen Gründen zunehmend zurückziehen, so 1973 durch die Überführung der Universitätskliniken in ein Kantonsspital. Ihre Stellung in der Fürsorge baute sie dagegen 1984 durch Übernahme der entsprechenden Aufgaben vom Kt. aus. Sie übt auch die Oberaufsicht über Zünfte, ähnl. Vereinigungen und zahlreiche Stiftungen (v.a. Christoph-Merian-Stiftung) aus. Vor der Abgabe des Spitals beschäftigte die Bürgergem. B. fast 4'000 Personen, 1990 noch immer 1'100.

Die durch den Gr. Rat totalrevidierte Verfassung vom 2.12.1889 brachte die Volkswahl von Regierungs- und Ständerat. Zudem wurden dem Kt. erstmals sozialpolit. Aufgaben übertragen. Um den Übergang vom Majorz- zum Proporz-Wahlsystem, das Eduard Hagenbach-Bischoff ab 1870 propagierte (Wahlrechtsverein), wurde lange gestritten, bis die Stimmberechtigten das Proporzwahlgesetz vom 26.1.1905 mit hauchdünner Mehrheit annahmen. Mit den Verfassungsrevisionen von 1875 und 1889 und dem Proporzwahlgesetz wurde die bis heute bestehende verfassungsmässige Struktur festgelegt. An wesentl. Änderungen im 20. Jh. sind zu erwähnen die Trennung von Kirche und Staat 1910, die Aufnahme eines Wiedervereinigungs-Artikels 1938 sowie die Einführung des Frauenstimmrechts in Kt. und Gem. 1966 (Bürgergem. 1957). Seit 2000 arbeitet ein Verfassungsrat an einer neuen Verfassung.

Den Landgem. Riehen, Bettingen und Kleinhüningen brachte erst das Gemeindegesetz vom 26.6.1876 die direkte Demokratie (Gemeindeversammlung, seit 1924 Möglichkeit eines Einwohnerrats), die Wahl des Gemeindepräs. sowie die rechtl. Trennung von Einw.-, Bürger- und Kirchgem. Kleinhüningen übertrug die Geschäftsführung 1893 dem Kt. und verlor 1908 den Status als selbstständige Gemeinde. Erst in den letzten Jahrzehnten gewann der Ausbau der Gemeindeautonomie an Bedeutung (Riehener Autonomie-Leitbild 1977). Wegen der geografisch begrenzten Reichweite seiner polit. Entscheide wurde für den Kt. B.-Stadt die Zusammenarbeit in der Regio Basiliensis zunehmend wichtiger.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.4 - Parteien

Die liberal-freisinnige Strömung formierte sich in B. von den 1840er Jahren an als Oppositionsgruppe gegen den extremen Föderalismus und Antiliberalismus der Führungsschicht. Damit zwang sie Letztere, ihre konservativen Positionen ebenfalls zu formulieren. Im Verfassungskonflikt 1846-47 bildete sich zudem eine vermittelnde Gruppierung heraus (Juste-Milieu), die sich bis um die Jahrhundertwende hielt. Der sich v.a. auf zugewanderte Mittelschichten stützende Freisinn gewann mit dem Systemwechsel 1875 die Oberhand und konstituierte sich 1894 formell als Freisinnig-Demokrat. Partei (FDP). Er richtete sich lange deutlicher auf Angestellte aus als andernorts, was er 1919-73 mit der Bezeichnung Radikal-demokrat. Partei unterstrich. Die sich v.a. auf die alteingesessene, ref. Bürgerschaft stützenden Konservativen konstituierten sich 1905 als Liberale, später als Liberal-demokrat. Partei (LDP) und blieben in der dt. Schweiz ein Sonderfall. Nach der 1844 gegr. Sektion des Grütlivereins entstanden v.a. ab den 1880er Jahren weitere Arbeitervereine. Aus diesem Milieu bildete sich 1890 die Sozialdemokrat. Partei (SP), die bis nach dem 2. Weltkrieg eine Klassenpartei war. Sie organisierte 1912 den europaweit beachteten Friedenskongress der Sozialist. Internationale. Zugewanderte Katholiken, denen ebenfalls lange die Beteiligung an polit. Entscheidungen verwehrt wurde, vereinigten sich in versch. Organisationen, aus denen sich 1905 die Kath. Volkspartei formierte (seit 1973 Christlichdemokrat. Volkspartei CVP).

Nach Einführung des Proporzes 1905 verbesserten sich die Aussichten für kleine Parteien. Beispielsweise sammelte sich eine gewerbl. Abspaltung der FDP 1911 in der Fortschrittl. Bürgerpartei, die sich in den 1930er Jahren als Nationale Volkspartei rechts aussen profilierte, dann als Bürger- und Gewerbepartei (BGP) den Niedergang nicht aufhalten konnte und sich 1957 der LDP anschloss. Von der SP trennte sich 1921 die Kommunist. Partei (KP), die bis zum Verbot 1940 etwa gleich stark wie die bürgerl. Grossparteien war. Ihren Platz übernahm 1944 die Partei der Arbeit (PdA), die Linkssozialisten und Kommunisten vereinigte und bis 1956 ebenfalls über beachtliches polit. Gewicht verfügte. Über längere Zeit und z.T. bis heute hielten sich auch die 1920 gegr. Evang. Volkspartei, die sich 1948 zur Vereinigung evang. Wähler (VEW) umstrukturierte, der 1937 gegr. und 1996 aufgelöste Landesring der Unabhängigen (LdU), die 1961 gegr. Nationale Aktion/Schweizer Demokraten (NA/SD), die aus der 1968er Bewegung und v.a. den Tramblockaden im Sommer 1969 hervorgegangenen Progressiven Organisationen Basel (POB, 1970-93) und die 1982 von der SP abgespaltene, rechts von dieser stehende Demokrat.-soziale Partei (DSP). 1991 schlossen sich zwei seit 1987 bestehende Gruppierungen zur Grünen Partei (GP) zusammen, die wie die 1991 gebildete Frauenliste (FraB) und die 1995 gegr. linksalternative BastA in den 1990er Jahren im Gr. Rat erhebl. Gewicht gewann. Die Schweiz. Volkspartei (SVP) tritt seit 1991 mit einer Sektion auf, die jedoch erst in den nationalen Wahlen von 1999 den Durchbruch schaffte.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.5 - Wahlen

In den ersten zehn Amtsperioden (Majorz) nach dem Systemwechsel verfügte die FDP im Gr. Rat (ausser 1878-81) immer über die absolute Mehrheit, während die LDP zwischen 35 und 64 Räte (1878-81) stellte. SP und CVP waren 1886 erstmals erfolgreich. Das zuerst alle drei, seit 1956 alle vier Jahre gewählte Parlament wurde von LDP, FDP, SP und CVP dominiert. Nach dem 1. Weltkrieg, im 2. Weltkrieg und seit den späten 1960er Jahren hat sich das Parteiensystem aufgesplittert. 1992 waren 14 Parteien vertreten. Eine Wahlrechtsreform (Fünf-Prozent-Klausel) brachte 1996 nicht die gewünschte Reduktion.

Wähleranteile der Parteien bei Grossratswahlen 1905-2000 (in %)
 190519111920192919411950196019721980198819962000
FDP37,828,614,014,012,714,317,710,915,213,912,412,6
LDP23,018,415,013,510,510,313,414,413,711,010,711,3
SP28,232,844,825,739,828,129,225,526,518,327,026,0
CVP10,113,08,99,79,311,314,413,113,110,69,59,9
KP/PdA   19,7-14,66,56,44,42,0-1,4
EVP/VEW  2,33,32,43,44,95,87,06,25,85,6
LdU    15,96,97,89,05,25,7--
POB       3,69,17,8--
SD       8,03,87,86,14,6
DSP         8,28,26,0
Grüne/BastA/FraB       -5,415,19,6
BGP 6,510,011,54,35,1------
SVP          3,5a10,0
Übrige0,90,75,02,65,16,06,13,32,03,11,73,0

a inkl. Freiheits-Partei

Quellen:Statist. Jb. des Kt. B.-Stadt

Die SP als seit 1908 stärkste Partei erlebte ihre tiefsten Einbrüche in den Wahlen 1923 infolge der Abspaltung der KP, 1944 und 1947 als Folge der Gründung der PdA und 1984 nach der Abspaltung der DSP. Die drei bürgerl. Grossparteien pendelten nach dem Niedergang von LDP und FDP meist zwischen 10-15%. Andere versanken nach kurzen Höhenflügen in der Bedeutungslosigkeit, so die KP, die 1926-32, der LdU, der 1941-44 und die PdA, die 1944-50 jeweils die zweitstärkste Partei waren. Die Linke verfügte 1920-23 (SP, KP, Grütlianer) und 1938-40 (SP, KP) über die Mehrheit sowie 1944-47 über die Hälfte der Sitze.

Bis zur Jahrhundertwende stellten ausschliessl. die FDP (ausser 1878-81 immer mehrheitlich) und die LDP die Regierungsräte. 1902 kam die SP dazu, 1919 - mit Unterbrüchen 1935-44 und 1996-2000 - die CVP, 1982 die DSP. 1935-50 verfügte die Linke über die Mehrheit ("Rotes B."). BGP (1919-35) und PdA (1944-50) waren weitere Regierungsparteien. 1910-19 und 1976-84 wirkte je ein parteiloser Regierungsrat. Für kurze Zeit schie die SP aus der Regierung aus.

Die Zahl der dem Kt. B.-Stadt zustehenden Nationalratsmandate stieg aufgrund des im schweiz. Vergleich überdurchschnittl. Bevölkerungswachstums schrittweise von einem (1848) auf acht Sitze (1943-67), um danach wieder auf sechs (seit 1983) bzw. fünf Mandate (seit 2003) zu sinken.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.6 - Verwaltung

Mit der Geschäftsordnung vom 15.2.1877 wurden die Kollegien und Komm. aufgehoben und ihre Geschäfte auf sieben Dep. aufgeteilt: Sanität, Erziehung, Bau, Finanzen, Polizei (seit 1978 auch Militär), Justiz sowie Wirtschaft und Soziales (bis 1978 Dep. des Innern). Das Organisationsgesetz vom 9.4.1908 bestätigte im Wesentlichen diese Verwaltungsstruktur. Es wurde nach zahlreichen Modifikationen durch das Gesetz vom 22.4.1976 abgelöst. Am gewichtigsten waren über den gesamten Zeitraum das Erziehungsdep. (Schulen, Univ., Kultur) und das Sanitätsdep., die bis in die 1970er Jahre je etwa einen Viertel des Staatspersonals beschäftigten. Beim Sanitätsdep. ergaben sich grundlegende Verschiebungen dadurch, dass es 1973 von der Bürgergem. das Universitätsspital übernahm und später Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke sowie das Friedhofswesen an das Baudep. abgab.

Hinter den recht stabilen Strukturen verbirgt sich eine beachtl. Dynamik. Auch wenn die gern zitierte Zahl von 622 Staatsbediensteten 1875 unter Vernachlässigung bedeutender Kategorien zustande kam, beeindruckt das Wachstum. Der Personalbestand erhöhte sich von 3'399 (1910) über 5'310 (1930), 7'401 (1950) und 12'539 (1970) auf 15'936 (1990) volle Stellen, was 1990 etwa einem Achtel aller in B. Beschäftigten entsprach. Der steilste Anstieg fiel in die Hochkonjunktur der 1960er und frühen 1970er Jahre. Bis 1968 bestand eine klare Abstufung des Staatspersonals: Zuunterst standen die Staatsarbeiter, in der Mitte die Staatsangestellten und zuoberst die Beamten. Danach wurden nur noch die beiden letzten Kategorien unterschieden, und das 1970 geschaffene zentrale Personalamt sowie das im gleichen Jahr verabschiedete, auf der analyt. Arbeitsplatzbewertung beruhende neue Lohngesetz sorgten für homogenere Arbeitsbedingungen. Mit dem Personalgesetz von 1999 wurde der Beamtenstatus abgeschafft. Die 1888 eingeführte Beamtenversicherungskasse war die Erste ihres Typs in der Schweiz.

Nachdem die Staatsausgaben von der Kantonstrennung bis 1870 nur von 0,6 auf 1,6 Mio. Fr. gestiegen waren, beschleunigte sich in der Folge das Wachstum mit Ausgaben von 4,7 (1880), 12,9 (1900) und 66,1 Mio. Fr. (1940). Ein steiler nominaler Anstieg setzte nach dem 2. Weltkrieg ein, von 122,4 (1950) über 256,6 (1960), 642,3 (1970), 2'235,1 (1980) und 2'703,4 (1990) auf 3'600 Mio. Fr. (1999). Real begannen die Staatsausgaben 1973 zu stagnieren, um ab den späten 1980er Jahren erneut anzusteigen. Die Staatsschuld belief sich 1833 auf 2,1 Mio. Fr.; sie stieg v.a. als Folge des Stadtwachstums um die Jahrhundertwende bis 1920 auf 158,5 Mio. Fr. Mit Ausnahme der Krise verliefen die folgenden Jahrzehnte ausgeglichen. Die 1960er und 70er Jahre brachten einen neuen Schub von 554,7 auf 2'419,6 Mio. Fr. Nach einer weitgehenden Stabilisierung in den 1980er Jahren kletterte die Staatsschuld von 2'890,8 (1990) auf 5'793,4 Mio. Fr. (1999). Davon fliessen heute über ein Viertel in das Gesundheitswesen, ein Fünftel in die Bildung, ein Siebtel in den Sozialbereich und ein Zehntel in die öffentl. Sicherheit. Der Rest verteilt sich auf Kultur und Freizeit, Verkehr, Finanzen und Steuern, allg. Verwaltung, Umwelt und Raumordnung sowie Wirtschaft.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.7 - Gesundheits- und Sozialpolitik

Gesundheitspolitik hiess im 19. Jh. weitgehend Hygiene, was sich im anfängl. Überwiegen von Bereichen wie Lebensmittelkontrolle, Schlachthof, Wohnungsaufsicht oder Wasserwerk im Sanitätsdep. niederschlug. Spitäler gewannen erst nach und nach an Gewicht, wobei der Kt. die Psychiatr. Anstalt, das 1890 zur Isolierung von Typhuskranken eröffnete Felix-Platter-Spital und das 1896 bezogene Frauenspital führte. Das Bürgerspital als weitaus grösstes kam erst 1973 von der Bürgergem. zum Kt. Schliessl. rundeten sozialpolit. Massnahmen, v.a. die Poliklinik und die Krankengesetzgebung, die Gesundheitspolitik ab.

Obwohl private Wohltätigkeit lange eine tragende Rolle spielte, ging die Basler Sozialpolitik der eidgenössischen einst z.T. beträchtlich voran. Auf die Streiks in der Seidenbandweberei folgte 1869 ein Fabrikgesetz mit 12-Stundentag und Verbot der Kinderarbeit. Eine Petition des Arbeiterbundes gab den Anstoss für den 1890 eröffneten öffentl. Arbeitsnachweis. Vom gleichen Jahr an bot die öffentl. Poliklinik unentgeltlich ärztl. Behandlung für einkommensschwache Personen. Ein ab Mitte der 1890er Jahre umstrittenes Gesetz für eine kant. und für die Unterstützung von privaten (gewerkschaftl.) Arbeitslosenversicherungen kam 1909 zustande. Bereits 1914 trat ein Teilobligatorium für die Krankenversicherung in Kraft, ergänzt durch eine Öffentl. Krankenkasse (ÖKK). Schliessl. galt ab 1932 eine obligator. Altersversicherung für unselbstständig Erwerbende, die 1967 für Neuzugänge geschlossen und 1968 in ein Auslaufobjekt umgewandelt wurde. Zu Beginn des 20. Jh. richtete sich auch das Interesse der internat. Sozialgesetzgebung auf, das 1901-19 das von einer privaten Vereinigung getragene Internat. Arbeitsamt beherbergte. In der 2. Hälfte des 20. Jh. besetzte der Bund zunehmend die wichtigsten sozialpolit. Felder (AHV/IV/EO, Arbeitsgesetz 1964, ALV usw.) und überliess dem Kt. den Vollzug. Dieser versuchte zudem Lücken im sozialen Netz zu stopfen, z.B. mit Stipendien, Mietzinsbeiträgen, Fürsorge, versch. anderen Sozialbeiträgen und der Führung von Heimen.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.8 - Bildungswesen

Als 1838 die Schulpflicht für das 6.-12. Altersjahr eingeführt wurde, bestand für Knaben eine 3-jährige Primarschule und darauf aufbauend entweder eine weiterführende Schule (sog. Realschule) oder das Gymnasium. Für Mädchen musste der Anschluss an die 4-jährige Primarschule noch geschaffen werden, blieb doch die Töchterschule wohlhabenden Fam. vorbehalten. Privatschulen, v.a. die röm.-kath., spielten eine bedeutende Rolle, bis das Schulgesetz von 1880 den unentgeltl. Unterricht und ein einfacheres System brachte. Beide Geschlechter besuchten fortan obligatorisch je vier Jahre Primar- und untere Mittelschule, dann fakultativ eine obere Mittelschule. Die Mittelstufe teilte sich in eine allg. und eine gymnasiale Richtung, welche bei den Mädchen 1906 erstmals zur Matur führte. Daneben entstand 1886 eine Allg. Gewerbeschule. Das Gesetz von 1929 ersetzte die Zweiteilung der Mittelstufe durch die Dreiteilung in Gymnasium, Real- und Sekundarschule. Seit 1958 wurde die Koedukation schrittweise in allen Stufen eingeführt. Die 1988 beschlossene und sechs Jahre später in Kraft getretene Reform beliess die 4-jährige Primarschule, schuf eine daran anschliessende 3-jährige Orientierungsschule und verlegte die Aufteilung in Gymnasium und Weiterbildungsschule auf das 8. Schuljahr.

Die Übernahme durch den Kt., verbunden mit einer innern Reorganisation, stellte 1818 die Univ. auf eine solidere Basis. Nach der Kantonstrennung konnte der Betrieb anfängl. aber nur dank privaten Zuwendungen (1835 Freiwillige Akad. Gesellschaft) aufrecht erhalten werden. In neue Bereiche stiess die Univ. 1919 mit der Volkshochschule und 1976 mit der Seniorenuniversität vor. Weil er nach B.-Stadt weitaus am meisten Studierende stellt, beteiligt sich der Halbkt. B.-Landschaft seit 1976 an den Kosten. Die Zusammenarbeit führte 1995 zu einem Vertrag, der die Autonomie der Univ. gegenüber der kant. Verwaltung wesentl. erhöht.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

5.9 - Versorgung und Entsorgung

Die alten Sodbrunnen und Brunnenwerke lieferten in der 2. Hälfte des 19. Jh. zu wenig und oft hygien. nicht einwandfreies Wasser. Besserung brachte 1866 eine private Ges., die mit ihrer Leitung Wasser von Grellinger und Angensteiner Quellen nach B. führte. Weil der Betrieb den Anforderungen nicht genügte, übernahm ihn 1875 der Kt. Den steigenden Bedarf deckte die Erschliessung von Grundwasser 1882 in den Langen Erlen und 1952 in der Muttenzer Hard. In den 1960er Jahren begann man an beiden Orten mit der Anreicherung durch vorgereinigtes Rheinwasser.

Ein erstes Kanalisationsgesetz scheiterte 1876, weshalb Gruben und schlecht unterhaltene Dolen, die in offene Gewässer mündeten, noch lange in Betrieb blieben. In den neuen Aussenquartieren entstanden weitere Dolen, so dass 1895 ca. die Hälfte der Häuser an die Kanalisation angeschlossen waren. Erst mit dem Gesetz von 1896 kamen das Kanalisationsobligatorium, der Ausbau und eine Verbesserung des Netzes. Bis zur späten Inbetriebnahme der drei Kläranlagen Birs II (1977), Hüningen (1981) und B. (1982) flossen die Abwässer ungeklärt in den Rhein. Die Kehrichtabfuhr wurde in unmittelbarem Zusammenhang mit der Cholera 1854 in der Innenstadt begonnen, 1891 gesetzl. geregelt und bis zum 2. Weltkrieg auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt. Ab 1943 steht eine Verbrennungsanlage zur Verfügung.

Nach jahrelangem Feilschen wurde Ende 1851 die Konzession für eine Gasfabrik vergeben, und bereits im folgenden Herbst waren in vielen Strassen die Öl- den Gaslaternen gewichen. Nach Auslaufen des Vertrages übernahm die Stadt 1868 das Gaswerk. Sie betrieb es, bis 1971-72 die Umstellung auf Erdgas erfolgte. 1899 wurde an der Voltastrasse ein therm. Kraftwerk eingerichtet, im folgenden Jahr die Strassenbeleuchtung auf Elektrizität umgestellt. Das erste Grosskraftwerk entstand 1912 ausserhalb der Kantonsgrenzen in Augst, 1955 zusammen mit Baselland ein weiteres in Birsfelden. Daneben beteiligte sich B.-Stadt an Kraftwerken in den Alpen. Gegen die Atomenergie formierte sich in B. seit den späten 1960er Jahren Widerstand, was wesentl. zur Verhinderung des Atomkraftwerks Kaiseraugst beitrug.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

6.1 - Bevölkerung und Siedlung

6.1.1 - Bevölkerung

Zwischen der Kantonstrennung und dem Ausbruch des 1. Weltkriegs entwickelte sich B. von einer mauerbewehrten Kleinstadt zu einer mittelgrossen Industriestadt, und der Kt. wurde zum Stadtstaat: Nur 8,8% der Kantonsbevölkerung wohnten 1835 in den Landgem. (Bettingen, Riehen, bis 1908 Kleinhüningen). Bis 1910 sank ihr Anteil auf 2,7%, um sich bis 1990 langsam wieder auf 10,7% zu erhöhen.

Das Wachstum in den Boom-Phasen der 1850er, 70er und 90er Jahre basierte zu zwei Dritteln auf Wanderungsgewinnen. Bis Ende des 19. Jh. überwogen Zuwanderer mit Schweizer Bürgerrecht; 1900 war erstmals eine geringe Mehrheit von ausländ. Zuwanderern zu verzeichnen. Seit 1914 wuchs die Bevölkerung - weitgehend durch Wanderungsgewinne - am stärksten in den frühen 1930er Jahren und in der langen Aufschwungperiode zwischen dem 2. Weltkrieg und 1965 (1957 Max. mit 1,9%). Die Trendumkehr erfolgte 1969/70: Seither blieben die Geburtensaldi negativ, und v.a. in den 1970er Jahren verlor B.-Stadt jährl. bis zu 1,5% seiner Einw. durch Abwanderung. Nur der leicht positive Wanderungssaldo seit 1989 bewirkte ab 1990 eine schwache Zunahme. Der Ausländeranteil ging vom Ende des 1. Weltkriegs bis 1945 zurück auf ein Minimum von 7,8%. Danach führte die starke Immigration von ital. Arbeitskräften zu einer Verdoppelung der ausländ. Wohnbevölkerung (1970 41'362, 17,6%), bevor die Krise von 1974-75 viele wieder zur Ausreise zwang. Erst seit 1982 nimmt die Zahl der Ausländer wieder zu und erreichte in den frühen 1990er Jahren anteilmässig das Niveau der 1830er bzw. 1920er Jahre. Der Altersaufbau hat sich seit dem 1. Weltkrieg, v.a. aber seit den 1960er Jahren markant zugunsten älterer Menschen verschoben, was ebenso wie der generelle Bevölkerungsrückgang seit 1970 wesentl. auf zwei Faktoren zurückgeführt werden kann: den sog. Pillenknick ab 1965 und die Abwanderung v.a. der 30-50-Jährigen mit Kindern in die Vororte. Die durchschnittl. Zahl der Personen pro Haushaltung sank 1870-1920 von 5 auf 4; 1950 lag sie mit 2,9 erstmals unter 3, und 1990 unterschritt sie die Schwelle von 2 Personen. Alleinlebende ("Singles") oder Vereinzelte (u.a. ältere Menschen) in Einpersonen-Haushalten, unvollst. Fam. (Alleinerziehende) sowie kinderlose und unverheiratete Paare prägen seit den 1980er Jahren zunehmend die Mikrostrukturen der städt. Gesellschaft.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.1.2 - Siedlung

Bis in die frühen 1860er Jahre war B. von der ma. Befestigung umschlossen, die es in die Innere Stadt und den Stadtbann teilte. Nach der Kantonstrennung, v.a. aber mit der ersten Welle des industriellen Bevölkerungswachstums in den 1850er Jahren begann die Ausdehnung des Siedlungsraums über die Mauergrenze hinaus. Am 27.6.1859 wurde mit dem Gesetz über Erweiterung der Stadt das Niederreissen der Mauern, das Auffüllen der Gräben und die Errichtung neuer Quartiere beschlossen. Das Gesetz über die Anlage und Korrektion von Strassen vom 29.8.1859 verdoppelte den Siedlungsraum etwa, entwarf das heutige Strassennetz im ehem. Stadtbann und legte Verbindungsstrassen zwischen alten und neuen Quartieren sowie zu den Bahnhöfen fest.

Von der Kantonstrennung bis zur Schleifung der Mauern nahm der Bestand an bewohnten Häusern im Kt. (1837 waren es 2'526) um ca. 400 Einheiten zu. 1860-80 und 1880-1900 verdoppelte er sich jeweils fast. In den 1860er Jahren konzentrierte sich die Bautätigkeit auf das Gebiet der Bahnhöfe und der von diesen ausgehenden neuen Promenaden. Das wohlhabende Bürgertum zog aus der Altstadt mit ihrer wachsenden Bevölkerungsdichte und entsprechenden sozialen und sanitar. Problemen (1855 Cholera-, 1865 Typhus-Epidemie) in das Gebiet seiner ehem. "Rebgärten" vor der Stadt (Gellertquartier). In den 1870er Jahren entstanden Mittelschichtquartiere im Westen (Steinenring). Bis um 1890 wurden in der äusseren Stadt erst wenige Arbeiterwohnungen in grossen Mietshäusern gebaut; die einkommensschwachen Zuwanderer lebten weiterhin in der überfüllten Altstadt. Nach 1890 verbesserte sich ihre Wohnsituation langsam durch den verstärkten Bau von Arbeiterwohnungen (v.a. Gundeldinger- und Matthäusquartier).

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. erreichte das bebaute Gebiet verschiedenenorts die polit. Grenze der Stadt bzw. des Kt. Schliessl. beanspruchte die Expansion in der Hochkonjunktur der 1950er und 60er Jahre fast die ganze verbliebene Fläche, und die Stadt verschmolz mit den Vororten zur grenzübergreifenden Agglomeration. Seit den späten 1950er Jahren stagniert die Zahl der Wohnbauten. Der jährl. Zuwachs an Gewerbe- und öffentl. Bauten - 1900 bei 161 und 1925 auf einem Max. von 226 - bewegte sich 1973-89 auf dem tiefen Niveau von durchschnittlich 23 Bewilligungen und sank 1990-95 gar auf 12.

Von den Park- und Gartenanlagen ist in erster Linie der 1874 in der Talsenke zwischen Centralbahnhof und Paulusquartier eröffnete Zoolog. Garten ("Zolli") mit seinen Erweiterungen von 1884, 1929 und 1939 zu nennen. Anfänglich wurden nur einheimische Tiere gezeigt, 1886 der erste Elefant. 1879-1935 war die Zeit der sog. Völkerschauen ("Neger", "Fischmenschen", "Hottentotten").

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.2 - Wirtschaft und Verkehr

6.2.1 - Wirtschaft im 19. Jahrhundert

Bis 1871 galten für die meisten Handwerke noch zünft. Schranken. Nur die Industrie konnte ohne diese produzieren. Fakt. wurden zwar Produktions- und Marktbeschränkungen auch von den Handwerkern selbst spätestens ab den 1840er Jahren umgangen. Dennoch setzten diese 1847 erstmals das Verbot, die Gewerbefreiheit einzuführen, in der Verfassung durch. Die städt. Ökonomie war bis in das 2. Drittel des 19. Jh. aufgeteilt in zwei Sektoren: die kapitalintensive, weltmarktorientierte und weitgehend regulationsfreie verlags- und fabrikindustrielle Seidenbandindustrie sowie den damit z.T. eng verbundenen Finanzsektor einerseits, das handwerklich-arbeitsintensive, kapitalarme, auf den städt. Binnenmarkt orientierte und zünft. Beschränkungen unterworfene Gewerbe andererseits. Dieses anachronist. Nebeneinander wirkte als Struktur bewahrendes, retardierendes Element im Industrialisierungsprozess. Es spiegelte sich in der polit. Machtbalance zwischen Handwerkern auf der einen sowie Fabrikanten und Handelsherren auf der anderen Seite und bildete sich sozial ab als Gegensatz von weltläufigem "patriz." Grossbürgertum und kleinstädt. Handwerkerstand.

Lange Zeit produzierte die Seidenindustrie nach dem Verlagssystem. Entscheidende Schritte zur fabrikindustriellen Produktion waren 1824 die erste mechanisierte Schappe-Spinnerei Kontinentaleuropas mit einem Göppelwerk (J.S. Alioth & Cie.), 1832 der Anschluss von Bandwebstühlen an ein Wasserrad (J.J. Richter-Linder) und 1837 die erste Dampfmaschine in der Schappe-Spinnerei (Braun & Ryhiner). Die Arbeitsplätze in den Bandfabriken gewannen ab 1840 gegenüber der städt. Heimarbeit, die neben der ländl. auch existierte, das Übergewicht. 1843 schätzte man die Zahl der Beschäftigten in mechan. Bandfabriken auf ca. 1'500; zugleich produzierten ca. 10'000 Personen auf der Landschaft Seidenbänder in Heimarbeit. Für 1847 schätzt man den Anteil der Seidenband- und Seidenstoffindustrie am städt. Gesamteinkommen auf max. einen Fünftel. 1870 arbeiteten ca. 6'600 Arbeiterinnen und Arbeiter in städt. Fabriken, davon 78% in der Seidenindustrie, 8% in der Metall- und Maschinenindustrie, 6% im Bau- und Holzgewerbe und 2% in der Chem. Industrie. B. wurde in der 2. Hälfte des 19. Jh. zur grössten Industriestadt der Schweiz.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.2.2 - Wirtschaft im 20. Jahrhundert

Die Erwerbsstruktur lässt sich sowohl unter dem Gesichtspunkt der in B.-Stadt wohnhaften Erwerbstätigen wie auch unter dem der Arbeitsplätze betrachten. Die Differenz ergibt sich aus dem für den Stadtkanton typ. Zupendlerüberschuss. Lag die Zahl der Zupendler bis zum 2. Weltkrieg im Bereich von 10'000 Personen, so stieg sie danach steil an und erreichte 1990 64'192, davon ca. ein Drittel aus Deutschland und Frankreich. Die wirtschaftl. Verflechtung der Regio Basiliensis hat v.a. in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen.

Erwerbstätigkeit der Einwohner
Total ErwerbstätigeFrauen1. Sektor2. Sektor3. Sektor
187027'62312'4274,5%52,4%43,1%
190050'13312'625a2,4%53,0%44,5%
192072'45524'285a1,4%47,9%50,7%
195097'30533'7131,0%45,5%53,5%
1970121'19047'2650,5%42,5%57,1%
1990103'97042'9170,5%28,7%70,9%

a 1900 wurden 4'748 und 1920 5'735 meist weibl. Dienstboten nicht nach Geschlecht unterschieden. Sie fehlen deshalb in dieser Zählung.

Quellen:Eidg. Volkszählungen

Die nur für die neueste Zeit vollständigen - auf den Arbeitsplatz B.-Stadt bezogenen - Betriebszählungen zeigen einen weniger starken Rückgang des 2. Sektors, der in besonderem Ausmass Zupendler anzog. 1991 erfasste man im Halbkt. 437 Vollzeitbeschäftigte im 1., 49'544 im 2. und 82'697 im 3. Sektor, wozu 41'062 Teilzeitbeschäftigte kamen. Von allen schweiz. Grossstädten verfügt B. noch immer über den gewichtigsten Anteil des 2. Sektors. Knapp 30% der Vollzeitbeschäftigten arbeiteten in Betrieben mit 500 und mehr, weitere 23% in solchen mit 100-499 Beschäftigten. Im Verlauf des 20. Jh. kristallisierten sich acht wichtige Bereiche der Wirtschaft heraus, in denen 1991 zwei Drittel der Vollbeschäftigten arbeiteten (s. untenstehende Tabelle).

Arbeitsplätze in ausgewählten Bereichen
 190519291939195519651975198519911998
Chemie2'3725'5587'40614'69320'80227'48223'53524'29214'448
Textil8'2095'6002'5032'1601'408 628   88   76-a
Maschinen/Uhren1'3303'4173'8816'7967'1804'3523'7583'5882'695
Bau7'69911'0116'89814'49019'05212'36212'29513'7289'404
Handel7'30014'12213'35818'68422'07720'52818'43016'37312'114
Banken/Versicherung1'2093'4213'7274'6356'4999'09611'29712'5159'467
Verkehr (inkl. PTT)6'1298'1788'22412'36713'24813'70213'20413'54212'540
Gastgewerbe3'1224'1504'8265'7986'1956'4505'9935'8805'398

a nicht mehr separat ausgewiesen

Quellen:Eidg. Betriebszählungen

Die heute wichtigste Branche, die Chemische Industrie, nahm 1859 mit der Anilinfarbenproduktion Alexander Clavels ihren Anfang. In den ersten Jahrzehnten entstanden durch Neugründungen, Aufteilungen und Fusionen Firmen mit wechselnden Namen, aus denen sich in einem Konzentrationsprozess die Struktur mit den Weltkonzernen Ciba, Sandoz (die 1996 zur Novartis fusionierten) und Roche an der Spitze herausbildete. Bis zur Jahrhundertwende blieb die Chemie bescheiden, wuchs dann aber rasch und distanzierte alle andern Branchen, zuletzt um 1970 den Handel. B.-Stadt verfügt dadurch über eine äusserst einseitige Erwerbsstruktur. Der Sandoz-Grossbrand 1986 in Schweizerhalle, der in B. eine mehrstündige Ausgangssperre bedingte, sowie der in den 1990er Jahren erhebl. Abbau von Arbeitsplätzen erschütterten das Vertrauen in die sonst kaum angefochtene Chem. Industrie.

Die Textilindustrie mit Schwerpunkt in der Seidenbandweberei sowie starker Stellung in der Färberei und der Schappe-Industrie brach bis zum Ende der 1930er Jahre schwer ein und ist heute fast verschwunden.

Der Handel bot während Jahrzehnten am meisten Arbeitsplätze, der Detailhandel (Coop) rund doppelt soviele wie der Grosshandel. Zur Förderung des Absatzes schweiz. Erzeugnisse wurde 1917 erstmals die Mustermesse durchgeführt, aus der in der Folge ein Messe-Unternehmen ("Messe Basel") mit zahlreichen Fachmessen hervorging.

Obwohl B. in der 1. Hälfte des 19. Jh. ein schweiz. Kapitalreservoir war, gewann die Stadt als moderner Finanzplatz spät Bedeutung. Zwei Grossbanken wurden hier gegründet, die Basler Handelsbank (1862) und der Schweizerische Bankverein (SBV) (1872). Die Kantonalbank folgte 1899, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) 1930. Eine Börse gab es 1876-1996. Seit 1861 entstanden die versch. Zweige der Basler Versicherungen, der weitere Gesellschaften folgten.

Beschäftigungsmässig nahm der Verkehr, ausser unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, nur schwach zu, weil das wachsende Volumen durch Rationalisierungsmassnahmen aufgefangen wurde. Neben den Erwerbstätigen im öffentl. Verkehr, im Strassentransport und bei der Post fallen in B.-Stadt die Luftfahrt, die Rheinschifffahrt und 1991 als grösste private Gruppe die Spedition (Danzas, Panalpina Welttransport) unter diesen Titel.

Der Halbkt. B.-Stadt verfügt über eine der leistungsfähigsten kant. Volkswirtschaften. Bis in die 1970er Jahre wies er das höchste Volkseinkommen pro Kopf aus. Seither ist er hinter den Kt. Zug und vorübergehend auch hinter den Kt. Zürich zurückgefallen und hat im nationalen Rahmen an Gewicht verloren. Konjunkturelle Schwankungen zeigten z.T. besonders starke Auswirkungen in B. So lag die Arbeitslosenquote in den Krisen der frühen 1920er, der 30er, 70er und der 90er Jahre höher als im Landesmittel.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.2.3 - Verkehr

Erstmals 1832 legte ein Dampfschiff in B. an, und 1840-43 bestand auf dem Rhein ein regelmässiger Liniendienst B.-Mainz. Dann verdrängte die Eisenbahn die Schifffahrt. Ein nur durch die beiden Weltkriege unterbrochener Güterverkehr setzte auf dem Oberrhein (bis Schweizerhalle) 1904 ein. Der Bau der ersten Etappe des Rheinhafens St. Johann erfolgte 1906-07. Die beiden Hafenbecken in Kleinhüningen entstanden 1919-22 und 1936-39.

Am 15.6.1844 fuhr auf der Strecke Saint-Louis-B. der Chemins de fer d'Alsace die erste Eisenbahn in der Schweiz, für die am 11.12.1845 innerhalb der Stadtmauern ein Bahnhof eröffnet wurde. Schon 1853 bestanden tägl. Verbindungen nach Paris und Frankfurt. Erst vom 19.12.1854 an wurde der Abschnitt B.-Liestal der von der Schweizerischen Centralbahn gebauten Linie nach Olten befahren. Gemeinsam nahmen 1860 die Centralbahn und die Elsässerbahn den Centralbahnhof in Betrieb (Neubau 1907). 1855 wurde der über eine völkerrechtl. Sonderstellung verfügende Bad. Bahnhof eingeweiht (Neubau 1913). Die Bahnlinien der drei Länder wurden 1873 in B. verknüpft. Dazu kamen 1876 der Rangierbahnhof Wolf (seit 1900 auch Güterbahnhof), 1902 der Güterbahnhof St. Johann und 1905 der neue Güterbahnhof der Bad. Bahn.

Neben den Hauptbahnen wurden Schmalspurlinien gelegt: 1887 ins Birsigtal, 1902 und 1907 ins Birstal. Für die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) fuhr 1895 die erste elektr. Strassenbahn (Centralbahnhof-Mittlere Brücke-Bad. Bahnhof). Ab 1900 wurden Vororte erschlossen, so Saint-Louis (F, 1900), Allschwil (1905), Riehen (1908), Hüningen (F, 1910), Lörrach (D, 1919), Muttenz und Pratteln (1922) sowie Binningen (1934).

1905 waren 31 Motorfahrzeuge registriert. Bis 1938 erhöhte sich deren Zahl auf das Vorkriegsmax. von ca. 5'800, das erst 1947 überschritten wurde. Der Automobilbestand verdreifachte sich 1950-60 auf 28'600, um sich 1960-95 auf 65'770 mehr als zu verdoppeln. Mit 298,3 Personenwagen auf 1'000 Einw. lag B.-Stadt 1990 klar unter dem Landesmittel von 440.

Seit den späten 1850er Jahren wurden sechs Rheinbrücken und zehn weitere Viadukte und Brücken gebaut: u.a. 1857-58 der Viadukt der Elsässerbahn über den Birsiggraben (1901-03 Umbau für städt. Verkehr), 1872-73 die Rheinbrücke zur Verbindung von Badischer und Centralbahn (Neubau 1959-61), 1877-79 die Wettsteinbrücke (Neubau 1993-95), 1879-82 die Johanniterbrücke (Neubau 1965-67), 1903-05 die Mittlere Brücke (anstelle der Holzkonstruktion von 1225), 1932-34 die Dreirosenbrücke und 1953-55 die St.-Alban-Brücke (1973 abgebrochen). In den späten 1960er und den 70er Jahren entstanden für den städt. Autoverkehr der sog. City-Ring (1969-70 Heuwaage-Viadukt) und 1970-73 die Schwarzwald-Brücke zusammen mit der Osttangente als Stadtautobahn und Teilstück der Route Hamburg-Mailand. Ende der 1990er Jahre wurde mit dem Bau einer neuen Dreirosenbrücke mit Verbindung zwischen der dt. und der franz. Autobahn (Nordtangente) begonnen.

Das erste Flugzeug landete 1911 in B. Die seit dem 1. Weltkrieg bestehende Landepiste auf dem Birsfelder Sternenfeld erwies sich bald als zu klein, weshalb 1935 die Planung zur Verlegung begann. Auf franz. Boden (Blotzheim) wurde 1946 der binationale Flughafen B.-Mulhouse (seit 1987 Basel Mulhouse Freiburg) eingerichtet und seither für die internat. Luftfahrt ausgebaut.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.3 - Gesellschaft

6.3.1 - Sozialstruktur und sozialer Wandel

Die Industrialisierung blieb nicht ohne Auswirkungen auf die städt. Gesellschaft. Rentiers und mit eigenem Betrieb selbstständig Erwerbende stellten noch im letzten Drittel des 19. Jh. einen Viertel der Erwerbstätigen. Der Anteil der Letzteren unterschied sich nach Branche erheblich und machte z.B. im Handel mit den vielen Detaillisten zwei Fünftel, in der kapitalintensiven Seidenindustrie dagegen nur einen Fünfzigstel aus. Gegen Ende des 20. Jh. zählte man dagegen - neben Arbeitern, Angestellten und Lehrlingen - weniger als einen Zehntel selbstständig Erwerbende und gut einen Zwanzigstel oberes Kader. Von ca. 25'000 Steuerpflichtigen deklarierten 1895 nur knapp ein Viertel ein Vermögen, davon etwas weniger als zwei Drittel 5'000-40'000 Fr., je etwas weniger als ein Sechstel 40'000-100'000 Fr. bzw. 100'000-1'000'000 Fr., schliessl. 138 Personen (ca. ein Fünfzigstel) durchschnittl. 3,6 Mio. Fr. Ein Jahrhundert später deklarierten etwas mehr als ein Viertel der gut 131'000 Steuerpflichtigen steuerbares Vermögen, davon zwei Fünftel weniger als 100'000 Fr., gut die Hälfte 100'000-1'000'000 Fr., die Übrigen mehr. Fast ein Viertel des steuerbaren Vermögens besassen die 169 Reichsten.

Die wachsende Schicht der unselbstständig Erwerbenden darf nicht einfach als Unterschicht angesehen werden, umfasste sie doch unterschiedl. Erwerbsarten, vom mittleren Kader bis zur Putzfrau. Um 1900 bezeichnete der Kantonsstatistiker B. im internat. Vergleich als eindeutige "Fabrikstadt". Tatsächlich zählte man für eine schweiz. Grossstadt unter den Erwerbstätigen bis um 1980 überdurchschnittlich viele Arbeiter, näml. 1888 51%, 1900 54% und 1980 41%. Bis gegen die Mitte des 20. Jh. spielten daher polit. und soziale Auseinandersetzungen mit der Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle.

In der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit ermöglichten ausserordentl. günstige Ergebnisse der ansässigen Wirtschaft eine kulturelle Blüte. Früher als in der übrigen Deutschschweiz wurde die beklemmende Enge des Kalten Krieges gesprengt und Experimenten auf verschiedensten Ebenen mehr Raum gewährt. Neue Werte stiessen auf geringeren Widerstand, weshalb auch die Auseinandersetzung mit der Jugend- und Studentenbewegung um 1968 weniger heftig ausfiel. B. schuf sich in dieser Zeit den Ruf einer Kulturstadt, den es trotz Sparmassnahmen in den 1990er Jahren halten konnte.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.3.2 - Der "Daig"

Wegen der Kantonstrennung wurde bis zum Ende des 19. Jh. die alte städt. Oberschicht kaum von neuen Eliten ländl. oder kleinbürgerl. Provenienz konkurrenziert. Politisch verlor sie ihre Macht um die Jahrhundertwende. Ökonomisch, sozial und kulturell hingegen beherrschte eine kleine Schicht reicher, eng versippter altbürgerl. Fam. ("Patriziat" oder "Daig"), deren ökonom. Basis das Seiden-, Kaufmanns- und Finanzkapital war, die Stadtgesellschaft bis nach dem 1. Weltkrieg. Mit gezielter Heiratspolitik schottete sie sich weitgehend erfolgreich gegen unten und aussen ab. Wegen der Krise der Seidenindustrie, dem Aufkommen der Aktiengesellschaften und der ökonom. und kulturellen Diversifizierung büsste der "Daig" danach stark an Einfluss ein, ohne ihn jedoch vollst. zu verlieren. Die erfolgreichen Bank- und Chemiekonzerne wurden meist von Zugezogenen geleitet.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.3.3 - Gewerkschaften und Streiks

Bereits vor 1850 entstanden erste Gewerkschaften, etwa der Generalposamenterverein von 1848, die aber meist rasch wieder zerfielen. Eine breite Streikbewegung der Jahre 1868-69 brachte dem Internat. Arbeiterverein vorübergehend über 3'000 Mitglieder. Erst der 1886 gegr. Arbeiterbund ermöglichte eine stabile Gewerkschaftsbewegung, indem er für die oft schwachen Berufsvereine personell, finanziell und publizist. ein Rückgrat bildete. Von der Mitte der 1890er Jahre an nahmen Streiks stark zu: 1905-07 zählte man jährlich ca. 20. Eine weitere Streikwelle war nach dem 1. Weltkrieg zu verzeichnen, als die Gewerkschaften vorübergehend fast 20'000 Mitglieder zählten. Heraus ragten der Generalstreik vom Nov. 1918, der ohne Zwischenfälle verlief, und derjenige vom Aug. 1919, als ein unverhältnismässiger Militäreinsatz fünf Todesopfer forderte. Durch die Spaltung in ein radikales und ein gemässigtes Kartell erlitt die Basler Gewerkschaftsbewegung 1927 einen bis anfangs der 1940er Jahre nachwirkenden Rückschlag. In den Kriegsjahren erfuhr sie v.a. dank dem neuen Chemiearbeiter-Verband einen nie gekannten Aufschwung auf über 31'000 Mitglieder im Jahr 1946. Der anfangs 1945 unterzeichnete Chemie-Gesamtarbeitsvertrag war gesamtschweizerisch der erste für den Grossteil einer wichtigen Exportindustrie. Seither kam es ausser 1946-47 selten zu Streiks.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. lag das Schwergewicht der gewerkschaftl. Tätigkeiten auf der Verwaltung und dem Ausbau der Gesamtarbeitsverträge. Lange verfügten die Gewerkschaften zudem über gute Drähte zur kant. Politik. Wie in der übrigen Schweiz überschritten sie in den 1960er Jahren mitgliedermässig ihren Höhepunkt. Seit den 1970er Jahren haben sie zudem an polit. Einfluss verloren.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.4 - Kultur und Bildung, Kirchen und religiöses Leben

6.4.1 - Vereinsleben

Zwischen 1800 und 1832 wurden in B. 25 bürgerl. Vereine gegründet, zwischen 1832 und 1860 nochmals ca. 150. Nach ihrem polit. und ökonom. Funktionsverlust wurden die Zünfte zu den wichtigsten Verbindungsformen ohne spezif. Vereinszweck, v.a. für bürgerl. Schichten. Daneben entstanden - neben Parteien, Gewerkschaften, Berufsverbänden sowie Kranken- und Pensionskassen - zahlreiche zweckgebundene Vereine in allen Bereichen. Dazu einige Beispiele: - Wohltätigkeit: 1870 Freiwillige Armenpflege, 1901 Frauenverein,
- Religion: 1860 Evang. Gesellschaft für Stadtmission, 1865 Vinzenzverein,
- Wirtschaft: 1865 Allg. Consum-Verein, 1867 Gewerbeverband, 1876 Handels- und Industrieverein (Handelskammer), 1886 Arbeiterbund,
- Kultur und Bildung: 1839 Kunstverein, 1870 Statist.-volkswirtschaftl. Gesellschaft, 1874 Hist. und Antiquar. Gesellschaft,
- Militär: 1834 Artillerie-Verein,
- Gesang, Musik, Fasnacht: 1824 Basler Gesangverein, 1852 Liedertafel, 1858 Quodlibet, 1884 Vereinigte Kleinbasler, 1896 Mandolinen-Gesellschaft,
- Heimat und Unterhaltung: 1858 Aargauer Verein.

Im 20. Jh. entwickelte sich das Vereinsleben stark in den gelegten Bahnen. Dazu kamen Neugründungen wie z.B. 1912 der Kath. Frauenbund, 1923 die der Arbeiterbewegung nahe stehende Fasnachts-Clique Rätz, 1926 das Kammerorchester, 1942 die Freizeitaktion und 1970 die Basler Arbeitsgemeinschaft zum Schutz von Natur und Umwelt (Basnu).

Sportvereine bildeten sich im 19. Jh. in den Bereichen Turnen (1819 Bürgerturnverein), Schiessen (1868 Feldschützen), Handball (1862 Arbeiterturnverein) und Wasserfahren (1883 Rheinclub). Im 20. Jh. wurden diese Sportarten v.a. durch Fussball (1893 FC B.), Leichtathletik (1907 BSC Old Boys), Eishockey (1932 EHC B.), Schwimmen (1919 Schwimm-Club B./Neptun), Skifahren (1904 Skiclub B.), Tennis (1886 TC Casino) und Fitness (1971 John Valentine Fitness Club) ergänzt bzw. zunehmend verdrängt.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.4.2 - Museen

Die Öffentl. Kunstsammlung, die auf das Kunstkabinett der Fam. Amerbach zurückgeht, wurde 1849 zusammen mit der Universitätsbibliothek und andern Sammlungen im neuen Museum an der Augustinergasse untergebracht. Sie fand 1936 im Kunstmuseum am St.-Alban-Graben ihr heutiges Domizil. Neben den älteren Beständen der Alten Meister (Konrad Witz, Hans Holbein d.J.) machten sie v.a. die Ankäufe von von den Nationalsozialisten als "Entartete Kunst" diffamierten Werken der klass. Moderne in den 1930er Jahren, von amerikan. Kunst (Bruce Nauman, Robert Rauschenberg, Andy Warhol) und wichtiger Werke Pablo Picassos in den 1960er und 70er sowie von Zeichnungen und Objekten von Joseph Beuys und von "Minimal Art" in den 1970er und 80er Jahren zu einem der internat. bedeutendsten Kunstmuseen. 1979 wurde es um das Museum für Gegenwartskunst erweitert.

Der Basler Kunstverein veranstaltet seit 1840 jedes Jahr eine Winterausstellung. Die 1872 eröffnete Kunsthalle am Steinenberg ermöglicht ihm zudem Ausstellungen mit z.T. überregionaler Ausstrahlung. Seit 1972 findet in den Hallen der "Messe Basel" jährl. die Art statt, die internat. bedeutendste Messe für Kunst des 20. Jh.

Wichtige Bestände besitzen auch das Naturhist. Museum (1822, Naturwiss. Sammlung) und das Museum der Kulturen (beide im Museum an der Augustinergasse), das seit 1894 in der Barfüsserkirche untergebrachte Hist. Museum, das 1966 gegr. Antikenmuseum und die ihm 1980 angegliederte Sammlung Ludwig in der alten Dompropstei sowie die 1997 der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Sammlung der Fondation Beyeler in Riehen.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.4.3 - Musik, Theater, Film

Sängerfeste, Festspiele und populäre Musik- und Gesangvereine bildeten im 19. Jh. die Basis des Musiklebens, das heute von zahlreichen Formationen vom Sinfonierorchester BAsel ( bis 1997 Basler Sinfonie-Orchester) bis zu div. Jazz-, Rock- und Pop-Bands getragen wird. Aus dem Zusammenschluss älterer Veranstalter entstand 1876 die Allg. Musikgesellschaft (AMG) als Trägerin der Orchestermusik. Die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) richtete 1867 die Allg. Musikschule ein, 1905 ergänzt durch das Konservatorium. Mit der Gründung der Basler Orchester-Gesellschaft (BOG) engagierte sich 1921 erstmals der Staat im bisher privat getragenen Musikleben. Paul Sacher gründete 1933 die Schola Cantorum Basiliensis für alte Musik, die sich 1954 mit der Musikschule zur Musik-Akad. vereinigte.

Die im "frommen B." weit weniger als die Musik geschätzte Theaterkultur fand ihre erste Institution 1834 im Theater auf dem "Blömlein". Das von der Theatergenossenschaft betriebene, seit 1866 vom Kt. subventionierte Haus zeigte ein gemischtes Programm mit Varieté- und Zirkuselementen. 1875 wurde der Bau am Steinenberg bezogen (Restaurierung nach Brand 1904, Neubau 1975). In den 1960er und 70er Jahren wurden die Basler Theater zum grössten Dreispartenbetrieb (Schauspiel, Ballet, Oper) der Schweiz und unter Leitung von Werner Düggelin zum internat. beachteten Haus.

Die ersten "lebenden Photographien" waren in B. am 31.7.1896 zu sehen. Das erste ständige Kinematografentheater nahm 1907 seinen Betrieb auf, das erste für Tonfilm 1931. Die meisten Kino-Eröffnungen datieren in die späten 1920er Jahre. Als ältester Club im deutschspr. Raum für nicht-kommerzielles Kino gilt Le Bon Film (1931).

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.4.4 - Feste und Feiern

Im 19. Jh. gehörten grosse Feste und Festspiele zu den wichtigen gesellschaftl. Ereignissen mit nachhaltiger sozialer Integrations- und Repräsentationswirkung (u.a. 1844 Eidg. Schützenfest, regelmässige Turn- und Sängerfeste, seit 1860 jährl. St. Jakobsfest, 1892 Vereinigungsfeier, 1901 Bundesfeier). Nach dem 2. Weltkrieg dominierten zunehmend Volksfeste ohne polit. Inhalte.

Die Basler Fasnacht findet in der Woche nach Aschermittwoch statt. Während sich im 19. Jh. bürgerl. und nicht-bürgerl. Formen konkurrenzierten, bildete sich bis zum 1. Weltkrieg der heutige Stil aus: Die Aktiven organisieren sich in grossen Stammcliquen (bis in die 1980er Jahre meist ohne Frauen), kleinen Cliquen (oft Abspaltungen) und Grüppchen ("Schyssdräggziigli"), um mit Trommeln und Pfeifen am Montag um 4 Uhr früh ("Morgestraich"), am Montag und Mittwoch nachmittags sowie an allen drei Tagen abends und nachts maskiert und kostümiert durch die Innenstadt zu ziehen. Seit den 1940er Jahren kommen die sog. "Guggemusigge" mit Posaunen und Trompeten dazu. In den Wirtschaften der Innenstadt rezitieren am Abend Bänkelsänger "Schnitzelbänke" (gesungene Verse), welche das gesellschaftl. und polit. Leben des vergangenen Jahres persiflieren. Die Verbindung einiger starrer Grundregeln mit anarch. Freiheit der Gestaltung sichert der Fasnacht seit den 1920er Jahren grosse Integrationskraft.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.4.5 - Medien

Die älteste polit. Tageszeitung B.s war Andreas Heuslers offiziöse "Bas(e)ler Zeitung" (1831-59). 1838-62 bestand daneben das mittelständ.-konservative "Tagblatt der Stadt B.". Radikale um Karl Brenner gründeten 1842 die National-Zeitung (1860-88 "Schweiz. Volksfreund"). Das seit 1729 bestehende "Avis-Blatt" (nur Anzeigen) wurde 1845 in das konservative "Intelligenzblatt der Stadt B." umgewandelt, das ab 1856 als Basler Nachrichten erschien. Anfänglich am Juste-Milieu, später auch nach links orientierte sich die "Schweizer Grenzpost" (1871-91). Katholiken gründeten 1873 das Basler Volksblatt (1982 "Nordschweiz", 1992 Übernahme durch "Basellandschaftl. Zeitung"). Der Arbeiterbund gab von 1886 an den "Basler Arbeiterfreund" heraus, der 1893 in (Basler) Vorwärts umbenannt und nach der Parteispaltung 1921 Organ der KP wurde. Die von der SP 1921 gegr. Basler Arbeiter-Zeitung (ab 1963 "Abendzeitung AZ") erschien bis 1992. "National-Zeitung" und "Basler Nachrichten", die wichtigsten Blätter, wurden 1977 zur Basler Zeitung (BaZ) fusioniert, der seit 1992 einzigen Tageszeitung in B.-Stadt.

Die ab 1926 sendende Radio-Genossenschaft B. ging 1931 in der Schweiz. Rundspruchgesellschaft (SRG) auf. Einzige lokale Station war bis 1998 das 1983 eröffnete Radio Basilisk. Obwohl 1952 B. als erste Stadt der dt. Schweiz einen Fernseh-Versuchsbetrieb durchgeführt hatte, erhielt es kein Studio.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

6.4.6 - Kirchen und religiöses Leben

Mit der Industrialisierung wanderten zunehmend kath. Arbeiter und Arbeiterinnen in die bis Mitte des 19. Jh. weitgehend prot. Stadt ein, so dass der Anteil der Protestanten bis 1880 auf zwei Drittel der Wohnbevölkerung zurückging. Bis 1950 verharrte er auf diesem Niveau. Alle anderen Konfessionen und Religionen stellten zusammen im 19. Jh. kaum je mehr als 1%. Nach dem 2. Weltkrieg erhöhte sich bis 1970 der Anteil der Katholiken auf 41%. In den folgenden 20 Jahren veränderten sich die Verhältnisse infolge der allg. Säkularisierung und auch migrationsbedingt dramatisch: Der Anteil der Protestanten sank auf einen Drittel, jener der Katholiken auf einen Viertel, während sich derjenige der Konfessionslosen auf beinahe 35%, jener der anderen Religionen und Konfessionen auf über 5% erhöhte.

Neben dem strukturellen Wandel prägten im 19. Jh. der Kulturkampf und der Pietismus das kirchl. Leben. Der Kulturkampf zwischen der röm.-kath. Gem. und v.a. freisinnig-prot. Kräften gipfelte 1884 in der Abschaffung der kath. Schule und im 1889 verfassungsrechtlich festgelegten Unterrichtsverbot für Geistliche. Der Pietismus prägte das Leben und Denken des Basler Grossbürgertums im 19. und frühen 20. Jh. tiefgreifend. V.a. die 1815 gegr. Basler Missionsgesellschaft (Basler Mission) und die ihr angegliederte Basler Handelsgesellschaft wurden dank breiter Verankerung zu einflussreichen Institutionen mit in div. "Missions-Gebieten", v.a. Afrikas und Asiens, z.T. bis heute anhaltender Wirkung. Gegen die "Frommen" der pietist. "Brüdergemeinde" machte sich innerkirchl. Opposition bemerkbar, die 1880-84 in der Gründung "positiver" und "liberaler" Gemeindevereine gipfelte.

Erst ab 1848 konnten Katholiken das Bürgerrecht erwerben. Ihre Gem. lehnte 1876 die rechtl. Gleichstellung mit der evang. Kirche aus Furcht vor staatl. Aufsicht ab; dafür erhielten 1878 die freisinnig orientierten Christkatholiken den Status einer kath. Landeskirche. Die röm.-kath. Kirche wurde in B.-Stadt erst 1972 Körperschaft öffentl. Rechts. Zwischen 1885 und 1935 entstanden fünf neue kath. Kirchen und 1928 das St. Claraspital als wichtigstes Werk kath. Wohltätigkeit.

Die 1805 gegründete jüd. Gem. blieb wegen der extrem restriktiven Aufenthaltsbestimmungen bis 1849 sehr limitiert. Volle Niederlassungsfreiheit und Rechtsgleichheit erhielten Juden erst durch die Teilrevision der Bundesverfassung von 1866. Die Synagoge konnten sie 1868 einweihen und 1892 vergrössern. Seit 1972 ist die Isr. Gem. in B.-Stadt, als erste in der Schweiz, den christl. Landeskirchen gleichgestellt. Am 29.8.1897 eröffnete Theodor Herzl im Stadtcasino den ersten Zionistenkongress, der mit dem "Baseler Programm" die Schaffung einer öffentl.-rechtl. gesicherten Heimstätte in Palästina anstrebte. Bis zur Gründung des Staates Israel 1948 tagten neun weitere Zionisten-Kongresse in B. 1997 fanden Feierlichkeiten und wiss. Veranstaltungen zum 100-jährigen Jubiläum des ersten Kongresses statt.

Autorin/Autor: Bernard Degen, Philipp Sarasin

Quellen und Literatur

Archive
– StABS
– UBB
– HMB
– SWA
Quellen
Kantonsbl., 1798-
Slg. der Gesetze und Beschlüsse, 8 Bde., 1838-1981
Stat. Jb. B.-Stadt, 1921-
Graph.-Statist. Hb. des Kt. B.-Stadt, 1938
Chronolog. Gesetzesslg., 1982-
Literatur

Autorin/Autor: Bernard Degen