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Appenzell (Innerrhoden)

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Bis 1597 mit Appenzell (Ausserrhoden) Teil des gemeinsamen Landes Appenzell (Kanton), seither Halbkt. der Eidgenossenschaft unter der Bezeichnung "Land Appenzell der inneren Rhoden", amtl. Name seit 1873 "Kanton Appenzell I.Rh." (franz. Appenzell Rhodes-Intérieures, ital. Appenzello Interno, rätorom. Appenzell dadens). Amtssprache ist Deutsch. Hauptort des Kt. und Sitz der Kantonsbehörden ist der Flecken A. 1873 traten an die Stelle der alten Rhoden die sechs Bez. A., Schwende, Rüte, Schlatt-Haslen, Gonten und Oberegg.

Fläche (1997)172,5 km² 
Wald / bestockte Fläche54,8 km²31,8%
Landwirtschaftliche Nutzfläche96,1 km²55,7%
Siedlungsfläche7,2 km²4,1%
Unproduktive Fläche14,4 km²8,4%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 1850190019501990
Einwohner 11 27213 49913 42713 870
Anteil an der Gesamtbevölkerung der Schweiz0,5%0,4%0,3%0,2%
SpracheDeutsch 13 41213 30312 723
 Französisch      7   13   22
 Italienisch    69   77 234
 Rätoromanisch       8   20   14
 Andere       3   14 877
KonfessionProtestantisch   42   833 5721 275
 Katholisch (bis 1900 inkl. Christkatholisch)11 23012 66512 83311 875
 Christkatholisch       5     3
 Israelitisch     0      0     2     3
 Andere und konfessionslos     0     1   15 572
 davon konfessionslos    142
NationalitätSchweizer11 19813 17013 09512 524
 Ausländer   74 329 3321 346
Jahr 1905193919651995
Beschäftigte im Kt.1. Sektor2 7184 4441 6681 501a
 2. Sektor4 4371 3041 8481 940
 3. Sektor 8751 2301 3872 946
Jahr 1965197519851995
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen0,2%0,2%0,2%0,2%

a Ziffern von 1996

Quellen:BFS, BLW und HistStat

1 - Von der Landteilung zur Helvetik (1597-1798)

1.1 - Staat und Verwaltung

Kern des aus der Landteilung vom 8.9.1597 hervorgegangenen Staatswesens bildeten die inneren fünf Rhoden Schwende, Rüte, Lehn, Schlatt und Gonten sowie die beiden Halbrhoden Rinkenbach (westl. Teil der ehem. inneren Rhode Rinkenbach/Wies) und Stechlenegg (gegr. 1598). Es entsprach der Kirchhöre A. und trug die Bezeichnung Inneres Land (heute Innerer Landesteil). Zu A. Innerrhoden gehörten zudem die kath. Bewohner am oberen Hirschberg und in Oberegg, die nach der Abtrennung von Trogen als zwei Halbrhoden innerrhod. Exklaven bildeten. Während Stechlenegg weitgehend in die Verwaltung des Inneren Landes integriert wurde, entwickelten Hirschberg und Oberegg mit der Zeit eine gewisse polit. Eigenständigkeit. Sowohl die territoriale Abgrenzung als auch der Status der auf ausserrhod. Gebiet gelegenen Innerrhoder Frauenklöster Wonnenstein und Grimmenstein gaben bis ins 19. Jh. immer wieder Anlass zu Streitigkeiten unter den beiden appenzell. Halbkt.

Der Landteilungsbrief sprach Hoheitszeichen und öffentl. Gebäude des gemeinsamen Landes Innerrhoden zu. Der bisherige Staatsaufbau blieb weitgehend bestehen. Gemäss Silbernem Landbuch (1585), das weiterhin Geltung hatte und laufend nachgeführt wurde, verfügte die im Hauptort tagende Landsgemeinde über die grösste "Gewalt". Während Sachgeschäfte wohl nur in Ausnahmefällen verhandelt wurden, wählte sie Landammann, Säckelmeister, Landschreiber, Landweibel, Gerichtsschreiber (bis 1617) und den Landvogt für das Rheintal (alle 32 Jahre). Im Verlaufe des 17. Jh. dehnte sich ihre Wahlkompetenz auf Statthalter (ab 1623), Landeshauptmann (ab 1640), Bauherr, Siechenpfleger, Spital- und Armleutsäckelmeister und Landesfähnrich (alle ab 1651) aus. Als oberste gesetzgebende und höchste richterl. Gewalt ("Blut-" oder "Hochgericht") nach der Landsgem. fungierte der u.a. Zweifacher Landrat gen. Gr. Rat. Ihm oblagen die Besetzung versch. staatl. Ämter (z.B. Tagwächter, Landläufer, Waagmeister) sowie zahlreiche administrative und polizeil. Aufgaben (Vorbereitung der Landsgem., Erlass von Mandaten). Neben den neun amtierenden Landesbeamten, dem Kirchenpfleger der Kirchhöre A. und dem Landweibel (bis 1745) umfasste er 24 Vertreter pro Rhode bzw. zwölf pro Halbrhode (nach 1629 16 bzw. acht Vertreter), doch erschienen zu den Sitzungen jeweils höchstens zwei Drittel der Ratsherren. Teile des Gr. Rats sowie die Landesbeamten, die Rhodshauptleute und die Mitglieder des Kl. Rats versammelten sich in der Regel kurz nach der ordentl. Landsgem. als "Neu- und Alträt" und nahmen jene Wahlgeschäfte vor, die nicht im Kompetenzbereich des Souveräns lagen.

Aufgrund der strikten Geheimhaltungspflicht und der unbeschränkten Amtsdauer verfügte der Geheime Rat über grossen Einfluss. Er umfasste neben dem amtierenden Landammann und einzelnen Landesbeamten auch ehem. Landammänner und Rhodshauptleute, aber keine Vertreter der Halbrhoden Stechlenegg, Hirschberg und Oberegg. Er erliess und vollzog gesetzl. Bestimmungen und amtierte als voruntersuchende und antragstellende Behörde in der Gerichtsbarkeit, so z.B. bei den Hexenverfolgungen, die im 17. Jh. ihr grösstes Ausmass (27 Hinrichtungen) erreichten und bis 1715 dauerten. 1716 löste der Gr. Rat den Geheimen Rat auf und übertrug dessen Geschäfte dem Kl. Rat.

Letzterem, seit 1603 als Wochenrat aufgeführt, gehörten vor 1629 die Landesbeamten und 84 von den Rhodsgem. gewählte Rhodsvertreter an. 1629-1716 wurde die nun noch 67 Mitglieder zählende Behörde vom Geheimen Rat ernannt. Wie der Gr. Rat hatte auch der Wochenrat exekutive und legislative Kompetenzen und war zudem Gerichtsbehörde für zivil- und strafrechtl. Belange. Der Aufgabenbereich zwischen Gross- und Kleinräten war fliessend. Ab 1716 gewann der Wochenrat an Bedeutung, verstärkt in der 2. Hälfte des 18. Jh., als ihm der anhaltend überlastete Gr. Rat zusätzl. Geschäfte übertrug.

Obwohl die Rechtsprechung teilweise in den Händen der Räte lag, gab es eigenständige Gerichte. Das Geschworenengericht (21-24 Mitglieder) befasste sich v.a. mit finanziellen und Eigentumsfragen, überliess aber im Verlauf des 17. Jh. seine Kompetenzen zunehmend dem Wochenrat und geriet in Vergessenheit. Das Gassen- und Bussengericht (verm. 12 Mitglieder) war für einfache Fälle zuständig, wurde aber 1625 vom Geheimen Rat aufgelöst. Auch seine Aufgaben übernahm der Wochenrat. Das Spangericht fällte zur Erledigung von Streitigkeiten auf Weiden und Fluren den Rechtsspruch an Ort und Stelle.

Unter den Landesbeamten nahm der Landammann eine überragende Stellung ein. Er repräsentierte das Land gegen aussen und verfügte im Innern über eine grosse Machtfülle. Seine Amtszeit war in der Regel auf zwei Jahre beschränkt. Sein Stellvertreter, der Statthalter, führte kein eigenes Ressort. Wichtige Funktionen übten Säckelmeister (Verwalter des Staatsvermögens), Landeshauptmann (Vorsteher des Militärwesens), Bauherr (Aufsicht über staatl. Bauten, Wege, Strassen und Brücken) und Armleutsäckelmeister (Verwalter der staatseigenen Güter, Unterhalt der Armenanstalten) aus. Zu den Landesbeamten gehörten zudem Landesfähnrich (militär. Aufgaben), Siechen- und Armenpfleger (Verwalter von Siechen- und Armenhaus), Spitalmeister (Verwalter des Spitals), Reichsvogt (Aufseher über den Vollzug von Strafen und Folterungen), Zeugherr (Verwalter von Zeug- und Schützenhaus), Landschreiber, Landweibel, Gerichtsschreiber, der von der Kirchhöre A. gewählte Kirchenpfleger (Verwalter des Kirchenguts der Pfarrei A.), der Landvogt im Rheintal (erstmals 1600-02, letztmals 1792-94) sowie der Pannerherr (Ehrentitel ohne klar zugewiesenes Aufgabengebiet).

Das Personal für hohe polit. Ämter rekrutierte sich in der Regel aus der wohlhabenden Schicht des Hauptortes. Die Rivalität unter versch. regierenden Fam. führte in der 2. Hälfte des 18. Jh. zum sog. Sutterhandel, der schwersten innenpolit. Krise Innerrhodens im Ancien Régime.

Im Militär- und Schiesswesen übernahmen die Rhoden einen grossen Teil der Aufgaben. Räte, welche die Rhoden in den Landesbehörden vertraten, sowie die Hauptleute wurden im Anschluss an die Landsgem. an den alljährl. Rhodsversammlungen gewählt. Grössere Eigenständigkeit als die Rhoden des Inneren Landes entwickelten im Laufe des 17. und 18. Jh. Hirschberg und Oberegg. Sie bildeten erstinstanzl. Gerichte, übten die Aufsicht über das Armen- und Vormundschaftswesen aus und erteilten das Rhodsbürgerrecht. Im Flecken A. nahm die sog. Feuerschau weitere Aufgaben wahr.

Im Zentrum der Innerrhoder Aussenpolitik stand zunächst das zwischen feindnachbarl. Misstrauen und pragmat. Verständigung schwankende Verhältnis zu Ausserrhoden. Trotz Unterstützung durch die kath. Orte vermochte Innerrhoden im Tannerhandel den Schutz der kath. Minderheiten in den ausserrhod. Kirchhören nicht durchzusetzen. Andererseits konnten versch. Probleme durch Verträge gelöst werden wie z.B. die Rechtsstellung der exemten Frauenklöster (1608, 1668/69, 1722/23 sowie 1817 und 1870), die Unterhaltspflicht für die gemeinsamen Brücken (1630) oder die Verhältnisse in den Grenzgebieten Oberegg und Stechlenegg (1637).

Auf eidg. Ebene führte Innerrhoden die vor der Landteilung begonnene Bündnispolitik konsequent weiter: 1598 Beitritt zum Bündnis der sechs kath. Orte mit Spanien, 1600 zum Goldenen Bund, 1602 zum Bündnis mit Frankreich, 1647 zum Eidg. Defensionale von Wil (1680 zusammen mit anderen kath. Orten gekündigt), 1684 zum Bündnis mit Hzg. Viktor Amadeus II. von Savoyen-Piemont. Den Bündnissen entsprachen obrigkeitl. bewilligte Auszüge nach Mailand und Portugal sowie in franz. Dienste. Ohne besondere Staatsverträge dienten Innerrhoder in den Niederlanden, in Venedig oder beim Papst. An Tagsatzungen kam die geteilte Stimme der beiden A. infolge ihrer meist gegensätzl. Stimme kaum je zum Tragen. Hatte Innerrhoden im 17. Jh. noch vom Kapital seiner polit. Tradition gezehrt und von der Vorherrschaft der kath. Orte profitiert, so verlor das Land nach dem 2. Villmergerkrieg (1712) zusehends an Bedeutung. Da half auch der Versuch wenig, durch Prägung eigener Münzen (1737-42) an Prestige und Finanzkraft zu gewinnen.

Autorin/Autor: Josef Küng

1.2 - Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft

Um 1600 betrug die Einwohnerzahl im Inneren Landesteil rund 6'500. Obwohl schwere Pestzüge (1611, 1629, 1635) und Hungersnöte (1622, 1689-92, 1710-14) v.a. im 1. Drittel des 17. Jh. grosse Lücken rissen, wuchs die Bevölkerung zwischen 1660 und 1720 auf gegen 7'500 Einw. an, um anschliessend zu stagnieren (um 1800 ca. 7'400, Hirschberg-Oberegg ca. 1'400). In Gonten hielt das Wachstum bis 1765, in Haslen sogar während des gesamten 18. Jh. an. Die Gründe für die Stagnation lagen in von Epidemien begleiteten Hungerzeiten (1740er und 70er Jahre), einem geringen Geburtenüberschuss (ausserordentl. hohe Kinder- und Säuglingssterblichkeit) und einer geringen Abwanderung.

Abseits des grossen Fernverkehrs gelegen, blieb die wirtschaftl. Struktur Innerrhodens geprägt durch eine kleinbäuerl. Subsidiärwirtschaft. Die Verdrängung des seit jeher bescheidenen Ackerbaus (v.a. Gerste, Hafer) durch die Graswirtschaft war verm. um 1700 weitgehend abgeschlossen, was im 18. Jh. zu grosser Abhängigkeit von Getreideimporten (v.a. aus Süddeutschland, Fürstenland, Thurgau, Oberitalien) führte. Als Folge der Hungersnot von 1771-72 wurden vermehrt Gemüse und neu Kartoffeln angebaut (v.a. auf Allmendboden). Von weitaus grösserer Bedeutung waren Mastviehhaltung und Milchproduktion durch Bauern bzw. Sennen. Während die Bauern, die ein bis zwei Kühe zur Selbstversorgung hielten, auf den umliegenden Märkten (Toggenburg, Graubünden, Vorarlberg) trächtige Rinder kauften, diese sieben bis acht Jahre nutzten und dann mit anderem Mastvieh verkauften, bestiessen die Sennen mit eigenen und zugemieteten Kühen eigene und von Bauern gepachtete Alpen. Im Winter wurden ihre Herden auf den Höfen der Bauern mit deren Heu gefüttert. Als Folge der intensiv betriebenen Viehzucht erlangte der Handel mit Milchprodukten grosse Bedeutung. Sog. Molkengrempler vertrieben die Produkte auf den Wochenmärkten in A. (seit 1537) und der weiteren Umgebung (Rheintal, St. Gallen, Zürich, Käse auch in Süddeutschland und Tirol). Am Ende des 18. Jh. herrschten Klein- und Kleinstbetriebe vor: Mehr als 80% der Bauern hatten für weniger als sieben Kühe Winterfutter, die überwiegende Mehrheit der Alpweiden (Weidetage und Stösse) war in Privatbesitz, von geringem Umfang und unter mehreren Besitzern aufgeteilt. 50% der Weidefläche gehörten 10% der Eigentümer. Die Verschuldung der Betriebe nahm im 18. Jh. aufgrund von Wirtschaftskrisen und vergleichsweise hohen Zinssätzen (wegen Geldmangel bis 8%) massiv zu. Viele Bauern mussten ihren Grund und Boden veräussern, wurden zu Taglöhnern und Heimarbeitern oder in zunehmendem Mass von subsidiären Einkommen abhängig. Mit restriktiven Massnahmen versuchten die Behörden den Verkauf von Liegenschaften ins "Ausland" (v.a. an Ausserrhoder und Rheintaler) zu verhindern. Der Abbau von Bau-, Hag- und Brennholz sowie die Gewinnung von Salpeter und Kohle waren auf den Eigenbedarf beschränkt. Die Gemeinwälder (weniger als 50% der Waldfläche) mussten wegen Übernutzung immer wieder gebannt werden.

Zusätzl. Einkommen verschaffte die vom 15. Jh. an in Innerrhoden heim. Textilindustrie. Nach der Landteilung wurde Garn gesponnen (Flachsanbau bis 1740), grobe Leinwand hergestellt und im Flecken A. auch gebleicht. Drei Versuche, mit Verkaufsges. (1604, vor 1628, 1683) Handel und Produktion von Leinwand zu fördern, schlugen trotz staatl. Hilfe fehl. Die Bleiche hingegen arbeitete von 1604 bis ins 19. Jh., nach 1739 ausschliessl. für auswärtige Handelshäuser. Im 18. Jh. beschränkte sich die Weberei hauptsächl. auf Haslen. Als einzige bedeutende Neuerung wurde in der Mitte des 18. Jh. das Baumwollspinnen eingeführt, vorerst im Verlagssystem (Verleger in Ausserrhoden und St. Gallen). Während sich Spinnerei und Leinwandweberei im Inneren Landesteil bis zum Ende des 18. Jh. halten konnten, gingen Oberegg und Hirschberg zur Baumwollweberei über. Nach 1800 brach der Spinnerlohn zusammen, und die neu eingeführte, auch von einheim. Unternehmen betriebene Handstickerei entwickelte sich innert weniger Jahre zur dominierenden Heimindustrie.

Einheim. Handwerk -- meist im Nebenberuf ausgeübt -- war vor auswärtiger Konkurrenz geschützt: Fremde Handwerker durften sich nur niederlassen, wenn Bedarf bestand. Gegen Ende des 18. Jh. liessen sich vermehrt Innerrhoder in der Fremde zu Handwerkern ausbilden. Der Solddienst besass nur bis in die 1740er Jahre eine gewisse Bedeutung. Er verschaffte Pensionen, Offiziersstellen, Studienplätze und Beschäftigung. In der 2. Hälfte des 18. Jh. verringerte sich der Anteil der Pensionen an den Staatseinnahmen zusehends (1720 10%, 1770 weniger als 2%). Ehem. Offiziere spielten im 17. und frühen 18. Jh. in der Politik eine gewisse Rolle.

Einzelne Grossbauern, Sennen, Grempler, Ärzte, Wirte und vereinzelt auch Handwerker waren vermögend, sie bildeten eine kaum klar abtrennbare Oberschicht (ca. 10%), welche die meisten Landesbeamten und Rhodshauptleute stellte. Im 17. Jh., v.a. aber im 18. Jh. ist eine Polarisierung festzustellen. Der wachsenden Zahl von Kleinbauern, armen Handwerkern, Dienstboten und Heimarbeitern stand eine geringe Zahl von mehr oder weniger reichen Grund- und Kapitalbesitzern gegenüber.

Autorin/Autor: Markus Schürmann

1.3 - Kirche und Kultur

Nach der Landteilung versuchte der kath. Stand Innerrhoden seinen konfessionellen Besitzstand zu konsolidieren. Die Protestanten verloren ihr Landrecht und hatten sich in Ausserrhoden niederzulassen. Den umgekehrten Weg nahmen Katholiken aus Ausserrhoden. Die seit 1587 in A. niedergelassenen Kapuziner setzten sich im Geiste des Konzils von Trient für die Festigung des alten Glaubens ein. Aus den gleichen Gründen wurden in den Grenzgebieten zu Ausserrhoden neue Pfarreien errichtet (1647 Gonten, 1658 Oberegg, 1666 Haslen). Die Kirchhöre A., die seit 1071 den ganzen Inneren Landesteil umfasst hatte, büsste dadurch in diesen Gebieten ihre kirchl., nicht aber ihre polit. Kompetenzen ein. Das seit 1532 von Landammann und Gr. Rat von Innerrhoden ausgeübte Kollaturrecht ging 1645 auch de jure an diese über. Die weltl. Obrigkeit versuchte ihren Einfluss auf die Kirche als Institution und auf die Gläubigen geltend zu machen, stellte sich meist gegen Reformen und überwachte den Kirchenbesuch wie auch die Einhaltung der Feiertage, Wallfahrten, Prozessionen, Fasten- und Abstinenzgebote. Die staatskirchl. Tendenzen verstärkten sich durch absolutist. Einflüsse im Verlaufe des 17. und 18. Jh.

Wohl noch vor der Mitte des 15. Jh. im Flecken A. gegr., behaupteten sich die Dt. und die Lateinschule nach der Landteilung. 1695 wurde die von Geistlichen geführte Lateinschule von der von Laien geleiteten Dt. Schule getrennt. Erstere trug zur Hebung des Bildungsniveaus wesentl. bei und ermöglichte Innerrhoder Schülern den Zugang zu einer Hochschule. Die Errichtung von Landschulen in Gonten, Haslen, Oberegg, Brülisau, Schwende und Schlatt steht in engem Zusammenhang mit den Pfarrei- bzw. Filialgründungen im 17. und 18. Jh.

Das 17. Jh. gilt als goldenes Zeitalter der Innerrhoder Kunst. Kulturell eingebettet in den Bodenseeraum, schaffte Innerrhoden durch den Einfluss von Werken niederländ., ital. und schwäb. Herkunft, aber auch durch einheim. Schaffen (z.B. Porträts und religiöse Tafelbilder von Johann Sebastian Hersche, Wand- und Tafelmalereien von Jakob und Moritz Girtanner, Malereien von Hans Bildstein) den Anschluss an die europ. Kunstströmungen des Manierismus und des Barocks. Im 18. Jh. wurde v.a. die einheim. Tradition weitergeführt. Als herausragende Beispiele sind der Oberegger Rokokomaler Carl Anton Eugster (geboren 1713), der als Begr. der Bauernmalerei geltende Conrad Stark von Gonten (1769-1817) sowie der bedeutendste Innerrhoder Bildhauer Josef Ulrich Hörler (1737-1810) zu nennen. Im Zuge der Gegenreformation erfuhr auch das Innerrhoder Theaterschaffen einen Aufschwung. Besonders Komödien und Osterspiele in barocker Ausschmückung waren sehr beliebt. Eine lange Tradition haben Kirchengesang und Volksmusik. 1567 wird ein Hackbrettspieler erw., 1792 ist eine Blasmusik (sog. türk. Musik) nachweisbar. Die Innerrhoder Geschichtsschreibung prägten Chronisten wie Johann Konrad Geiger, Ulrich Sutter und sein Sohn Johann Baptist, der Benediktinerpater Desiderius Wetter und der Hasler Pfarrer Joseph Anton Sutter.

Autorin/Autor: Josef Küng

2 - Der Kanton im 19. und 20. Jahrhundert

2.1 - Staat und Politik

2.1.1 - Helvetik und Mediation (1798-1814)

Zu Beginn der Helvet. Revolution versuchten die Innerrhoder Behörden an der alten Ordnung festzuhalten. Sie beschworen am 18.1.1798 an einer ausserordentl. Landsgem. den Bundesbrief von 1513. Noch bevor franz. Verbände weite Teile der Eidgenossenschaft eroberten, entliess Innerrhoden am 25.2.1798 durch Landsgemeinde-Beschluss gleich den übrigen regierenden Orten das Rheintal aus seiner Untertanenschaft. Am 6.5.1798 stimmte eine weitere ausserordentl. Landsgem. widerwillig der helvet. Verfassung zu. Beide A. und grosse Teile des heutigen Kt. St. Gallen wurden im Kt. Säntis zusammengefasst. In diesem bildete Innerrhoden den Distrikt A. sowie einen Teil des Distrikts Wald (Hirschberg und Oberegg). Im Herbst 1798 nahm der Widerstand gegen die auferzwungene Verfassung so sehr zu, dass helvet. und franz. Truppen den Hauptort A. vorübergehend besetzten. Nach einem ersten Zusammenbruch der neuen Ordnung im Mai-Juni 1799 marschierten im Okt. 1799 erneut franz. Truppen in A. ein und erhoben drückende Kriegssteuern. Die neue helvet. Verfassung vom Mai 1801 brachte einige föderalist. Zugeständnisse und die Umbenennung des Kt. Säntis in Kt. A. Nach dem Rückzug der franz. Truppen aus der Schweiz im Sommer 1802 brach die helvet. Ordnung auch in Innerrhoden zusammen.

Eine ausserordentl. Landsgem. beschloss am 30.8.1802, die alten Grenzen wieder zu errichten und eine Regierung nach altem Muster zu wählen. Die Mediationsverfassung vom 19.2.1803, welche die beiden appenzell. Halbkt. (zusammen eine Stimme an der Tagsatzung) wieder erstehen liess, wurde erst am 23.10.1803 von der Landsgem. angenommen. Innerrhoden wehrte sich insbes. gegen die darin formulierten Postulate des freien Handels und des Niederlassungsrechts, da es eine Gefährdung seiner wirtschaftl. Interessen und seiner konfessionellen Einheit befürchtete. Auf Ablehnung stiessen auch die militär. und wirtschaftl. Verpflichtungen gegenüber Frankreich und der Schweiz. Zwar schuf der Gr. Rat 1804 eine neue Militärorganisation, die jeden in Innerrhoden wohnenden Schweizer zum Militärdienst verpflichtete, doch zeigte sich in der Bevölkerung grosser Widerstand gegen franz. Solddienste.

Innenpolit. war die Mediationszeit gekennzeichnet durch versch. kirchen- und schulpolit. Massnahmen, erste zaghafte Ausbauschritte beim Strassennetz und in der medizin. Versorgung sowie durch versch. Versuche der Obrigkeit mit Steuern neue finanzielle Quellen zu erschliessen. Besteuert wurden seit 1808 alle Zins und Nutzen tragenden Vermögen. Als sich 1814 der Untergang der napoleon. Ordnung abzeichnete, ging Innerrhoden an die Ausarbeitung einer neuen Kantonsverfassung. Eine Landsgem. von anfangs Juli lehnte den schweiz. Bundesvertrag ab, hiess aber die ihr ebenfalls vorgelegte Kantonsverfassung gut. In dieser ersten eigentl. Verfassung Innerrhodens, die ganz im Zeichen des Ancien Régime und der kant. Autonomie stand, wurden die Kompetenzen der einzelnen Gewalten und Institutionen geregelt, die kath. Religion als ausschliessl. Konfession Innerrhodens bestimmt und die richterl. sowie administrativen Befugnisse der Exklaven Hirschberg und Oberegg genau umschrieben. Als einer der letzten Kt. stimmte Innerrhoden nach mehreren Anläufen am 21.5.1815 dem Bundesvertrag zu, verlangte jedoch vom Bund Garantien bezügl. Religion, Unabhängigkeit und Grenzverhältnissen.

Autorin/Autor: Josef Küng

2.1.2 - Restauration und Regenerationszeit (1814-48)

In den 1820er Jahren löste das zunehmend selbstherrl. Gebaren des Gr. Rats bei einem Teil der Bevölkerung Unmut aus. Eine kleine, aber aktive Oppositionsgruppe verlangte konkrete demokrat. Reformen, u.a. die Erweiterung der Volksrechte, Einsichtnahme in die Verwaltung und die Drucklegung der bis dahin nicht veröffentlichten Kantonsverfassung. Die Regierung verlangte eine eidg. Vermittlung, die im Sommer 1827 zustande kam. Die 1828 grossenteils neu konstituierte, mehrheitl. aus Vertretern der demokrat. Bewegung zusammengesetzte Regierung leitete die Revision der Verfassung in die Wege. Mit grosser Mehrheit nahm die Landsgem. 1829 das neue Vertragswerk an, das allerdings im Wesentlichen der Verfassung von 1814 entsprach. Die wichtigste Neuerung bestand in der Einführung des Einzelantragsrechts: Jeder Landmann konnte, wie schon im 15. und 16. Jh., vorgängig vom Gr. Rat eingesehene Gesetzesvorlagen der Landsgem. vorlegen. Neben der grösseren Gesetzgebungskompetenz wurde der Landsgem. auch die Wahl von Zeugherr und Reichsvogt übertragen. Ohne dass von einem liberalen Durchbruch im Sinne der Regeneration gesprochen werden könnte, setzten sich in den folgenden Jahren auch auf Gesetzesebene zahlreiche Neuerungen durch, etwa die Revision von Erb-, Pfand- und Schatzungsrecht, die Reformen im Sozialbereich (Beseitigung des Gassenbettels 1840, Ausbau des Armenhauses 1841, Wiederinbetriebnahme des Waisenhauses 1853) und im Schulwesen.

Die Beziehungen zu Ausserrhoden blieben von der Frage der Repräsentation an der Tagsatzung belastet. Um die Gleichberechtigung der beiden Halbkt. zu gewährleisten, wurde deshalb das Prinzip der jährl. Kehrordnung eingeführt. Das änderte sich 1848 mit der Schaffung des Ständerats. Obwohl die Tagsatzung bereits 1810 verfügt hatte, dass in Innerrhoden niedergelassenen Ausserrhodern der Erwerb von Häusern und Liegenschaften zu gestatten sei, und Ausserrhoden stets die konsequente Durchsetzung der Niederlassungs- und Gewerbefreiheit verlangte, zeigte sich Innerrhoden in dieser Frage bis in die 1870er Jahre sehr zurückhaltend. Am stärksten spitzte sich aber der Konflikt zwischen den beiden Halbkt. wegen Territorialitäts- und Grenzfragen zu. Erst 1870 konnte dank eidg. Vermittlung die Frage der exemten Güter und des Grenzverlaufs endgültig gelöst werden.

In der eidg. Politik der 1830er und 40er Jahre zeigte Innerrhoden kein Interesse an der Revision des Bundesvertrags, stellte sich gegen die zentralist. Staatsidee, den Antiklerikalismus und die individualist. Freiheitsvorstellungen der Radikalen und unterstützte die innerschweiz. Orte in ihrer polit. Haltung bedingungslos. Dem ultimativen Truppenaufgebot der Tagsatzung während des Sonderbundskriegs kam Innerrhoden nur halbherzig nach und demonstrierte nach aussen Neutralität. Nach dem Krieg bestrafte die Eidgenossenschaft Innerrhoden wegen "Nichterfüllung seiner Bundespflichten" mit einer Busse von 15'000.- Fr.

Autorin/Autor: Josef Küng

2.1.3 - Verfassungskämpfe und vorsichtige Reformen (1848-72)

Wie die Innerschweiz verwarf Innerrhoden eindeutig die Bundesverfassung von 1848, an deren Ausarbeitung es nicht beteiligt gewesen war. Zur Überwindung der Widersprüche zwischen innerrhod. und Bundesrecht schlossen sich Ende der 1850er Jahre liberale Kreise zusammen, darunter Landammann Johann Baptist Rechsteiner, Statthalter Johann Baptist Kölbener und Landschreiber Carl Justin Sonderegger. Nach mehreren gescheiterten Anläufen zu einer Verfassungsrevision und nachdem Bundesrat und eidg. Parlament von A. Innerrhoden eine neue Verfassung verlangt hatten, sprachen sich im Frühjahr 1870 der Gr. Rat und die Stimmbürger für die Totalrevision aus. Während ein von Konservativen dominierter Verfassungsrat mit seinem Entwurf 1871 noch scheiterte, wurde die von einem liberal-konservativen Verfassungsrat unter Führung von Johann Baptist Rechsteiner und Johann Baptist Emil Rusch ausgearbeitete Vorlage nach nahezu einhelliger Zustimmung durch den Gr. Rat an der ausserordentl. Landsgem. vom 24.11.1872 gutgeheissen.

Reformen unternahmen die Behörden insbes. im Schulwesen. In Rechtssprechung und -vollzug wehrte sich A. Innerrhoden lange gegen Neuerungen. Bis weit ins 19. Jh. bildete das Landbuch von 1585 die Grundlage der innerrhod. Strafrechtspflege. 1849 erfolgte die letzte Hinrichtung, 1870 wurde die Folter abgeschafft. Die Landsgem. von 1877 verwarf ein Strafgesetzbuch. Erst 1899 wurden mit der Einführung des ersten Strafgesetzes die Grundlagen für eine zeitgemässe Rechtsprechung geschaffen. Neue Steuergesetze (Einführung der Vermögenssteuer), die zur Verringerung der Staatsschulden geführt und dem Staat einen grösseren Spielraum bei der Finanzierung von Strassenbauvorhaben und Eisenbahnprojekten ermöglichte hätten, scheiterten an mehreren Landsgem. (erstmals 1867). Innerrhoden blieb bis 1921 angewiesen auf die Einnahmen aus versch. staatl. Liegenschaften, dem Salzregal und den Zuwendungen aus der Bundeskasse.

Autorin/Autor: Josef Küng

2.1.4 - Die staatliche Organisation seit 1872

Die 1873 in Kraft gesetzte, nur 48 Art. umfassende Verfassung regelte erstmals in Innerrhoden die individuellen Freiheitsrechte, v.a. die Wahl- und Stimmrechte, die neu für alle niedergelassenen Schweizerbürger ab dem 20. Lebensjahr galten. Jeder Stimmberechtigte unterstand bis zum 65. Lebensjahr dem Amtszwang.

Die Landsgem. behielt als einzige "gesetzgebende Behörde und oberste Wahlbehörde" ihre überragende Bedeutung. Sie entscheidet über Gesetze, Verfassungsänderungen, Initiativen, über die Erteilung des Landrechts (1993 an den Gr. Rat abgetreten) und ernennt alljährl. die neun, seit 1996 sieben Mitglieder der als Standeskomm. bezeichneten Regierung, das Kantonsgericht, den Landschreiber sowie den Landweibel (bis 1993). Zudem wählt sie in den Jahren der Gesamterneuerung des Nationalrats den Ständerat.

Die exekutiven Funktionen blieben der Standeskomm. übertragen, deren Mitgliedern - mit Ausnahme des Volkswirtschafts- und Erziehungsdep. - die Landsgem. das Ressort zuweist. Die alten Bezeichnungen wurden im neuen Departementalsystem weitgehend beibehalten: Statthalter (Gesundheits- und Fürsorgewesen), Säckelmeister (Finanzen), Landeshauptmann (Land- und Forstwirtschaft), Bauherr (Bauwesen und Umweltschutz), Landesfähnrich (Justiz- Polizei- und Militärwesen). Die Dep. für Erziehung und Volkswirtschaft werden von der Standeskomm. den beiden Landammännern zugewiesen. Der Landammann steht nicht nur der Regierung vor, sondern leitet auch die Landsgem. (und präsidierte bis 1995 den Gr. Rat). Er übt in der Regel sein Amt zwei Jahre in Folge aus und wird durch den stillstehenden Landammann, der zuvor sein Stellvertreter war, abgelöst. Stabsstelle der Regierung ist die Ratskanzlei. Bis zur Einführung der Gewaltentrennung 1995 nahmen auch die neun Mitglieder der Standeskomm. Einsitz im Gr. Rat.

Der Gr. Rat bereitet die Verfassungs- und Gesetzesvorlagen zuhanden der Landsgem. vor, genehmigt Budget und Rechnung des Kt. und erlässt Verordnungen und Reglemente. Hinzu kommen Aufsichts- und Wahlkompetenzen. 1995 wurde die Amtsdauer der Grossräte auf vier Jahre ausgedehnt, die Anzahl Sessionen von drei auf fünf erhöht und die für einen Grossratssitz notwendige Bevölkerungszahl auf 300 Einw. bzw. einen Rest von mind. 150 Einw. (bis dahin 250 Einw. bzw. Rest von mind. 125 Einw.) erhöht. 2001 umfasste das Parlament 46 Mitglieder.

Die Verfassung von 1872 ersetzte die bisherigen Rhoden durch die neuen Bez. A., Schwende, Rüte, Schlatt-Haslen, Gonten und Oberegg. Die alten Grenzen wurden beibehalten. Die Rhoden büssten ihren polit. Charakter ein. Einzig im Inneren Landesteil verblieben ihnen als Geschlechterrhoden korporationsähnl. Aufgaben. In den Bez. übernahmen die Bezirksräte versch. Exekutivaufgaben, die in anderen Kt. den polit. Gem. zugewiesen sind. Grundbuchwesen, Einwohnerkontrolle, Erbschafts- und Fürsorgewesen wurden urspr. im Inneren Landesteil zentral im Hauptort wahrgenommen. Nach der Aufhebung des "Inneren Landes" als Verwaltungseinheit 1997 gingen diese Aufgaben an den Kt. über. Innerrhoden kennt einzig das Gemeindebürgerrecht von A. und von Oberegg. Unabh. von den Bez. bilden Schul- und Kirchgem. eigene Territorien und sind weitgehend selbständig. Einen Sonderfall bildet die Feuerschaugem. A., der die Aufgaben einer Baubewilligungsbehörde zukommt und die gebietsmässig in die drei Bez. A., Schwende und Rüte hineinreicht.

Die erste richterl. Instanz umfasst zwei Bezirksgerichte, näml. A. und Oberegg, welche in Zivil- und Strafsachen fungieren. Berufungsgericht ist das Kantonsgericht. Seit der Einführung der Verwaltungsgerichtsbarkeit im Jahre 1999 kommt dem Kantonsgericht zusätzl. die Funktion eines Verwaltungsgerichts zu. Das Kassationsgericht und die Spangerichte, die "dingl. Streitsachen" bezügl. Flur und Weide beurteilten, wurden im Rahmen einer Neuorganisation des Gerichtswesens 1999 abgeschafft.

Das Verhältnis zu Ausserrhoden verlor im Verlauf des 20. Jh. an Brisanz. Die beiden appenzell. Halbkt. entwickelten sich in versch. Belangen eigenständig weiter und lösten anstehende Probleme einvernehml. (z.B. Grenzfragen) bzw. gemeinsam (z.B. Gesundheitswesen, Schulpolitik, Kantonstierarzt sowie Lebensmittel- und Arbeitsinspektor). Versch. Dienstleistungen nimmt Innerrhoden vom Kt. St. Gallen in Anspruch.

Gegenüber der Eidgenossenschaft hielt Innerrhoden an seiner ausgeprägten föderalist. Politik fest. Bei eidg. Vorlagen zeichnete sich der Kt. vor 1900 durch eine hohe Nein-Quote aus. Im 20. Jh. zeigt sich in einer positiveren Abstimmungsbilanz auch ein entspannteres Verhältnis zum Bund. Grosse Vorbehalte bestanden weiterhin gegenüber einer internat. Öffnung (gegen Beitritt zum Völkerbund 1920, zur UNO 1986 und zum EWR 1992). Demgegenüber hiessen die Stimmberechtigten im Jahre 2000 die bilateralen Verträge knapp gut.

Der staatl. Tätigkeitsbereich hat sich seit Ende des 19. Jh., v.a. aber seit den 1970er Jahren stark ausgeweitet. Die Stimmberechtigten wehrten sich lange vehement, erhöhten Ausgaben der öffentl. Hand mit der Erschliessung neuer Steuerquellen zuzustimmen. Die Katastersteuer blieb bis zur Einführung des neuen Steuergesetzes 1921 die einzige kant. Steuer. Der Gr. Rat setzt jährl. den Steuersatz fest. Er überwacht zudem den Staatshaushalt, indem er jährl. Budget und Staatsrechnung genehmigt. Für die Bezirks-, Schul- und Kirchgem. bestimmen die jeweiligen Gemeindeversammlungen den Steuersatz.

Autorin/Autor: Josef Küng

2.1.5 - Reformen der 1980er und 90er Jahre

In den 1980er und 90er Jahren erlebte das polit. System Innerrhodens zahlreiche Umgestaltungen. Wichtigste Neuerung war zweifellos das nach drei negativ verlaufenen Abstimmungen (1973, 1982, 1990) aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids vom 27. Nov. 1990 eingeführte Frauenstimmrecht auf Kantons- und Bezirksebene. Eine weitere Ausweitung erfuhr die Zahl der Stimmberechtigten 1993 durch die Senkung des Stimm- und Wahlrechtsalters auf 18 Jahre. 1995 wurde die Gewaltenteilung zwischen Standeskomm. und Grossrat konsequent durchgesetzt, 1996 die Regierung auf sieben Mitglieder verkleinert (Aufhebung der Ämter Zeugherr und Armleutsäckelmeister), gleichzeitig der Gr. Rat aufgewertet und neu strukturiert. Die Landsgem. verlor 1993 das Recht zur Erteilung des Landrechts sowie 1994 die Kompetenz zur Wahl von Landschreiber und Landweibel, andererseits wurden ihr in den letzten Jahren vermehrt umfassende Gesetzesvorlagen unterbreitet. Zwei Einzelinitiativen zur Abschaffung der Landsgem. scheiterten 1991. Die Volksrechte wurden moderat ausgebaut: 1966 erfolgte die Einführung des fakultativen, 1979 des obligator. Finanzreferendums. Im Gerichtswesen wurden die Kompetenzen zwischen Bezirksgerichten und Kantonsgericht neu abgegrenzt und 1999 die Verwaltungsgerichtsbarkeit eingeführt.

Autorin/Autor: Josef Küng

2.1.6 - Politisches Leben

Die konfessionell und sozioökonom. homogenen Verhältnisse in Innerrhoden brachten es mit sich, dass erst spät Parteien entstanden. Die 1870 gegr. Sektion des Schweiz. Grütlivereins bestand bis 1925 und wurde darauf teilweise durch die SP von Innerrhoden abgelöst, die bis 1945 existierte. Als Folge der konservativ-liberalen Auseinandersetzungen des 19. Jh. gründeten die bis dahin nur locker organisierten liberalen Kreise 1906 den Freisinnig-demokrat. Verein, der 1931 in Fortschrittl. Bürgerpartei umbenannt wurde, sich aber 1946 auflöste. Mit der Gründung der Kath.-Konservativen Volkspartei von Innerrhoden gaben sich 1914 auch die in Regierung und Gesellschaft dominierenden konservativen Kreise straffere Strukturen. Eigentl. Parteistrukturen zeichneten sich erst 1988 mit der Gründung der CVP ab. Oft in Opposition zur konservativen Mehrheit steht seit ihrer Gründung 1969 die Gruppe für Innerrhoden (GFI). Innerrhoder Frauen haben 1992 den Verein Frauenforum gegr. und setzen sich für Frauenförderung und polit. Frauenarbeit ein. Seit 1996 besteht eine kant. Sektion der SVP.

Obwohl die Bauern in Innerrhoden heute nur noch ca. 17% aller Erwerbstätigen ausmachen, verschafft ihnen ihr hoher verbandsmässiger Organisationsgrad eine nach wie vor grosse, allmähl. allerdings schwindende polit. und wirtschaftl. Bedeutung. 1998 stellten sie noch sechs Vertreter im Parlament. Die mehrheitl. im Gewerbeverband (gegr. 1878) oder im Handels- und Industrieverein (1966) organisierten kleinen und mittleren Betriebe üben einen beachtl. Einfluss auf die kant. Wirtschaftspolitik aus. Die Erwerbstätigen werden im Gr. Rat von den drei Arbeitnehmervereinigungen A. (1964), Oberegg (1964) und Gonten (1994) vertreten. Frauen sind auf schul- und kirchenpolit. Ebene seit 1972 aktiv. Seit 1990 sind sie auch in alle weiteren polit. Ämter wählbar. Ihr Anteil belief sich 2000 im Gr. Rat auf zehn von 46, im Kantonsgericht auf zwei von 13. Dagegen sind, seit der Wahl von Ruth Metzler-Arnold 1999 in den Bundesrat, die Frauen nicht mehr in der Regierung vertreten. Im Unterschied zu andern Kt. wird die Parteizugehörigkeit der Regierungs- und Parlamentsmitglieder offiziell nicht erfasst, Fraktionen sind nicht institutionalisiert. Die meisten Grossräte und Regierungsmitglieder gehören der CVP an oder stehen ihr nahe, ebenso die Vertreter Innerrhodens in der Bundesversammlung (je ein National- und Ständerat). 1987-99 stellte Innerrhoden mit Arnold Koller erstmals auch einen Bundesrat.

Mit dem Erscheinen des Wochenblatts "Der Sentis" (1858-60) nahm das Zeitungswesen in Innerrhoden seinen Anfang. Zu Beginn kirchl.-konservativ ausgerichtet, geriet die Zeitung bald unter liberalen Einfluss und änderte mehrmals ihren Namen ("Der Appenzeller" 1860-61, "Appenzeller Anzeiger" 1862-69, "Appenzell Innerrhoder-Zeitung" 1869-72). Der erwünschte Erfolg blieb aus, weshalb es zu einem konservativen Kurswechsel kam. Das Nachfolgeblatt "Neue Appenzeller Zeitung" (1872-78) stellte sich aber ab 1873 erneut gegen konservative Kreise. Die konservative Mehrheit behalf sich in dieser Zeit mit der Herausgabe des in Rorschach gedruckten "Echo vom Säntis" (1873-75), doch befriedigte diese Lösung auf die Dauer nicht. 1876 wurde deshalb unter Redaktor Johann Baptist Emil Rusch der Appenzeller Volksfreund gegr., die heute einzige Zeitung des Kt. Die zum Organ der Liberalen gewordene "Neue Appenzeller Zeitung" wurde 1878 in "Freier Appenzeller" umbenannt, stellte aber 1895 ihr Erscheinen ein. Ab 1906 verfügte die liberale Minderheit mit dem "Anzeiger vom Alpstein" wieder über ihr eigenes Sprachrohr, das auch nach dem Verschwinden des parteimässig organisierten Liberalismus in Innerrhoden 1946 noch bis 1972 herausgegeben wurde.

Autorin/Autor: Josef Küng

2.2 - Bevölkerung und Siedlung

1801 betrug die Einwohnerzahl Innerrhodens 8'489. Polit. Wirren und die Wirtschaftskrise von 1812 bedingten bis 1813 vorerst nur eine durchschnittl. Zuwachsrate von 3,7o/oo, die aber bereits nach der verheerenden Hungersnot von 1817-18 und der Teuerung von 1830/31-36 auf 6o/oo stieg. 1836-50 wies A. Innerrhoden die gesamtschweiz. höchsten Geburtenziffern auf.

Analog zur gesamtschweiz. Entwicklung war die Periode 1850-1910 gekennzeichnet durch ein zunächst verhaltenes, ab den 1880er Jahren beschleunigtes Wachstum. 1910 erreichte die Bevölkerungszahl Innerrhodens mit 14'659 einen erst Mitte der 1990er Jahre wieder übertroffenen Wert. Das Wachstum basierte im Wesentl. auf Geburtenüberschüssen mit Natalitäts- wie Mortalitätsraten weit über dem schweiz. Mittel. Allerdings entsprach dem starken Wachstum keine wirtschaftl. Basis, so dass viele Innerrhoder zur Auswanderung gezwungen waren. Besonders betroffen war der landwirtschaftl. geprägte Innere Landesteil, während die Bevölkerungsentwicklung des Äusseren Landesteils weitgehend dem Konjunkturverlauf der ausserrhod. Textilindustrie folgte. Bevorzugte Zielgebiete waren die kath. Gebiete St. Gallens und Süddeutschlands sowie Vorarlberg und Tirol. Von besonderer Bedeutung war im 19. Jh. die saisonale Auswanderung (u.a. die von Kindern praktizierte sog. "Schwabengängerei"). Eine untergeordnete Rolle spielte die Emigration nach Übersee.

Mit dem Zusammenbruch der Ostschweizer Stickereiindustrie nach 1910 setzte auch in Innerrhoden ein sich in den 1920er und 30er Jahren verstärkender Bevölkerungsrückgang ein. Die Abwanderung v.a. junger Erwachsener erreichte zwar bereits in den 1920er Jahren ihren Höhepunkt, doch vermochten die Geburtenüberschüsse die Abwanderung, trotz Zuwanderung von Ausländern (Anteil 1950 2,5%, 1970 8,3%), bis in die 1980er Jahre nicht langfristig auszugleichen. Baulanderschliessungen, die Ansiedlung von Industrie- und Gewerbebetrieben, ein verbessertes Bildungsangebot sowie staatl. Wirtschaftsförderung führten dazu, dass 1990 wiederum 13'870 Einw. gezählt werden konnten.

Ausser dem Flecken A. und den ländl. Dörfern Gonten und Oberegg existierten bis 1910 keine eigentl. Ortschaften im durch Einzelhöfe geprägten Siedlungsbild Innerrhodens. Bis 1960 verdichteten sich die Weiler mit guten Verkehrsverbindungen zum Hauptort A. zu Dörfern (Haslen, Steinegg, Schwende, Weissbad). Periphere Siedlungen wie Brülisau, Eggerstanden oder Schlatt vollzogen trotz z.T. zentralörtl. Funktionen diese Entwicklung weniger. Der Bauboom der Hochkonjunktur bedrohte nach 1945 die typ. Streusiedlung, v.a. um A. und Oberegg, wo neben Neubauquartieren 1965-76 auch kleinere Industriequartiere entstanden. Auch in Steinegg, Eggerstanden und Meistersrüte bildeten sich seit den 1960er Jahren neue Wohn- und Gewerbezonen aus. Rege private Bautätigkeit sowie der Bau von Mehrzweckanlagen liessen 1969-89 auch in den überwiegend ländl. geprägten Bez. Gonten, Rüte und Schwende allmähl. neue Dorfbilder entstehen.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.3 - Wirtschaft

Bis weit ins 20. Jh. blieb die Landwirtschaft der wichtigste Erwerbszweig Innerrhodens. Noch 1970 machten die Erwerbstätigen des 1. Sektors fast einen Drittel aller Beschäftigten aus. Innerhalb der Textilbranche vollzog sich um 1800 der Übergang von der Leinwandproduktion zur Handstickerei. Den Anstoss zu ersten industriellen Tätigkeiten gab um 1870 eine konjunkturelle Krise der Handstickerei. Gegen Ende des 19. Jh. entwickelte sich eine leistungsfähige Fremdenindustrie mit Kurhäusern, Bädern und Berggasthäusern, und das Land wurde durch Bahnen und Strassen erschlossen. Von 1888 an setzte die Versorgung mit Wasser und Elektrizität ein. Die Krise der Stickereiindustrie nach dem 1. Weltkrieg leitete einen Strukturwandel ein, der sich nach dem 2. Weltkrieg mit der Ansiedlung von Unternehmen der Metall-, Maschinen- und Kunststoffindustrie sowie des Dienstleistungssektors verstärkt fortsetzte.

2.3.1 - Landwirtschaft

Die auf Vieh- und Milchwirtschaft ausgerichtete, auf kleinen und mittleren Gütern betriebene Landwirtschaft Innerrhodens verharrte bis in die 1930er Jahre in der eigenwilligen Produktionsweise, die auf einer Arbeitsteilung zwischen Bauern und Sennen beruhte. Grosse volkswirtschaftl. Bedeutung kam der Milchverarbeitung auf den überwiegend in Privatbesitz befindl. Alpen (1899 167 Alpen mit 3'582 ha Alpweiden) zu. Bis zur Einführung der Milchsammelstellen in den 1930er Jahren wurden die Produkte von Gremplern abgesetzt, meist auf regionalen Märkten. Der Käse wurde auch ins Ausland exportiert.

Neben der Milchwirtschaft nahm die Viehzucht eine wichtige Stellung ein. Zur Aufstockung der Viehbestände kauften Sennen und Händler Vieh im Tessin, in Tirol, Vorarlberg und Graubünden ein, während St. Gallen, Zürich, Lindau (D) und Feldkirch (A) bis zum 1. Weltkrieg die grössten Abnehmer für Innerrhoder Mastvieh waren. Der Viehbestand (1866 6'748, 1916 10'419) erhöhte sich nur allmähl., da wegen der hohen Kaufpreise für Grossvieh sich im 19. Jh. viele Bauern auf die billigere Aufzucht von Ziegen verlegten. Ziegenmilch und Ziegenmolke, denen eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben wurde, erfreuten sich zwischen 1850 und 1914 in den europ. Kurorten einer grossen Beliebtheit. Die im 1. Weltkrieg drast. zurückgehende Nachfrage liess die Ziegenzucht danach schnell an Bedeutung verlieren (1866 4'825, 1916 3'579, 1996 597). An ihre Stelle trat v.a. ab den 1930er Jahren die Schweinemast (1866 2'446, 1931 13' 879).

Von 1950 an erfasste der agrar. Strukturwandel auch Innerrhoden: Die Anzahl der Betriebe ging stark zurück (1950 1'357, 1996 735), die durchschnittl. Betriebsfläche (1950 5,4 ha, 1996 10,7 ha) wie auch der Viehbestand pro Betrieb nahmen deutl. zu. Die Mechanisierung hielt Einzug und die Wohn- und Ökonomiegebäude wurden modernisiert. Die in den 1950er und 60er Jahren betriebene "innere Aufstockung", d.h. die intensivere Schweine- (1973 44'037, 1996 26'726) und Kälbermast (1973 3'157, 1996 1'730) musste wegen des begrenzten Bodens und strengerer Umwelt- und Tierschutznormen seit den 80er Jahren wieder eingeschränkt werden. Einen gewissen Ersatz boten Geflügelzucht (1918 9'595, 1946 12'487, 1996 162'233) und Schafhaltung (1966 1'004, 1996 3'517). Neben der dominierenden Vieh- und Milchwirtschaft spielten -- ausser während den beiden Weltkriegen -- Acker-, Obst und Gemüsebau nie eine Rolle. Gering an Quantität und Qualität war früher der Weinbau in talnahen Lagen von Oberegg (1976 Neuanpflanzung).

Der ständige Mangel an Futtervorräten und die steigende Nachfrage nach Bauerngütern führte zu übersetzten Preisen und zu einem hohen Zinsfuss der auf die Liegenschaften ausgestellten Zettel, was den hohen Verschuldungsgrad der Bauern im 19. Jh. erklärt. Aufgrund der Finanzknappheit ohne grosse Einflussmöglichkeiten versuchte der Staat mittels Viehschauen und durch die Aussetzung hoher Prämien die Viehzucht zu fördern. Nach der Agrarkrise der 1870er Jahre begannen sich die Landwirte zur Selbsthilfe und zur Wahrung ihrer Interessen zu organisieren: Kant. Landwirtschaftl. Verein 1888 (seit 1942 Bauernverband A.), versch. Viehzuchtgenossenschaften ab 1894. Die ab 1900 zunehmende Bedeutung der Milchproduktion führte zur Entstehung des Käsereigenossenschaftsverbands (1902), des Sennenverbands A.-Toggenburg (1918), der Geschäftsstelle "Appenzeller Käse" (1942) sowie von Flurgenossenschaften zur Erschliessung landwirtschaftl. Grundstücke (1950er-60er Jahre).

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.3.2 - Heimindustrie und Fabrikwesen

Während sich das Textilgewerbe in Ausserrhoden und St. Gallen nach 1800 industrialisierte und damit viele Innerrhoder Handspinnerinnen arbeitslos machte, verlegte sich Innerrhoden, da Unternehmer und Kapital fehlten, auf die in Heimarbeit betriebene Handstickerei, die sich bis in die 1830er Jahre zu einem bedeutenden Erwerbszweig entwickelte. Neben Frauen und Mädchen stickten auch Männer und Knaben für ausserrhod. und sankt-gall. Unternehmer. Später arbeiteten sich Einheimische über die Ferggerei zu Fabrikanten empor oder betrieben bis 1914 an europ. Kurorten einen florierenden Handel, wobei die Auftragslage aufgrund von Modetrends und konjunkturellen Einflüssen stark schwankte (1845-50 Arbeitslosigkeit, 1850-57 Aufschwung, ca. 1880-1914 Blütezeit). Die Innerrhoder Stickerei, in der ein Grossteil der Innerrhoder Frauen beschäftigt war (1880 2'330, 1920 2'981), antwortete auf die verstärkte Konkurrenz mit einer Qualitätssteigerung. Zusammen mit der Schweinehaltung war dieser Erwerbszweig hauptverantwortl. für den sichtbar steigenden allg. Wohlstand.

Eine konjunkturelle Krise in der Handstickerei führte um 1870 zu ersten fabrikindustriellen Tätigkeiten. 1890 waren ca. 650 Personen an Stickmaschinen in Privathäusern oder in der Stickfabrik (1871-1930) in A. beschäftigten. Nur wenige Betriebe überlebten die Krise der Ostschweizer Stickereiindustrie nach dem 1. Weltkrieg, während die Handstickerei, mit Ausnahme der Krisenjahre 1930-35, ihren Aufschwung bis in die 1950er Jahre fortsetzte. Dazu beigetragen haben u.a. der Handstickerei-Industrie-Verein A. (1902-91), der Markenschutz (1930-70) sowie Stickereikurse (1928-55). Nach 1955 wirkte sich die asiat. Konkurrenz negativ auf das Wachstum dieses Industriezweigs aus. Neuen, aber bescheidenen Aufschwung nahmen Betriebe der Metall-, Maschinen- und Kunststoffindustrie nach dem 2. Weltkrieg. Ein im Vertrieb von Textilien ansässiges Unternehmertum nimmt noch heute einen wichtigen Platz ein.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.3.3 - Gewerbe, Banken und Tourismus

Das Gewerbe organisierte sich erst 1878 verbandsmässig (seit 1937 Innerrhod. Gewerbeverband). Seinen Bemühungen ist die Gründung der Gewerbeschule 1892 zuzuschreiben, die von 1935 an vom Kt. geführt wurde. Seit den 1950er Jahren wurde die Berufsbildung schrittweise in andere Kt. (v.a. Ausserrhoden und St. Gallen) verlegt, die letzten Kurse 1975 nach Herisau. Der Ruf aus Wirtschaftskreisen nach einem einheim. Geldinstitut führte 1879 zur Gründung der Ländl. Spar- und Leihkasse und 1900 zur Eröffnung der Kantonalbank. Weitere Banken richteten im Flecken A. Filialen ein. In A., Brülisau und Gonten existieren zudem Raiffeisenbanken.

Wander- und Gesundheitstourismus haben in Innerrhoden eine lange Tradition. Noch bevor der Bergtourismus um 1800 den Alpstein zu erobern begann, profitierten Molkenkuranstalten und Bäder vom Zustrom einheim. und fremder Gäste (Gontenbad, Weissbad, Jakobsbad). In deren Sog entstanden weitere (Berg-)Gasthäuser (z.B. Säntis), so dass der Fremdenverkehr gegen Ende des 19. Jh. zu einem der bedeutendsten Erwerbszweige wurde. Die Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise brachten für die Kurbäder starke Rückschläge. Dank des Ausbaus der Berg- und Wanderwege und der Gasthäuser und dank der Errichtung von Bergbahnen und Skiliften seit den 1950er Jahren erfuhr der Tourismus einen erneuten grossen Aufschwung. Trotz geringer Innovationsbereitschaft und vorwiegendem Ausflugs- und Tagestourismus stammen heute 15-20% der Staatseinnahmen aus dem Fremdenverkehr. In jüngster Zeit wird zudem der Seminartourismus gefördert.

Von besonderer Bedeutung für die tourist. Erschliessung war ein genügendes Verkehrsnetz. Die erste mit Kutschen befahrbare Strasse wurde 1809 von Gais nach A. verlegt. 1864 konnte die Strasse A.-Gonten und 1869 die Strasse A.-Wasserauen ausgebaut werden. Nach Annahme des ersten Strassengesetzes (1876) richtete der Staat seine Aufmerksamkeit auf die Erstellung der Hauptverbindungen. Bis gegen Ende des 19. Jh. war dieses Ziel erreicht. Im 20. Jh. änderte sich nur noch der Ausbaustandard, das Strassennetz blieb weitgehend unverändert. Ab 1886 wurde Innerrhoden auch dem Bahnverkehr erschlossen (Appenzeller Bahnen).

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.4 - Gesellschaft

Aus den Verhältnissen in der Land- und Alpwirtschaft, im Viehhandel und -- weit weniger ausgeprägt -- in Militär und Staat kann auch für das 19. Jh. auf die Existenz einer kleinen Führungsgruppe aus mehr oder weniger reichen, im Hauptort wohnenden Bauern, Sennen, Viehhändlern und v.a. Güter- und Kapitalbesitzern geschlossen werden. Nur sie waren mit der zur Ausübung der zeitraubenden und schlecht besoldeten höheren Ämter nötigen Bildung ausgestattet und verfügten über die entsprechenden finanziellen Mittel. In Einzelfällen gelangten auch einfache Landleute zu Ansehen und polit. Ämtern. Nach 1848 wurde der enge Kreis der Einheimischen durch die veränderte Situation der Rhodszugehörigkeit und der zugezogenen Schweizer allmähl. gesprengt, ebenso verbesserte sich die Lage für die im Kt. ansässigen Heimatlosen, deren Einbürgerung am 16.10.1851 durch den Gr. Rat vorgenommen wurde.

Bis in die 1. Hälfte des 20. Jh. blieb die innerrhod. Gesellschaft stark bäuerl. geprägt. Die überwältigende Mehrheit der Landleute scheint im 19. Jh. auf einem wirtschaftl. und sozial sehr tiefen Niveau gestanden zu haben. So war 1803 -- und auch noch Jahrzehnte später -- die Hälfte der Bevölkerung völlig mittellos, ein Drittel verfügte über minimale Mittel und nur 5% über mehr als genügende finanzielle Reserven. 1816 waren 1'800 Personen in die Armenliste eingetragen, 1839 300 Armengenössige. Die gedeihl. Ergänzung von Landwirtschaft und Heimindustrie vermochte die sozialen und wirtschaftl. Verhältnisse wesentl. zu verbessern. 1880 fanden bei einer Gesamtbevölkerung von 12'874 Personen 9'134 Erwerbende und Nutzniessende ihr Auskommen aus diesen beiden Branchen (1900 85,3%, 1930 79,8%).

Die Struktur der innerrhod. Gesellschaft hat sich seit 1870, v.a. aber seit 1945 stark gewandelt, wenn auch mit auffälliger Verzögerung gegenüber der gesamtschweiz. Entwicklung. Erst spät reduzierte sich der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung (1950 2'207, 1990 1'167) zugunsten der Angestellten- und Arbeiterschaft. Seit den 1970er Jahren ging auch im Zuge der Tertiarisierung (1950 1'322, 1990 3'106) die Zahl der im 2. Sektor Beschäftigten (1950 2'596, 1990 2'390) zurück. Betrug 1870 der Anteil der in anderen Kt. Heimatberechtigten 3,4%, so stellten die Einw. mit Innerrhoder Bürgerrecht 100 Jahre später noch immer beinahe 80% der Gesamtbevölkerung. Infolge der zunehmenden Integration in die Wirtschaftsregion St. Gallen gewann nach 1945 der Wegpendlerstrom zunehmend an Bedeutung.

Waren die Frauen einerseits seit je in die von Landwirtschaft und Handstickerei geprägte Arbeitswelt integriert, blieben sie nach Brauch und Gesetz den Männern gegenüber lange benachteiligt. Erst 1990 erreichten sie durch einen Bundesgerichtsentscheid das kant. Stimm- und Wahlrecht und damit ihre volle polit. Gleichberechtigung. Seit 1992 gehören Frauen dem Kantonsgericht an; 1996 wurde die spätere Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold in die Standeskomm. gewählt.

Das Vereinswesen ist mit 186 Organisationen besonders ausgeprägt. Kulturellen Aufgaben widmen sich der Hist. Verein A. (1879) und die Trachtenvereinigung (1932). Im kirchl. Bereich haben im 19. Jh. die Standesvereine die ins 16. Jh. zurückgehenden Bruderschaften abgelöst. Besonders zu erw. ist der 1853 gegr. Gesellenverein, der älteste der Schweiz. In der kirchl. Liturgie sind Chöre seit dem 16. Jh. belegt, statutar. haben sie sich aber erst seit 1850 konstituiert. Die Musikges. A. scheint 1846 gegr. worden zu sein. Die Volksmusik, die um 1965 auszusterben drohte, erlebte in den 1990er Jahren einen beachtl. Wiederaufschwung. Bis ins 15. Jh. führen sich Schützenges. zurück. Die meisten sind allerdings erst in der Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jh. entstanden. Sie schlossen sich 1885 zum kant. Schützenverein zusammen. Der älteste unter den zahlreichen Sportvereinen, die seit 1974 in einem Dachverband zusammengeschlossen sind, ist der Turnverein von A. (1866 bzw. 1876).

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.5 - Kirche, Bildung und Kultur

Bis 1814 gehörte Innerrhoden zur Diözese Konstanz, ab 1806 als bischöfl. Kommissariat. Bei der Ablösung der schweiz. Quart von Konstanz wurde es zunächst der Apostol. Administratur unter Propst Franz Bernhard Göldlin von Tiefenau in Beromünster, 1819 derjenigen von Chur, 1866 derjenigen von St. Gallen unterstellt. Auf das Kollaturrecht, das seit 1645 bei Landammann und Gr. Rat gelegen hatte, verzichtete der Kt. 1995 zugunsten der Kirchgem. Die staatl. Obrigkeit griff öfters in innerkirchl. Angelegenheiten ein. So überwachte sie ab 1807 sämtl. Finanzgeschäfte der exemten Frauenklöster und untersagte die Aufnahme von Novizinnen ohne obrigkeitl. Bewilligung, setzte 1858 einen nicht genehmen Oberegger Pfarrer ab oder verhinderte lange Zeit die Gründung der Pfarrei Brülisau (1845 gegr.). Eine weitere Pfarrei entstand 1915 in Schwende. Die Filialkuratie und Kirchenverwaltung Schlatt wurde 1970 der Kirchgem. A. einverleibt, während Eggerstanden bei gleicher Rechtslage trotz Wegzug des letzten Seelsorgers (1981) selbstständig blieb. Aufgrund der Bevölkerungszunahme wurden zwischen 1863 und 1929 in Gonten, Oberegg, Brülisau, Haslen, Eggerstanden, Schlatt und Schwende die bestehenden Kirchen durch geräumigere Neubauten ersetzt. 1851 wurde als fünftes Innerrhoder Kloster das Frauenkloster Leiden Christi in Jakobsbad gegründet.

Der 1875 im Flecken A. gegr. Protestantenverein (seit 1909 eigene Kirche) wurde 1925 als evang.-ref. Kirchgem. zur öffentl.-rechtl. Körperschaft. Sie schloss sich 1977 mit den ref. Kirchgem. Ausserrhodens zur Evang.-ref. Landeskirche beider A. zusammen. Der Anteil der Protestanten stieg von 0,4% (1850) über 4,3% (1950) auf 9,2% (1990). Auch im kirchl. Bereich öffneten sich die Kantonsgrenzen. Seit 1968 gehören die Katholiken von Stein (AR) und Hundwil zu Haslen und diejenigen von Reute (AR) zu Oberegg, seit 1971 diejenigen von Kapf (AI) zu Marbach (SG), umgekehrt seit 1969 die Reformierten von Oberegg zu Reute. Noch ca. 80% der Katholiken besuchten 1990 regelmässig Gottesdienste. Der Mangel an kath. Priestern erforderte die Mithilfe von Laientheologen, Gruppen, Vereinen und des Kapuzinerklosters (v.a. Seelsorge). Die meisten erzieher. und sozialen Aufgaben sind weltl. Fachleuten übertragen worden. Auch in rein kirchl. Bereichen wirken weltl. Kräfte vermehrt mit. Im privaten und öffentl. Leben hat der Einfluss der kath. Kirche stark abgenommen, auch wenn sich 1990 noch immer über 85% zur kath. Konfession bekannten.

Der Aufbau des Innerrhoder Schulsystems und die Existenz zahlreicher sozialer Einrichtungen sind ohne die Hilfe kirchl. Institutionen undenkbar. Kapläne amteten als Schulinspektoren (1902-66), Kapuzinerinnen (1811-1973), Lehrschwestern aus Baldegg (seit 1920), Menzingen (seit 1873) und Ingenbohl (1880-1982) führten Schulen, Altersheime, Waisenhäuser, Krankenpflege und waren im Krankenhaus A. tätig. 1811 wurde der Schulunterricht vom Gr. Rat unentgeltl. erklärt. 1828 trat eine erste Schulverordnung in Kraft, 1858 wurde das Schulobligatorium eingeführt. Die Schulverordnung von 1873 verstärkte den Einfluss des Staates. Nach 1900 erfolgte der Bau und Ausbau versch. Schulhäuser im Hauptort und in den Aussengem. Zu Beginn der 1970er Jahre wurden die Halbtagesschulen aufgehoben, die allg. Schulpflicht auf acht Jahre angehoben und eine landwirtschaftl. Berufsschule eingeführt. Hilfsschule, schulpsycholog. Dienst und Berufsberatung wurden seit den 1960er Jahren schrittweise ausgebaut und die Oberstufe erweitert. 1999 übernahm der Kt. das 1908 gegr. Kapuziner-Kollegium, das er als kant. Mittelschule weiterführt.

Das traditionelle Brauchtum wie Alpfahrt und Viehschau wird eifrig gepflegt, verstärkt wieder seit den 1970er Jahren. Im kirchl. Brauchtum sind die feierl. Orchesterämter von A., seit den 1980er Jahren auch anderer Pfarreien, zu nennen. Höhepunkte im Festkalender bilden die Fronleichnamsprozessionen. Zum staatl.-kirchl. Brauchtum gehört die jeweils an einem Sonntag Mitte Mai abgehaltene Wallfahrt zum Gedenken an die Schlacht am Stoss (1405).

Innerrhoden wurde zuerst von auswärtigen Künstlern wie Emil Nolde, Emil Rittmeyer oder Carl August Liner "entdeckt". Aus der Appenzeller Möbelmalerei hat sich im frühen 19. Jh. die Bauernmalerei entwickelt (z.B. Franz Anton Heim). Kunst verschiedenster Art wurde in der Ziegelhütte präsentiert (1986-96); heimatl. Formen sind in den Galerien Pappelhof (seit 1979) und Ziel (seit 1987) ausgestellt. Das 1998 eröffnete Museum Liner in A. präsentiert neben Werken der beiden Liner v.a. zeitgenöss. Kunst. Einheim. Stoffen widmen sich die Theaterges. von A. (gegr. 1959) und Oberegg (gegr. 1902). Appenzell. Schrifttum sammeln die Kantonsbibliothek und das Landesarchiv, die 1994 in neuen Räumen untergebracht worden sind. Das 1879 gegr. Museum A. wurde mit neuer Konzeption 1995 wieder eröffnet.

Autorin/Autor: Hermann Bischofberger

Quellen und Literatur

Archive
– KBAI
– LAA
– Mus. A.
Literatur
– Der Kt. A. Innerrhoden verfügt seit 1984 mit den von Rainald Fischer verfassten "Kunstdenkmälern Appenzell Innerrhoden" über eine stark kultur- und kunstgesch. orientierte Darst. seiner Gesch. Ihm folgte 1993, als Abschluss des Ende der 1950er Jahre initiierten Projekts einer Gesch. beider A., die breitenwirksam angelegte, stark ereignis- und politikgesch. ausgerichtete "Appenzeller Gesch. Bd. 3". Von wenigen Ausnahmen abgesehen, beschränkte sich die Historiographie Innerrhodens bisher auf regionale und lokale Einzelstudien oder auf umfassende Darst. bestimmter Themen oder Epochen. Obwohl mehrere Reihen herausgegeben werden und reiches Material zur Landes- und Personengesch. von Jakob Signer und Ernst Hans Koller im "Appenzell. Wappen- und Geschlechterbuch" (1926), in der "Chronik der Appenzell I.-Rh. Liegenschaften" (1939-63, ohne Bez. Oberegg) sowie in der "Innerrhoder Tageschronik mit Bibl. und Totentaf." (seit 1945) vorliegt, ist Innerrhoden -- mit Ausnahme einiger, moderner Ortsgesch. (Pfarrei A., Gonten) -- ein relativ quellen- und forschungsarmer Raum.
IGfr., (wichtigste landeskundl. Reihe)
Kdm AI, 1984
AppGesch 3, (mit ausführl. Quellenverz. und Bibl.)
– A.Weishaupt, Gesch. von Gonten, 2 Bde., 1997
– D. Fässler, "Den Armen zu Trost, Nutz und Gut", 1998
– H. Bischofberger, Rechtsarchäologie und rechtl. Volkskunde des eidg. Standes A. Innerrhoden, 2 Bde., 1999
– A. Weishaupt, 125 Jahre Evang.-ref. Kirchgem. A., 2000

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt