• <b>Sarnen (Gemeinde)</b><br>Vogelschaubild des Talbodens von Norden gegen den Sarnersee. Die lavierte Pinsel- und Federzeichnung diente als Vorlage für einen Lichtdruck. Gezeichnet von  L. Wagner   und  H. Müller,   1884 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Die 1882 abgeschlossenen Korrektionen der Melchaa und der Sarneraa ermöglichten die Siedlungserweiterung, die vom Dorfkern ausgehend entlang der Brünigstrasse nach Süden bis zum Sarnersee reichte. Bereits vor der Gewässerkorrektion entstanden südlich der markanten Strassenkreuzung (in der Bildmitte) auf der westlichen, rechten Seite der Brünigstrasse das Kollegium (1746–1749) und das Konvikt (1867–1868). Ihnen gegenüber liegt die Wohnstätte der am Kollegium unterrichtenden Benediktiner von Muri-Gries. Etwas weiter seewärts befindet sich das Kantonsspital (1853–1856). Im Vordergrund (links im Bild) sind das Kapuzinerkloster sowie gleich anschliessend in der seeseitigen Strassengabelung die eben vollendete kantonale Strafanstalt (1984 abgebrochen) zu erkennen.

Sarnen (Gemeinde)

Polit. Gem. OW. S. liegt am Ausfluss der Sarner Aa aus dem Sarnersee und an der Nationalstrasse A8 über den Brünig. Die Gem. umfasst die ehem. Bezirksgemeinden Freiteil (S.-Dorf), Schwendi ( Stalden, Wilen), Ramersberg und Kägiswil. Als Hauptort des Kt. Obwalden ist S. Sitz der kant. Behörden, der Verwaltung und des Gerichts sowie kulturelles und wirtschaftl. Zentrum. 1798-1801 war S. Distriktshauptort des Kt. Waldstätten. Vor 840 Sarnono (Kopie des 11. Jh.), 1173 Sarnuna.

Bevölkerung Sarnen
JahrEinwohner
18373 007

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner3 4023 7233 9063 9494 6615 2826 1996 9528 3989 145
Anteil an Kantonsbevölkerung24,7%25,8%26,0%25,9%27,2%27,2%28,0%28,4%28,9%28,2%
Sprache          
Deutsch  3 8443 8704 5295 1816 0646 4977 7248 326
Italienisch  4349706774278181144
Französisch  1220332131273252
Andere  710291330150461623
Religion, Konfession          
Katholischb3 3963 6373 8243 8614 5005 0835 9476 5667 3087 180
Protestantisch6838287160187234324674709
Andere   111218624161 256
davon jüdischen Glaubens  31
davon islamischen Glaubens       36159371
davon ohne Zugehörigkeitc       8137396
Nationalität          
Schweizer3 3923 6803 8103 8404 4275 0255 9926 3407 5967 890
Ausländer1040961092342572076128021 255

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Von der Ur- und Frühgeschichte zum Frühmittelalter

Stein- und bronzezeitl. Funde, so das Steinbeil von S., die Hammeraxt von Wilen und Silex vom Landenberg aus dem 4. Jt. v.Chr., sowie röm. Münzen, die 1821-22 und 1870 beim Bau der Kirchstrasse zum Vorschein kamen, lassen auf eine Begehung, aber auch auf eine frühe Besiedlung schliessen. Die galloröm. Bevölkerung wurde ab dem 6. Jh. durch eingewanderte Alemannen germanisiert. Lehnwörter aus dem Lateinischen sind die Ortsnamen mit der Endung -wil bzw. -wilen, so Kägiswil, Wilen oder Oberwilen, aber auch die Toponyme Chäseren von lat. casara in Ramersberg und Mur von lat. murum im Murhof von Wilen. Kirchhofen, Bitzighofen und Husen in Oberwilen sind alemann. Ortsbezeichnungen. Die alemann. Rodungstätigkeit auf den Abhängen und höheren Talstufen schlug sich in den Namen Schwand, Schwendi und Stockenmatt nieder, die sich im Gebiet Schwendi finden.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

2 - Vom Hochmittelalter bis zum 18. Jahrhundert

2.1 - Siedlungsentwicklung

Die Alemannen besiedelten die Gegend von S. in Einzelhofstätten. Zur Dorfbildung kam es erst zu Beginn des 13. Jh. Auf dem Landenberg, abseits der Kirche St. Peter und Paul, hatten die Gf. von Lenzburg im 11. oder 12. Jh. Holzbauten errichtet. Nach dem Aussterben des Grafengeschlechts 1173 befestigte Rudolf der Alte von Habsburg mit einem Mauerring die Burg, die aber schon 1210 aufgegeben wurde. Um 1285 wurde die untere Burg am Fuss des Landenbergs erbaut. Sie diente als Sitz der Kellner von S., später als Pulvermagazin, Landesarchiv und Gefängnisturm. Der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich vom Umkreis der Kirche, die ausserhalb des Überschwemmungsgebiets stand, zur unteren Burg. Hier entstand das Dorf, das sich allerdings häufigen Überschwemmungen von Aa und Melchaa, die erst 1880 in den Sarnersee umgeleitet wurde, ausgesetzt sah. Andererseits sicherten die beiden Flüsse den Dorfkern, der das Vorwerk für die untere Burg bildete. Steuerprivilegien für die Leute im Dorf (Freiteil) begünstigten das Wachstum von S., das sich im Lauf der Zeit zwar nicht zur befestigten Stadt, aber doch als Marktflecken zum Zentrum und schliesslich zum Hauptort des ganzen Tals entwickelte.

1468 brannten im Dorfkern 22 Häuser ab, darunter auch das hölzerne Rathaus. Die Landsgemeinde verordnete, dass die Brandstätten wieder bebaut und nicht in Gärten umgewandelt werden sollten. S. erfuhr in der Folge mit dem Unterdorf eine Erweiterung, indem vom Dorfkern bis zur Aamühle weitere Häuser auf Allmendland entlang der Aa errichtet wurden. Das Rathaus wurde in Stein neu erbaut, 1729-31 erneuert und 1787 um Archivräume erweitert. Im 16. Jh. entwickelte sich das Dorf auch ostwärts, obwohl von dort die Melchaa mit häufigen Überschwemmungen drohte.

Zwei Bogenbrücken überspannten die Aa, eine beim Rathaus, die andere in der Rüti. Erstere wurde 1665 an Stelle einer gedeckten Holzbrücke erbaut und 1929 durch eine natursteinverkleidete Betonbrücke ersetzt, die zweite 1757 als Ersatz für eine Brücke aus dem Jahr 1677 errichtet und 1951 abgebrochen. Die um 1593 über die Melchaa gespannte gedeckte Brücke wurde 1880 bei der Umleitung des Flusses abgerissen.

Seinen Landammännern, die den Grundstock ihrer Vermögen vom 16. bis 18. Jh. in fremden Diensten erworben hatten, verdankt S. einige repräsentative Wohnhäuser: den Heinzli das Steinhaus am Dorfplatz, den Frunz das Haus an der Sarner Aa gegenüber dem Rathaus (heute im Eigentum des Kantons), den von Einwil und Imfeld das Doppelhaus am Grund, den Imfeld auch das Salzherrenhaus, die Häuser an der Rüti (u.a. Haus Rosengarten) und in der Hofmatt sowie das Grundacherhaus, den Wirz den Magistratensitz neben dem Rathaus und das Rote Haus an der Brünigstrasse.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

2.2 - Grundbesitz und dörfliche Organisation

Mit einer Schenkungsurkunde, die in die Zeit zwischen 825 und 909 zu datieren ist, übertrug der Grundbesitzer Recho dem Kloster Murbach-Luzern neben anderen Gütern auch solche in S. 1036 übernahm das Stift Beromünster den ganzen Lenzburgerbesitz. Der Kirchgang (Kirchgenossengemeinde) bestand aus sieben eigenständigen Korporationen, Teilsamen genannt: Stalden (Diekischwand), Schwendi und Forst, welche die drei Teilsamen ob dem Blattibach bildeten, ferner Ruggischwil (mit Wilen und Geren), S. ("der frye Teil" oder Freiteil, der Dorf, Kirchhofen und Bitzighofen umfasste), Ramersberg und Kägiswil. Die ersten vier, kurz Schwendi bezeichnet, hatten die Hälfte der Lasten des Kirchgangs zu tragen, die drei anderen Teilsamen zu gleichen Teilen die andere Hälfte, was während über hundert Jahren Anlass zu Streitigkeiten gab. Die Teilsamen bestimmten über das Gemeingut (Allmend, Wald und Alpen) und stellten proportional zu ihrem Leistungsanteil auch die von der Kirchgenossengemeinde gewählten Richter und Räte des Landes. Ab Ende des 15. Jh. entsandte S. als grosser Kirchgang 15 Vertreter in den Obwaldner Landrat.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

2.3 - Sarnen als Landsgemeinde- und Gerichtsort

Die Obwaldner Landsgemeinde wurde ab 1367 in S., ab 1646 meistens auf dem Landenberg abgehalten. Um 1418 wurde "der Landlüten Hus" (Rathaus) gebaut. S. stellte 1398 mit Klaus von Rüdli erstmals den regierenden Landammann. Danach war es regelmässig in der Regierung vertreten, im 16. Jh. am häufigsten durch die Wirz, im 17. Jh. durch die Imfeld, im 18. Jh. durch die Stockmann und die von Flüe, im 19. und 20. Jh. durch Landammänner aus versch. Geschlechtern.

Als Kantonshauptort verfügte S. über eine Richtstätte. 1629 übergab die Landsgemeinde die Blutgerichtsbarkeit dem Dreifachen Rat. Der Galgen stand auf Sachsler Boden, enthauptet wurde in S. auf dem Kallenberg.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

3 - Kirchliche Entwicklung

Die erste frühma., in Kirchhofen errichtete Kirche St. Peter und Paul war ursprünglich die Mutterkirche Obwaldens. Sie wird erstmals 1036 genannt. Mitte des 12. Jh. wurde sie durch einen Neubau ersetzt und 1739-42 die heutige barocke Pfarrkirche als dreischiffige Hallenkirche mit Doppelturmfassade erstellt, wobei im einen Turm die unteren Geschosse des eintürmigen Gotteshauses erhalten blieben. Der Bau des anderen Turms kam erst 1881 zum Abschluss. Nach dem Erdbeben von 1964 wurde die Kirche in Farbe und Ausstattung restauriert. Neben ihr entstand das 1501 eingeweihte Beinhaus, eine Michaelskapelle, mit einer reich ornamentierten, flachen, vom Urner Tischmacher Peter Wisdanner 1505 geschnitzten Holzdecke.

Der Dorfteil S. erhielt 1556 eine von Landammann Niklaus Imfeld und seiner Gemahlin gestiftete Kapelle. Diese Dorfkapelle wurde 1658-62 von Grund auf erneuert und der Maria Lauretana geweiht. Sie wird als Standeskapelle benutzt. Bis zur Abschaffung der Landsgemeinde 1998 fanden hier die Eröffnungs- und Schlusszeremonien statt, seither wird darin das Amtsjahr des Kantonsrats mit einem Gottesdienst eröffnet. Auf der westl. Chorwand sind die Landammännerwappen abgebildet.

Als 1615 der Frauenkonvent Sankt Andreas vom Kloster Engelberg nach S. überführt wurde, benutzten die Nonnen die Dorfkapelle als ihr Gebetshaus, bis sie 1618 das neue Frauenkloster bezogen. Dessen Kirche wurde 1965-67 nach dem Erdbeben von 1964 vergrössert. Sie ist wegen des wundertätigen Sarner Jesuskindes ein viel besuchter Wallfahrtsort.

1644-46 war in S. neben dem ab 1620 nicht mehr benutzten Kallenberg ein zweites Kloster für die Kapuziner errichtet worden. Ihm musste die schon 1500 bezeugte Antoniuskapelle weichen, die an der Strasse gegen Kerns neu aufgerichtet wurde. Die Klosteranlage brannte 1895 ab. Das danach neu erbaute Konventgebäude wurde nach dem Rückzug der Kapuziner 1972 abgerissen, die Kirche dagegen restauriert. Auf dem ehem. Klosterareal entstand das Altersheim. 1964-66 erbaute das Kloster Muri-Gries beim Gymnasium die moderne Kollegiumskirche St. Martin.

Die Aussenbezirke S.s erhielten ihre Filialkapellen: Schwendi in Stalden um 1400 eine Muttergotteskapelle (1702-03 neu erbaut, 1974-76 erweitert) und in Wilen 1568 eine Michaelskapelle, Kägiswil vor 1455 eine Bartholomäuskapelle (1966-68 durch ein Pfarreizentrum ersetzt), Ramersberg die 1499 erw. Wendelinskapelle. Stalden und Kägiswil bilden seit 1971 eigene Pfarreien.

Die Reformierten bauten sich 1959 eine Kirche mit Pfarrhaus und Versammlungsräumen. Zur ref. Kirchgemeinde gehören Konfessionsangehörige im ganzen Sarner Aatal. Die Katholiken von S. gründeten 1974 eine eigene Kirchgemeinde, nachdem die Kantonsverfassung von 1968 die kath. und die evang.-ref. Konfession öffentlich-rechtlich anerkannt hatte. Sie umfasst die drei Pfarreien S., Schwendi und Kägiswil.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

4 - Vom 19. Jahrhundert bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts

4.1 - Siedlungsentwicklung

Die Zentrumsfunktion S.s zeigte sich im 18. Jh. durch den Bau eines Gymnasiums, des sog. alten Kollegiums. Es wurde 1752 von der Landesregierung als Lateinschule eröffnet, 1841-1973 von den Benediktinern von Muri-Gries geführt und danach in die Obwaldner Kantonsschule umgewandelt. 1856 ersetzte das Kantonsspital das 1695 beim Ausfluss der Aa aus dem See gebaute Spittel, das bis zum Bau der kant. Strafanstalt 1882 auch als Gefängnis diente. Die Strafanstalt wurde ab 1977 nicht mehr verwendet und 1984 abgerissen. Landammann Simon Ettlin hatte nicht nur die Pläne zum Kantonsspital entworfen, sondern auch jene für das ebenfalls 1856 gebaute Sarner Waisenhaus, das 1956 aufgehoben und 1973 abgebrochen wurde, um Platz zu schaffen für ein neues Gemeindehaus. Seit 1972 verfügt S. über die kant. Berufsschule (seit 1999 Berufs- und Weiterbildungszentrum) und das kant. Polizeigebäude. 1988-90 wurde für die gewachsenen Raumbedürfnisse ein kant. Verwaltungsgebäude erstellt. Beim Unwetter im Aug. 2005 überschwemmte die Melchaa erstmals seit ihrer Umleitung in den Sarnersee nicht nur das Ufergelände des Sees und der Sarner Aa, sondern auch das Dorfzentrum. Zahlreiche Gebäude und Anlagen des Staats und der Gem. sowie Privathäuser wurden daraufhin neu erstellt oder renoviert, so z.B. 2007 das Rathaus. Seither sind aufwendige Wasserschutzmassnahmen zwischen Sarner- und Alpnachersee in Planung und Ausführung.

<b>Sarnen (Gemeinde)</b><br>Vogelschaubild des Talbodens von Norden gegen den Sarnersee. Die lavierte Pinsel- und Federzeichnung diente als Vorlage für einen Lichtdruck. Gezeichnet von  L. Wagner   und  H. Müller,   1884 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Die 1882 abgeschlossenen Korrektionen der Melchaa und der Sarneraa ermöglichten die Siedlungserweiterung, die vom Dorfkern ausgehend entlang der Brünigstrasse nach Süden bis zum Sarnersee reichte. Bereits vor der Gewässerkorrektion entstanden südlich der markanten Strassenkreuzung (in der Bildmitte) auf der westlichen, rechten Seite der Brünigstrasse das Kollegium (1746–1749) und das Konvikt (1867–1868). Ihnen gegenüber liegt die Wohnstätte der am Kollegium unterrichtenden Benediktiner von Muri-Gries. Etwas weiter seewärts befindet sich das Kantonsspital (1853–1856). Im Vordergrund (links im Bild) sind das Kapuzinerkloster sowie gleich anschliessend in der seeseitigen Strassengabelung die eben vollendete kantonale Strafanstalt (1984 abgebrochen) zu erkennen.<BR/>
Vogelschaubild des Talbodens von Norden gegen den Sarnersee. Die lavierte Pinsel- und Federzeichnung diente als Vorlage für einen Lichtdruck. Gezeichnet von L. Wagner und H. Müller, 1884 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

4.2 - Politisch-administrative Entwicklung

Die alte Korporationsstruktur blieb in den vier Bez. Schwendi, Freiteil, Ramersberg und Kägiswil bis 1850 erhalten. Der Bez. Schwendi besetzte meistens die Hälfte der 15 Sitze im Kirchen- bzw. Gemeinde- und im Obwaldner Landrat, die andere Hälfte nahmen Ratsherren aus den drei restl. Bezirken ein, wobei Ramersberg und Kägiswil je einen Sitz erhielten. Der 15. Ratssitz wechselte als "Umgänglerratsplatz" zwischen den vier Bezirken. Nach der Ausscheidung der Kirchgänge durch die Kantonsverfassung von 1850 in Einwohner- und Bürgergemeinde verblieb den Bezirken die Verwaltung des Gemeinguts. Die Einwohnergemeinde- und die Landräte (Kantonsräte) wurden nach der Einwohnerzahl der Gem. gewählt, aber den Bezirken nicht mehr fest zugeteilt. Für Teilaufgaben wie Feuerwehr und Strassenbau entstanden in einzelnen Bezirken besondere Behörden (1873 Schwendi, 1895 Freiteil), die 1902 auf eine verfassungsmässige Grundlage gestellt wurden. 1907 erhielten alle vier Bezirke eigene Räte mit Teilkompetenzen, die aber 2004 wieder zugunsten einer Einheitsgemeinde abgeschafft wurden. 2010 beschloss die Bürgergemeinde, sich aufzulösen und ihre Aufgaben der Einwohnergemeinde zu übergeben.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

4.3 - Wirtschaft und Verkehr

Neben der bereits 1300 erw. Aamühle entwickelten sich im Dorf im 16. Jh. weitere Mühlen sowie Sägereien und andere Handwerksstätten. Ab dem 17. Jh. wurde in Schwendi eine Heilquelle als Bad genutzt und 1860 ein Kurhaus errichtet, das ein Brand 1970 zerstörte. Weitere Heilquellen auf Schwanderboden lagen im Büelisacher und beim Wilerbad. In den 1970er Jahren entstand bei Langis im Gebiet des Kaltbads ein Langlaufzentrum. Verteilt über alle vier Bezirke, gab es schon Anfang des 19. Jh. über 20 Gastwirtschaften, in Kägiswil und Stalden je eine von den Kaplänen geführte. Mit dem Postkutschenverkehr ab 1847 entstanden im Dorf weitere Gasthöfe, die auch die Umleitung des Personenverkehrs auf die Bahn überdauerten, aber mit der S. umfahrenden, 1971 gebauten Autobahn A8 mehr Mühe hatten. Das 1959 neu angelegte Seebad und der Campingplatz förderten den Tourismus. Beide wurden durch die Überschwemmungen 2005 zerstört und 2011 neu eröffnet.

Die Landwirtschaft spielte bis ins 20. Jh. die dominierende Rolle. Der Grossteil der Bevölkerung war in der Gras-, Vieh- und Alpwirtschaft beschäftigt. Trotz weit verbreiteter Armut wuchs die Sarner Bevölkerung ab 1837 (3'007) sukzessive bis 1888 (3'906) und vermochte die besonders in der Teilsame Schwendi beträchtl. Auswanderungsverluste zwischen 1860 und 1930 zu kompensieren.

Die ersten Industriebetriebe verarbeiteten das reichlich vorhandene Holz, so die 1868 in Kägiswil gegr. Parkettfabrik (1970 stillgelegt). Die 1886 in Wilen angesiedelte Drechslerwerkstatt wurde zur Möbelfabrik Läubli ausgebaut und 1966 von der Lignoform AG gekauft, die sich auf Einbau-, Schul- und Büromöbel spezialisierte (Produktion 1996 eingestellt).

In der Heimarbeit wurden zu Beginn des 20. Jh. die Mitte des 19. Jh. eingeführten Seidenweberei und Baumwollspinnerei seltener, dagegen nahm die Strohflechterei dank der Aufträge aus dem Aargau zu. Ab 1910 verlagerte sich diese Arbeit z.T. in die Strohhutfabrik der Georges Meyer & Cie. AG, die 1930 ein zweites Gebäude erhielt, aber 1974 den Betrieb einstellte. Ab 1957 produzierte die Kristallglasfabrik Carl Häfeli AG Sarner Glas, verlegte aber 1995 die Fabrikation nach Uetendorf. Die 1958 gegr. Sarna Kunststoff AG (seit 1998 Sarna Plastec AG) entwickelte sich zum grössten Industriebetrieb in der Gemeinde. Seit 1963 produziert die Firma Karl Leister (seit 1998 Leister Process Technologies) in Kägiswil und seit 1999 auch in S. Laser- und Mikrosysteme. Sie weitete ihre Aktivitäten 2004 nach China aus. Die Nahrungsmittelindustrie ist durch die Nahrin AG (u.a. Nahrungsergänzungsmittel, Gewürze, Saucen, Suppen, Getränke) und die Saguna AG (u.a. Bouillons, Saucen, Streuwürzen, Suppen) vertreten. 2005 stellte der 1. Sektor noch 8% der Arbeitsplätze in der Gemeinde.

Nach aussen war S. bis zum Bau der Brünigstrasse (1859-61) und der Brünigbahn (1888) schlecht erschlossen. Ursprünglich führte die Landstrasse über Kägiswil und Alpnach an den Alpnachersee. Über den Sarnersee fuhren Fährschiffe. Dem Ufer entlang gab es einen schmalen Weg nach Sachseln. Dieser war mit dem Dorf S. anfänglich durch eine Strasse am Kapuzinerkloster vorbei verbunden und ab den 1820er Jahren durch die Landstrasse, die am Frauenkloster vorbei auf den Dorfplatz führte. 1786 war der Weg nach Kerns, von dem die Karrengasse am Dorfrand nordwärts abzweigte, zur Landstrasse erklärt worden. In der Nähe der Brücke über die Melchaa stand die einzige Obwaldner Zollstätte, die nach 1640 von zwei neuen Zollstätten an den Landestellen der Fähren in Alpnachstad und in Diechtersmatt (Gem. Sachseln) abgelöst wurde. Die Aabrücke unterhalb des Dorfs wurde 1827 durch eine gedeckte Brücke ersetzt und 1928 zuerst durch eine Betonbrücke ergänzt und später abgebrochen. Ab 1847 machte die Postkutsche Beckenried-Sachseln in S. Halt, bis 1858 eine neue Postkutschenlinie Alpnachstad-Lungern eröffnet wurde. Post und Privatkutscher stellten ihre Dienste 1888 ein, als S. eine eigene Bahnstation erhielt. In der 2. Hälfte des 19. Jh. wurden alte Fusswege von S. nach Stalden, Wilen und Ramersberg zu fahrbaren Strassen ausgebaut und zwischen 1928 und 1934 die am meisten befahrenen Strassen asphaltiert.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

4.4 - Kulturpflege

Das bekannteste hist. Dokument ist das im Staatsarchiv Obwalden aufbewahrte "Weisse Buch von S.", das die älteste Darstellung des eidg. Gründungsmythos enthält. Andere geschichtl. Zeugnisse stellt das Hist. Museum aus. Die Überschwemmung von 2005 zerstörte in seinen Magazinen kostbares Ausstellungsgut; viele Stücke, auch des schwer betroffenen Frauenklosters St. Andreas, wurden aufwendig restauriert. Modernen Künstlern bietet die Hofmattgalerie Gelegenheit zur Werkpräsentation. Altes Brauchtum wird in Jodler- und Trachtengruppen, von Trinklern (Samichlauseinzug in Kägiswil) sowie an den Älplerkilbenen (Älplergesellschaften der Bezirke) gepflegt. Seit 2000 findet auf dem Landenberg ein Musikfestival statt. In S. befindet sich das nationale Rudersportzentrum.

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe

Quellen und Literatur

Literatur
– A. Seiler, Der Kurort Schwendi-Kaltbad und seine Heilquelle, 1862
– A. Küchler, Chronik von S., 1895
– H. Omlin, Die Allmend-Korporationen der Gem. S. (Obwalden), 1913
– C. Diethelm, 30 Jahre Dorfschaftsgem. S. (1907-1937) und ihre Vorgesch., 1937
– H. Müller, Obwaldner Namenbuch, 1952
Kdm Unterwalden, 21971, 515-732
– A. Wirz, Das Rathaus des Standes Obwalden, 1979
– Z. Wirz, B. Kiser, S., 1979
– A. Garovi, «Die untere Burg und die Kellner von S.», in Obwaldner Geschichtsbl. 17, 1987, 108-122
– K. Röthlin, 80 Jahre Dorfschaftsgem. S. (1907-1987), 1988
– G. Landau, Postgesch. Obwalden, Ms., 1992, 11-94, (KBOW)
INSA 8
– O. Gmür, Bauen in Obwalden 1928-98, 1999
– F. Sigrist, D'Schwendi, 1999
– H. Berwert, 25 Jahre "Neue Pfarrkirche Schwendi", 2001
– I. Zemp, Die Pfarrkirche St. Peter und Paul in S., Kt. Obwalden, 2006

Autorin/Autor: Niklaus von Flüe